Inklusion

Aus der Kategorie »just people«

Ok, es war ein Fehler, letztens sonntags abends „#jauch” zu schauen. Denn nun brodelt es in mir und wenn es in mir brodelt, dann muss ich bloggen und dann müsst Ihr da wieder durch. Achtung, das wird lang.

Erstmal die Basics, Ihr kennt das, ich geh die Dinge gerne gründlich an.
Wir haben in Deutschland ein dreigliedriges Schulsystem. Richtig?
Nö, irgendwie nicht. Sorry.
Sondern?
Bis zum Alter von zehn Jahren (in manchen Bundesländern anders, soweit ich weiß) ist es zweigliedrig, danach viergliedrig.
Es gibt die Grundschule und dann folgen Haupt- & Realschule sowie das Gymnasium. Und parallel die ganze Zeit das Förderschulsystem.

Schauen wir erst einmal auf das Regelschulsystem. In dem wird nach der vierten Klasse – also im Schnitt so im zehnten Lebensjahr der Kinder – sortiert nach: „Schlau”, „schlauer” und „noch schlauer”. In den Augen vieler, deren Kinder als „noch schlauer” eingestuft werden übrigens auch gerne nach: „schlau”, „naja” und „doof”, denn da kann man sich natürlich besser einen drauf runterholen. Entschuldigt, das war polemisch.
Wer jetzt Kinder hat, die das zehnte Lebensjahr hinter sich haben, wird wissen, dass das zehnte Lebensjahr unfassbar schlecht dazu geeignet ist, eine Prognose über die nächsten Lebensjahre zu wagen. Wer sich mal mit Entwicklungstheorien beschäftigt hat, auch.
Ich hörte übrigens auch schon signifikant viele Eltern sagen, dass eigentlich jedes Lebensjahr unfassbar schlecht dazu geeignet ist, eine Prognose über die nächsten Lebensjahre zu wagen.
Trotzdem wird gesiebt und gefiltert und bekommt jemand Probleme, weil ihm zuviel zugetraut wurde, kann man die ja einfach lösen: Wer an der einen Schulform versagt, der probiert es halt eine weiter unten. (Wenn man in der einen Schulform so richtig das Haus rockt, hat man dummerweise nur geringe Chancen, nach oben zu wechseln. Also: Theoretisch schon, schaut man aber auf die Zahlen, faktisch nicht. Aber das nur nebenbei.)
Wir behalten das alles mal im Hinterkopf, schließlich wollte ich ja über Inklusion sprechen, und damit über Kinder mit einer Beeinträchtigung*, oder? Hm, schau’n wir mal.

Nehmen wir also erstmal dieses Regelschulsystem mit seinen drei Auswahlmöglichkeiten als gegeben und wenden unseren Blick dem vierten, dem gerne übersehenen Weg zu. Bist Du nämlich ein Kind mit einer Beeinträchtigung irgendeiner Art, dann gibt es für Dich jeweils eine spezielle Schule. Früher hießen die Sonderschulen, später dann Förderschulen.

Schließen wir zuerst mal kurz die Augen und stellen uns ein „behindertes Kind” vor. Ja?

(…)

(…)

Fertig?

Und? Vor Deinem inneren Auge erschien jemand im Rollstuhl oder mit Trisomie 21 (früher auch Down-Syndrom genannt), richtig?
Das könnte schon ein Teil des Problems sein, dem wir uns gerade nähern. Denn es gibt da viel mehr Beeinträchtigungen als man zuerst denkt. Und die werden auch fein sortiert – zu der Zeit als ich Sonderpädagogik studierte gab es da: Körperbehinderte, geistig Behinderte, Lernbehinderte, Sprachbehinderte, Sehbehinderte, Blinde, Hörbehinderte, Gehörlose, Erziehungsschwierige. Die Namen und Schubladen haben sich immer wieder mal geändert, sind aber grundsätzlich so geblieben.
Ja, das alles sind Beeinträchtigungen und ja, für die alle ist der Besuch einer Regelschule erst einmal nicht vorgesehen.

Ob jetzt aber ein Kind, das in seinem täglichen Leben für vieles einen Rollstuhl braucht eher helle ist oder eher nicht, ob ein Kind mit Schwierigkeiten beim Sehen gut lernen kann oder nicht – das ist hier an dieser Stelle plötzlich schlichtweg egal; die Diagnose reicht, um vollkommen leistungsunabhängig in einen Topf geworfen zu werden. Oder anders: Während es seit vielen Jahren – mit Zähnen und Klauen verteidigt – superduper wichtig ist, Kinder nach ihren Lern-Fähigkeiten zu sortieren, ist das bei Menschen mit Beeinträchtigungen total egal: Wer im Rollstuhl sitzt, kommt an die Rollstuhlschule, wer schlecht hört an die Schlechthörschule, wer noch schlechter sieht als Du mit Deiner dicken Brille an die Schlechtsehschule. Und so weiter.
Wer ein bisschen nachdenkt, dem fällt die erste schreiende Ungerechtigkeit innerhalb dieses Systems auf. Und im Hinterkopf stellt sich leise das erste Mal die Frage, ob die Einordnung von Kindern in die drei Leistungsstufen wohl wirklich so viel mit dem Kindeswohl zu tun hat, wie man gerne glauben möchte.

Um diese Einordnung zu verstehen, muss ich etwas in die Vergangenheit schauen. Das dreigliedrige System basiert nämlich auf einem dreigliedrigen, leistungsorientierten Gesellschaftsmodell aus dem (Achtung!) neunzehnten Jahrhundert. Die Hauptschule bereitet den Arbeiter auf sein Berufsleben vor, die Realschule den Kaufmann oder den Beamten auf seins. Und die späteren Akademiker werden im Gymnasium ausgebildet. Jeder bekommt also genau die Ausbildung, die er halt so braucht, mehr nicht. Ein Schelm, wem da kurz das undurchlässige indische Kastensystem in den Kopf schießt; ein kluger Kopf, der sich an denselben fasst und denkt: „Aber unsere Gesellschaft ist doch längst viel vielfältiger, das ist ja dunkelste Vorzeit?”
Ist es. Aber es hinterlässt uns mit einer Ahnung, warum Menschen, die dem Arbeitsmarkt nicht in üblichem Umfang zur Verfügung stehen konnten, in diesem System nichts verloren hatten. Und warum bei denen dann auch total egal ist, wie klug oder nicht klug sie so sind.
Folgerichtig gibt es an (fast?) keiner Sonderschule die Möglichkeit, ein Abitur zu machen, schon ein Realschulabschluss ist die Ausnahme.

Kurzer Exkurs: Nirgends in der ganzen Welt ist der schulische Erfolg so von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland. Und folgerichtig sortiert auch das (übrigens nahezu(1) einzigartige dreigliedrige) Schulsystem nirgend so effektiv die sozialen Schichten vor, wie hier.
Nein, dass Du(!) einen(!) ausländischen Hauptschüler kennst, der danach aufs Gymnasium gewechselt ist, ist kein valides Gegenargument.
*Singt*: Es gibt tausend gute Gründe, auf dieses Land stolz … Äh, wo war ich? Ach ja.

Zurück zum Sonderschulsystem: Begründet wurde es lange damit, dass man ja an einer besonderen Schule viel besser für die besonderen Bedürfnisse der Kinder sorgen kann. Und dieser Gedanke ist an sich vielleicht auch zuerst gar nicht dumm.
Aber: Im Ergebnis führt er dazu, dass nicht-beeinträchtigte Menschen die Menschen mit Beeinträchtigungen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Während Menschen ohne Beeinträchtigungen ihr Alltagsleben leben, gibt es dort ab der frühsten Kindheit, spätestens mit Beginn der Schulzeit eine lustige kleine Parallelwelt, die man hervorragend aus den Augen verlieren kann.
Alle anderen Kinder des Dorfs, der Stadt, des Viertels treffen sich täglich auf dem Schulweg, in der Klasse, im Bus oder auf dem Pausenhof. Und parallel sammelt unbemerkt ein Bus alle gleichartigen Beeinträchtigungen im Umkreis von teilweise bis zu hundert Kilometer ein und fährt sie in die nächste passende Schule. Genau, deswegen kommen diese Busse immer so mega-früh am Morgen. Dass da auch jeder theoretisch mögliche zarte Keim eines außerschulischen Soziallebens getötet wird, dürfte klar sein.
Nach der besonderen Schule gehts dann übrigens direkt weiter in die besondere Arbeitsstelle aka. „Behindertenwerkstätte”.
Ja, auch da kommt der kleine Bus um sechs Uhr morgens und ja, auch damit wird diese Parallelgesellschaft weiter zementiert. Oder mal anders: Schätzungsweise leben in Deutschland etwa zehn Prozent der Menschen mit einer Beeinträchtigung. Na, entspricht das Deiner Wahrnehmung im Alltag? Jeder zehnte?

Kurzer Exkurs: Eine weitere traurige Folge davon, dass die „normalen” nichts außerhalb ihrer heilen Welt kennen, kann jemand mit Interesse am über-den-Tellerrand-Gucken auch in einer Nachricht finden, die mir vor ein paar Tagen unter die Augen kam: In den vergangenen fünf Jahren sind 38 Menschen in Deutschland durch Polizeikugeln getötet worden. Zwei Drittel von ihnen waren nicht kriminell, sondern krank. Aber das nur am Rande, Exkurs Ende.

Fassen wir zusammen: Fair ist das alles im Endergebnis nicht. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint wussten schon kluge Köpfe schon Mitte der neunziger und so ist es für mich ehrlich gesagt total belanglos, ob jemand einen irgendwie nett gemeinten Gedanken dabei hat, wenn der im Endeffekt zu Ausgrenzung führt.

Schon 2006 sah das nach ein paar Jahren Beratung auch die UN so und verabschiedete die

Behindertenrechtskonvention, einen von 138 Staaten und der EU […] abgeschlossener völkerrechtlichen Vertrag, der Menschenrechte für die Lebenssituation behinderter Menschen konkretisiert, um ihnen die gleichberechtigte Teilhabe bzw. Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Wikipedia

Darin findet sich auch ein Abschnitt über

Schritte zur InklusionGleichberechtigte Teilhabe an der Gemeinschaft (Inklusion)
Dies beinhaltet unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft, Arbeit und Beschäftigung, angemessenen Lebensstandard und sozialen Schutz, Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport.
Aufgrund des Übereinkommens entspringt das Recht auf Teilhabe von Menschen mit Behinderung dem zentralen Menschenrecht auf Beachtung der Menschenwürde und ist nicht nur eine Frage des sozialen Wohlergehens. […] Es geht nicht mehr darum, Ausgegrenzte zu integrieren, sondern allen Menschen von vornherein die Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten auf allen Ebenen und in vollem Umfang zu ermöglichen.
Wikipedia

Also nicht: „Wir kümmern uns um sie”, sondern „Wir leben zusammen”.

Wir sehen also, Inklusion bedeutet viel mehr, als nur „behinderte Kinder” auf einmal in die „normalen Schulen” zu lassen.
Aber in Deutschland liest man momentan meist nur darüber. Artikel 24 der Behindertenrechtskonvention legt dazu fest:

Das Recht auf Bildung als Menschenrecht zu verwirklichen ist zentral für die Verwirklichung anderer Menschenrechte; dies trifft auch für das gemeinsame Lernen von nicht behinderten und behinderten Kindern und Jugendlichen zu
Wikipedia

Nach all dem bisher Gelesenen überrascht das nicht. Unser Schulsystem – egal ob Regel- oder Sonderschule, unser Schulsystem, dem wir unsere Kinder anvertrauen, damit sie fürs Leben gerüstet werden, hat seine Ursprünge in einem sehr soliden Klassensystem und seinem Erhalt. Schaut man dann noch, ob sich Kampf-Artikel gegen Inklusion eher in der FAZ oder eher auf Flyern auf links-alternativen Straßenfesten finden, dann merkt man schnell: Auch wenn noch so vordergründig um das Wohl der Kinder gekämpft wird, dann mag es da auch um den Erhalt von Privilegien gehen. Ob bewusst oder unbewusst, darüber kann jeder selbst spekulieren.

Aber es bewegt sich etwas, sonst hätte es das Thema ja nicht bis zu Jauch geschafft. Schon drei Jahre nach Verabschiedung der UN-Konvention hat auch Deutschland sie 2009 ratifiziert und sich dann auch langsam mal auf einen Weg gemacht. Förderschulen – formerly known as „Sonderschulen” – werden nach und nach aufgelöst, Sonderpädagogen wechseln zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern an die Regelschulen. Und schon weitere fünf Jahre später scheint diese langsame Bewegung tatsächlich so in Fahrt gekommen zu sein, dass es von besorgter Stelle Widerstand geben muss. Gerade konservativer Widerstand ist ja immer ein guter Gradmesser dafür, ob ein Thema die berühmte Mitte der Gesellschaft erreicht. Richtig interessant: An Grund- und Hauptschulen wird schon seit mehrere Jahren inklusiv gearbeitet; auch Realschulen gewöhnen sich schon länger um. So richtig in die Medien kommt das ganze Thema aber erst jetzt, wo die ersten Gymnasien sich öffnen sollen. Hmmmm.

Und so versucht dann bei #jauch eine Runde Menschen über Inklusion zu sprechen. Fehler eins: Sie sprechen nur über schulische Inklusion. Fehler zwei: Sie nehmen einen konkreten Fall als Anlass. Einen konkreten Fall an – Überraschung! – einem Gymnasium übrigens.
Oder die FAZ greift sich einen einzelnen Schüler heraus, einen der fast jeder schlimmsten Vorstellung entspricht, (und nebenbei perfide geschickt noch die Assoziation „psychisch gestörter Gewalttäter” in den ersten Absatz bringt), nimmt den als Aufmacher und wettert dann unter dem Deckmäntelchen „Das hilft keinem Schüler wirklich” gegen Inklusion.

Privilegien-Sicherung vom Feinsten also, Privilegien-Sicherung mit einem der ewig besten Mittel: Ausnützen von diffusen Ängsten und Ausnützen von Unwissen.
Denn: „Aber ein behindertes Kind am Gymnasium? Das kann doch auch gar nicht gehen?” höre ich es da hinten fragen. Doch. Aber dazu muss man wissen, wie der tägliche inklusive Unterricht aussieht.

Dazu muss man sich vielleicht erst noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass eine körperliche Beeinträchtigung oder eine Sinnesschädigung nichts mit dem schulischen Lernen zu tun haben muss; dass die FAZ zum Beispiel da fröhlich das schlimmst-greifbare Klischee nutzt, um eine deutlich heterogenere Gruppe über einen Kamm zu scheren.
Dazu muss man aber vor allem wissen, dass auch Kindern mit Entwicklungsstörung im Bereich Lernen (früher: „Lernbehindert”) prima mit anderen zusammen lernen können. Vielleicht nur nicht so viel, nicht so schnell und deshalb ganz simpel anders bewertet. Beispiel: Während für die Rest-Klasse das Ziel der Unterrichtseinheit vielleicht ist, die Bundesländer und ihre Hauptstädte zu kennen, ist das Ziel für sie vielleicht, den Text abgeschrieben zu haben. Oder, je nach Fähigkeiten etwas anderes. Aber sie haben es in der Gruppe mit allen anderen zusammen gelernt.
Genau dafür kommen ja die Sonderpädagogen mit an die Regelschulen: Die arbeiten mit den schon anwesenden Klassenlehrerinnen und -lehrern zusammen, ändern die Unterrichtsmaterialien ab, vereinfachen etwas oder passen es an und sind auch für die Zeugnisse „ihrer” Schützlinge zuständig.
Ergebnis: So können zum einen alle Schülerinnen und Schüler nach ihrem persönlichen Leistungsstand lernen und bewertet werden und zum anderen geschieht dieses Lernen nicht in einer Ausnahmesituation irgendwo in einer Sonderschule, sondern mitten im „ganz normalen” Leben.
Und da wir ja alle wissen, das Schule viel, viel mehr ist, als reine Wissensvermittlung, freuen wir uns, dass so alle, egal ob ob mit oder ohne Beeinträchtigung irgendeiner Art miteinander lernen und miteinander leben. Jeder lernt von andern. Immer.
Ich kenne zehnjährige, die aufs feinste unterscheiden können, ob ihr Mitschüler gerade durch die Klasse schreit, spuckt und pöbelt, weil er es nicht anders kann, oder weil er es gerade so möchte. Ersteres wird vollkommen ignoriert, zweiteres mit knallhart formuliertem Widerstand bekämpft – beides ja die jeweils perfekt angemessene Reaktion.
Wenn das mal nicht fürs Leben gelernt ist.
Weiß man das einmal, dann ist es auch vollkommen egal, in welcher Schulform das geschieht.

Natürlich passt so ein Zusammenleben und zusammen-Lernen nicht mit dem zusammen, was mir noch auf meinem Gymnasium vermittelt wurde: Dass wir nämlich etwas besseres seien. Aber sind uns nicht allen die Typen, die etwas besseres sein wollen sowieso arg unsympathisch?

Aber hier – kleiner Gedankensprung – wo wir gerade beim Zusammenleben und bei der Förderung jedes einzelnen nach seinen Begabungen sind: Wer sich schon einmal das IQ-Modell angeschaut und die dazugehörige Gauss’sche Kurve angeschaut hat weiß, dass es ziemlich exakt so viele Menschen mit einem IQ über 130 gibt wie Menschen mit einem IQ unter 70. Diese Schwelle markiert übrigens per Definition die Schwelle zur geistigen Behinderung.
Das bedeutet aber auch, dass in der Regelschule die überdurchschnittlich und hoch Begabten genau so wenig angemessen unterrichtet werden, wie die unterdurchschnittlich Begabten.
Wenn wir also den Unterricht öffnen und beginnen, Kinder nach ihren Fähigkeiten zu unterrichten und nicht nach einem Modell, das dem Arbeitsalltag des frühen Industrialisierungs-Zeitalters entspricht, schließt das auch die ein, die sich bisher einfach nur durch ihre Schulzeit langweilten und trotz, und nicht wegen der Schule etwas lernten.

Schaut man mal auf die Pisa-Studien der letzten Jahre, dann erinnern wir uns alle: So richtig töfte ist das in Deutschland in den letzten Jahren wohl nicht gelaufen, sonst wären die Ergebnisse da besser gewesen. Schaut man auf Finnland, einen der großen „Gewinner” dieser internationalen Vergleichstests, dann sieht man: Dort gibt es weder Sonderschulen noch irgendeine andere Art, Kinder nach ihren Leistungen in irgendeinen Weg zu pressen. Nicht verschweigen will ich, dass z.B. auch China bei Pisa sehr gut abgeschnitten hat – ein sehr rigides System, das auf Autoritätshörigkeit und Aufgabe der Persönlichkeit zu Gunsten des Gemeinwohls basiert.
Habe ich die Auswahl zwischen einem sozial eingestellten System und dem in China praktizierten, fällt mir die Entscheidung übrigens recht leicht.

Und überhaupt steht für mich am Ende (Glückwunsch, Du hast echt lange durchgehalten!) die Frage: In was für einer Gesellschaft möchten wir denn hier leben? Ausgrenzen oder zusammen? Ellbogen-Leistungsdruck oder Miteinander?
Ich weiß meine Antwort.

Tun wir also was dafür.

1) Korrektur am 26.5.2014: Deutschland hat nicht als einziges Land ein dreigliedriges Schulsystem, wie ich Dank Orianas Kommentar erfahren habe.


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47 Reaktionen

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Am 02.06.2014 um 11:03 Uhr meinte Doreen Kröber:

Also: Was tust du konkret vor Ort?

Engagierst du dich, wenn ja in welcher Form. Blogbeiträge hin oder her, wir benötigen einfach viele Menschen vor Ort, die die Eltern und Kinder in ihren Bemühungen um Inklusion tatkräftig unterstützen.

Liebe Grüße aus Berlin
Politgirl


Am 02.06.2014 um 11:20 Uhr antwortete Christian:

Da hast Du natürlich vollkommen Recht, nur schreiben und nicht hinter seinem Schreibtisch hervorkommen ist relativ wenig.
Hier in der Stadt gibt es, auf Initiative „meiner” Partei hin, einen recht groß aufgehängten Inklusions-Arbeitskreis und meine Liebste arbeitet als Sonderpädagogin in einer Grundschule und als Beraterin beim Schulamt – für Praxis ist also auch gesorgt.
Genau daher kam ja das dringende Bedürfnis, mal ein paar Grundsätzlichkeiten aufzuschreiben. Man stößt auf so viel Unverständnis und Unwissen, aus dem heraus dann argumentiert wird. Und deswegen finde ich BlogArtikel auch wichtig und nicht nichts :)


Am 02.06.2014 um 11:39 Uhr kommentierte Manuela:

Wenn ich das so lese, eigentlich ist mir das ja auch nicht neu, ich lese eher oft die gefrusteten, teils verzweifelten Berichte von Müttern mit eben nicht „der Norm“ (das ist jetzt nicht negativ behaftet) entsprechenden Kindern, wundere ich mich schon, dass es ausgerechnet bei uns auf dem Kuhdorf so anders läuft. Hier beginnt Inklusion bereits im Kindergarten und setzt sich in der Schule fort. Vielleicht ja gerade, weil wir hier in einem überschaubaren Rahmen leben, wo man sich kennt und natürlich Wert darauf legt, zusammen zu leben und nicht nebeneinander her.

Das endet hier auch nicht im Berufsleben, mir fallen da spontan mehrere Menschen ein, die mit körperlicher, oder geistiger Behinderung ihrer Arbeit nachgehen. Und damit meine ich nicht Behindertenwerkstätten.

Auf der anderen Seite fehlen hier die Möglichkeiten der Förderung bei hochbegabten Kindern. Dem stehen die Pädagogen ziemlich hilflos gegenüber. Aber vielleicht klappt ja auch das noch irgendwann, zumindest der Wille ist da, neue Wege zu beschreiten und individuell auf die Kinder zu reagieren.


Am 02.06.2014 um 11:42 Uhr antwortete stefanolix:

Es ist Tatsache, dass der Antrag der Eltern von Henry vom Gymnasium abgelehnt wurden. Es ist aber auch Tatsache, dass dieses Gymnasium ausdrücklich Wert darauf legt: Wir haben mehrere körperlich behinderte Schüler (u. a. Rollstuhlfahrer), die bei uns für das Abitur lernen. Gleiches sollte mit der entsprechenden Unterstützung auch für Hör- und Sehbehinderte möglich sein. Inklusion kann also auch in einem dreigliedrigen Schulsystem funktionieren, wenn es sich um Schüler handelt, die grundsätzlich das Ziel der Schule erreichen können.


Am 02.06.2014 um 11:48 Uhr wusste Christian:

Sorry, nein, das Ziel der Schule ist recht irrelevant. Das Zauberwort heißt „zieldifferentes Lernen” und/oder auch „individuelle Förderpläne”.


Am 02.06.2014 um 13:13 Uhr sagte muck:

Es geht nicht mehr darum, Ausgegrenzte zu integrieren, sondern allen Menschen von vornherein die Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten auf allen Ebenen und in vollem Umfang zu ermöglichen.
-> Der Sloagen beschreibt einen utopischen Idealzustand, der leider an der Realität Es geht nicht mehr darum, Ausgegrenzte zu integrieren, sondern allen Menschen von vornherein die Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten auf allen Ebenen und in vollem Umfang zu ermöglichen.
-> Der Sloagen beschreibt einen Utopischer Idealzustand, der leider an der Realität insofern scheitert, als dass es auch Behinderungen(?), && || Krankheiten wie z.B. MS gibt, die das Individuum in einen kaum noch lebesfähigen Zustand versetzen… bitte also hier vorsichtig Formulieren, falls Du nicht vorhast, einige Menschen a priori auszugrenzen. Gefahr erkannt?: „Du schreibst ja nur für Behinderte bis Schwerbehinderte & nich´ für Schwerstbehinderte, lagerst das Problem also nur nach hinten aus.“
Sry, wegen der Wortwahlwaffe… sollte einen kurzen scharfen Stich so um die Herzgegend herum erzwingen.

Gauss’sche Kurve angeschaut hat weiß, dass es ziemlich exakt
-> Sry, pedandantisch, weiß ich.
Sag´ einfach durchschnittlich anstelle von ziemlich & schon passt´s auf alle Fälle!

& pass mir auch bitte bei der Chinesenschubladisierung auf…
Die sind da – glaub´ ich – vielschichtiger, als ich mir das hier so vorstellen kann ;)

Mein Fazit: um Welten Besser als das Zeug, das Dich dazu motiviert hat, den Beitrag zu verfassen.
THX & Jo, let´s go!


Am 02.06.2014 um 14:05 Uhr antwortete Mela:

Danke.


Am 02.06.2014 um 14:58 Uhr kommentierte Doreen Kröber:

Hallo Christian,
sehr gut. Dein bzw. euer Engagement war mir nicht bewusst bzw. fand ich diese doch wichtige Information nicht.

Ich sage ja immer: Alle raus aus der Bubble und rein ins pralle Leben. Wenn jeder der schreibt/bloggt/twittert wie unsagbar xxx der Zustand ist – könnte viel mehr für alle erreicht werden.

Liebe Grüße aus Berlin


Am 02.06.2014 um 19:04 Uhr sprach Stefanie:

Hallo.
Danke für deine „Aufklärung“. So einiges war mir nicht bewusst.
Mir selbst ist wirklich aufgefallen, dass ich gar nicht weiß wie ich auf Menschen nut jedweder Beeinträchtigung zugehen kann, ganz einfach weil ich es nicht gelernt habe, es fremd ist. Du hast vollkommen recht, dass das Miteinander der Schlüssel ist und das am besten schon ganz früh.
Heute gab es eine Schlagzeile im „Berliner Fenster“ (UBahnTV): erste Hartz IV Schule soll nach dem Sommer eröffnen. Da wären wir dann wohl wieder einen Schritt zurück gegangen.

Herzlichen Grüße (auch Berlin) *immernochdenkopfschüttelnd


Am 02.06.2014 um 19:08 Uhr schriebNano:

Das ist ja in der Theorie alles gut und schön. Aber wir haben in inklusiven Klassen (ich bin GS-Lehrerin) keine sonder- oder förderschulische Förderung dabei!!!! Wir bekommen VEREINZELTE Stunden zugeteilt und sind im Schulalltag mehr oder weniger auf uns allein gestellt! Wie soll ein normalsterblicher GS-Lehrer ohne entsprechende Ausbildung plötzlich Lernbehinderte, Körperbehinderte und sozial gestörte Kinder auf einmal unterrichten und sie dabei noch optimal individuell fördern?? Ohne entsprechende personelle und somit finanzielle Mittel geht der Schuss nach hinten los! Aber dafür hat die Regierung kein Geld und nach außen wird sich mit Inklusion gebrüstet!


Am 02.06.2014 um 20:42 Uhr schriebChristian:

@Stefanie: Ja, so geht es vermutlich den meisten Menschen. Lesenswert ist da die Website http://www.leidmedien.de

@Nano: Ja, ich kenne das und das ist anstrengend und frustrierend und das darf nicht so sein. Und leider ist es oft so, ich weiß. Und ich kann mir leider Deine Situation vorstellen und ich will sie auch nicht kleinreden.

Leider führen genau solche Situationen dazu, dass es auch bei Lehrerinnen und Lehrern viel Widerstand gegen Inklusion gibt – und, falls Du es schaffst, von Deiner Situation einen Schritt zurückzugehen – das ist doch sehr schade. Denn meine grundsätzliche Frage bleibt: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, die Menschen ausschließt oder wollen wir das nicht?
Kannst Du Dir Unterstützung besorgen? Schulamt? K-Team? Förderschulen in der Nähe, kollegiale Fallberatung? Könnt Ihr Euch als Kollegium zusammentun und mehr Unterstützung einfordern?


Am 02.06.2014 um 22:37 Uhr sprach Nicole:

Ich arbeite an einer dieser sogenannten Förderschulen und ja, es gibt auch bei uns Schüler, für die die Inklusion eine Spanne an Möglichkeiten bietet – ca. 90 % unserer Schüler wären allerdings vollkommen überfordert mit einem „Regelschulalltag“ – hinzukommt, dass die viele Regelschullehrer nicht wissen, wie sie inklusiv arbeiten sollen. Warum? Weil sich da ein paar Schlaumeier zwar etwas sehr Soziales ausgedacht haben, etwas – dass nicht nur an unseren Schulen Einzug erhalten sollte, sondern das auch im gesellschaftlichen Umgang miteinander wirklich wichtig wäre – dennoch gibt es immer noch keine klar definierten Richtlinien und Anleitungen. Es gibt zu wenig Stunden für begleitendes Förderschulpersonal in den Regelschulen und das sorgt dafür, dass RS-Lehrer, wenn sie wirklich individuelle Förderpläne schreiben und als Arbeitsvorlage verwenden wollen, ein Wahnsinns-Vorbereitungspensum zu absolvieren haben. Darauf ist der bisherige Studienplan für Lehrkräfte nicht ausgerichtet. Die bisherigen Ansätze von Inklusion sind im Kern nicht schlecht – dennoch absolut unausgereift und oberflächlich, wie sich schon in verschiedenen Schulen deutlich zeigt. Solange nicht gewährleistet ist, das sowohl Schüler, Klassen aber auch ganz klar der Lehrkörper den Anforderungen einer ganzheitlichen und trotzdem individuellen Umsetzung von Inklusion gewachsen ist, sollte sehr genau abgeklärt werden, welchem Kind in der heutigen Zeit so etwas zuzumuten und auch wirklich angemessen ist. Für Kinder, die schon mit einem siebenköpfigen Klassenverband überfordert sind, ist eine „schulische“ Inklusion meines Erachtens völlig undenkbar! Da sollten dann vielleicht lieber in der Freizeitgestaltung Möglichkeiten der Begegnung mit „nicht eingeschränkten“ Kindern in Betracht gezogen werden?!


Am 02.06.2014 um 22:47 Uhr sagte Christian:

Ich sage, ich halte das bestehende Schulsystem für ungeeignet für inklusion (und für einiges andere), Du sagst, es ist aus Deinr Erfahrung im Alltag ungeeignet für die Inklusion – dann sollte man es wohl mal dringend ändern, hm?


Am 02.06.2014 um 22:54 Uhr sagte Nicole:

definitiv! :-D


Am 03.06.2014 um 8:24 Uhr antwortete MM:

Ich möchte bezüglich des in der Tat renovierungsbedürftigen Schulssystems doch noch einen Aspekt zufügen. Es wird immer so getan, als sei das Schulsystem so undurchlässig. Es stimmt natürlich auf eine gewisse Weise und stimmt zugleich auch nicht. In Diskussionen dazu, wird oft so getan, als sei mit der Schulbildung nach Hauptschule und Realschule Schluss und als sei dies dann das Ende. Jeder formale Schulabschluss kann jedoch über das Angebot des Zweiten Bildungswegs kostenfrei nachgemacht werden. Für den Hauptschulabschlus und Realschulabschluss gibt es Abendschulen und für das Abitur ebenfalls Abendschulen sowie Kollegs. Einige dieser Abendschulen bieten inzwischen auch Vormittags- und Nachmittagskurse an. Die Zugangsvoraussetzungen z.B. bei der Frankfurter Schule bestehen lediglich darin, dass derjenige 18 sein muss. Einen Hauptschulabschlus kann man nach zwei Semestern erhalten und einen Realschulabschluss nach vier Semestern. Beim Abitur sind es sechs Semester bzw. und soweit ich weiß sieben, wenn keine Grundkenntnisse der zweiten Fremdsprache vorhanden sind.

Natürlich möchte ich nicht nach dem Motto verstanden werden: Ach. Geh mal auf die Hauptschule und alles andere kannst du ja später machen. Natürlich kann es passieren, dass Schüler so entmutigt werden, dass sie das Lernen verlernen usw. oder ihnen eine völlige Chancenlosigkeit vermittelt wird. Das ist ja leider bittere Realität in diesem Land, wo – zumindest wenn man typische Karrieren verfolgt – der zunächst erworbene Abschluss von der Bildung und der sozialen Stellung der Eltern abhängt.

Dennoch: ich bin immer wieder verblüfft, wie wenig das Angebot des Zweiten Bildungswegs bekannt ist. Bei mir war es seinerzeit so, dass ich unter Vorbehalt auf die Realschule durfte. Nach der Realschule waren meine Noten nicht so gut, dass ich auf das Gymnasium hätte wechseln können. Das Abitur habe ich dann schließlich nach Ausbildung über den zweiten Bildungsweg gemacht und danach mit Abschluss studiert und die Zeit meines Zweiten Bildungswegs waren die glücklichsten Schuljahre meines Lebens. Bei uns waren zahlreiche ehemalige sogenannte Schulversager – auch auf der angeschlossenen Abendhaupt- und Abendrealschule. Natürlich lässt sich daraus nicht schließen, ob das jeweils auch so läuft, wenn man auf einer Hauptschule landet oder ob man da nicht vielleicht eher innerlich mit all dem abschließt.

Die Lehrer, die ich kenne und die an den Abendgymnasien arbeiten schwärmen in den höchsten Tönen davon, dort zu unterrichten (mal abgesehen vom Zentralabitur, das schon ein ziemlicher Einschnitt war). Sie sagen: Wir unterrichten hier Erwachsene, die sich selber dafür entschieden haben und die hoch-motiviert sind.

Soweit und ohne auf Inklusion eingegangen zu sein. Da stimme ich Christian zu. Auch ich halte das bestehende Schulsystem ungeeignet.


Am 03.06.2014 um 8:27 Uhr meinte Christian:

… ja, es gibt diese Möglichkeiten und ich kenne ebenfalls einige Menschen, die ähnliches wie Du berichten. Inklusion bedeutet dann übrigens, dass diese Möglichkeiten allen menschen selbstverständlich offen stehen. Ob sie das tun, weiß ich gar nicht. Du?


Am 03.06.2014 um 8:43 Uhr wusste MM:

Ich kenne zwei, die vorher aufgrund einer Lernbehinderung auf der Sonderschule waren. Einer der beiden hat in einem Kinderheim für Lernbehinderte gewohnt (Damals nannte man das alles noch so). Beide haben den Hauptschulabschluss dann auf der Abendhauptschule nachgemacht. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, ist das 15 bis 20 Jahre her. Darüber hinausgehende Infos habe ich leider nicht. Umgekehrt habe ich bisher von keinem Fall gehört, dass jemand wegen einer Behinderung abgewiesen worden wäre. Das muss natürlich nichts heißen und erhebt keinen Anspruch auf repräsentative Aussage dazu.


Am 03.06.2014 um 9:27 Uhr kommentierte Tabea:

Meine Tochter geht in einen Integrationskindergarten. Wir haben sie dort angemeldet, ohne zu wissen, dass es einer ist, weil es nicht kommuniziert wurde, ja sogar verschwiegen. Wir haben zufällig in der Elternsprechstunde davon erfahren, weil eine Sonderpädagogin eingestellt wurde und wir uns nicht erklären konnten wozu. Ich wette mit euch, da sind mindestens 50% der Eltern, die das bis heute nicht wissen.

Bitte versteht mich richtig, ich unterstütze Integration aber wie kann man das denn vom Staat unterstützen und dann total verschweigen?

Das zum Thema Aufklärung.


Am 03.06.2014 um 9:41 Uhr wusste Christian:

@Tabea: Warum „verschweigen”? Warum hätten sie es erzählen sollen? Hätte es Eure Entscheidung geändert?
Wenn wir wollen, dass das Zusammenleben mit Menschen mit eienr Beeinträchtigung normal sein soll, dann gibt es keinen Grund, es zu erzählen.

Oder sollen sie auch vorher kommunizieren, dass sie auch Mädchen aufnehmen? Dass sie auch Jungs aufnehmen, die Karl-Heinz heißen oder Kevin? Und – bevor Du jetzt sagst, dass das ja etwas anderes ist, dann überleg Dir, dass genau dieses „anders” ja das Problem ist.


Am 03.06.2014 um 9:43 Uhr sagte Christian:

@MM: ja, ich vermute, dass für viele, die von einer „Sonderschule” kamen oder kommen, der zweite Bildungsweg dann die einzige Möglichkeit ist. da wäre dann interessant, wie das finanziert wird, ob das vorgesehen ist, ob … ach, da geht das nächste Fass auf :(


Am 03.06.2014 um 9:49 Uhr antwortete MM:

Ich glaube, dass ist kein großes Fass. Für den Besuch der Abendhauptschulen, Abendrealschulen, Abendgymnasien und Kollegs gibt es BAföG (§ 2 Abs. 1 Nr. 4 BAföG) und der Besuch ist zumindest bei den staatlichen kostenfrei.


Am 03.06.2014 um 9:52 Uhr kommentierte Christian:

Du siehst mich etwas hoffnungsvoll gucken.
In meinem Hinterkopf wabert aber noch diese Geschichte rum, nach der arbeitende Behinderte, die eine Pflegekraft brauchen kaum Geld verdienen dürfen und ich bin noch nicht ganz überzeugt, dass es da nicht auch für die Ausbildung noch seltsame Fallstricke in unseren Gesetzen gibt.
Ja, sorry, ich bin da etwas negativ eingestellt …

(Nachtrag: Hier ein Link zum Hintergrund meiner Skepsis.)


Am 03.06.2014 um 10:11 Uhr ergänzte MM:

Ich hab grad mal geschaut wie das mit dem BAfög ist. Bei Abendhauptschulen und Abendrealschulen ist es elternabhängiges BAföG ab dem ersten Semester bzw. elternunabhängiges BAföG nach sechs Jahren Berufstätigkeit ab dem ersten Semester. Bei den Abendgymnasien wird BAföG nur für die letzten drei Semester gewährt und ist dann elternunabhängiges BAföG.

Wie gesagt: Das kann natürlich nicht die ganze Lösung sein und natürlich keine Ausrede, sich um den ersten Bildungsweg nicht zu kümmern, zeigt aber, dass es zumindest in der Erwachsenenbildung noch etliche Möglichkeiten gibt. Und natürlich welche, wo die Eltern so oder so in innerschulischen Belangen nicht mehr reinreden, da ja alle Studierenden erwachsen sind.


Am 03.06.2014 um 16:12 Uhr antwortete Steffen:

Das gefällt mir sehr gut, was du geschrieben hast, ich könnte an verschiedenen Stellen diverse Praxisbeispiele einfügen (aber das kann deine Liebste ja auch). Besonders gelungen finde ich die Schlussfolgerung, dass kein Kind nach seinen Möglichkeiten im derzeitigen, total veralteten Schulsystem gefördert wird. Ich versuche immer zu vermitteln, dass Inklusion ein Gewinn für uns ist, der nicht für ein Sparmodell (Einsparung der Förderschulen) geopfert werden darf. Ich mache derzeit gute (schulische) Erfahrungen mit offenem, inklusiven Unterricht, auch wenn es ein täglich sehr anstrengender Kampf ist, vor allem mit den Missverständnissen rund um Inklusion und reformpädagogischen Ansätzen – und immerhin an einer Schule in privater Trägerschaft gekämpft wird. Leid tun mir die unzureichend ausgebildeten Kollegen an schlecht ausgestatteten Grundschulen.

(Ganz heimlich freue ich mich ja über den Finnland-China-Vergleich. Wenn man dann überlegt, dass grad die Bayern in der Pisa-Studie recht gut abgeschnitten haben…)


Am 03.06.2014 um 17:27 Uhr kommentierte Christian:

Er hat Bayern gesagt, er hat Bayern gesagt! ;)

Ja, genau. Die unterichten afaik auch eher konservativ …


Am 03.06.2014 um 19:13 Uhr sprach Ulrike Schwenter:

…nur noch so ein GEDANKE. Inklusion BEDEUTET FÜR MICH VOR ALEM : NEUE Möglichkeiten des Lernens für alle Kinder zu ermöglichen. Schule muss sich schlicht neu definieren!!Die Gesellschaftlichen Ansprüche gehen weit über Bildung hinaus……Betreuung , Förderung ,Nachhilfe , Soziale Kompetenzen -alles soll Schule abdecken.
Aber dem gegenüber steht eine starre Lehrerschaft(Durchschnittsalter53/51 Jahre) und desaströse Ausstattungen der Schulen , übervolle Klassen und entnervte oder über-motivierte oder „bildungsferne“ Eltern!!
Es sei auch der Hinweis auf demographische Einflüsse gestattet sein -in nicht all zu ferner Zeit werden die Kinder(wenn sie es nicht schon sind) eine echte Minderheit in Deutschland sein!!!Und wie wir mit Minderheiten umgehen……na ja…….PS ich bin Mutter von 3 Kindern, die in 4 verschieden Bundesländern Bildung genossen haben…..


Am 04.06.2014 um 8:42 Uhr antwortete MM:

Zu Finnland und PISA: Diese zeigen oder beweisen im Grunde genommen für das Funktionieren von Inklusion nichts. Finnland hat beispielsweise Schüler mit Legasthenie von den PISA-Prüfungen ausgeschlossen. Allein das gibt im Vergleich zu Staaten, die das nicht getan haben schon eine Verfälschung der Ergebnisse. Finnland hat außerdem im Vergleich zu Deutschland ein erheblich geringeren Migrantenanteil. Nun mag Finnland hinsichtlich Inklusion weiter sein. Aus den PISA-Ergebnissen heraus zu schließen, dass Inklusion funktioniert ist vor diesem Hintergrund aus meiner Sicht ziemlich gewagt.

Auch kann man aus der Schließung von Sonderschulen / Förderschulen nicht zwingend auf einen allgemein-üblichen inklusiven Unterricht schließen. Das wird deutlich, wenn man sich diesen Artikel durchliest: http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/138/138.

„4. Es gibt unterschiedliche Organisationsformen unter dem Dach der Gesamtschule. Die Förderung für Schüler/-innen mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf erfolgt im Regelunterricht oder aber in einer Kombination aus Regelunterricht und sonderpädagogischer Kleingruppe oder in separaten Sonderklassen.

5. Der Unterricht für Schüler/-innen mit sozialen und emotionalen Entwicklungsproblemen und mit geistiger Behinderung findet häufig in Sonderklassen statt.“

Nun weiß man nicht, was „häufig“ bedeutet. Wenn aber „häufig“ der Unterricht von Kindern mit bestimmten Behinderungen in Sonderklassen stattfindet, dann ist das kein zieldifferenter Unterricht.

Dies ist sozusagen der dritte Grund, warum die PISA-Ergebnisse sich nicht eignen, um funktionierende Inklusion im Sinne eines zieldifferenten Unterrichts zu belegen. Sie sagen schon aufgrund der ersten beiden Fakten nichts für oder gegen bestimmte Schulsysteme oder Unterrichtsformen aus. Mal abgesehen davon: Finnland verfolgt ja dieses „Kein Kind zurücklassen“. Wenn es aber um PISA geht, werden auf einmal bestimmte Schülergruppen ausgeschlossen? Das finde ich dann schon unglaubwürdig.

Was wir dringend brauchen sind Erfolgsstories, methodisch-saubere Studien, sorgfältige und möglichst neutrale und objektive externe Evaluation und die Stimmen von Praktikern. Nun kriegt man die nur, wenn man es auch lebt. Da beißt sich dann die Katze in den Schwanz. Ich möchte das übrigens nicht als Gegenrede verstanden wissen.


Am 08.06.2014 um 22:13 Uhr sagte fujolan:

Danke danke danke.
Mehr gabs gar nicht zu sagen.


Am 18.06.2014 um 0:43 Uhr sagte oijhg:

Ich war von Anfang an als Körperbehinderte mitten unter den (scheinbar) Nichtbehinderten, erst im Kindergarten, später auf der Grundschule und dann auf dem Gymnasium (das ging mit einer sogenannten Integrationshilfe und leichten baulichen Anpassungen seitens der Schule), und hab mich lange Zeit auch für was Besseres als die Meisten und für total schlau gehalten. In Kontakt mit anderen Behinderten kam ich erst ziemlich spät, da war ich so um die 15, und musste selbst erstmal all meine Arroganz und Vorurteile loswerden, um ihnen auf Augenhöhe begegnen zu können. Heute bin ich froh, dass ich beide Seiten kenne und finde es immer wieder erschreckend, wie isoliert voneinander wir heutzutage in vielen Lebensbereichen immer noch leben und wie wenig wir übereinander wissen. Da existiert eine wahre Parallelgesellschaft, gut versteckt vor den Augen der Meisten.

Die meisten Probleme in diesem Zusammenhang entstehen doch erst dadurch, dass jemand den Stempel „behindert“ verpasst bekommt. Für Menschen mit Pickel auf der Nase errichtet man auch keine separaten Institutionen …


Am 26.06.2014 um 9:05 Uhr wusste Oriana:

Super Text, Danke! China schneidet bei PISA ausserdem vor allem so gut ab, weil sie die Schüler, die den Test absolvieren, nicht zufällig auswählen, sondern nur die besten schicken. Also noch ein Argument für Finnland :-). Deutschland ist übrigens nicht das einzige 3 (oder 4-) gliedrige System, in der Schweiz ist das auch so (und soziale Herkunft entscheidet auch hier zu einem grossen Teil über Bildungserfolg). Lieben Gruss


Am 29.06.2014 um 10:08 Uhr kommentierte Anita:

Mal ehrlich, wer braucht PISA?? Eine „Beweihräucherung“ derer, die „angeblich“ das „beste“ Schulsystem haben?? Ich brauch es nicht.

Denn auch die Pisa-Studie ist nichts anderes, als ein Leistungs(druck)system mit Schulnoten. Und an der Realität „schießt“ es massiv vorbei!

Wenn ich möchte, dass in der Gesellschaft Menschlichkeit gelebt wird, dann muss ich von klein auf den Menschen die Möglichkeit einräumen, dies zu lernen.

Nun kenn ich mich „leider“ nur mit Kindern aus, die auf sogenannten E-Schulen, am besten aufgehoben sind. Dort werden autistische Kinder gerne „einsortiert“. Aber Schulen, wo diese Kinder gezwungener Maßen nur auf „verhaltensgestörte“ Kinder treffen, können sie nichts gegenteiliges lernen!

Und auch den Rollifahrer einfach so ins Regelschulsystem einzugliedern, schlägt dann fehl, wenn man nicht die Veranstaltungen an seinen Möglichkeiten orientiert! Ich kann nun mal keine Wanderung über Wiesen und Felder machen und den Rollifahrer durch Zäune schleusen. Ich muss mehr darüber nachdenken!

Pfründe sichern, Stellen und Stellung der einzelnen Schulen bewahren, Angst vor der Veränderung ……. das sind die Hauptgründe, warum Inklusion so schleppend läuft.

Und es hat zwischendurch absolut den Anschein, dass die von Landeskultusministerien so gewollt ist. Denn wenn man die Organisationen der verschiedenen Behinderung befragt, dann haben die konkrete Ideen, wie man inklusiv arbeiten aknn. Aber deren Gedanken werden einfach „vom Tisch gewischt“!

Und so kämpfen die einzelnen Eltern ALLEINE (sofern sie überhaupt noch dazu in der Lage sind) alleine gegen das System und erstreiten Rechte und Nachteilsausgleiche über die Gerichte!

Der zweite Bildungsweg beeinhaltet übrigens die Fallstricke der Behörden, wenn man es nicht selber finanzieren kann!! Und wenn man vorher den Behördenirrsin überlebt hat, dann hat man ganz vielleicht noch Kraft dafür.


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Auch anderswo wird darüber gesprochen …

[…] Ich habe hier eine Leseempfehlung für Sie. Den Beitrag habe ich vorgestern durch Zufall entdeckt. Lang, aber lohnt sich: www.jawl.net – Inklusion. […]
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[…] Schule: Christian Fischer über das Schulsystem und die Inklusion, die hier irgendwie nicht verstanden wird. […]
[…] präsentieren. Empfehlen kann ich aber immerhin zwei wirklich gute, unaufgeregte und kluge Texte: Jawl: Inklusion und Dr. Mutti: […]
[…] Inklu­sion Chris­tian Fischer in einem sehr guten Text über das deut­sche Schul­sys­tem, das alte Klas­sen mani­fes­tiert und unter ande­rem daran schuld ist, dass die Her­kunft über den Lebens­weg ent­schei­det und nicht die Per­son. Er schreibt außer­dem über För­der­schu­len und för­de­rungs­be­dürf­tige Schü­ler und über Inklu­sion: „Wäh­rend es seit vie­len Jah­ren – mit Zäh­nen und Klauen ver­tei­digt – super­du­per wich­tig ist, Kin­der nach ihren Lern-Fähigkeiten zu sor­tie­ren, ist das bei Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen total egal.“ […]
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