Lieber Einzelhandel,

Aus der Kategorie »just people«

… in diesem Fall genauer: Lieber Musik-Einzelhandel,
ich mache mir Sorgen um Euch. Warum? Lasst mich erzählen:

Die ein oder andere mag es mitbekommen haben: Ich baue im Moment einen Bass (zusammen), ich werde da auch noch genauer von berichten.
Und auch wenn die Liebste mir einen »Bausatz« geschenkt hat, der eigentlich alles nötige dabei hatte, habe ich hin und wieder mal Einzelteile gebraucht. Nicht, weil das Set nicht komplett war, sondern weil ich ein paar Sonderwünsche hatte: Zum Beispiel eine andere Bridge (für nicht-kundige Leserinnen: das Teil, wo unten am Korpus die Saiten eingehängt werden).

Ich habe im Internet recherchiert und habe da exakt das gefunden, was ich mir wünschte. Aber: Ich hatte da noch eine Frage. Außerdem ist es ja immer hübsch, wenn man den lokalen Einzelhandel stärken kann. Und es ist eh immer toll, in Musikläden herumzustöbern und ein bisschen Instrumente anzugeifern. Also auf in die nächste Stadt – zum nächsten Musikladen.

Ich: Guten Tag, ich suche eine Bass-Brücke.
Er: Da haben wir die hier.
Nur die eine?
Ja.
Hm, ich suche eigentlich so Einzelbrückchen.
Ja: Hat die ja.
Nein, vier schmale, einzelne Brückchen. Nicht vier Reiter auf einer Platte.
Ach, nicht die?
Nein.
Hamwanich. Nur die.
Können Sie die denn bekommen? Vielleicht bestellen?
Weiß nich, ich weiß ja nich was Sie wollen.
Haben Sie vielleicht einen Katalog, dann könnten wir gucken?
Ach ja. (Kramt rum) So, hier sind die Brücken, aber da ist sowas nich, was Sie suchen.
(Ich werfe einen Blick über den Tresen) Doch, rechts unten.
Nein.
Doch, darf ich mal bitte?
Hm? Ach so.

Ich zeige ihm die gewünschte Bridge, er sagt »Ach so«, ich frage nach der Länge, weil ich nur begrenzten Platz auf dem Bass habe, er guckt mich groß an. Ich bitte ihn, nachzufragen, ich hätte 6cm Platz und wenn die Bridges kürzer wären hätte ich gerne vier Stück.
Er kramt eine abgegriffene Kladde raus und schmiert die Seitenzahl des Katalogs und »6cm« unten auf eine volle Seite. Ich sage »Wollen Sie meine Telefonnummer haben?« und er guckt groß, notiert sie dann aber doch.
Und erklärt mir, jetzt sei ja Freitag, dann könne er die am Dienstag bestellen. (WTF?) Wenn ich nichts von ihm höre, dann seien sie kürzer als 6cm, dann solle ich mal übernächste Woche nachfragen. (WTF?). Ich bitte ihn, auf jeden Fall Bescheid zu sagen und er nickt.

Als ich noch einmal betone, die Länge sei wirklich wichtig – sonst müsse ich die Dinger zurückgeben, verweigert er mir im Vorhinein die Rücknahme: Die komischen Dinger bekäme er ja nie wieder los. Wir sprechen übrigens von einem Verkaufspreis von 4×11,-

Mittwoch nachmittags rufe ich an und frage nach. Er wirkt irritiert, erinnert sich nicht, blättert hörbar in der Kladde und sagt auf einmal, er habe noch niemanden erreicht. Er melde sich.
Freitags nachmittags rufe ich an und frage nach. Er wirkt irritiert, erinnert sich nicht, blättert hörbar in der Kladde und verspricht dann, er rufe JETZT! SOFORT! da an. Sein Tonfall klingt dabei wie der eines Kindes, das für das Treffen des Töpfchens gelobt werden möchte.

Eien Stunde später klingelt tatsächlich das Telefon und er erklärt stolz, er habe bestellt, die Brücken seien exakt 6cm lang. Dienstag seien sie bestimmt da, er rufe an.

Vier einzelne BridgesDonnerstag rufe ich ihn an und frage nach, er bittet mit nicht ganz zugehaltener Muschel jemanden, den »Karton von Dienstag« aufzumachen und erklärt dann stolz: »Ja, gerade reingekommen«

Ich fahre hin, er erklärt mir stolz die ganze Geschichte und vor allem, warum es ja wichtig sei, dass die Dinger nicht länger als 6cm seien. Und wie gut es doch jetzt ist, dass sie genau 6cm lang sind. In der Tüte finde ich exakt die selben Brückchen, die ich im Web für 9,50 auch bekommen hätte. Ich nehme noch einen neuen Instrumentenständer für 12,- mit und bezahle 35,-. Ich nehme das als Schmerzensgeld und halte den Mund.

Die Brückchen sind toll.

Lieber Einzelhandel, das ist auf so vielen Ebenen Scheiße arg verbesserungswürdig, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Und morgen erzähle ich Euch die Geschichte, wie mich der örtliche Einzelhandel so scheiße behandelte, dass ich nach einer Viertelstunde Bluthochdruck noch einmal zurückgegangen bin, um mich zu beschweren.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

18 Reaktionen

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Am 23.04.2013 um 12:20 Uhr sprach Die liebe Nessy:

Die Sache mit dem Bestellen ist, abgesehen vom Buchhandel, kompliziert. Ich wollte ein Spielzeug kaufen. Für ein Baby. Ein spezielles Spielzeug, das sich die Eltern wünschten. Ich bin also in den Babymarkt, der sich neben meiner Arbeitsstelle befindet. Dort hatten sie das Spielzeug nicht. Verkäuferin gefragt. Sie kannte es nicht. Ich es ihr erklärt. Sie: „Ich sach doch: Kenn ich nich. Hamwa nich.“ Ich gesagt: „Aber Ihre Kette verkauft das im Internet.“ Sie: „Wat denken Sie denn? Dat Internet is ja auch groß. Dat könnwa nich alles hier lagern.“ Ich: „Sie könnten es mir aber bestellen und ich hole es morgen hier ab.“ Ich hatte nämlich keine Lust, zur Packstation zu laufen, der Laden befindet ja gleich neben dem Büro, so schön praktisch. Sie: „Dat müssense dann schon selbst tun.“ Habe ich dann auch. Bei Amazon.


Am 23.04.2013 um 13:44 Uhr meinte Matthias Mees:

Musikalienhandel in kleinen Städten ist schwierig, das sollte man dazu sagen. Ich habe mal mit einem hier am Ort (17.000 Einwohner) gesprochen, der das mehr so aus seinem Keller heraus macht. Der sagt: „Ich hab nur noch das ganz Billige und das ganz Teure, auf allem anderen bleibe ich sitzen.“ Gut, das ist seine unternehmerische Entscheidung angesichts eines unternehmerischen Risikos, aber es illustriert die Lage ganz gut.

Ich lese hier ganz viel, dass mir mit einem blöden Bauchgefühl bekannt vorkommt, das ist das Erschreckende. Bestellungen aus verspackten Katalogen, die in verknitterten Kladden notiert werden. Tage später „nochmal nachfragen“ müssen. Angeguckt werden, als haben man keine Ahnung, weil man nach etwas Ungewöhnlichem (auch nur) fragt. Etwas nur mit Abnahmegarantie bestellen können.

Das war so, als ich vierzehn war, das ist aber 25 Jahre später offenbar immer noch so. Dazu kommt (oft) fehlendes … ach, von Fachwissen will ich da gar nicht sprechen, aber ich habe mal gesehen, wie der zunächst fehlende Tremolo-Hebel einer Stratocaster in die Klinkenbuchse gesteckt wurde …

Möglich, dass (nicht nur, sie Nessy) dem Musikalienhandel noch die Erkenntnis fehlt, die Buchhändler bereits hatten – wenn man mit dem Onlinehandel auch nur ansatzweise mithalten will, geht das nur noch über Service.


Am 23.04.2013 um 13:45 Uhr antwortete Matthias Mees:

Das sollte natürlich „siehe Nessy“ heißen.


Am 23.04.2013 um 15:09 Uhr meinte Christian:

Nessy: Ich frag mich: Warum?? Das wäre doch exakt der Punkt, mit dem der Einzelhandel punkten könnte: Gute Beratung und guter Service …

Matthias: Kleinstadt, schwer, tralala, sicherlich alles richtig.
Ich lenke das Augenmerk nochmal auf den kleinen Satz
: Also auf in die nächste Stadt
: – zum nächsten Musikladen.
Der oben beschriebene Laden ist in Dortmund; wirbt mit „professionellem Equipment und Bandbedarf“


Am 23.04.2013 um 16:11 Uhr kommentierte Matthias Mees:

Oh. OH!

Das hatte ich in der Tat überlesen, aber auch da: been there, experienced that – die Geschichte kennst Du, auch wenn Lübeck nicht Dortmund ist.


Am 23.04.2013 um 21:47 Uhr antwortete Broken Spirits:

Was mich an Musikläden am meisten stört, sind die Öffnungszeiten. Die machen nämlich immer dann zu wenn ich aufstehe.

Ich hätte ja schon noch gerne ne Telecaster, aber wenn der Laden immer zu hat, wird das nix ;-)


Am 24.04.2013 um 17:08 Uhr meinte Die liebe Nessy:

Christian: Der Kunde ist ja meist sogar mit wenig zufrieden. Das Gleiche hatte ich mal mit einem Balkontisch bei Butlers. Ich habe ihn gesehen, fand ihn schön, konnte ihn aber nicht alleine nach Hause tragen. Weil: Ist ja ein Balkontisch, und wenn man mit der U-Bahn in der City ist, ist das schwierig.

Der Verkäufer: Kein Problem. Ich bestelle den Tisch für Sie über unseren Onlineshop. Wir können das gleich hier machen. Ich muss dann nur für Sie ein Nutzerkonto anlegen, wo ich auch Ihre Adresse notiere. Das können Sie dann später per E-Mail bestätigen oder nicht. Passt Ihnen das? Super. Ich habe das hier schon alles eingetragen, schauen Sie mal drüber. Ich rufe dann auch gleich die Kollegen an wegen des Lieferdatums. Wann wäre es Ihnen denn Recht?


Am 24.04.2013 um 21:05 Uhr sprach Christian:

Um es mit den Worten der unvergesslichen Lena zu sagen: „So schön“


Am 14.05.2013 um 15:06 Uhr schriebEtosha:

Du hast ja selbst an alles gedacht: Kann man das vielleicht bestellen? Richtiges Ding im Katalog aufspüren, deine Telefonnummer, nachfragen ob richtige Länge… Was soll sich der noch bemühen? :D

Ernsthaft – ich fühle deinen Schmerz. Am meisten ärgere ich mich, wenn dummdreiste Verkäufer mir erklären, das gewünschte Ding „gibt’s nicht“, nur weil er es in seiner beschränkten Filialwelt noch nie gesehen hat.

Zum Niederknien war in diesem Zusammenhang der Umtauschbericht von baumgarf: http://www.baumgarf.de/?p=48


Am 14.05.2013 um 16:04 Uhr ergänzte Christian:

Zum Niederknien war in diesem Zusammenhang der Umtauschbericht von baumgarf: http://www.baumgarf.de/?p=48

Der ist ja großartig. Und gleichzeitig sehr traurig …


Am 14.05.2013 um 23:08 Uhr wusste Etosha:

[Wow, der kann quoten! Will ich auch!]


Am 15.05.2013 um 8:23 Uhr wusste Christian:

schreibst Du blockquote um den Text, dann kannst Dus auch.


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