Logisch oder natürlich?

Aus der Kategorie »just people«

Mittwochabend, die Liebste und ich bringen ihren Wagen zur Werkstatt. Sie so: „Kannst Du mich eigentlich morgen zur Schule bringen?“ Ich so: „Ja sicher.“

Heute Morgen, ich fahre die Liebste zur Schule. Sie so: „Ich habe evtl. noch ein Elterngespräch, bin also zwischen halb zwei und zwei fertig – kann ich Dich einfach anrufen?“ Ich so: „Ach, ich muss Dich auch abholen?“

Die Geschichte könnte natürlich jetzt mit einem Lacher über meine Blödheit beendet sein. Aber ich mach mir ja gerne meine Gedanken. Vor allem, weil sowohl mir als auch vielen Menschen, ich möchte sogar gerne sagen: signifikant vielen Menschen in meiner Umgebung so etwas immer häufiger passiert.
Antworten hab ich keine, aber ich hab ein paar Gedanken im Kopf – und dafür ist ein Blog ja schließlich da (das war ein impliziter Aufruf, weiter zu lesen und dann fleißig die Kommentarfunktion zu benutzen)

Stellen wir also erst mal fest: Ich war da ein bisschen blöd. Weil jemand der – weil ohne Auto – weggebracht werden muss, der muss auch wieder nach Hause kommen. Natürlich. Da ich eigentlich aber nicht blöd bin, muss das eine Ursache haben. Oder es ist gar nicht natürlich. Hm.

Erste Idee:
Dem RainMan (dem berühmten Vorzeige-Autisten! – auch wenn er das gar nicht ist) wäre vermutlich genau dasselbe passiert. Nun ist mir erstens nicht bekannt, mit irgendeiner Form von Autismus zu leben und zweitens halte ich es für unwahrscheinlich, dass immer mehr Menschen autistisch werden.
Ich schiebe diese Idee mal sehr weit nach hinten.

Zweite Idee:
Ich bin (auch) Programmierer. Bedeutet, dass ich – gerade in den letzten Wochen – in sehr, sehr logischen und vor allem kleinschrittigen Gedankenketten lebe. Die Intranet-Website an der ich die meiste Zeit verbringe, die kennt kein ’natürlich‘. Die weiß nicht, dass ’natürlich‘ alle Artikel wieder aufgeklappt werden können müssen, wenn ich sie alle zuklappen kann. Und die weiß auch nicht, dass der Artikel sich ’natürlich‘ beim Aufklappen danach richten soll, ob nun Text oder Bild weiter nach unten reichen. Ich muss ihr das alles in winzigen Einzelschritten beibringen.

Menschen könnte man sagen: „Klapp das soweit auf, bis man alles sieht“.*
Websites muss man sagen (In schlechtes Deutsch übersetzt):

  1. Prüfe, wie lang der Text ist
  2. Prüfe, wie hoch das Bild ist.
  3. Wenn die Länge des Textes größer ist als die Höhe des Bildes, dann merke Dir die Länge des Textes …
  4. … sonst merke Dir die Höhe des Bildes.
  5. Wenn der Button geklickt wird, dann klappe den Artikel auf die gemerkte Höhe auf.

Und das ist – natürlich! – nur ein winziges Schnipselchen aus den vielen Funktionen, die ich in Einzelschritte zerlege.
Ob das abfärbt, ob das mein Denken verändert?

Klingt nicht unlogisch. Und auch für die Gesellschaft würde es zumindest etwas passen. Zumindest meine Gesellschaft verbringt viel Zeit am Computer und auch wenn man nicht programmiert, so erfordern Computer eine logisch strukturierte Herangehensweise mit klar aufeinanderfolgenden kleinen Schritten. Auch wenn unser Terminkalender inzwischen einen hübschen Pseudo-Ledereinband hat.
Ich behalte diese Idee in der engeren Auswahl.

Dritte Idee:
Unser Gefühl für ’natürlich‘ geht flöten.
Als uns vor ein paar Jahren das Wasser aus der Wand entgegen kam, teilte uns der Klempner mit, er hoffe, das Wasser käme aus einem gebrochenen Rohr und nicht aus einer defekten Armatur. Ersteres sei nämlich versichert, zweiteres nicht. Meinem Gefühl von „ich habe mich gegen Wasserschäden im Haus versichert“ entsprach diese Logik nicht wirklich.

Von den tiefen Wirren, in die man heute beim Telefonieren einsteigt will ich gar nicht reden; als meine Eltern ein Telefon kauften von der Post mieteten, da war klar, dass sie alles, was man damit tun konnten auch zu einem festgelegten Preis tun durften. Gut, man konnte mit dem Ding nur telefonieren, aber das war sehr klar.
Das hat sich etwas geändert – durch klein-und-hellgrau Gedrucktes und durch seitenlange, unlesbare AGB, die hauptsächlich den anderen nach allen Seiten absichern sollen, haben wir gelernt: Natürlich ist hier gar nix mehr.

Auch diese Idee halte ich in der Auswahl.
Und verstumme danach ratlos. Aber ich hab mal drüber nachgedacht. Andere Vorschläge?

(Sie sahen: Das überraschendste und unbefriedigendste Ende eines Blogartikels seit 1815)

*) Anmerkung für jQuery-Klugscheißer: Es gibt Gründe, kein accordion oder toggle zu nehmen. Kluge Hinweise in dieser Richtung bekommen eine Eselsmaske auf den Avatar gepappt. Danke für die Aufmerksamkeit


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14 Reaktionen

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Am 06.06.2013 um 10:35 Uhr meinte isabo:

Möglichkeit vier: Manchmal ist man mit den Gedanken halt woanders.


Am 06.06.2013 um 10:59 Uhr wusste Christian:

Es häuft sich zu sehr für Möglichkeit vier. Wie gesagt: Auch bei andern.
Ich würde es aber total gerne – als sehr unkomplizierte Lösung – im Hinterkopf behalten.


Am 06.06.2013 um 16:34 Uhr antwortete Kiki:

Ich finde Leute die Intranets programmieren können total toll.


Am 06.06.2013 um 21:21 Uhr sagte Broken Spirits:

Ich kann sowas auch ganz gut :-)

Und ich tendiere definitiv zu Möglichkeit zwei. Vielleicht nicht unbedingt wegen der Programmierei, sondern weil sich die Welt immer schneller dreht und man nur durch die Zerlegung in kleine Teilschritte (einigermaßen) den Überblick behalten kann. Oder weil es sinnlos ist, weiter als drei Schritte voraus zu denken, da sich zwischen dem ersten und zweiten Schritt sowieso alles ändert.


Am 06.06.2013 um 22:28 Uhr meinte Paul:

Same sane here. Ich habe bei solchen Vorfällen immer Angst, zu verdummen oder eben doch insgeheim so ein bisschen blöd zu sein. Bin aber beruhigt das es offenbar auch anderen Menschen so geht.

Eine wirkliche Erklärung dafür hab ich aber leider auch nicht- meine Theorie ist einfach, dass das Gehirn sich manchmal eben weigert, bestimmte Gedanken zu Ende zu denken.


Am 08.06.2013 um 10:16 Uhr kommentierte Katarina:

Ich tendiere zu Möglichkeit fünf: Menschen die man sehr gut kennt und schon lange um sich hat in Routinesituationen bzw. in Routinegesprächen partiell ausblenden, weil man weiss wie die Interaktion funktioniert und nicht mehr so sehr aufpassen und auf den anderen eingehen muss. Infolge dessen nur mit sagen wir ein viertel der möglichen Aufmerksamkeit hinhören. Interaktion auf Autopilot.


Am 08.06.2013 um 20:04 Uhr antwortete wortschnittchen:

Ich tendiere sehr zur Idee Nummer 2. Seit einiger Zeit muss ich täglich viele Entscheidungen nach dem Ja/Nein-Prinzip treffen, habe wenig Zeit, mich vertieft mit den dahinter liegenden Prozessen zu befassen (und will es auch teilweise nicht). Das färbt auch auf mein Privatleben und die Kommunikation mit meinen Mitmenschen ab: Ich werde ungeduldig, wenn – scheinbar – nebensächliche Informationen vermittelt werden, wenn „nicht mitgedacht wird“, wenn Zeitvorgaben nicht eingehalten werden. Kurz: Ich verstehe meine Umwelt oft nicht mehr so wie früher. Das ist eine ganz erhebliche Verflachung der emotionalen Aufnahmefähigkeit, die ich ungehemmt auf den Job und seine Anforderungen schiebe. Versuche jetzt, mit gezielten Entspannungstechniken dagegen anzugehen und den „Cut“ von Arbeits- zu Privatleben besser hinzukriegen. Vielleicht ein Ansatz, auch für Programmierer? ;)


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