Irgendein Gejammer auf irgendeinem Niveau.

Aus der Kategorie »just people«

Und dann lese ich nachts um vier einen Artikel, wie den hier von Kati, die erst einmal brav vorneweg schickt, dass es ihr natürlich besser geht, als jemand, der in Burkani Faso lebt, die sich aber trotzdem beschwert. Irgendwo, bei irgendwem.

Und ich denke: Scheiße, das geht so nicht. Doch nicht schon mit Anfang zwanzig. Weil: Ich kenn das doch alles, was Du da schreibst. Und das soll nicht so sein. Doch nicht schon mit Anfang zwanzig. Gut, ich bin nicht mehr irgendwasundzwanzig, ich bin vierzig. Und ich habe keinen Migrationshintergrund und meine Grundschullehrerin war auch davon überzeugt, ich müsse aufs Gymnasium. Aber dafür waren auf dem Gymnasium, als es darauf ankam, alle gar nicht mehr überzeugt und mein Oberstufenkoordinator, der mich hätte beraten sollen, der hat mir gar nichts empfohlen, nur, möglichst schnell den Raum zu verlassen und ich habe zwar auch eine drei in meinem Abischnitt, aber die steht woanders als bei Kati. Was auch nur beweist, dass ein schlechter Abischnitt überhaupt nichts aussagt.

Aber ich habe dann Zivildienst gemacht bei einer Stelle, der ich noch heute dankbar bin für alles, was ich da lernen durfte, denn die haben mir vertraut, das war ein bis dato sehr unbekanntes Gefühl, das habe ich sehr gemocht. Und dann habe ich begonnen, etwas zu studieren, und da hat mir zwar niemand mehr vertraut, aber immerhin haben sie mich in Ruhe gelassen und wenn ich mal nicht da war, dann war ich halt nicht da und wenn die Klausur, die ich am Ende geschrieben habe, nicht von mir war hats auch nicht wirklich gestört und irgendwie hat das alles schon gepasst und ich hatte einen Job, zu dem ich dreimal in der Woche gefahren bin und das war alles schon irgendwie ganz gut und ich hatte gelegentlich Zeit auf dem Pädagogenhügel zu sitzen – was nichts anderes bedeutete, als zwischen 98% Frauen vor dem Unigebäude in der Sonne zu liegen.
Und dann denke ich: Ja, so sollte das auch sein, so im dritten Semester, so mit Anfang oder Mitte zwanzig.

Ok, die Depressionsschübe, die kamen dann ja erst später und der BurnOut ja erst kürzlich, aber das ist ja ok, ich bin ja auch schon vierzig. Und dann merke ich, was für ein verfickter Unsinn das ist, es ok zu finden, wenn man mit vierzig BurnOut hat und statt dessen nur noch darüber erschrocken zu sein, dass andere schon im dritten Semester müde Briefe an das Leben schreiben müssen.
Und ich müsste vielleicht eigentlich auch einen müden Brief schreiben, aber im Moment wandere ich so haarscharf at the edge – damit ich immer wenn mich jemand fragt, wie es mir geht „Och jo“ sagen kann und das auch stimmt weil es alles ja schon viel schlimmer war – dass ich gar keine Kraft für müde Briefe habe.
Und dann gucke ich mich um, sehe die Menschen, die ich liebe und auch viele andere, sehe wie sich abstrampeln und rudern und kämpfen und immer tapfer lächeln dabei oder sarkastische Sprüche machen und denke: Irgendwie müsten viel mehr müde Briefe geschrieben werden. Und dass es gut ist, dass Kati diesen Brief geschrieben hat, Burkina Faso hin oder her. Denn so lange wir alle tapfer denken, dass es irgendjemand anderem bestimmt noch etwas schlechter geht und wir deswegen kein Recht haben, zu klagen, so lange tut sich eh nichts.

Und morgen, oder vielleicht auch gleich, wenn es heller geworden ist und die Schatten der Nacht gegangen sind, dann denke ich bestimmt wieder, dass man so etwas ja nicht schreiben kann. Wenn ein Kunde das hier liest. Oder wenn jemand von Euch, die ihr schon immer hier wart gar kein Bild von mir habt, dass ich müde Briefe schreiben sollte. Oder wenn ich heimlich, so zwischen den Zeilen schon immer nur müde Briefe geschrieben habe und es allen auf den Sack geht.
Aber dann ist es halt vielleicht einfach so. Und ich bin – auch wenn ich müde bin – meist ein netter Mensch und ein guter Webdesigner und Interneterklärbär. Aber wer weiß schon, was passiert, am Ende der Nacht, wenn das Nachdenken die Fassaden wieder glätten will.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

17 Reaktionen

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Am 06.11.2012 um 8:59 Uhr meinte Dentaku:

Scheiße eigentlich, in beiden Fällen. In allen Fällen. Statt müder Briefe sollten wir viel mehr empörte Briefe schreiben, denn es sind ja nicht wir sondern die Verhältnisse.

(gerade über die Schul- und Universitätsreformen könnte ich mich aufregen, denn die Leute, die da nach der Hetze rauskommen, sind im Arbeitsleben zu nichts zu gebrauchen. warum sieht man diesen Irrtum nicht ein und nimmt die Änderungen zurück? wem nützt es, wenn die Akademiker zwei oder drei Jahre früher arbeitslos sind?)


Am 06.11.2012 um 19:53 Uhr sprach Kiki:

Ja, ja und ja. Aber das Tolle an der Situation ist, daß man mit vierzig bzw. Mitte vierzig sozusagen schon einmal um den Pudding ist und weiß: es wird nicht einfacher. Keiner hat auf dich gewartet, auch wenn viele es schön finden, daß du da bist. Das, was du machst hat nichts mit dem zu tun, was du mal machen wolltest oder studiert hast und wird es wohl auch nicht mehr – jedenfalls, so lange du es nicht willst. Von Drecksjobs und Burnout und Depressionen stand nichts in der Reisebroschüre? Tja.

Du wirst ausgenutzt, unterbezahlt und weggeworfen, du bist entbehrlich. Nichts von dem was tust scheint einen Wert für irgend jemanden zu haben. Außer für dich selbst. Und wenn wir alleine auf die Welt kommen und alleine wieder gehen, warum geben wir uns dann nicht ein bisschen mehr Mühe, uns in der Zwischenzeit gut zu behandeln, wenn es sonst schon niemand tut?

Sucht Euch etwas, eine Aufgabe, einen Job, eine Idee und hängt Euch rein. Geht nicht die vermeintliche Abkürzung, nicht den scheinbar sicheren Weg. Newsflash – es gibt ihn nicht. Wenn Ihr dann schlecht schlaft und Existenzängste habt und nicht wisst, ob und woher die Kohle für die nächste Miete kommt, dann wisst Ihr wenigstens, daß es für Euch selbst ist und Ihr nicht für einen ungeliebten Job in einer ungeliebten Firma unter einem ungeliebten Chef am selbstgezimmerten Kreuz gestorben seid. Und nein, das heisst nicht, daß Ihr hingehen sollt und kündigen und fortan unter der Brücke schlafen und bei Regen Gedichte auf die Rückseite von abgepulten Dosenraviolietiketten schreiben. Nur, daß Ihr Eure Prioritäten sortiert, die Essenz dessen herausdestilliert, was Euch wirklich wichtig ist im Leben. Die Drecksjobs als Mittel zum Zweck versteht und nicht als Ziel.

(Been there, done that, got the T-Shirt.)


Am 06.11.2012 um 19:58 Uhr ergänzte Christian:

Wenn Du hier schon Macht-dies-Tipps hinschreibst (die ja alle sehr richtig sind. Auch wenn man ja auch da landen kann, dass man das macht, was man will, auch für sich selbst und nicht für einen Chef und man trotzdem ausbrennt) – dann mag ich ergänzen: Du darfst schwach sein. Nimm mal Hilfe an. Guck mal genau hin, den anderen gehts gar nicht so anders und sprich mit ihnen – kapsel Dich nicht ab. Du bist nicht alleine, sorg nicht selber dafür, dass Du’s bist.
Glaube ich. Ich weiß es ja auch nicht.


Am 06.11.2012 um 20:55 Uhr kommentierte Kiki:

Es kommt wohl drauf an, wie man gestrickt ist. Ich kann nur sehr schwer um Hilfe bitten, und mich mit anderen über die desolate Lage auszutauschen, kostet mich nu noch mehr Kraft und deprimiert mich nur noch mehr. Es ändert ja nichts. Aber wem’s hilft, klar. Wenn ich in so einem Burnout-Loch stecke, versuche ich etwas komplett neues zu lernen. Irgend etwas, das so weit wie möglich entfernt ist von dem, was ich gerade mache, wenn nicht räumlich, so doch wenigstens inhaltlich. Und man weiß ja nie, wozu man die neuen Fertigkeiten mal gebrauchen kann. Nach meinem ersten Burnout mit 25 bin ich ein paar Monate nach Maui, um Wellenreiten zu lernen. Und Ukulele kann ich jetzt auch spielen.
(Entschuldige, ich komme wieder so eklig selbstgefällig rüber, merke ich gerade. Will ich gar nicht. Bin ich gar nicht. Nur gerade zum x-ten Mal aus dem Loch geklettert.)


Am 06.11.2012 um 21:23 Uhr meinte Christian:

Je nach Tiefe des Lochs ist es halt schwer, ein paar Monate weg zu sein – an den emotionalen Löchern hängen ja auch gerne existenzielle dran. Vorne oder hinten oder wo auch immer.
Aber jeder hat seinen Weg und das ist ja auch richtig und wichtig so. Das ist ja oft genug auch Teil des Problems, dass man vom Kopf her den Weg raus, oder sogar den nicht-Weg-rein eigentlich weiß.
Und: Glückwunsch, wenn Du raus bist. Ich gerade nicht so.


Am 06.11.2012 um 23:49 Uhr sagte Johannes:

Offtopic: Kikis Spruch aus Kommentar #2 („Been there, done that, got the T-Shirt.“) ist nominiert für meine Favorites 2012.


Am 07.11.2012 um 10:19 Uhr sagte serotonic:

Um nochmal aufs Jammern zurückzukommen: Ich sehe „meine“ Menschen auch lieber ehrlich und mit reinem Herzen Jammern, Umstände beschimpfen und ihre Müdigkeit ausdrücken, als mit ansehen zu müssen, wie sie Coachingseminare besuchen, Lebensratgeberzeitschriften aufsaugen, ihr komplettes Leben methodisieren, nur um den alltäglichen Anforderungen zu genügen. Um ja auch immer diese vielbeschworenen und verfickten 200% (DAFUQ!) geben zu können.

Ich wünsche mir, dass wir alle wieder viel ehrlicher sein dürfen, wenn unser Wasserstand niedrig ist. Ich wünsche mir, dass wir Workarounds als Pflaster ablehnen dürfen, ohne kritisch beäugt zu werden. Ich wünsche mir, dass wir die Finger ordentlich in die Wunde legen dürfen, ohne gleich unsere Segel wieder reflexartig gen Funktionstüchtigkeit zu hissen.

(Davon ab bin ich überzeugt, dass wir (und damit meine ich Mensch UND Wirtschaft zugleich) eh einen höheren Preis für die Leistungsgesellschaft zahlen, als ein allgemein gesenkter Druck schlussendlich wirklich kosten würde.)


Am 08.11.2012 um 7:58 Uhr schriebThomas:

Und wenn ich all die Müdigkeit und Frustration abgeschüttelt oder nur für den Moment beruhigt habe und mit einem einigermassen ungetrübten Blick nach vorne schaue, merke ich, dass ich diese Tretmühle noch betreten muss, bis ich 67 bin. Das scheint mit Ende 40 noch weit und dennoch nah.
Ich mache meinen Job gerne, aber die Frustration über mangelnde Bezahlung und Anerkennung wird allmählich zum ständigen Begleiter, und wenn ich mal wieder aus dem Loch gekrochen bin und den Blick mehr oder weniger ungetrübt nach vorne wende, dann wird mir gleich wieder übel, denn dort sehe ich für den verbleibenden Rest Lebenszeit Altersarmut auf mich und viele Gleichaltrige zukommen, obwohl ich mein Leben lang „geklebt“ habe. Denn wenn ich heute schon kaum weiss, wovon und wie und ob nächsten Monat auch noch …, wie soll ich da noch groß vorsorgen?
Aber wie heisst es so schön: „Immer heiter, immer weiter.“ *lol* Auch wenn ich oft kaum mehr weiss, warum und wofür …
Für unsere Eltern und Großeltern war noch klar: Arbeiten, Rente, und dann lassen wir es uns noch mal richtig gutgehen – haben wir unsere Ziele nur aus den Augen verloren oder sind die heute einfach nicht mehr realistisch?


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[...] »Und morgen, oder vielleicht auch gleich, wenn es heller geworden ist und die Schatten der Nacht gegangen sind, dann denke ich bestimmt wieder, dass man so etwas ja nicht schreiben kann. Wenn ein Kunde das hier liest.« jawl: Irgendein Gejammer auf irgendeinem Niveau. [...]
[...] Eigentlich mag ich es ja gar nicht so, wenn was los ist, ich mag meine Tage ja eher streng strukturiert und geordnet, aber es scheint so, als ginge das im Moment nicht. Muss ich wohl auf mich aufpassen. [...]