Herr Martenstein hat da was gelesen

Aus der Kategorie »just people«

Normalerweise bekomme ich nicht mit, was der Herr Martenstein so schreibt, aber letztens stieß ich bei facebook an diversen Stellen auf einen Link zu dieser Kolumne: »Die Kinder hören einen Satz und schreiben: ‚Die Schulä fenkt an.’«

Die Links hatten eher einen »Oh mein Gott, die armen Kinder«-Tonfall – wenn man als einzige Info den Martenstein-Artikel hat kann ich das auch zunächst verstehen.

An einer Stelle habe ich mich dummerweise auf eine Diskussion eingelassen, eine Diskussion aus der ich mich dann irgendwann aus Gründen auch wieder ausklinken musste. Trotzdem denke ich seitdem ein paar Dinge im Kreis, die ich – wozu hat man denn ein Blog? – hier jetzt einmal sortieren muss.

Zunächste einmal finde ich Martensteins Ansatz

Ich war überrascht, als ich in der Zeitung las, wie Kinder heutzutage das Schreiben lernen.

mutig. Wenn der sich durchsetzt, dann fahre ich demnächst nach Genf zum LHC, ich hab nämlich letztens Galileo geguckt, das sollte dann doch reichen, oder?

Aber im Ernst: Die hier im Haus lebende Lehrerin warf einen Blick auf die Kolumne, schüttelte den Kopf und grummelte was von »Unsinn, natürlich werden Kinder korrigiert, nattürlich verbietet ihnen niemand, richtig zu schreiben«. Und zu dem Teil mit dem seelischen Schaden hat sie dann noch mit den Augen gerollt.
Ich kenne von ihr die Methode mit der Anlautabelle auch viel mehr als eine Möglichkeit, zum einen das Gehör zu schulen und zum anderen sehr, sehr früh einen großen Spaß am Schreiben zu entwickeln.
Wer erinnert sich nicht noch begeistert an Reihen voller »Lilo will Salat.«, »Umi am Ast.«, »Umi will Ast.« und ähnlich sinnvoller Sätze? Da haben wir doch alle unsere spätere Schriftsteller-Karriere klar vor Augen gesehen, oder?

Aber eigentlich haben sich meine Überlegungen längst an eine andere Stelle bewegt. An mehreren Stellen der Diskussion meldeten sich Menschen zu Wort, die berichteten, auch die Lehrer ihrer Kinder hätten Dinge gefordert, die sie selbst dann aber als unsinnig abgetan hätten – und denen sie dann auch nicht nachgekommen wären.

Jetzt stellt sich mir die Frage: Mir gibt also ein ausgebildeter Fachmann, jemand der diverse Semester studiert und vermutlich in den meisten Fällen dazu noch ein paar Jahre Berufserfahrung hat, einen Rat. Sagt mir, dass er oder sie für die Ausbildung meines Kindes einen bestimmten Weg gewählt hat – und wie ich diesen Weg unterstützen kann. Wie zum Teufel komme ich dann auf die Idee, diesen Weg zu unterlaufen, mein Kind zu verwirren, ihm im schlimmsten Fall also entweder das Vertrauen in die Lehrerin oder das Vertrauen in die eigene Kompetenz zu nehmen? Dass es eines der wichtigsten Grundprinzipien der Erziehung ist, konsequent zu sein, an einem Strang zu ziehen und keine widersprüchlichen Signale zu senden, das sollte doch bitte jedem inzwischen klar sein, der sich auch nur einmal mit dem Thema befasst hat.

Trotzdem sind Eltern stolz, dass sie sich den Anforderungen der Lehrer widersetzen und genau all das tun.
Warum? Weil sie mit jahrelanger Erfahrung als Kolumnist, als Werbetexter, als wasauchimmer den totalen Durchblick über Pädagogik haben? Oder weil »Pädagoge« irgendwann in den achtzigern ein Schimpfwort für fusselbärtige Birkenstockträger wurde, die man eh nicht ernstnehmen kann?

Oder etwa weil früher alles besser war? Weil außerhalb unserer kleinen text-affinen und wort-verliebten Blase alle so super fit im Gebrauch der deutschen Sprache sind? Weil wir seit vielen Jahren in den Pisa-Test so super abschneiden?
Soll Schule also so sein wie sie immer war? Wie denn bitte? So wie 1930, so wie 1960, so wie 1980? Ich saß 1982 zu Beginn des Gymnasiums mit 41 anderen in einem Klassenraum der aus Platzgründen nur strikten Frontalunterricht (das Wort erklärt sich von selbst, oder?) zuließ. Ich habe nicht wegen des Unterrichts, sondern trotzdem gelernt.
Sollen Kinder heute wirklich noch so lernen? Tja. Nicht nur Klassenraumgrößen, auch andere Dinge haben sich in den letzten 30 Jahren geändert.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich generell eher dazu neige, wenig von deutschen Lehrern zu halten. Und ich bin mir auch dessen bewusst, dass vermutlich jeder, der eigene Kinder hat oder jemanden mit Kindern kennt auch gleich eine Geschichte parat hat, die mit den Worten »Bei X in der Schule hat die Lehrerin letzten ja auch …” beginnt. Pars pro toto-Argumente sind nur nie so sonderlich zielführend.
Denn jeder kennt immer Einzelfälle. Und jeder kennt immer eine Geschichte, die man nicht so richtig verstanden hat. Das geht mir übrigens bei quasi jedem anderen Berufsstand auch so.
Aber wäre es nicht einmal eine kluge Sache, einen Schritt zurück zu gehen und darauf zu vertrauen, dass sich da ein paar Fachleute ein paar Gedanken gemacht haben?


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7 Reaktionen

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Am 27.11.2011 um 17:27 Uhr meinte Luca:

Ich lese Martenstein seit er mir vor einigen Monaten von einem Freund empfohlen wurde, dem ich bei solchen Dingen recht blind vertraue. Manche seiner Kolumnen finde ich gut, andere sind eben Kolumnen und bei der hier besprochenen war ich vor allem verwirrt. Ich kannte die Technik nicht und wurde daher aus dem Artikel nicht wirklich schlau. Also ließ ich ihn an mir vorbeiziehen.

Viel zu schnell gehe ich dazu über die Zeitungen zu verurteilen, dass man solchen Falschmeldungen überhaupt den Platz gewährt. Solle sich Martenstein in einem Blog die Gespinste auskotzen und es nicht unter einer Dachmarke, wie der Zeit tun. Aber ich glaube nicht mehr an Zeitungen und somit ist das eher sinnlos.

Jetzt müsste ich noch auf den restlichen Artikel von dir eingehen, aber da bin ich ziemlich deiner Meinung. Bis auf das Ende. Mein Vertrauen in Fachleute hat vor allem durch das Studium sehr gelitten. Weshalb ich auch gerne an ihnen zweifle. Wie an sowieso allem. Fast.

Und jetzt schicke ich Martenstein eine Mail. Soll man ja tun, habe ich gehört, wenn einem etwas nicht passt.


Am 27.11.2011 um 17:43 Uhr kommentierte Christian:

Hehe, erzähl mal, ob und was für eien Antwort Du bekommst.

Das schwindende Vertrauen in Fachleute – ehrlicherweise kann ich das ja durchaus nachvollziehen. Und wie gesagt: Ich bin sonst eher selten der Lehrer-Verteidiger.
Es bleibt aber das Problem, auf welcher Basis Eltern Lehrern in ihr Fachgebiet reinreden – und ich spreche nicht davon, dass Eltern bei pädagogischen Fragen nicht dringend mit Lehrern im Kontak sein sollten. Aber hier geht es ja um Fachdidaktik.
Und das Argument „Ich hab das anders gelernt“ ist ja ein eher schwaches.


Am 28.11.2011 um 21:49 Uhr wusste Gminggmangg:

(Erstmal: Guten Tag, ich habe soeben hierher gefunden und befinde mich gerade in ausufernder Kommentierlaune.)
Ich habe, auch bei Facebook, diesbezügliche Posts gelesen dann aus Zeitgründen nicht darauf reagiert. In jeden Falle danke ich für obige Zeilen, die sich doch von dem blinden Entsetzen ob dieser „schrecklichen“ Lehrmittel in differenzierender Weise unterscheiden. Das Problem ist meines Erachtens die alte Leier über Dogmen, Einseitigkeiten und die Unfähigkeit dem Individuum mit einem einzigen Ansatz gerecht werden zu können. Ja, meist ist eine Methode in sich unzulänglich und vermag nicht für alle Schüler die Richtige zu sein. Wer als Lehrer stur auf einer Lehrmethode beharrt, wird NATÜRLICH nichts Gutes bewirken, aber so viel sollten wir alle in unseren Ausbildungen mitbekommen haben. Es bleibt nur zu wünschen, dass der lehrereschen Urteilsfähigkeit doch etwas Vertrauen geschenkt wird.


Am 28.11.2011 um 21:56 Uhr schriebChristian:

Natürlich kann man im Endeffekt nicht jedem Schüler mit einer Methode gerecht werden – deswegen ist guter Unterricht immer differenzierend und bietet dem einzelnen Platz für seine Fähigkeiten und für seine Probleme. Trotzdem gibt es ja Methoden, die allen helfen können …


Am 02.12.2011 um 8:52 Uhr meinte Sven:

Bei mir regt sich ein gewisses Unwohlsein, wenn es darum geht erst jahrelang etwas falsches zu lernen um es später dann zu korrigieren. Das gleiche Unwohlsein regt sich, wenn man etwas ausprobiert in der Hoffnung es könnte funktionieren, aber Wissen tut man es nicht.

Wenn ich aus Neugier meine Hand in der Tür einklemme habe ich neben dem Schmerz auch sofort die Lernerfahrung, dass diese Idee dämlich war. Die Erfahrung ob es dämlich ist – oder auch nicht – nach Lust und Laune zu Schreiben zeigt sich wohl erst nach vielen Jahren und die Heilung dauert länger als ein geschwollener Finger – vielleicht ein Leben lang.

Die Idee anti-autoritärer Erziehung hat sich ja auch nicht durchgesetzt, da wundere ich mich schon, wie man davon ausgeht, dass die anti-korrigierende Rechtschreibung ein Erfolg wird….


Am 02.12.2011 um 12:51 Uhr sagte Christian:

Es wird nicht etwas falsches gelernt. Es wird sehr schnell schreiben gelernt und dann wird das Schreiben weiter verfeinert. Das ist ein Unterschied.

Und es schreibt auch niemand nach Lust und Laune, sondern nach Regeln und nach einem Prinzip – nämlich nach der Anlauttabelle – und dieses Prinzip wird immer weiter verfeinert, die regeln werden immer mehr gelernt und verinnerlicht und am Ende hat sich die Hilfe selbst überflüssig gemacht.

Und der Begriff „Anti-korrigierende Rechtschreibung“ ist zwar recht hübsch plakativ, aber leider(?) auch völlig am Kern vorbei.

Ach und: Ich habe die URL zum Shop mal gelöscht und hätte auch den Kommentar gar nicht freigeschaltet, wenn nicht jeder der drei Absätze recht exemplarisch für dieses ganze ahnungslose Misstrauen wäre.
Oder soll ich die URL wieder reinnehmen? Wie es ja auch unten steht: 550,-€/Kommentar und Monat.


Am 02.12.2011 um 16:51 Uhr schriebtrillian:

Alle Jubeljahre wird das Schreibenlernen in der Schule anders gehandhabt. Ich erinnere nur an die vereinfachte Ausgangsschrift. Bin mal gespannt, welche Lehrmethode in sechs Jahren bei meiner Tochter angewandt werden wird.

Um auf den Absatz mit dem Widerstand gegen die Lehrmethoden einzugehen: Leider sind die Lehrer mit ihrer jahrelangen Erfahrung oft allein auf weiter Flur. Denn die Lehrpläne und -methoden werden von Theoretikern in den Landesregierungen festgesetzt, die oft noch nie vor einer Klasse gestanden haben, sich aber trotzdem Pädagogen nennen. Und der Lehrer vor Ort darf dann so einen Unsinn wie „Mengenlehre“ in der Praxis umsetzen.


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