Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Mantra, heutiges

Habt Ihr mal irgendeine Casting-Show geguckt? Ach kommt, irgendeine habt Ihr mal gesehen. Möchtegern-Models, Möchtegern-Sänger, Möchtegern-Tänzer, hm? Oder das Dschungelcamp?

Ihr erinnert Euch an die Model-WG? Das Bandhaus? Hübsche, Spa-bewehrte Villen mit fetten Küchen, netten Schlafzimmern für alle und einem guten Geist, der täglich frisches Obst und Gemüse vorbeibringt?
Wisst ihr noch, wie trotzdem schon nach zwei bis drei Tagen alle aufeinander losgegangen sind? Wie ein falscher Blick, eine Begegnung auf der Sonnenterasse oder am Pool für Stimmungs-Explosionen sorgen konnten?
Klar, wenn man so aufeinander hängt. Wer schon mal mit Freunden im Urlaub war kennt das.

Dabei waren die doch alle freiwillig da. Wussten, dass ihnen am Ende die Chance auf eine Band, ein Album, eine Tour winkten. Oder dass sie im Dschungel sogar für jeden Tag vier- bis fünfstellige Beträge bekamen. Und sie hatten vielleicht mal zu zweit ein Zimmer; im Dschungel wars zugegebenermaßen etwas weniger privat, aber Platz war da eigentlich auch.

Die aktuellen Flüchtlingsheime sind übrigens meist vollkommen überbelegt. Die Heime, in denen ich war, nutzen eine durchschnittliche Kinderzimmergröße für sechs bis acht Betten. Wer geflohen ist hat kein Geld, darf nicht arbeiten und darf die Stadt nicht verlassen. Die wenigsten Heime die ich sah, liegen super zentral – also hängt man halt den ganzen Tag da rum. Wie auch wegkommen ohne Geld und ohne Ziel?

Und ein Album gibts am Ende auch nicht.

Und wer sich wundert, warum es in Flüchtlingsheimen öfter knallt als sonstwo, der liest jetzt alles noch mal.

10 Antworten zu “Mantra, heutiges”

  1. Nessy sagt:

    Ich finde ja, es knallt erstaunlich wenig, dafür dass da unfreiwillig so viele Menschen, unterschiedliche Charaktere, unterschiedlichen Alters, aus unterschiedlichen Kulturen, erschöpft und noch ohne Perspektive, dafür mit einem ganz, ganz dicken Päckchen, das er/sie trägt, aufeinander hocken und nichts anderes tun können als warten.

    Dass in so einer Unterkunft auch mal was kaputt geht: klar. Dass es jemand mutwillig kaputt macht, tja. Ist Mist, gehört sich nicht, all das, aber so ist das wohl. Leute mit schlechter Impulskontrolle gibt’s halt überall, ich kenne nur wenige Turnhallenumkleiden, die noch keinen entsprechenden Besuch hatten. Und ich meine nicht von Flüchtlingen.

  2. Christian sagt:

    Ja, wenn man all das bedenkt, dann knallt es ca 90% weniger als man denken könnte.
    Ich las vorhin ein paar dumme Sätze darüber, dass die Polizei mal mehr müsste und da musste das halt raus.

  3. […] Christian Fischer erklärt Spannungen in Flüchtlingsheimen – die übrigens wirklich verblüffend wenig Menschen verstehen, das ist ganz […]

  4. Frauke sagt:

    Ich find es auch recht erstaunlich, dass das im Großen und Ganzen so friedlich abläuft. Allein schon, wenn ich mir vorstelle: ein ganzes Jahr so „gefangen“ zu sein – nach allem, was ich grad schon hinter mir hätte… Unglaublich!
    Danke für Deine Worte!

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