Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Horch, wer könnt’ mein Feindbild sein?

Die ein oder andere mag es mitbekommen haben: Seit Freitag habe ich ein neues Auto.
Und schon in diesen zwei Tagen habe ich einiges erlebt.

Vorwegschicken muss ich:
Der neue ist ein Audi A3.
Davor hatte ich einen anderen Audi A3, davor ebenfalls einen Audi A3, davor 2 Golf Kombi*.
Davor verschiedenes, was der Gebrauchtwagenmarkt an der örtlichen Tankstelle so hergab.

Irgendwann im Laufe des Umstiegs von Golf auf A3 habe ich das Wort „Überholprestige“ gelernt.
Eine schöne Defintion liefert die Zeit in einem ziemlich alten Artikel.

Das Wort entstammt der Tuner-Sprache. Tuner sind Leute, die an Motoren herumfummeln, um die Autos schneller zu machen. Danach zupfen und zerren sie so lange an der Karosserie herum, bis die Autos auch schnell aussehen. Denn für den Herrscher über mehrere hundert PS gibt es kaum etwas Schlimmeres, als auf der Straße nicht ernst genommen zu werden. […] Die Voraussetzung für den Respekt aber ist ein ordentliches Überholprestige: […] Wie wirke ich beziehungsweise mein Auto auf den von meiner Spur zu Scheuchenden?
www.zeit.de/1999…

Ein Audi A3 hat ein relativ hohes Überholprestige.
Mir ist das ziemlich vollkommen wumpe, denn ich drängle nicht, ich rase nicht, ich fahre Audi weil ich die Autos mag und sie mich sehr bequem und sehr sicher dahin bringen, wo ich hin will.
 Autoherstellern ist es vermutlich, auch wenn sie es nie so sagen würden, nicht so wumpe; zumindest nicht allen.

Aber auch darüber hinaus haben Autos und Automarken ein Image; bei vielen Wagen hat man doch sofort eine Vorstellung, wer drinsitzt. Glaubt Ihr nicht?
Ok, dann ordnet doch mal folgende Klischee-Besitzer den nachfolgenden Autos zu:

Die Autos:

  1. Tiefergelegter BMW mit Spoilern und der Buchstabenkombi „CY“ auf dem Kennzeichen

  2. schwarzer Porsche- oder Audi-SUV vor der Schule

  3. Grauer Audi-Kombi mit Firmenaufkleber

Die Insassen:

  1. gebotoxte Zahnarztgattin, die ihre Kiste immer quer auf zwei Parkplätzen parkt

  2. Vertreter mit chronischer Eile der plötzlich mit Lichthupe bei 160 Km/h 1,5m hinter Dir im Rückspiegel auftaucht
  3. Türkischer junger Mann mit lauter Musik an der Eisdiele vorbei cruisend


Seht Ihr? Geht.

Dummerweise für mich fahre ich also einen dunklen Audi Kombi Sportback mit agressiv dynamisch gestalteten Frontpartie und stelle fest: Ich büße wohl für alle Sünden meiner Automarkenkollegen.

Schon beim letzten A3 lernte ich: Reißverschlussverfahren hin oder her – mich lässt man nicht rein. Mir blinkt niemand freundlich zu, wenn sich bei rechts-vor-links vier Autos begegnen. Mich kann man auch mal prima auf der Autobahn ein paar Mal ausbremsen und mir dann hinterher hinterher winken. Oder mich an der Ampel stehenlassen und – bei wieder gelb noch schnell losjagend – mit dem Mittelfinger wedeln.

Gestern aber, das war die bisherige Krönung. Der neue A3 ist von Audi noch etwas agressiver dynamischer gestaltet und von mir mit ein paar Spoilern dynamischen Extras ausgestattet worden. Aber auch mit einem Tempomaten und einem automatischen Abstand-Halter. Beide zusammen nutze ich gern, um ohne weitere Anstrengungen und ohne zu schnell zu sein im Verkehr mit zu schwimmen.

Nun fuhr ich gestern über eine Landstraße. Abwechselnd 70 oder 100 Km/h waren erlaubt und ich weiß: Allgemein fährt dort jeder schneller. Ein paar Kreuze am Straßenrand beweisen aber auch: Man sollte das nicht tun.
Hinter mir drängelte ein kleiner Seat. Blieb so dicht hinter mir, dass ich das Kennzeichen im Rückspiegel nicht mehr sah, kam bei jedem Wechsel auf 70 noch etwas dichter drauf – schaffte es aber auch nicht, zu überholen.

So ging das gute zehn Minuten, dann bogen wir beide ab. Vor mir jemand der so richtig langsam fuhr und dann hörte ich einen kleinen Seat-Motor aufheulen und endlich überholte er.
Ich überlegte auch kurz, aber dann kam mir wer entgegen und ich liess es und blieb hinter dem langsamen Wagen. Ein Toast auf den Abstandhalter!

Im nächsten Ort ist ein kleiner Kreisverkehr, davor gibts keine Möglichkeit abzubiegen. Am Kreisverkehr wartete der Seat. Liess mich vorbei und hängte sich wieder an meine Stoßstange. Und begann, mich mimisch zu beschimpfen.

Das war … äh … neu.

Noch ein paar Bemerkungen: Ja, ich kenne den Dunning-Kruger-Effekt und weiß, dass man sein eigenes Verhalten meist falsch einschätzt. Ich berufe mich daher auf Rückmeldungen von Beifahrerinnen und sage: Ja, ich fahre sehr vorsichtig. Ja, ich halte mich meist „nahezu übertrieben“ an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Ja, ich halte albern viel Abstand. Ja, ich fahre nur schnell, wenn die Bahn frei ist. Ja, seit dem ersten Audi passieren so Anfeindungen wirklich häufiger.




*) Ich fahre Autos immer nur 3 oder 4 Jahre. Geschäftswagen, u know? Deswegen sinds so viele.

Eine Antwort zu “Horch, wer könnt’ mein Feindbild sein?”

  1. Vanessa sagt:

    Kann ich mir alles gut vorstellen. Denn: andere, aber auf dem gleichen Prinzip beruhende Erlebnisse mit einem Nissan Micra. In diesem Fahrzeug wirst du konsequent bedrängt, weggehupt, weggedrängelt, angeblinkt. Anders als in einem Skoda, in dem jetzt öfters sitze. Mein Fahrverhalten ist in beiden Autos gleich. Beispiel: Linke Spur Autobahn, ich bin im Überholvorgang bei ca. 140 km/h. Sitze ich im Skoda, warten die Leute mit Abstand, bis ich ihn beendet habe und ziehen dann vorbei. Sitze ich im Nissan, fahren sie bis an die Stoßstange vor und drängeln. Bei gleicher Geschwindigkeit, gleichem Fahrverhalten. Insofern: ja.

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