G?schichten vom Dorf (4)

Aus der Kategorie »just people«

Wir schreiben das Jahr 1978.
Christian wird von seinen Erziehungsberechtigten dazu gezwungen, ihnen aufs Dorf zu folgen. Da er noch lange nicht volljährig ist, bleibt ihm nichts anderes übrig.
Ebenfalls 1978: Ganz Deutschland ist von Menschen besetzt. Ganz Deutschland? Nein. Ein kleines, von unbeugsamen sauerländer Bauern besetztes Kaff wehrt sich standhaft gegen die zivilisatorischen Einflüsse, die Neuankömmlinge so mitbringen.
Aber das Leben ist hart für die neuzugezogenen ?

So ein Schul-Alltag in der falschen Stadt und außerhalb jeder sozialen Kontrolle der anderen Jugendlichen eröffnet die Möglichkeit, sich anders zu entwickeln.

Denn der grundsätzliche Dorfalltag für einen Heranwachsenden ist eigentlich recht klar strukturiert:
Eintritt in den Fußballverein,
weiterführende – also Real-Schule,
erstes öffentliches Bier auf dem Schützenfest,
erste Zigarette,
Eintritt in den Schützenverein,
erste öffentliche Reval ohne auf dem Schützenfest,
Mofa,
Eintritt in den Musikverein und damit die Erlaubnis, überall und immer beliebig viel zu trinken,
erste Alkoholvergiftung,
Mofaführerschein,
Entjungferung im Wald / Stall,
erster Führerscheinentzug wegen Fahren eines Mofas ohne Betriebserlaubnis für alle angebrachten Teile,
Wiederholen der Klasse 8,
erster öffentlicher Vollrausch in Zusammenhang mit der zweiten Alkoholvergiftung,
Führerscheinsperre wegen Führen eines Mofas ohne Betriebserlaubnis für alle angebrachten Teile und fahren ohne eine gültige Fahrerlaubnis dafür mit über 1,2 Promille
usw

Bei Mädchen tauscht doch bitte Fußball- gegen Reitverein und streicht die Mofa-Erlebnisse.

Da ich diese Strukturen ja mangels Freundeskreis nicht erlebte, lebte ich sie auch nicht.
Ich will nun wirklich nicht meine Kleinstadt hier idealisieren, aber immerhin gibt es hier ein Kino, die bereits erwähnten drei Gymnasien sowie mit knapp 60.000 Einwohnern immerhin 100mal so viele Menschen wie im Dorf. Das erweitert – relativ gesehen – den Horizont; und Weltoffenheit fängt schließlich auch klein an, nicht wahr?

»Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht«, heisst es.
Fressen wollten sie mich eh nie, aber verstanden haben sie mich auch nie.
Meine Mutter hatte es inzwischen in den örtlichen Frauengesangsverein geschafft und konnte sich so immer dienstags anhören, was ihre missratene Brut denn so die Woche über alles angestellt hatte.
Wie ich denn rumliefe? (bunt)
Ob ich denn nicht mal zum Frisör wolle (nein).
Ob ich wohl .. äh .. nun ja .. vielleicht … äh … schw…u…l sei? (nein)
Ob ich wirklich Rockmusiker sei? (ja)
Dann wäre ich bestimmt drogensüchtig (nein)
Und hätte viele Mädchen (schwul oder nicht? entscheidet Euch)
Man hätte mich auch am Bahnhof der Stadt gesehen (da fuhr mein Bus ab)
… mit diesen Punks (und?)
… und einer Spritze (nein)

Wohlgemerkt: Alles, was diese Menschen von mir sahen war, dass ich – ob Sonne, Regen, Wind oder Schnee – jeden Mittag ein bis zwei Stunden mit meinem Hund durch die Felder lief. Und es gelegentlich mangels öffentlicher Verkehrsmittel mit dem Fahrrad in Richtung der »falschen« Stadt verließ.
Was sie nicht im geringsten hinderte, sich in ihrem kranken Köpfen alles mögliche zusammenzuphantasieren.

Ich weiß gar nicht, wie meine Mutter das ausgehalten hat.
Und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht mehr genau, wie ich das ausgehalten habe. Es gab ja nicht einmal Internet.

Lesen wir im nächsten und letzten Teil: wir wollen Bilder seh’n, wir wollen Bilder seh’n!


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

5 Reaktionen

Am 15.04.2006 um 14:58 Uhr meinte Sven Müller:

Naja…da wirds an manchen Stellen aber sehr polemisch..
Obwohl ich ja auch in dem dörflichen Leben nie so recht drinsteckte (ja, ich war mal im Fussballverein, hatte aber weder Begabung noch hat es mir Spaß gemacht).
Allerdings habe ich einen Arbeitskollegen aus A**eln der all diese Klischees durch seine Erzählungen bestätigt..

Ich bin bis heute in keinem Schützenverein (ich denke man entwickelt eine Antipathie dagegen) gehe aber trotzdem gerne ab und an auf Schützenfeste (aber nicht auf das in jenem Dorf)

Mit dem Fahrrad bin ich auch ab und an in die falsche Stadt gefahren, wobei das immer sehr anstrengend war. Vor allem der Rückweg.


Am 15.04.2006 um 19:09 Uhr sagte Christian:

nee nee, das ist nicht polemisch.
Bei allen Deinen Erinerungen vergiss nicht: Du hast auch auf dem Zugezogenen-Hügel gelebt.


Am 15.04.2006 um 20:26 Uhr wusste Sven Müller:

Das stimmt..und sogar noch eine Straße weiter weg vom Kern..:-)


Am 15.04.2006 um 21:40 Uhr wusste Christian:

… sehr geehrte städtische Mitleser: beachten Sie bitte, mit welche feiner Ironie hier von zwei DörflernZugezogenen Worte wie „Kern“ oder die Angabe „zwei Strassen weiter“ für eine Entfernung von 57m Luftlinie gebraucht werden…


Am 16.04.2006 um 13:26 Uhr meinte Sven Müller:

Nee herrlich, ich muss echt sagen diese Beiträge heben meine Laune um 200%.

Meine Damen und Herren, der Autor hat recht…


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