Leute, Ihr habt ein Problem.

Aus der Kategorie »just people«

Und mit „ihr“ meine ich jetzt mal Deutschland. Alle. Nicht nur „die da“.

tl;dr: Das Problem ist, dass sich dieses Land von Menschen abhängig gemacht hat, die es nicht mag. Deren Arbeit es nicht versteht und erst recht nicht wertschätzt, Menschen, die es im allgemeinen verlacht oder so weit wie möglich von sich fern hält: Den Nerds.

Schaut man sich eine typische Schule an, schaut man sich eine aktuelle oder auch eine alte Fernsehserie an, dann sieht man: Braungebrannte, sportliche Typen sind beliebt. Die mit der Brille, oder die, die im Schach-Club (ups, das war jetzt das amerikanische Film-Klischee) und in der Computer-AG sind, die habens schwerer. Die kriegen keine Mädchen, die kann man auf dem Schulklo einsperren. Oder höchstens mal eben ihre Dienste abgreifen, wenn man jemanden braucht, der den Schulcomputer hackt, um die Fehlstundenzahl herunter zu setzen.

Schaue ich mir einen deutschen Krimi an, dann sehe ich: Die echten Komissare sind harte Typen. Diejenigen, die im Labor die forensische Arbeit machen sind lustig verschrobene Gesellen, die nie ans Tageslicht kommen. Und auch wenn ihre Arbeit den Fall löst, so ist das nur lustige Zuarbeit: Den Heldenruhm stauben die ab, die dann noch 5 Minuten hinter dem Täter her rennen und sich beim Schusswechsel noch einmal in den Matsch werfen.

Aus dem amerikanischen haben wir für die, die da im Schatten vor sich hinwuseln, den Begriff Nerd übernommen. Der ist dort ein Schimpfwort.

Seit ihr alle Computer zu Hause habt, pflegt ihr ja alle mindestens eine lose Bekanntschaft zu einem solchen Nerd – denn irgendwer muss ja das WLAN einrichten und den Rechner wieder flott kriegen, wenn er hakt. Seufzt der Nerd dann beim zweiten und dritten Rechner-wieder-flottmachen und erinnert Euch an ein paar Sichgerheitsregeln, die er Euch genannt hatte, dann sagt Ihr „jaja“. „Jaja“ wie „leck mich am Arsch“
Und auch wenn Ihr ihm irgendwie dankbar seid – ob er dann aber auch auf die große Gartenparty eingeladen wird, das ist zweifelhaft.

Ich habe ernsthaft Menschen – sogar Freunde – erlebt, die wirklich dachten, es würde mir Spaß machen, ihren komplett virenverseuchten Computer zu sichern, Datei für Datei zu untersuchen und dann wieder ein sauberes Betriebssystem zu installieren. „Und Word, das haste doch bestimmt da!“
Der nach allgemein gesellschaftlich anerkannten Regeln unhöflichste Anruf kam an einem Ostersonntag um 13:00. Ich sollte sofort kommen. Für umme natürlich und mich beeilen, es war ja schließlich Ostern.
Einen habe ich mal gezwungen, die gesamte Zeit neben mir zu sitzen; die abschließende Wertschätzung der 12 Stunden Arbeit lautete immerhin „is ja doch ne Menge irgendwie“. Und ich weiß, dass die eine Hälfte meiner Leser jetzt wissend nickt.

Vor ein paar Jahren haben die Nerds eine Partei gegründet. Nein, was habt Ihr gelacht. Und auch, wenn die Nerd-Partei zwischenzeitlich ein paar ganz beachtliche Erfolge hatte, so habt Ihr sie aber doch mit gerunzelten Augenbrauen beobachtet und wart froh, dass sie sich dann wieder selbst demontiert haben.

Nur – und damit komme ich zu dem in der Überschrift versprochenen Problem:
Ohne uns Nerds funktioniert das Land nicht mehr. Nichts. Gar nichts, nirgends. Wenn alle Admins dieses Landes morgen streiken und hinter sich den Aus-Schalter drücken, dann steht zehn Minuten später alles still. Dann ist Steinzeit. Auch keine Heizung, kein Benzin für die Autos, kein Telefonnetz, kein Radio, kein Fernsehen, keine Zeitung am nächsten Morgen. Denn auch alle diese vermeintlich analogen Techniken sind vollkommen von digitalen Steuerungen abhängig.

Dummerweise behandelt Ihr die Nerds immer noch, als wären sie kleine dumme Jungs, die Euch mit ihren Computerspielzeugen nerven wollen, wenn sie Euch etwas über Datensicheheit oder auch nur über die Bedienung des neuen Rechners erzählen wollen.

Der Bundestag zum Beispiel, der wollte sich auch nicht von den Brillenträgern nerven lassen.

Es gibt aber noch einen viel simpleren Grund, warum der Bundestag derart einfach angegriffen werden kann: Die Abgeordneten sind bequem. Früher musste jeder USB-Stick, den ein Parlamentarier von draußen mitbrachte, von IT-Fachleuten kontrolliert und für den Einsatz freigegeben werden. Das ist mühsam. Deswegen haben die Abgeordneten durchgesetzt, dass sie seit einiger Zeit relativ uneingeschränkt eigene Hard- und Software an die Bundestagscomputer anschließen können.
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/hackerangriff-auf-bundestag-…

Tja. Dumm gelaufen, hm?
Aber ich wollte ja nicht über „die da“ lästern – und seid ehrlich: Ihr behandelt Euren Computerspezi doch auch nicht besser. Ihr sagt ihm, wies laufen soll und seine Erklärungen interessieren so mittel viel und wehe, wenn er Euch einschränken will
Lese ich hier die Erfahrungen eines IT-lers aus einer Kommunalbehörde, dann nicke ich bei jeder einzelnen Zeile.

Niemand hat Euch, niemand hat die Welt gezwungen, alles zu digitalisieren, alles aus Bequemlichkeit kleinen Rechenknechten in die Hand zu geben. Nur: Wenn man sich einmal abhängig gemacht hat – dann ist es ein ganz minikleines bisschen ungeschickt, nicht auf die Leute zu hören, die wissen, wie man mit dem ganzen Scheiss umgeht. Oder sie sogar mies zu behandeln.


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39 Reaktionen

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Am 15.06.2015 um 16:26 Uhr ergänzte Kiki:

.


Am 15.06.2015 um 21:17 Uhr sagte Dentaku:

(seufz)


Am 16.06.2015 um 8:40 Uhr kommentierte Nessy:

Jo.


Am 18.06.2015 um 23:04 Uhr kommentierte Rebekka.:

Puhhhhhh. Jo.


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