Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Es ist Jazz!

Was ist Jazz? Alles ist Jazz!

Ja wie?

Ich hab ja hier und da und dort gelegentlich über meine große Liebe zur improvisierten Musik geschrieben. Und letztens begab es sich, dass mich ein lieber Verwandtschaftsbesuch fragte, warum denn hier so ein großes Bild von Miles Davis hänge. Den kenne sie ja gar nicht. Und Jazz auch nicht.
Wir kamen ins Reden.

Jazz also.
Aus Erfahrung weiß ich: Das Wort alleine reicht, um vielen Menschen so einen leicht irritierten Zug um die Mundwinken zu zaubern. Jazz ist Hudelmusik, ist unhörbar, ist nur was für Oberstudienräte, geht also gar nicht.

Ich hatte Jazz aber zum einen hörend und zum anderen auch schnell schon selber-machend sehr früh entdeckt. Zuerst mal in seiner Unterform »Blues«: Meine erste Band war eine Bluesband. Und dort jammten wir zum Aufwärmen immer erst mal eine Runde – means: Wir spielten zusammen, ohne, dass wir uns auf ein bestimtes Lied geeinigt hätten. Wir improvisierten zusammen. Begannen aus dem nichts und spielten zusammen und guckten mal, was so passierte. Oft nichts gutes. Oft doch.

Als ich dann die Liebste kennen lernte, das war die hier im Ort in einem kleinen Theaterverein und erzählte mir von Improtheater – und das verstand ich nun wieder gar nicht. Musik kannte ich ja, aber wie sollte man bitte auf einer Bühne stehen – ohne jede Form von Drehbuch oder gemeinsamer Idee?

Also erklärten wir es uns gegenseitig – und die Unterschiede sind gar nicht so groß: Es gibt viel mehr Regeln als man denkt. Auf der Bühne zum Beispiel die, alles mitzumachen, was der erste anbietet, niemals zu einer Frage, die einem der andere stellt »nein« zu sagen. Ist dann auch schnell einleuchtend – denn wie soll eine Szene los- oder weitergehen, wenn ich sie stoppe?

Im Blues gibt es ein festes Schema, das die Reihenfolge der gespielten Akkorde angibt. Es fehlt also nur der erste Ton, dann wissen alle Bescheid, wie die nächsten Akkorde sein werden und wann sie kommen. Dann gibt es das gemeinsame Tempo – das bestimmt der, der anfängt. Der definiert auch mit dem ersten Ton oder der ersten Melodie die Tonart und schon geht’s los. (Gerne ruft auch einer den Grundton in den Raum, die korrekte Antwort lautet dann »Och nicht schon wieder ‚A‘ …«) (Blues-Musikerwitz Ende. Sorry.)
Im schlimmten Fall reicht für einen Bassisten da ein rhythmisch sicher wiederholter Grundton, dann kann man mit drei Tönen durch so einen Blues durchkommen; nach oben ist natürlich alles offen.

Und der Rest ist: Zuhören. Dabei die gemeinsamen Regeln im Hinterkopf haben. Und einen eigenen Teil beitragen, wenn Platz dafür ist. Dabei immer schön weiter zuhören, denn jeder ist dafür verantwortlich, dass aus dem ganzen ein harmonisches Miteinander wird.
Setzt dann jemand zu einem Solo an, dann höre ich was er tut, begleite ihn ihn Lautstärke und Rhythmus und biete ihm damit eine stabile Basis, auf der er solieren kann. Und im Gegenzug wir auch er mir Platz für meinen Solopart geben.

Eigentlich alles sehr einfach.

Und dann sprach die Verwandtschaft: Das klingt ja nicht nur wie ein kluges Modell für Musik, sondern wie ein gutes Zusammenleben. Es gibt Regeln, auf die man sich vorher geeinigt hat und dann bekommt jeder darin Platz und Unterstützung.

So eine kluge Verwandtschaft. Denn dem bleibt ja nun echt nichts hinzuzufügen.

Ok, vielleicht doch.
Hin und wieder müssen Regeln ja ausgelotet werden. Man nennt das dann gerne Kreativität oder »Neues erschaffen«. Da gibts den Musiker-Grundsatz »Know the rules to break the rules.«
Und so ein stabiles Blues-Schmea verträgt ’ne Menge broken rules, wenn alle wissen, was sie tun.
Klappt meiner Erfahrung nach im Leben aber auch.

Merci an die Wikipedia für das Bild (CC BY 2.5)

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