Hinter dem Plakat

Aus der Kategorie »just politics«

Vollkommen überrraschenderweise dürfen wir in vier Wochen wieder unsere Kreuzchen auf einem Zettel machen, damit Frau Merkel weiter Kanzlerin bleibt. (So wird es uns jedenfalls suggeriert, aber das ist ein anderes Thema)

Wir haben also die Wahl.

Was mir aber in den letzten Tagen auffiel: Viel zu viel wird über die Kampagnen der Parteien gesprochen. Über die Freuqenz der Fernsehauftritte, über Wahlkampf in Hintertupfingen und ich frage mich: Warum? Wäre es nicht wichtiger, sich mal zu erinnern, wofür die einzelnen Parteien stehen, ungeachtet dessen, was sie gerade behaupten?

Und deswegen möchte ich kurz an etwas erinnern:
Diese Plakate lügen. Alle. Sie sagen so viel die Wahrheit wie die Plakate, die uns erzählen, dass unser Leben mit Coca Cola cooler ist oder dass McDonalds schmeckt. Es ist Werbung. Werbung genau wie die, für die wir Festplattenrecorder mit Vorspulfunktion kaufen und Adblocker installieren.

Egal was die CDU schreibt, sie möchte einfach nur, dass alles so bleibt, wie es in den Achtzigern war. Sie wäre mit bräsiger Gartenzaun-Gemütlichkeit und stolzer „Made in Germany“- Weltherrschaft vollkommen zufrieden und hat sich jahrzehntelang nur angepasst, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden ließ. Weil sie dabei aber leider auch übersehen hat, dass ihre Lebensweise nur auf Kosten eines großen Teils der Menschheit umsetzbar war und ist und dieser Teil der Menschheit jetzt Montags auf die Strasse geht oder übers Mittelmeer kommt, müssen sie jetzt ihren rechten Flügel stärken. Geht zum Glück ohne schlechtes Gewissen, weil sie den rechten Flügel outgesourced hat. Und von der CSU kann man sich je nach Bedarf in der Presse distanzieren oder nicht – und ihr dann wegen des Koalitionszwangs folgen. Guter Bulle, böser Bulle halt.

Egal was die SPD schreibt, sie möchte das alles prinzipiell genau so. „Soziale Gerechtigkeit“ ist nur deswegen ihr Buzzword, weil die Partei auf mittlerer Ebene zumeist noch von Oberstudienräten geführt wird – und die finden schon etwas weniger, dass die Armen selbst Schuld haben als es die CDU findet. Aber so wichtig, dass sie wirklich etwas ändern möchten ist ihnen das nun auch nicht. Und weil sie aber jetzt schon in mehreren großen Koalitionen saß und es ja nur um persönlichen Machterhalt geht, ist das eigentlich alles auch vollkommen egal. So wie sich der Oberstudienrat unter seinem Rektor gut einrichtet hat, haben sie sich neben der CDU gut eingerichtet und alle paar Jahre dieses Wahlkampfgedudel ist ihnen eigentlich viel zu anstrengend.

Egal was die FDP schreibt, sie möchte einfach nur wieder mitmachen. Wieder Macht haben. Von der Sekretärin im Kostümchen Kaffee gekocht bekommen und wenigstens den ersten Parkplatz auf dem zweiten Parkdeck bekommen. Sie war daran gewöhnt, jahrzehntelang vollkommen ungeachtet ihrer tatsächlichen Größe und Bedeutung in Regierungsverantwortung und damit supidupi wichtig zu sein und das will sie verdammt noch mal zurück.
Leider glaubt sie exakt bei diesem Thema nicht an ihre eigene Weisheit, dass es der Markt – also in diesem Fall der Wähler bei den letzten Wahlen – schon gerichtet hat und so werfen sie ihren wahrhaft uniquen SP ins Rennen – voller Hoffnung darauf, dass niemand merkt, dass der schon in NRW vor wenigen Wochen alle Wahlversprechen gebrochen hat. Oder dass sie mit Liberalismus noch so viel zu tun hat, wie anti-autoritäre Erziehung mit Laissez-faire. Oder dass sich jemand fragt, wen es denn neben dem schwarzweißen Herrn Lindner noch gibt.

Egal was die Grünen schreiben, sie haben nicht den Hauch einer Ahnung wer oder was sie sind. Ihre alten Ideen sind längst Mainstream (aka. „Sie haben sie erfolgreich auf der politischen Agenda positioniert“). Dass sie selbst das alles noch etwas nachhaltiger umgesetzt hätten, will keiner hören und sie haben leider keine neuen. Ihre Wähler wählen neben ihnen auch Porsche Cayenne, globalisiert-peruanischen Kaffee und für die eigenen Kinder doch dann lieber die Kita ohne sozial schwache Problemkinder. Ihre Leute in Berlin sind längst vollkommen in die weltfremde Berliner Blase eingetaucht und damit weit weg vom Mensch auf der Straße. Aber das nimmt ihnen die sogenannte Basis, also die Krötenträger aus dem B.U.N.D.-Ortsverein krumm und deswegen sind sie eigentlich seit Jahren handlungsunfähig. Ist vielleicht auch besser so, denn wenn sie zufällig in Regierungsverantwortung geraten weil sich ein Kandidat dieser Basis gegenüber taub genug gezeigt hat, dann geben sie sich in Koalitionszwängen so sehr auf, dass sie sogar ihre Herzensthemen verlieren.

Egal was die AFD schreibt, sie ist braunes Pack, das es irgendwie geschafft hat, den Armen zu erzählen, es ginge ihnen besser, wenn sie an der Macht wären. So wie es braunes Pack immer schon tat. Nuff said.

Egal was die Linken schreiben, ach, ich habe wirklich keine Ahnung. Wirklich überhaupt nicht. Ich kann die nicht einschätzen.

Dass in Deutschland das damals von den Amis in Schwung gebrachte Wirtschaftswunder endgültig ausgelaufen ist …

… dass ausgerechnet in der Vorzeigeindustrie „Made in Germany“ inzwischen „Cheated in Germany“ heissen müsste …

… dass Deutschland digital irgendwo auf Seite dreizehn bei Google zu finden ist* …

… dass wir immer mehr Armut in unserem Land haben …

… dass wir im Amnesty International Jahresbericht auftauchen …

… dass unsere Schulen nur deswegen nicht vollkommen auseinander fallen, weil es längst Usus ist, dass Eltern aushelfen und putzen und spenden …

… dass unser Gesundheitssystem mit dem Wissen aller Beteiligten dem Rentensystem vor die Wand folgt …

… das ist leider kein Thema. Bei niemand. Obwohl damit quer von rechts nach links, von liberal zu konservativ nirgend etwas geht.

Das Ruder in Deutschland müsste richtig kräftig rumgerissen werden (nein, nicht nach rechts, falls Du dummes Ding das gerade denkst), dass sich das niemand traut. Denn alle fürchten: Wer zuerst am Ruder dreht, der macht sich zuerst unbeliebt und wer sich unbeliebt macht, der wird nicht gewählt.

Wir haben also die Wahl.

*) Pun intended. Wer den Witz nicht rafft, beweist dass ich Recht habe.


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6 Reaktionen

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Am 28.08.2017 um 8:49 Uhr kommentierte Kiki:

Die CDU hätte gerne alles wieder wie in den 80ern? Ach, wär’s doch so … ich auch. In den 80ern hatten wir eine soziale Marktwirtschaft, die diesen Namen verdiente, so viel Zeit wie man halt braucht um etwas gescheit zu studieren und meine Brillen wurden anstandlos von der gesetzlichen Kasse bezahlt, genau wie Zahnersatz (nicht, dass ich welchen hätte). Wenn die CDU jetzt Hartz IV, Leiharbeit, befristete Stellen wieder abschaffen würde, ich tät‘ sie glatt wählen. Wird natürlich nicht passieren. Statt dessen kriegen wir weiter in Gesetzesform gegossene feuchte Träume von faschistoiden Innenministern.

Die Linken reden süße Worte, jedenfalls diejenigen, die nicht – wie Wagenknecht oder Lafontaine – die Flüchtlinge wieder ins Meer schubsen, den Euro wieder abschaffen und sich rechts von der AfD positionieren. Aber will ich diese weltfremden Spinner mit SED im Herzen an der Regierungsmacht sehen? Oh, bitte nicht. Oder höchstens als Juniorpartner der SPD. Die ist ja Juniorpartnererfahren, immerhin tut sie erfolgreich so, als wäre sie seit 20 Jahren in der Opposition, statt in aller Regel Regierungspartei. Alle Annehmlichkeiten, null Verantwortlichkeiten, so schön. Nein, die Linke braucht in dieser Form kein Mensch.

Sollte man die Grünen wählen? Die haben auch weder Bock noch Plan, aber wären vielleicht ein besserer Juniorpartner als die SPD. Keine Ahnung, inzwischen ist es eigentlich auch egal, Inhalte haben auch sie längst überwunden. Aber den Abbau des Sozialstaats in Kooperation mit Gazprom-Gerds Gangsterbande, den verzeihe ich ihnen nicht.

Die SPD soll verrotten, zu Staub zerfallen, oder besser zu Asche. Vielleicht, ganz vielleicht, geliänge ihnen dann das Phoenix-Wunder, die Erneuerung. Aber so, klinisch tot, künstlich beatmet … ich wäre bass erstaunt, käme sie nennenswert über 20%. Nein, nicht erstaunt, eher sauer. Die Partei hat Deutschland gespalten, ruiniert, demoralisiert, ins emotionale Mittelalter zurückgestoßen, auf ganzer Linie verraten. Nie wieder.

Die FDP setzt auf Optik, aber meine ist nicht trüb genug um deren Ramschwaren als Luxusgüter wahrzunehmen.

Und nun? Wenn ich das wüsste. Denn eines weiß ich: Nicht zu wählen, das geht gar nicht.


Am 28.08.2017 um 9:14 Uhr ergänzte Christian:

Zwei Anmerkungen: Ich meinte die bürgerliche gutbürgerliche Stimmung der 80er. Ja richtig, die lebte auf dem Boden einer sozialen marktwirtschaft, da hast Du natürlich vollkommen recht.

Und Deinem Abschluss-Satz kann ich mich voll tiefster Verzweiflung anschließen.


Am 28.08.2017 um 9:39 Uhr sprach Sven:

ja :-(


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Auch anderswo wird darüber gesprochen …

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net_marie

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Moritz oder So

Auch wenn es mich leider nicht weiter gebracht hat, hier eine gute Stellungnahme zur Wahl.