Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

#LeFloid interviewt die Kanzlerin

Ich richte diesen Text an ein „Dich“ bzw. ein „Ihr“. Ihr seid garantiert medienkompetent genug festzustellen, ob Ihr persönlich gemeint seid. Ich vertraue da fest auf Euch.

tl;dr: Die Reaktionen auf LeFloids Interview zeigen, dass die die fordern, man müsse beweglich sein und sich den neuen Medien anpassen, keine Lust haben beweglich zu sein und sich den neuen Medien azupassen, wenn die neuen Medien nicht so sind, wie sie es sich vorstellen.

LeFloid interviewt also die Kanzlerin und alle sind überrascht, dass er sie nicht dazu kriegt, die Verpartnerung abzuschaffen und die Ehe für alle zu öffnen oder Edward Snowden als Nationalhelden anzuerkennen.

Serious, folks?

Fangen wir mal vorne an. LeFloid ist einer von diesen YouTubern. Einer also, den ihr in Eurer Blase aus Gedanken wie „Blogs sind nicht tot, sie riechen vielleicht nur etwas muffig“, „Twitter rules, immerhin habe ich 983 Follower“ und den endlosen Diskussionen darüber, ob die Zeitungen jetzt hinter Paywalls oder nicht, ob sie auf facebook oder nicht publizieren sollten oder nicht, noch vor einem Jahr gar nicht kanntet.

LeFloid ist einer, der aus seinem Jugendzimmer in hektischen Schnitten News kommentiert. (Das ist doch immerhin besser als die Super-Unterhaltung Eurer Jugend, als Kristiane Backer zu hektischen Schnitten Musikvideos kommentierte, oder?)

Und YouTuber, Ihr erinnert Euch vielleicht, das waren die, die damals bei den ersten großen Netzpolitik-Demos die Leute auf die Straße gekriegt hatten. Weil sie dummerweise zwischen zehn und hundertmal mehr Reichweite haben als Ihr. Weil sie Fans haben und nicht Follower.

LeFloid habe ich außerhalb seiner Videos das erste Mal gesehen, als er in einer Sendung auf einem der ZDF-Digitalkanäle mit Oliver Kalkofe und einem Programmverantwortlichen des ZDF über die Zukunft des Fernsehens sprach. Und der auf den Satz „die Menschen werden immer lineares Fernsehen sehen“ mit dem überlegenn Lächeln desjenigen reagieren konnte, der normalerweise zehnmal so viele Zuschauer hat, wie diese Sendung im „richtigen“ Fernsehen. Mit dem Lächeln desjenigen, der nicht nur für seine 1500 facebook-Abonennten immer wieder mal fordert, dass Medien sich ändern müssen. Sondern der schon lange und erfolgreich was macht.

Natürlich war das Interview mit der Bundeskanzlerin nicht erhellend. LeFloid ist kein Journalist, er will auch keiner sein. Er hat quasi keine Übung in dem, was er da tat.
Frau Merkel wiederum ist, auch wenn man das in ihrer scheinbaren Purzeligkeit manchmal übersieht, so knallhart Medien-gecoached wie vermutlich sonst niemand in diesem Land und an ihr haben sich schon ganz andere, sogenannte gestandene Journalisten die Zähne ausgebissen.

Wenn ein Kanzlerduell uninteresant und nichtssagend ist, dann ist Frau Merkel schuld. Wenn LeFloids Interview nichtssagende Antworten hervorbringt, dann ist es der 27-jährige Student? Merkt doch mal was.

Vielleicht war es ja doch erhellend, vielleicht ist ja genau das die Botschaft, die übrig bleibt: Medien ändern sich – vielleicht nur nicht so und nicht da, wo wir es erwartet haben. Und vielleicht ist Frau Merkel das vollkommen egal, sie sitzt auch das aus.

Fangt endlich mal an, Eure scheiß ach-so-erwachsene „braucht kein Mensch“-Haltung abzulegen und zu begreifen, dass Eure Kinder durch LeFloid wenigstens mal was von Frau Merkel gehört haben. Und zwar vermutlich deutlich mehr, als Ihr mit 15 von Herrn Kohl gehört hattet.
Wenn sie aus dem Interview mitnehmen, dass unsere Kanzlerin LeFloid nicht ernst nimmt und mit den gleichen ausweichenden Phrasen abspeist, wie sie es immer befürchtet haben, dann haben sie schon etwas wichtiges gelernt.
Und ich möchte wetten, dass LeFloid niemand ist, der seinen Fans empfiehlt, als Lösung dieses Problems halt nicht mehr wählen zu gehen – wäre es so unpolitisch, hätte er da nicht gesessen.
Absolut.

Aber Ihr, passt auf Euch auf, sonst werdet seid Ihr nämlich exakt so, wie Ihr es gerade denen vorwerft, die 5 Jahre altmodischer sind als Ihr.

13 Antworten zu “#LeFloid interviewt die Kanzlerin”

  1. Lucas sagt:

    Ich finde die Medienschelte auch etwas affig und stimme der Grundkritik des Artikels zu, andererseits finde ich auch etwas strohmännisch hier einen Rundumschlag ohne konkrete Verweise zu machen, Meeienkompetenz in allen Ehren. Davon einmal abgesehen: Abseits der nicht notwendigen joirnaliatischen Fachlichkeit war das Gespräch letztendlich Merkel-Promo und das muss man nicht toll finden.

  2. Jens Best sagt:

    Er war halt nicht inhaltlich vorbereitet. Das muss man sich schon als Kritik gefallen lassen. Er kreuzt da mit genügend Vorlaufzeit mit einer übersichtlichen Menge an Themen auf und bekommt es nicht mal hin eine argumentative überlegte Nachfrage zu stellen.

    Es geht nämlich nicht darum, Frau Merkel zu ändern – das geht nicht mehr. Merkel muss weg, denn sie verkörpert ein apolitisches Wesen, in dem man Dinge sagen kann, die sich erkennbar widersprechen, aber keinen argumentativen Widerspruch ernten.
    Wenn LeFloid da mal an der ein oder anderen Stelle etwas „gegen-gemeint“ hat, dann lief es darauf hinaus, dass beide feststellten, dass man da halt zwei Meinungen zu haben kann – das ist aber keine Politik oder auch nur gelebter Diskurs, das ist Kindergarten a la „mir gefällt blau, ja mir gefällt gelb“. Politischer Diskurs, an dem sich die Werte einer Gesellschaft schärfen ist das, was fehlt, wenn man mit PR-Angela redet und eben nicht nachfasst, nachfasst, nachfasst. Der Typ hat sich benutzen lassen und damit final jegliche substantielle Glaubwürdigkeit verloren.

  3. Christian sagt:

    Vielleicht hat er ja auch nur gezeigt – in einer anderen Form, als „wir“ es gewohnt sind – dass man bei einer Kanzlerin die nicht inhatlich vorbereitet ist auch als Fragensteller nicht inhaltlich vorbereitet sein muss?

    (Ich weiss weder, ob ich das glaube, geschweige denn, dass ich es gut fände. Ich mag inhaltlich vorbereitet sein. Ich mag auch eine erkennbare Haltung, bzw ich hasse das erkennbare Fehlen einer solchen aber der Gedanke schoß mir gerade in den Kopf.)

    Ich versuche verzweifelt, mich zu erinnern wie ich mit 15 war und das gelingt natürlich nicht. Aber ich werde, glaube ich, gleich mal die Comments seiner Kommentatoren lesen gehen. Ich habe ein Bauchgefühl, dass Frau Merkel sich mit diesem Auftritt keinen Gefallen bei „den jungen Leuten“ getan hat.

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