Fremdenfeindlichkeit ist keine Sammlung von Einzelfällen in Deutschland

Aus der Kategorie »just people«

Wisst Ihr was? Ich kann es nicht mehr lesen. Es tut mir körperlich weh, die immer gleiche Verwunderung darüber zu lesen, dass Trump jetzt POTUS ist. Die immer gleiche Verwunderung, dass Menschen tatsächlich einen fremden- und frauenfeindlichen, homophoben (nach Belieben zu ergänzen) Menschen in dieses Amt gewählt haben. Wer nicht blind war konnte es wissen.

Und ich möchte nicht, ich wiederhole: Ich möchte überhaupt nicht, nie, niemals überhaupt gar nicht lesen, dass Ihr überrascht wart, dass die AFD bei der nächsten Wahl so erfolgreich abschneiden wird. Wer nicht blind ist, kann es wissen.

Wenn Dich interessiert, warum ich das so sicher meine, dann geh jetzt erst rüber zu Sven und lies zunächst diesen hervorragenden Artikel darüber, dass die Amerikaner vielleicht nicht den Fremdenfeind gewählt haben, sondern dass sie einen Menschen gewählt haben – und sie die Fremdenfeindlichkeit nicht störte. So wie man damals Hitler gut finden konnte nicht obwohl er antisemitisch drauf war, sondern weil er Änderungen versprach und Antisemitismus halt verbreitet und ok war.
Ich zitiere:

Klar gab es überzeugte Rassisten, die Hitler tatsächlich wegen seines Rassismus wählten. Aber den meisten Leuten war dieser Punkt eher einfach egal. Nicht weil sie ihn toll fanden, sondern weil es eine ganz „normale“, allgemein verbreitete Geisteshaltung war, über die man überhaupt nicht groß nachdachte.
Die wählten Hitler nicht wegen seines Antisemitismus und seines Rassismus. Diese Programmpunkte waren für einen Großteil seiner Wählerschaft völlig irrelevant. So wie Trumps Rassismus und Frauenfeindlichkeit offenbar für viele Latinos und vor allem für viele Frauen offenbar uninteressanter waren als alle – auch ich – dachten. Die Leute haben damals nicht „gegen die Juden“ gewählt. Sondern „für sich“. Und sie haben auch heute nicht „den Rassisten“ gewählt. Sondern „für sich und ihre Interessen“. Die Frage nach Rasse und Frauenrechten war da eher weniger dabei, im Positiven wie im Negativen.

Aber unser Land ist doch gar nicht rassistisch, fremdenfeindlich und homophob höre ich da jemanden sagen. Und ich antworte: Sorry, aber Du bist blind. Ich weiß nicht warum, es gibt da viele Gründe und ich verstehe sie alle gut. Aber sie machen Dich eben blind.

Schau hin, auch wenn es weh tut. Schau hin, auch wenn es nicht gerade gröhlende Glatzen sind, die ein Haus anzünden; schau hin was im Alltag passiert.
Schau hin, wenn zwar in der Klasse Deiner Kinder natürlich gut integrierte ausländische Kinder sind, aber die Deutschen und die Ausländer nicht miteinander spielen.

Denk über das Wort „Gastarbeiter“ nach. Ob es wohl eher a) oder b) bedeutet:
a) Seid willkommen und geht später wieder nach Hause
b) Seid willkommen und lasst uns ab sofort zusammen leben.

Informiere Dich, was mit den nicht-ganz-hochrangigen Nazis, also sagen wir mal: der oberen Verwaltungsebene in der frisch gegründeten Bundesrepublik passierte. Spoiler: Sie bekamen hochrangige Posten.

Sei ehrlich zu Dir, ob Du Dich a) unsicher, b) ganz normal oder c) vorsichtig fühlst, wenn Dir auf dem Gehweg eine Gruppe dunkelhaariger, bärtiger junger Männer entgegen kommt und laut etwas spricht, was Du nicht verstehst. Sei ehrlich, Du musst es niemand erzählen.

Überleg, was Ende der Neunziger mit denen passiert ist, die in den Neunzigern vor den brennenden Asylbewerberheimen zwar keine Brandsätze warfen aber der Polizei und der Feuerwehr im Weg standen. Alle resozialisiert und inzwischen in den lokalen Flüchtlings-Hilfs-Gruppen aktiv?

Höre Horst Seehofer zu oder lies das neue Grundsatzprogramm der CSU. Überleg, ob das Fehlen der Worte „Recht und … “ im Titel vielleicht etwas sagt.

Erinnere Dich, wie lange Du von der Existenz „national befreiter Zonen“ weißt und überleg, ob und wann etwas dagegen getan wurde.

Warst Du auf dem Gymnasium? Wie viele nicht-deutsche waren in Deiner Klasse? Hattest Du Freunde an der Hauptschule? Wie viele waren es dort? Wie wahrscheinlich ist es, dass alle Ausländer dümmer sind als Deutsche?

Geh in eine Altherrenkneipe und bleib ein paar Stunden (Ich gebe Dir keine genaue Uhrzeit, zähl einfach die Zahl der Runden Schnaps mit und harre ein paar Runden aus. Bis nach elf sollte es aber schon sein.)
Verlasse auch, wenn Du in der Stadt wohnst, einmal die Stadt. Fahre aufs Land, fahre in ein Dorf und geh dort in eine Kneipe. Entweder Du kannst direkt am eigenen Leib erfahren, wie man sich dort als Fremder fühlt, oder Du kannst viel lernen.

Informier Dich, wie leicht oder schwer es ist, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen.

 

Ja richtig, das hast Du alles gewusst; nichts davon ist Dir neu. Keines meiner quer durch die Jahrzehnte und quer durch alle möglichen gesellschaftlichen Schichten und Situationen herausgepickten Beispiele waren Dir fremd. Sind das also geschickt gewählte Einzelfälle oder fällt Dir heimlich noch mehr ein?
Erinnerst Du Dich an #aufschrei, als auf einmal aus ein paar hach-mein-Gott-sollen-sich-halt nicht-so-kurze-Röcke-anziehen-Ausnahmefällen tausende und abertausende von Frauen wurden, für die alltäglicher Sexismus leider: eben ganz alltäglich war?

Ich erinnere mich, als nach der letzten Bundestagswahl jemand twitterte „verstehe nicht, dass merkel gewonnen hat. ALLE die ich kenne haben sie nicht gewählt“ und wie lange und laut ich vor so viel Weltfremdheit lachen musste. Und dann dachte: da lebt aber jemand in einer argen Filterblase. In einer, in der die CDU zu wählen ein bedauerlicher Einzelfall ist.
War es nicht, ist es nicht.

Und wenn Du hingeschaut hast, dann überleg, ob Deutschland wohl wirklich Probleme hat eine offen fremdenfeindliche, homophobe, frauenfeindliche (nach Belieben zu ergänzen) Partei zu wählen, wenn die genügend Alternativen für Deutschland verspricht.
Ich wiederhole mich: Ich möchte nicht nächstes Jahr lesen „verstehe nicht, dass die afd so zugelegt hat. ALLE die ich kenne haben die nicht gewählt“.
Verlasst Eure Filterblasen und akzeptiert, dass außerhalb ein wirklich, wirklich großes Stück Arbeit vor uns liegt.


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1 Reaktion

Am 14.11.2016 um 8:49 Uhr kommentierte rt:

du hast so recht. es wird zeit, dass ich meine ignoranz der themen wieder ablege. danke fürs erinnern!


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