Ivy Quainoo – Ivy

Aus der Kategorie »just music«

Es ist also da, das Album der „Voice of Germany“-Siegerin Ivy Quainoo.

Ich hatte im Januar ja noch diverse Gründe gefunden, die Sendung sehr zu mögen und finde auch im nachhinein, dass es das deutlich angenehmste Casting-Format im deutschen Fernsehen war. Und bin auch rückblickend immer noch begeistert, was für eine musikalische Qualität sich dort gefunden hatte. (Sorry, Herr Dürr, sorry Herr Raab)

Trotzdem war ich von der Siegerin Ivy nicht so begeistert. Eine tolle Sängerin, sicher, aber mir war sie zu glatt, zu langweilig, zu emotionslos. Oder, um es in Juroren-Speech zu sagen: Sorry, da hat mich nichts berührt.
Nun ist ihr Album da und ich bin ja nun musikinteressiert genug, dass ich es mir anhöre:
Zum Prozedere: Ich hab das Album vorgestern schon einmal nebenbei gehört, jetzt höre ich hin und schreibe quasi live.

  1. Do you like what you see
    … muss natürlich der Opener sein, damit man sich auch sofort erinnert. Ich persönlich bin ja eher ein Anhänger der These, dass die Single der dritte Song auf dem Album sein sollte, aber das ist so ähnlich wie Apple vs. Windows.
    Auch nach mehrmaligem Hören mag ich das Lied nicht, sorry. Zu James Bond-esk ist es mir, zu bombastisch am falschen Platz. Nun denn, sehen wir mal, was noch kommt.
  2. Shark in the water
    Das kommt auf den ersten Takten ja gleich ein bisschen fröhlicher daher. Nett.
    Dabei bleibts dann aber auch. Ich vermute, vier oder fünf BPM mehr hätten das Lied wirklich fröhlich gemacht, so marschiert es zwar ein bisschen, aber nicht wirklich. Oder liegts an den Bläsern, die hintenrum alles verkleben? Fazit: Ach hm.
  3. Break away
    Ah, die Ballade auf Platz drei. Fängt leider mit der Bohlen-Balladen-Tonfolge an, muss sich also echt anstrengen, diesen Fail auszubügeln. Die erste Bridge mit der fett verhallten Snare schafft das aber und ich mag wie sie dieses „lay my body down“ singt, das berührt mich irgendwo :)
    Aber: Wieso wird dieses Ding denn bitte am Ende nicht ganz groß? Hier der Bombast, der in der Single steckt am Ende mehr und wir hätten den ESC in der Tasche. Ach nee, da fährt ja dieser Milchbart hin. Doppelfail.
  4. Walk Man
    Schön, ein Uptempo-Dings nach der Ballade. Marschiert schön los, der erste Refrain erfreut mit Motown-mäßigem Voice & Handclaps und das ganze Ding macht richtig Spaß. Ein schöner Rhythmus aus fetten Teilen gegen diese Handclap-Teile, schöne Background-Vocals, ein sehr tanzbarer Groove. Sehr fein.
  5. You got me
    Fängt wieder geil an, sehr schön groovy, schön mowtonig. Dann ein Teil celebrating-the-big-voice dagegen. Nicht so tanzbar wie das letzte Stück weil der Groove öfter gebrochen wird, aber das machts auch interessanter. Auch sehr fein.
  6. I say a little prayer
    Hier singen doch die BossHoss mit? Das ist natürlich ein lustiger Kontrast, die beiden Rock’n’Roll-Stimmen gegen ihre Bombast-Stimme. Auch die Mundharmonika darf zum Einsatz kommen.
    Merkt Ihr, dass ich mich drum drücke, etwas zum Lied zu sagen? Ok: Niemand darf dieses Stück singen. Also nur, wenn er oder sie nicht Aretha Franklin ist.
  7. Whatever you do
    Eine lustig gezupfte Akustik-Gitarre, sie singt ein fröhliches kleines Melodielein drüber. Schön, das sie nicht in jedem Song beweisen muss, wie groß die Stimme ist. Nett und auch durchaus ein bischen mehr. Ein schönes Sommerabend-Liedchen.
  8. Glass Houses
    Hauptsächlich ein ziemlich pumpender Beat und darüber ihre Vocals. Ein bisschen schräger als der Rest – ja, ist ok. Hätten sie sich getraut, es noch minimalistischer im Beat zu machen – so in Richtung „Taken by a stranger“ – wäre es vielleicht sogar groß geworden. Aber halt auch sperriger, weniger eingängig.
  9. You can’t put a price on love
    Ist das Rockabilly-Reggae? Was ist denn das für ein Groove? Lustig. Ach guck, jetzt kommt die Motwon-Snare und die Handclaps dazu, jetzt wird’s rund. Auch ok.
  10. Richest girl
    Ah, eine Akustik-Gitarrenballade? Hm, höre ich da ein ausrangiertes Max Mutzke-Arrangement? Ich würde schon sehr tippen, dass da Herr Raab mitkomponiert hat. Ja, das landet auf der nächsten Kuschelrock. Nein, das ist kein Kompliment.
  11. Castles
    Ein Pop-Song. So im besten Sinne. Einer von denen, die sich schön aufbauen und wo man sich freut, dass es gleich losgeht, das da gleich mehr kommt, dass es gleich knallt.
    Tut es aber leider nicht wirklich, den Refrain finde ich schlichtweg langweilig. Autschn.
  12. Pure
    Nochmal Pop, nicht ganz so groß angelegt und deswegen auch nicht in der Mitte abgebrochen. Gefällt.
    Die Bridge ist ein bisschen einfallslos, aber zum Schluss hin wächst das noch schön, die Backings und Ivy haben Spaß miteinander, das gefällt wirklich.
  13. Soul Suckers
    Das Original von Amos Lee kenne ich nicht, aber das hier ist sehr schön. Sehr sparsam, Ivys Stimme ist wunderschön und nicht so bombastisch, die Melodie ist fein und die Streicher kleben nicht alles zu, sondern tragen das Ding schön.
  14. Shake it out
    Das ist der Bonustrack – live aus der Show, zusammen mit Florence Welch.
    Ja gut, das Stück musste natürlich irgendwie mit drauf. Ich steht ja wirklich gar nicht so sehr auf Bombast, aber Florence and the Machine sind schon eine echte Nummer. Und ich bin ziemlich überzeugt: Dieser Auftritt hat Ivy den Sieg gebracht. Stellenweise hatte ich das Gefühl, dass Florence das Zepter beim Singen gar nicht aus Höflichkeit an Ivy abgegeben hat, sondern weil diese kleine Casting-Show-Teilnehmerin sie da gerade rückwärts an die Wand sang. Nun gut, Stimme ist nicht alles, aber trotzdem: Puh.

Fazit:
Zwiespältig. Wie gesagt, ich mag Bombast nicht so und meine zuletzt geäußerte Überzeugung „Stimme ist nicht alles“ ist natürlich für eine Show, die die „Voice of Germany“ sucht nicht die beste Berwertungsgrundlage.
Das Album ist natürlich sehr gut. Es ist wohlkomponiert, die Songs sind wohldurchdacht aneinandergereiht, Ivy kann – keine Frage – sehr gut singen. Es ist ein gutes Album. Und wenn ich anfangen würde, „Ivy“ mit den „Ergebnissen“ anderer Casting-Shows zu vergleichen, dann hätte ich sowieso überhaupt nichts schreiben müsssen – das steht außer Frage. Aber gerade weil ich „The Voice of Germany“ mehr zugetraut habe, bin ich ja überhaupt auf die Idee zu so einer Album-Kritik gekommen.

Zurück also: Es ist ein gutes Album. Trotzdem bleibt insgesamt bei mir nur der Eindruck „nett“. Oder, um ein altes Zitat von ich-weiß-leider-nicht-wem auszugraben: Man spürt die Absicht und ist verstimmt.
Es ist mir zu kalkuliert gut.
Ich merke, ich glaube nicht mehr daran, dass man in ein paar Wochen oder auch Monaten der Zusammenarbeit Musik schaffen kann, die wirklich aus der Seele kommt und auch die Seele berührt. Man kann – das ist solides Handwerk – gute Songs schreiben, man kann kann gute Musiker gute Arrangements spielen lassen. Und versteht mich nicht falsch: Ich liebe gutes Handwerk, wirklich – und als solches bekommt „Ivy“ auch ’ne Menge Sterne von ’ner Menge möglichen.
Aber Ivy hat mit ihrem Gesang nie meine Seele berührt, die Chemie hat fast nie gestimmt. Und ich fürchte: das liegt nicht nur an Ivy und mir. Sondern daran, dass es bei dem Konstrukt „Casting-Show-Sieger-Album“ überhaupt schwer ist, eine funktionierede Chemie zu finden. Egal, ob zwischen Song-Schreibern, Produzent, Musikern und Siegerin oder dann auch zwischen Siegerin und Publikum.
Also bleibt nur solides Handwerk, und das respektiere ich, das finde ich toll, aber das reicht mir bei Musik nicht dauerhaft.

*) Ja, ein affliate-Link
**) Nein, kein affiliate-Link


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