G’schichten vom Dorf

Aus der Kategorie »just people«

Wir schreiben das Jahr 1978.
Christian wird von seinen Erziehungsberechtigten dazu gezwungen, ihnen aufs Dorf zu folgen. Da er noch lange nicht volljährig ist, bleibt ihm nichts anderes übrig.
Ebenfalls 1978: Ganz Deutschland ist von Menschen besetzt. Ganz Deutschland? Nein. Ein kleines, von unbeugsamen sauerländer Bauern besetztes Kaff wehrt sich standhaft gegen die zivilisatorischen Einflüsse, die Neuankömmlinge so mitbringen.
Aber das Leben ist hart für die neuzugezogenen …

Diese Geschichte begab sich eigentlich vor meiner Ankunft auf dem Dorf. Aber nicht lange genug vorher, um hier unerwähnt zu bleiben.
Ihr müsst wissen, dass für den Dörfler die Welt eigentlich hinter dem eigenen Feld aufhört. Nachbardörfer sind ihm suspekt, die Stadt, der er seit der Gemeidereform von 1973 angeblich angehört, ist Feindesgebiet.
Trotzdem muss sich auch der Dörfler paaren – dazu gibt es wenige, ausgesuchte Dörfer, mit denen zu festgelegten Gelegenheiten Erbgut ausgetauscht werden darf. Anderer Dörfer Töchter und Termine außerhalb der Schützenfeste sind tabu.

Anfang der 70er Jahre begab es sich, dass die eigentlich recht beliebte Tochter eines durchaus angesehenen Bauern die Frechheit besass, sich ins falsche Dorf zu verlieben.
Noch schlimmer: Ihr Vater tat nichts dagegen und so heirateten die beiden. Und um ihr junges Familienglück perfekt zu machen, sollte auf Vaters Feld gebaut werden.

Doch da hatten die beiden ihre Rechnung ohne die Dorfgemeinschaft gemacht. Dass die Baugrube sehr lange brauchte, um ausgehoben zu werden wunderte noch niemanden, aber als feierlich die ersten Steine gesetzt wurden, nur um am nächsten Morgen spurlos verschwunden zu sein, da wurde man misstrauisch. Und als auch die nächsten Steine verschwanden und am nächsten Morgen statt der Steine ein … nun sagen wir: eher unfreundlicher Brief an deren Stelle lag, war die Sache klar: man wollte sie hier nicht.
Wer ins falsche Dorf heiratet soll gefälligst sehen, wo er bleibt. Hier nicht.
Was blieb war einzig der stark verfrühte „Einzug“ ins neue Heim.
Diverse Lampen auf der Baustelle und ein kräftiger Knüppel neben dem Schlafsack ließen dann offensichtlich den nächtlichen Besuchern die Lust vergehen, hier noch weiter Tatsachen zu schaffen.

Das Haus konnte also weiter wachsen und schließlich bezogen werden. Stellte sich einzig die Frage, wie der Umzugswagen zum Haus kommen sollte, denn der Nachbar, mit dem die Zufahrt geteilt werden sollte hatte sich zum Bau einer neuen Garage entschlossen. So eine Garage ist ja nicht besonders gross, und so kann man die auch mal fix an einem Tag hochziehen und überraschenderweise direkt an das Kopfende der Zufahrt setzen. Ist ja auch am praktischsten – da kann man dann direkt gerade reinfahren. Ok, die neuen Nachbarn kommen nicht mehr auf ihr Grundstück, aber ein bisschen Verluste muss man ja in Kauf nehmen.

Polizei oder irgendein Amt fühlten sich nicht zuständig, der Umzugswagen konnte auch nicht ewig warten und so entstand eine neue Zufahrt, hinten über Vaters Felder. Außerdem eine Kiste, in der alle Briefe und Akten feinsäuberlich aufbewahrt werden. Bis zum heutigen Tag.
Zur Erinnerung: Das ist vielleicht gerade mal 30 Jahre her.

Lesen wir im nächsten Teil: der Neue kann schon lesen.


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