Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Live on stage

Es gibt ja nun verschiedene Gründe, sich auf eine Bühne zu stellen:

  • weil man etwas kann
  • weil man etwas können möchte
  • weil man sonst nichts kann
  • weil man den Applaus braucht
  • und so weiter

Ich finde das auch alles völlig in Ordnung. Ohne Menschen die etwas können, hätte ich viele schöne Stunden nicht erlebt. Ohne die, die sonst nichts können und die Applaus-süchtigen gäbe es den Checker und überhaupt die Hälfte des deutschen Fernsehprogramms nicht (Hm, vielleicht sollte ich das doch noch mal überdenken).

Blick auf eine Bühne
(Danke an marcel601 für sein CC BY-NC 2.0-Bild)

Schade ist nur, dass darüber die Bewertungen vieler Menschen so verschwimmen. Dass über den Dauerbeschuss mit dem »dem nächsten Top-Album von …« oder über dem Dieter seine Bewertungen – die ja eher weniger mit den gesanglichen Qualitäten der Kandidaten denn mit ihrem Wert für die Einschaltquoten zu tun haben – dass also darüber bei vielen Zuhörern jegliche Unterscheidung zwischen »find ich gut« und »ist gut« flöten gegangen ist.

Denn: Ja, es gibt auch für musikalische Darbietungen objektive Maßstäbe. Und ich kann wissen, dass etwas gut ist und es trotzdem nicht mögen – Musikkritiker sollten so differenzieren können. Aber auch im Altag hilft diese Betrachtungsweise manchmal.
Oder ich kann auch etwas mögen, obwohl es nicht wirklich gut ist – warum nicht? Habt Ihr mal den frühen Ärzten zugehört?

Dumm kann es nur werden, wenn die Zuhörer diese Unterscheidungen nicht mehr treffen können und mangels Vorbildern einfach nur noch »find ich gut« als Maßstab gilt. Dann stehen Menschen bei DSDS, denen »aber immer alle Freunde gesagt haben, sie könnten ganz toll singen« und die nicht wissen, dass Eltern, Freunde, Tanten das immer sagen. Immer sagen müssen, das ist im sozialen Gefüge schließlich genau ihr Job.

Andererseits scheint den Gut-Findern irgendwo tief drinnen klar zu sein, dass ihre Bewertung auf leicht wackligen Füßlein steht – anders kann ich mir nicht erklären, dass jede andere Meinung eben nicht nur einfach eine andere Meinung sondern ein Generalangriff auf den guten Geschmack ist.
Oder, kürzer gesagt: »Wie, Du find’s das nicht gut? Aufs Maul?«

Und dann hast Du Dir bei der letzten DSDS-Wiederholung gerade diese ganzen Gedanken gemacht und dann ist es auf einmal Samstag Abend und dann sitzt Du auf einmal aus Gründen in einem Club in dem ein Gitarrist, der keinen Takt halten kann eine Sängerin begleitet, die keine Stimme hat. Wie gesagt: Das an sich ist absolut kein Problem, beide haben ihre Gründe, niemand muss hingehen oder bleiben und Du hast aus anderen Gründen auch Deinen Spaß.

Spooky wird es nur dann, wenn Du Dich mit jemand anders im Publikum unterhältst und merkst: Der meint jetzt wirklich, da stände eine gute Sängerin. Weil sie ja so eine nette ist. Und da säße ein guter Gitarrist. Weil er ja schon immer geholt wurde, wenn es um die Bedienung von sechs Saiten ging.
Und wenn Du dann merkst, dass Du das Arschloch bist, wenn Du vorsichtig andeutest, dass »nett« und »schon immer« für Dich keine Kriterien für die künstlerische Bewertung dieses Abends sind.
Und plötzlich weisst Du wieder: Die Fähigkeit zur Differenzierung ist nicht gefragt, these days.

Ich fürchte, ich muss hier noch mehr hochwertigen YouTube-Musik-Content liefern. Aus Gründen.

Eine Antwort zu “Live on stage”

  1. rebhuhn sagt:

    JA! bitte!1elf

    und: zustimmung.

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