Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Kleinstadtstraßen

Gerade kam ich auf meinem Weg durch meine Stadt mal wieder von den großen Straßen ab …

… und kam an ihrem Haus vorbei.
Beziehungsweise an dem Haus, wo sie zum Schluß gewohnt hatte. Bevor sie verschwand.
Aber der Reihe nach.

Kennengelernt hatte ich sie, als sie noch zur Schule ging. Im letzten Jahr vor dem Abi war sie dann noch auf eines unserer Gymnasien gewechselt, nachdem sie die Jahre davor auf einer Waldorf-Schule verbracht hatte – noch Jahre später erzählte sie uns spöttisch, dass sie ihren Namen tanzen könne.
Vielleicht musste sie deswegen etwas nachholen, wo wir anderen jahrelang Zeit für gehabt hatten.
Die erste Berühmtheit in der kleinen Stadt erlangte sie damit, dass sie eine Philosophie-Klausur „auf Pilzen“ geschrieben hatte. Sogar recht erfolgreich.
Dann hörte man, sie könne nicht nur ihren Namen tanzen, sondern auch singen. Gut sogar. Und so lernte ich sie kennen: Sie sang als Background- und auch manchmal Lead-Sängerin in unserer Blues und Soulband. Und sie sang wirklich gut.
Außerdem lebte sie gut. Sie brachte uns eine Menge des leicht anrüchigen Blues-Feelings in die Band, das man als 20-jähriger Abiturient sonst nur schwer einigermassen in seine Musik transportiert bekommt. Sie soff, rauchte, kiffte, trieb sich nächtelang herum, sang bei jeder Session in jeder scheiß Kneipe der Umgebung und schleppte immer wieder die Jungs an, die dann zu unseren Konzerten kamen und unseren Namen durch die Stadt trugen.
Uns und der Musik war das mehr als genug.
Ihr wohl nicht. Und so lernte sie auf einer Reise nach Afrika neben Landschaft und Lebensgefühl auch noch das Heroin kennen.
Ich habe Probenraum-Mitschnitte von damals, auf denen man den gesamten Trip nach einem heimlich auf dem Klo gesetzten Schuß in ihrer Stimme hören kann. Verwirrung am Anfang, ein unglaubliches Hoch und dann der Absturz.

Nachdem sie schnell hintereinander den ersten Entzug und den ersten Rückfall hinter sich gebracht hatte, nachdem sie anfing uns die dümmsten Geschichten zu erzählen, um sich Geld zu leihen und sich die Band darüber zerstritt und auflöste haben wir sie noch ein paar mal besucht.

Einer der Jungs hatte wohl mehr in der Birne gehabt als THC und die Hoffnung auf eine schnelle Nummer auf dem Backstage-Klo. Er liebte sie wirklich und hatte eine Art Notfallprogramm gestartet. Hatte eine Wohnung, ein Auto und einen Studienplatz besorgt. Hatte ihr einen Stundenplan zusammen gestellt und begleitete sie zur nächsten Vorlesung. Es sah gut aus.

Dann räumte sie ihm die Wohnung aus und verschwand. So gründlich, dass uns allen klar war, dass sie es nicht überlebt hatte. Der Junge kann mich noch heute auf der Straße nicht grüßen, so sehr musste er sich von allem, was ihn an sie erinnerte lossagen.

Über 10 Jahre später habe ich nach ihrem Namen gegoogelt konnte und habe sie als Background-Sängerin irgendwo entdeckt. Erzählt habe ich es niemand. Wer sie suchen will muss das schon selbst tun.

5 Antworten zu “Kleinstadtstraßen”

  1. Allanna sagt:

    Hm… kurzzeitig fühlte ich mich an Janis Joplin erinnert. Aber der Bogen Ihrer Geschichte ging in eine andere Richtung. *Hutab*

  2. Christian sagt:

    Ja, ich fürchte, sie selbst fühlte sich auch an Janis erinnert…
    *Merci*

  3. Thomas sagt:

    „Schöne Geschichte“ würde ich schreiben, aber sie ist ja weder „schön“ noch eine „Geschichte“. Also eher: „Wunderbar erzählt“.

  4. Christian sagt:

    Nein, so besonders „schön“ war das nicht. Trotzdem: merci :)

  5. […] Ein kluger, junger Mensch, dessen Geschichte ich auch schon einmal hier im Blog betrauert habe. Live mit zu erleben, was die falschen Drogen aus einem Menschen machen können ist sehr traurig. Aber auch in verführerischen Momenten eine hilfreiche Erinnerung. […]

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