Happy Old Year?

Aus der Kategorie »just jawl«

Es wäre an der Zeit für den Jahresendfragebogen. Aber: Der ist mir zu beengt. Fragen ums Gewicht und den besten Sex, das beste Konzert und die beste CD? Man könnte diese Fragen als Impulse ansehen, über das letzte Jahr nachzudenken. Aber manche Dinge werden zu einem Ritual, wenn man schon so lang dabei ist.
Und wenn man Rituale nicht gelegentlich in Frage stellt, dann weiß man hinterher plötzlich nicht mehr, warum man sich jetzt gerade hinkniet oder warum der Priester vorne gerade von einem Jugendlichen im Nachthemd die Hände gewaschen bekommt. Und vor allem, was das alles mit den Cola-Trucks zu tun hat.

2015 also.
Ein Jahr, das uns mit dem nächsten BurnOut überraschte, das uns eine herzkranke Katze mit Lungenödem, eine überraschende „Am besten noch diese Woche“-Operation und zweimal ein paar sehr ungemütliche Tage des Wartens auf die Antwort nach „Harmlos oder bösartig?“ bescherte.
Es bescherte uns Hassattacken von den Menschen die für uns da sein sollten und Freunde, die dann vielleicht doch keine waren.
Ach ja, und einen halben und einen ausgewachsenen Nervenzusammenbruch.

Die Zeiten zwischen diesem Scheiss fühlten sich oft höchstens an wie Wiederaufrappeln oder wie ein trotziges „Jetzt aber trotzdem“.

Und dann haben wir beide hier in den letzten beiden Tagen etwas sehr kluges getan. Wir haben alle Foto-Ordner angeschaut, die „2015“ im Namen trugen und uns angeschaut, was wir wirklich so gemacht haben.
Und das war gar nicht wenig.

Wir waren so oft am Teich, am See und am Meer wie noch nie. Es ist immer unfassbar gut, aufs Wasser zu schauen. Immer. Jedes einzelne Mal.

Wir haben nach zehn Jahren in diesem Haus dem Keller einen oder zwei kritische Blicke gewidmet. Und dann alles weggebracht, was wir am Einzugstag hineingeräumt hatten, um es in den Wochen danach zu sortieren und zu benutzen. Erstens ist es schön, wenn einen die Männer am Bringhof mit Namen begrüßen („… where everybody knows your name …“) und zweitens rockt so ein leerer und damit benutzbarer Keller arg. Was eigentlich sogar noch mehr rockt ist: Wegwerfen. Es ist unglaublich befreiend, Ballast abzuwerfen.

Man kann danach übrigens prima ein Schlagzeug in so einen freien Keller hineinstellen. Und dann die Nachbarn daran Teil haben lassen, dass man absolut unfähig ist, alle vier Gliedmaßen auch nur einigermaßen unabhängig zu bewegen.

Nachdem wir den Keller angeschaut hatten, wurden wir uns unfassbar schnell darüber einig, dass die vor zehn Jahren für die Küche ausgesuchte Wandfarbe uns beiden gehörig auf den Senkel ging. So wie der Küchenschrank auch. Und die Vitrine im Wohnzimmer erst. Vermutlich wussten wir all das auch schon länger, aber: Wir haben es in Angriff genommen. Ballast abwerfen und so.

Ich habe alle Fotos seit 1997 geordnet, ich habe das Netzwerklaufwerk „Videos“ entrümpelt. Bis jetzt habe ich über 120 GB Daten einfach dahin gespeichert, wo sie hingehören: In den Papierkorb.

Ich habe begonnen, jeden Tag ein Foto zu machen und bin darüber wieder mal in den kleinen Theaterverein geschliddert und habe dort die Proben zum Weihnachtsstück fotografisch begleitet. Mit vielen netten Menschen, einem tollen Stück und mit ein paar hundert Fotos mehr Übung.

Ich habe mich zusammen mit fernseherprobten und in echten Verlagen verlegten Autoren zusammen auf eine Bühne getraut und was aus dem jawl vorgelesen. Glaube ich dem, was ich in diesem Internet las, hat es Euch gefallen. Das war toll.

Wir haben auf netflix unglaublich viel tolles Fernsehen geschaut und nachdem ich die Bedienung gerafft hatte, habe ich auf appleMusic meine Musiksammlung vervollständigt. Ich mag die Beatles immer noch nicht.

Wir haben diverse Filme nicht nur im besten Kino der Welt, sondern sogar im Bundesstart gesehen. Und Katzenjammer auf und Tina Dico auf und hinter der Bühne besucht. Eines Sonntags habe ich beschlossen, am folgenden Mittwoch mit der Schwester die ich gerne immer gehabt hätte auf ein Konzert zu gehen und so, gute 25 Jahre nach Beginn dieser großen Liebe Roxette endlich live gesehen.

Im Frühjahr habe ich mich bei einer Fremden auf ein Frühstück eingeladen und dort wunderbare Menschen getroffen. Und zum Ende des Jahres habe ich festgestellt, dass es nicht reicht, liebe Menschen zweimal im Jahr zu sehen und bin morgens um neun spontan ein drittes Mal hingefahren.

Es war in anderen Worten ein unglaublich gutes und ein unglaubliches Scheißjahr und es hat dazu geführt, dass die Vorsätze fürs nächste Jahr ziemlich klar sind: Sometimes the fastest way to get there is to go slow. Es ist nicht schlimm, sich Hilfe zu holen, wenn man Hilfe braucht. Nicht für die Arbeit leben, sondern fürs Leben arbeiten.
Und ich möchte nie wieder mehr Dinge um mich herum besitzen als jetzt. Für alles, was hier neu reinkommt, fliegt etwas altes raus. Vielleicht sogar zwei altes.

Nur eins kommt jetzt noch neu hier rein, denn wir haben uns aus den Fotos dieses Jahres ein Fotobuch gemacht. Das werden wir übrigens jetzt jedes Jahr tun und ich kann es nur empfehlen. Man vergisst sonst so viel. Vor allem so viel Gutes.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

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Am 31.12.2015 um 23:03 Uhr wusste serotonic:

[Insert <3, :-* & öffentliche Zuneigungsbekundung right here]


Am 01.01.2016 um 12:13 Uhr sprach Isa:

Was sero sagt.


Am 01.01.2016 um 13:37 Uhr ergänzte Magnus aka MJKW:

Amen. Und ohne Dieses Internet hätten wir uns vermutlich ganz aus den Augen verloren. Was ich von Herzen bereuen täte, würde ich es vergleichen können, muss ich im Jahr 6 des erneuten Aufflackerns sagen. Dieser Beitrag hat das mal wieder bestätigt. Und fast, ja fast hast Du mich soweit mich auch selbst schreiben zu trauen. Danke!


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[…] der in meinem Postfach ankommt und den ich immer ungelesen lösche. Der Jahresplan war ja: „Ballast abwerfen“ und da kann ich prima mal anfangen. Am besten exakt […]

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