Ich bin der Mann vom Jugendamt

Aus der Kategorie »just people«

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1. Was machst du beruflich?
Ich studiere zwar noch, aber nebenebei arbeite ich für das städtische Jugendamt. Ich betreue Jugendliche, die gerade aus einem Heim gekommen sind und welche, wo das Familienklima so den Bach runtergegangen ist, dass eine Heimunterbringung durchaus eine Möglichkeit wäre. Vorher aber soll ich mit den Jugendlichen – und natürlich auch gerne mit den Familien insgesamt noch einmal arbeiten. Heißt: Sie ein paar Mal die Woche besuchen und versuchen, aus der jeweilig vorgefundenen Situation etwas konstruktives zu machen
Den Jugendlichen, die frisch aus dem Heim gekommen sind helfe ich bei dem Start in den alleine organisierten Alltag. Wohnung suchen, Möbel kaufen, Job oder Schule suchen und so.

2. Was ist gut – was ist nicht so gut daran?
Der Job ist toll, weil ich sehr selbstbestimmt und eigenverantwortlich arbeiten kann. Meine Vorgesetzten halten viel von mir und ich habe sehr viel Rückhalt im Amt.
Ich erlebe – und das ist jetzt überhaupt nicht so zynisch gemeint, wie es vielleicht klingt – Dinge, von denen ich vorher nicht gedacht hätte, dass ich sie mal erleben würde. Ich werde oft, wenn ich in einer kleinen Sozialwohnung stehe sehr demütig und weiß meinen eigenen Luxus einzuordnen.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich einem Menschen ein Stück auf seinem Lebensweg begleiten und vielleicht sogar helfen kann.
Einmal sitzt ein 16-jähriger Möchtegern-Punk vor meiner Haustür, weil ihm außer mir niemand einfällt, wo er hin kann.
Und: Für einen Studentenjob ist das ganze auch noch ganz prima bezahlt.

Der Job ist furchtbar, wenn ich mit Eltern konfrontiert werde, die ihre Kinder so richtig versauen und dann vom Jugendamt erwarten, dass die es dann richten.
Ich arbeite mit einem 18-jährigen, der sein gesamtes Leben irgendwie im Kontakt mit Sozial- oder Jugendamt lebt weil seine Mutter es nicht auf die Reihe bekommt.
Ich erlebe einen 25-jährigen, der dem 15-jährigen Sohn seiner neuen Freundin den alten „solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst“-Spruch an den Kopf knallt – immerhin 5 Tage nachdem er selbst da eingezogen ist. Was hauptsächlich bedeutet, dass er dafür, dass er die Mitdreissigerin vögelt seine Playstation an ihren Fernseher anschließen und ihren Kühlschrank leer fressen darf.
Ich muß von einem 13-jährigen hören, dass seine Mutter mit ihm diskutieren wollte, ob sie den kleinen Bruder, der bei ihr im Bauch ist jetzt totmachen soll oder ob er bereit ist, sein Zimmer zu teilen.
Ich hasse es, wenn die Eltern meiner Klienten keine Grenzen kennen und mich nachts anrufen, weil Tochter oder Sohn gerade nicht funktionieren; und ich habe ehrlich gesagt absolut keine Lust, jeden Morgen die doofe Göre zur Schule zu bringen, wenn sie eh hinten aus dem Gebäude wieder abhaut.
Und einmal sitzt ein 16-jähriger Möchtegern-Punk vor meiner Haustür, weil ihm außer mir niemand einfällt, wo er hin kann.

3. Was wäre dein absoluter Traumberuf?
Ich habe absolut keine Ahnung. Ich studiere offziell vor mich hin, bin in Wirklichkeit aber nicht viel in der Uni; ich arbeite viel und merke gleichzeitig, dass ich für das, was ich da gerade tue nicht auf Dauer die Kraft haben werde.
Und während ich so rumschlingere, jobbe ich halt weiter.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

4 Reaktionen

Am 01.05.2010 um 19:38 Uhr sprach rebhuhn:

das scheint ein ziemlich interessantes leben zu sein, deins, meine ich :)! toll, klingt auf jeden fall herausfordernd. im sozialen bereich mache ich noch nichts richtiges – mein ziel ist es aber, nach dem studium sozialkompetenz dann innerhalb der nächsten fünf jahre ernsthaft auf dem bereich etwas zu arbeiten :).


Am 01.05.2010 um 19:56 Uhr kommentierte Christian:

interessant? ja, bestimmt. wenn du es negativ formulieren willst, dann kannst du es auch eine „gebrochene Biographie“ nennen :)

ich bin aber insgesamt froh, dass ich mehr gesehen habe als Schule, Studium und dann _einen_ Job.


Am 03.05.2010 um 17:23 Uhr meinte Kiki:

Ich habe mir oft vorgestellt, wie mein Leben wohl mit „Abi, dann Studium/Berufsausbildung und seitdem ununterbrochen in einer Firma und das auch noch die nächsten 25 Jahre, bis zur goldenen Uhr” ausgesehen hätte bzw. aussehen würde. Mal ganz abgesehen davon, daß kaum noch ein Mensch meiner Generation und den nachfolgenden dieses Modell so erleben wird und wir alle einen Lebenslauf haben werden, den unsere Eltern und Großeltern entsetzt als „lückenhaft” oder „gebrochen” ansehen würden: Es wäre nicht das, was ich gerne erleben möchte.


Am 03.05.2010 um 17:39 Uhr sprach Christian:

absolut. Zum einen bin ich sehr, sehr froh über fast alles, was ich so erlebt habe, und andererseits ziehe ich daraus auch die beruhigende Gewissheit, dass es immer weiter gehen wird.


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