Liebe Firma Audi,

Aus der Kategorie »just people«

… gestern hatte ich Post von Euch im Briefkasten. Ich freute mich, denn im Radio hatte ich in letzter Zeit viel verwirrendes von Euch gehört. Aber irgendwie bin ich jetzt nicht viel schlauer.

Ich muß vorwegschicken: Ich liebe Audi. Seit guten 30 Jahren. Ich weiß nicht genau wie, aber mein Freund, dessen Vater einen Audi 100 fuhr schaffte es, dass der Audi seines Vaters cooler war als der 5er BMW meines Vaters. Vielleicht war auch es die Werbung, die damals das erste Mal das Wörtchen cw-Wert nutzte oder beides zusammen? Ich weiß es nicht. Ich wusste nur: Wenn ich groß bin, will ich einen Audi fahren.

Meine Liebe stieß nicht auf viel Zustimmung. Wie gesagt: „Wir“ fuhren BMW und so beschränkte sich meine Liebe erst einmal auf das Auswendiglernen von Audi-Prospekten, die ich von den grinsenden Verkäufern im örtlichen VAG-Haus erbettelte.

Dann begann ich, mich in einem eher ökigen Freundeskreis zu bewegen und auch dort war ich natürlich dann sehr einsam mit meiner Vorliebe. Rostige R4s oder bunte alte VW-Busse waren angesagt. War mir egal. So egal, das mir eine Freundin im Streit mal an den Kopf warf, wir würden doch eh nie ein eigenes Haus haben, bis ich nicht meinen blöden Audi 80 Kombi besäße. „Avant“ korrigierte ich mit gequältem Gesicht, was den Streit aber auch nicht schneller beendete. Insgeheim aber stellte ich fest: Abgesehen davon, dass wir noch nie über ein eigenes Haus gesprochen hatten, fand ich das aber eine durchaus logische Reihenfolge.

Es dauerte dann noch ein paar Jahre aber vor ein paar Jahren konnte ich mir dann meinen ersten Audi leisten. Für viele Leserinnen in meiner kleinen, sehr urbanen Blog-Blase mag das jetzt doof klingen – lese ich doch von Euch meist eine grundsolide allgemeine Autoverachtung – aber mir hat das etwas bedeutet.
Und auch nach sechs Jahren mit einem A3 macht es mich immer noch froh, wenn ich vors Haus trete oder auf einem Parkplatz zurück zu meinem Auto komme und ich kann mich immer wieder an der Schönheit dieses Wagens erfreuen. Ebenso, wie ich, wenn ich drin sitze mich daran erfreue, dass er mich zuverlässig, komfortabel, schnell und sparsam überall hinbringt, wo ich möchte. Und er ist so schön.

Außerdem bekomme ich, seit ich von VW zu Audi umgestiegen bin immer wieder mal hübsche Post. Eure Kundenzeitung kommt schon ziemlich lifestylig daher, aber es macht mir Spaß sie zu lesen.

Gestern das, das war aber keine Kundenzeitung. Ich dachte, es wäre jetzt vielleicht einmal eine Information zu den von Euch verbauten Motoren, eine Info darüber, ob jetzt Ihr oder ich oder wer sonst oder niemand Steuerbetrug begangen hat, vielleicht Infos darüber, wer den Mist jetzt ausbadet, vielleicht ein Sätzchen oder zwei dazu wie Ihr es damit haltet, dass mein Auto doch jetzt vermutlich einen ziemlichen Wertverlust hingenommen hat und ich zum Ende meiner Leasingdauer vielleicht echt gekniffen bin, weil irgendwer bei Euch eventuell meinte betrügen zu müssen. Muss ich ab jetzt mehr Steuern zahlen? Oder habe ich „Glück gehabt“, nur andere nicht?
All das zu erfahren hätte mich gefreut. Bis jetzt ist die Informationslage eher dürftig und als ich letztens im Autohaus war, da stammelte der Meister dort irgendwie rum, meinte, ich bekäme auch noch Post von Euch, aber er wisse leider nicht was da drin stehe. Er wisse leider auch nicht genau, wie es weiter ginge, ich müsse aber vermutlich Anfang des Jahres mal in die Werkstatt kommen. Softwareupdate wahrscheinlich. Was dann da gemacht würde wisse er nicht und vielleicht wäre mein Verbrauch danach höher, das wisse er aber nicht so genau.

Das. Ist. Keine. Gute. Kommunikation, liebe Firma Audi. Das ist crap.

Gestern also wieder ein dickes Päckchen von Euch. Endlich. Aber …: Es ist ein Hochglanz-Prospekt, der mir den neuen A4 schmackhaft machen soll. Ich soll den „Fortschritt spüren“ weil „sich die Welt verändert“ und meint damit, dass ich mich über eine weiße Beleuchtung, Verzeihung: „Illumination der Tieftöner“ freuen soll. Ihr meint damit die „Schulterlinie, die an den Ecken der Scheinwerfer ansetzt und einen eleganten Bogen zum Heck“ schlägt oder dass der „Unterschnitt an den Seiten ein intensives Spiel von Licht und Schatten erzeugt“. Und ich darf feiern, dass ich im Jahr 2015 mein Handy mit dem Auto verbinden kann. Seriosly?
Und: Abgas-, CO2- oder Emmissionswerte kommen nur in kleinen Fußnoten vor und ich finde sie „am Ende des Prospekts“.

Wisst Ihr was? Ich habe mich noch nicht vollkommen vom Auto verabschiedet wie gefühlt 75% meiner Freunde. Ich würde mich an exakt diesen Dingen freuen. An guten Innenraumbeleuchtungen, an Head-Up-Displays, an schönen Schulterlinien und an den neuen Blinkern die mich draußen, wenn ich sie in-the-wild sehe, so neidsch machen, dass es mich erschrickt. Ich liebe Eure Technik und Euer Design. Immmer wieder, wie oben schon gesagt.
Aber auch wer schön daher kommt darf mich nicht belügen; ich hätte jetzt gerne mal ein paar Antworten: Fahre ich ein Auto, dessen Software auf dem Prüfstand falsche Werte zustande kommen lässt? Fahre ich ein Auto, das durch dieses kleine Kommuikationsmanöver jetzt an Wert verloren hat? Bade ich das am Ende des Leasing-Zeitraums aus oder Ihr?
Und, genauso wichtig: Habt Ihr noch irgendwelche anderen Ideen für die Zukunft des Autos in der Tasche als Software-Lösungen, die so-tun-als-ob? Wisst Ihr, ich saß letztens in einem Tesla. Und abgesehen davon, dass es mir eine Rippe aus der ihr angestammten Gelenkpfanne hob, als der Fahrer grinsend den rechten Fuß ins Bodenblech drückte und ich diese Testfahrt mit einem Besuch beim Chiropraktiker bezahlte: Das war alles sehr, sehr überzeugend. Habt Ihr sowas auch? Wie gesagt, ich liebe Audi und ich würde das gerne bei Euch kaufen. In schön, nicht als SUV und nicht als lustige, knubbelige Designstudie, die eh keiner kauft. Als Auto, als richtiges Auto, mit einem Vorsprung durch Technik. Und nicht Vorsprung durch Schummeln.

Ach, eins noch: Bitte, bitte bitte sagt mir nicht, dass Ihr das zeitlich nicht hinbekommen habt weil ja schon alles gedruckt war. Als an unserem letzten Schultag morgens um 9:05 mein alter Lateinlehrer einem Kameraden eine Ohrfeige verpasste, weil der ihn angeblich mit der Wasserpistole erwischt hatte, hatten wir um 9:30 zur großen Pause einen Einleger mit der Geschichte in 500 Abi-Zeitungen liegen. Innerhalb von 25 Minuten. Mit 18. Im Jahr 1991. Ich denke also, im Jahr 2015 hätte es bei Euren Möglichkeiten wenigstens zu einem Anschreiben und einem kleinen Info-Onepager gereicht.

Liebe Firma Audi, unsere Liebe hat irgendwie einen kleinen Riss.
Ich würde ihn gerne kitten, also: Wie siehts aus?
Dein Christian


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