Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Helene F.

Ich wollte einen Artikel über Helene Fischer – also über das Phänomen „Helene Fischer”, nicht über den Menschen, den kenne ich ja nicht – schreiben.
Ich wollte darüber schreiben, dass ich ein halbes Konzert, eine viertel Show und eine gesamte Doku ansehen musste, um es zu begreifen. Über meine Verwunderung schreiben, dass sich auf einmal Twitter („mein” Twitter!) über die Sängerin, die Show, die Platten unterhält.

Ich wollte davon erzählen, dass die Liebste und ich über Helene Fischer in eine Unterhaltung darüber gerieten, was der Unterschied zwischen einer guten Sängerin und einer guten Musikerin ist. Denn ich halte sie für für eine sehr gute Sängerin. Leider – also für meinen Geschmack leider – singt sie immer Musical, egal, ob das Lied gerade Schlager, Pop, Rock oder whatever ist. Und Musical-Gesang ist fast immer technisch perfekt und emotional tot.

Gute Musik hat Ecken, hat Kanten, hat Emotionen. Hat Fehler und hat Lücken.
Musical-Gesang ist Teil eines Schauspiels, macht uns die Emotionen nur vor, ist Schein und nicht Sein, ist für die Fließbandproduktion jeden Abend gemacht und berührt nur durch das Überangebot an Reizen in dem, was heute Musicals sind. (Diverse Menschen, die sich das Phantom der Oper angesehen haben berichten übereinstimmend, der beste Moment wäre der, wo der Kronleuchter fällt. Aha.)

Gute Musik ist menschlich. Die Sängerin Helene Fischer die ich im Fernsehen sehe ist übermenschlich. Die ist immer freundlich und nett, nie müde, singt und tanzt perfekt und ist auch noch akrobatisch toll. Die führt dazu, dass sich in meiner Timeline Frauen zerfleischen, weil sie nicht so eine Figur haben. Die singt jeden Ton exakt auf dem bestmöglichen Moment, auf der bestmöglichen Höhe, mit dem bestmöglichen Timbre und der bestmöglichen Phrasierung. Die scheint nicht zu schwitzen, die scheint keine Luft holen zu müssen, wenn sie gerade noch an der Hallendecke geschwebt ist und dann das nächste Lied ansagt.

Natürlich ist es faszinierend, dem einen Moment lang zuzusehen. Aber auch Industrieroboter sind in der monotonen Wiederholung ihrer Bewegungen einen Moment lang spannend. Und dann langweilig.

Helene Fischer ist im Moment die erfolgreichste deutsche Künstlerin. Die hat eine eigene Fernsehschow, die hat ausverkaufte zigtausender Hallen, die steigt ganz oben in die Charts ein und geht Gold- und Platindekoriert wieder raus.
Deutschland liebt Helene Fischer.

Vielleicht schreibe ich gar keinen Artikel über Helene Fischer, vielleicht schreibe ich einen über Deutschland.

Eine Antwort zu “Helene F.”

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