G?schichten vom Dorf (3)

Aus der Kategorie »just people«

Wir schreiben das Jahr 1978.
Christian wird von seinen Erziehungsberechtigten dazu gezwungen, ihnen aufs Dorf zu folgen. Da er noch lange nicht volljährig ist, bleibt ihm nichts anderes übrig.
Ebenfalls 1978: Ganz Deutschland ist von Menschen besetzt. Ganz Deutschland? Nein. Ein kleines, von unbeugsamen sauerländer Bauern besetztes Kaff wehrt sich standhaft gegen die zivilisatorischen Einflüsse, die Neuankömmlinge so mitbringen.
Aber das Leben ist hart für die neuzugezogenen …

Die Grundschulzeit habe ich irgendwie gemeistert.
Obwohl wir auf dem falschen Hügel wohnten – und da auch noch als erste gebaut und damit das Neubaugebiet eröffnet hatten – und obwohl ich schon lesen konnte hatte ich ein paar Kinder kennengelernt.
Ich hatte auch ein bisschen Fußballspielen gelernt.
Und rechnen konnte ich auch noch nicht, das konnten wir alle zusammen lernen.

Aber nach vier Jahren geschah das Dilemma: ich bekam eine Empfehlung für das Gymnasium.

Ihr müsst wissen: Trotz all des Misstrauens, dass sich auch seit der Gemeindereform 1973 nicht gelegt, sondern eher noch verstärkt hatte, gab es schon eine gewisse Verbindung zur nächsten Stadt.
Da gab es schließlich schon ein paar wichtige Dinge: eine Tankstelle, den Raiffeisenmarkt, einen allgemeinen Arzt, die Grundschule. Außerdem führten zwei der vier Strassen aus dem Dorf unweigerlich dorthin, und so etwas soll man ja auch nicht unterschätzen.
Die dritte Strasse hatte noch nie jemand weiter als bis zum Dorfsportplatz verfolgt und die vierte führte in die »andere« Stadt.
In der zwar verhassten aber »richtigen« Stadt gab es außer der Grundschule, die ich ja nun vier Jahre hatte besuchen dürfen auch eine Haupt- und eine Realschule. Also alles, was man so braucht. Also eine Schule und eine Schule für die blöden.

Und jetzt bekam ich Depp eine Empfehlung für das Gymnasium.
In der »anderen« Stadt gab es nicht nur ein Gymnasium, sondern gleich drei davon. Eines war geleitet von den Heiligenstädter Schulschwestern – und das hatten meine Eltern als das richtige für mich ausgesucht.
Auch das noch.
Ach hätte ich doch blinkende Antennen und einen geschuppten Schwanz …

Das hatte vor mir jahrelang niemand mehr gewagt.

Als ich nach den Ferien in den »anderen« Bus stieg, war ich fast alleine. Außer mir war da noch ein Mädchen, die lange vorher die verhängnisvolle Entscheidung getroffen hatte und jetzt seit 6 Jahren morgens alleine im Bus saß.
11.-Klässler und 5.-Klässler können nicht so viel miteinander anfangen, so gewann ich also keine neue Freunde.

Aber ich verlor welche. Genauer: ich verlor fast alle.
Ende September wurde ich noch auf einen Geburtstag eingeladen, danach kam niemand mehr zum Spielen raus; da half auch der neue Adidas Ball nicht.
Die nächste Generation Gymnasiasten kam übrigens in Gestalt eines weiteren Jungen ein paar Jahre später. Aber da war ich ja auch schon in der 9.

Lesen wir im nächsten Teil: schwul? Muss ja.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

3 Reaktionen

Am 15.04.2006 um 12:57 Uhr sagte Sven Müller:

Hmm..das ist so fast die Stelle dich ich so ähnlich erlebt habe..
Nur durfte ich aufs Walram gehen:-)

Sehr schöner Beitrag (ok, Beiträge..)


Am 15.04.2006 um 13:16 Uhr wusste Christian:

und, gibs zu: Du bist jeden Morgen mit dem privat-Chauffeur gefahren worden (ob das ein Vor- oder ein Nachteil ist, sei mal dahingestellt)


Am 15.04.2006 um 14:52 Uhr sprach Sven Müller:

Haha…naja..fast.
Und in meinem Fall war es gottseidank sehr neutral.


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