Medienkompetenz – immer noch im Wandel

Aus der Kategorie »just people«

Vor fast genau einem Jahr schrieb ich einen kleinen Artikel; darüber, dass ich fest daran glaube, dass es in Zukunft kein Zeichen von Medienkompetenz sein wird, zu wissen, was »man nicht ins Internet schreibt«, sondern zu wissen, was man nicht liest.

Nach einem Jahr ist es zum einen Zeit für einen kleinen Rückblick und zweitens ist heute aus Gründen auch Zeit für eine kleine Ergänzung.
Der Rückblick ist schnell geschrieben: Ich glaube da immer noch dran. Ich glaube immer noch dass es nicht möglich ist, vorher abzusehen, wem das was man so schreibt nützen kann und wen es stören könnte. Die einzige Konsequenz aus dem Versuch, so eine Vorauswahl zu treffen könnte sein, komplett das Schreiben aufzuhören – denn es wird ja immer jemanden geben, der irgendetwas auszusetzen hat.
Und damit wäre es sehr leer hier und das wollen wir ja alle nicht.
Ende des Rückblicks.

Zweitens geriet ich letztens eher zufällig in eine kleine Diskussion in der es darum ging, dass jemand in der letzten Zeit ein bisschen viel bei facebook posten würde. Die einen warfen ihm seine Kopplung von twitter und facebook vor, die anderen leiteten daraus auch gleich ein erhöhtes Geltungsbedürfnis ab.
Im Endeffekt baten sie also darum, doch ein bisschen weniger zu posten.

Und ich dachte »Höh?«
Denken wir das doch mal weiter.
Wir haben da also jemanden, der bei twitter und facebook, vielleicht noch bei instagram oder foursquare aktiv ist – so wie viele andere auch. Praktischerweise kann man die meisten Dienste verbinden, kann automagisch Fotos von hier nach da und Statusmeldungen von da nach dort schicken; auch das tun viele.
Leser A findet das alles ein bisschen viel und fordert vom Autor, die Verbindungen zu löschen oder weniger zu posten. Leser B findet alles gut so wie es ist. Leser C findet mangels eigenem twitter-Account die Tweets bei facebook ganz gut, stört sich aber an den instagram-Bildern. Leser D findet die Bilder total gut, weil er kein Smartphone besitzt und webstagram noch nicht entdeckt hat, liest aber nicht so gerne so viel Text. Leser E möchte gerne … – na? Problem entdeckt?

Fazit: Woher soll ich als Autor wissen, was wen stört, woher soll ich wissen, was wem zu viel und was wem zu wenig ist? Und: Für wen soll ich mich entscheiden?
Die wunderbare Elle* hat da vor ein paar Tagen noch einen weiteren Aspekt in die Runde geworfen – sie schrieb:

Die einzig kluge Reaktion auf beeindruckende Inhalte im Internet ist sie zu kommentieren und sie zu verlinken und dadurch zu teilen auch wenn es zuvor schon die gefühlte Mehrheit der Menschheit getan hat. Wirklich jeder hat es erst gesehen, wenn es Thema beim Stammtisch in meinem Heimatdorf an der holländischen Grenze ist.
Denn nur so werden tolle Texte aus den unübersichtlichen Untiefen des Internets nach oben gespült und erreichen mehr Menschen.
Journelle: Ausgehebelter Neid

Und ich stimme ihr da vollkommen zu. Nur weil wir hier natürlich jeden Link schon gesehen, jedes Zappelgif schon begrinst haben und jeden Skandal schon mit einem Klick auf die Online-Petition bekämpft haben – unsere persönliche Web-Blase ist jeweils recht überschaubar. Nur weil meine 150 Kontakte mir einen Link fünfmal in die Timeline werfen heisst das gar nicht wirklich, dass alle Welt darüber spricht. Sondern rein rechnerisch vielleicht 500 Menschen.

Also kann ich mich darüber freuen, wenn ein Link, ein Bild, ein Text zigmal am Tag bei mir auftaucht – denn dann sind’s mehr als 500 Menschen.
Und wenn es mich persönlich nach der dritten Sichtung nervt, dann gucke ich halt drüber weg.
Und ich bleibe dabei: Es ist kein Zeichen von Kompetenz, sich selber vorher irgendeine Schere in den Kopf zu montieren und über die eigenen Inhalte oder die Posting-Frequenz nachzudenken. Es ist Kompetenz, sich selber die hereinprasselnden Inhalte zu filtern.

*) Genau, die Elle, die ich im Moment ständig like, zitiere und verlinke. Bitte fühlen Sie sich nicht gestalkt, werte Elle; hören Sie einfach auf ständig zu gutes Zeug zu schreiben, dann hör ich damit auch wieder auf.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

19 Reaktionen

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Am 24.09.2012 um 22:47 Uhr schriebAnne:

Wo issen hier der „GENAU!“-Button?


Am 25.09.2012 um 7:35 Uhr ergänzte Journelle:

Niemand fühlt sich gestalkt eher geehrt. Abgesehen davon, danke für den Text, sehr pointiert und wahr.


Am 25.09.2012 um 9:21 Uhr antwortete Sandra:

Genau das, was mir durch den Kopf ging, als ich von der Diskussion mitbekam.(Diese „Filter“-Kompetenz sollte man meiner Meinung nach bereits im analogen Bereich entwickelt haben – wer hat den jemals ernsthaft jeden einzelnen Bericht in einer Zeitung/Zeitschrift gelesen? Oder sogar ein Medium abbestellt, weil er die Nachricht schon woanders gelesen hat?)


Am 25.09.2012 um 9:56 Uhr kommentierte hansbahnhof:

Genau.

Im Endeffekt geht es nicht um Frequenz oder Anzahl der Plattformen, auf denen jemand postet. Es geht einerseits um Qualität oder Unterhaltungsfaktor der Aktivitäten des Verfassers der (natürlich) immer im Auge des Betrachters/Lesers liegt.

Auf der anderen Seite geht es um die Fähigkeit des Empfängers, das von ihm genutzte Medium zu beherrschen und Inhalte zu filtern.

Dass die Beherrschung des aktuellen Plattform-Overflows angesichts der enormen Geschwindigkeit der sozialen Medien nicht immer leicht ist, ist klar.

Die Medienkompetenz jedes Einzelnen sollte aber soweit gehen, zu wissen, dass es einen Aus-Schalter gibt. Sowohl für einzelne Medien als auch für den ganzen Computer. Dann hat man Zeit, mal aus dem Fenster gucken und den Herbstbäumen zuzugucken, wie sie unkoordinierte Unmengen vielfarbiger Blätter abwerfen. Frechheit eigentlich. Aber man kann ja die Rolläden runterziehen.


Am 25.09.2012 um 10:24 Uhr kommentierte Kiki:

So ist es. Hinzu kommt, daß wahrscheinlich jeder ein Lieblingsmedium bzw. einen Lieblingskanal hat und es daher sinnvoll oder höflich ist, alle Kanäle zu bespielen. Ich z.B. bin fast nie auf Google Plus; wer nur dort etwas verlinkt oder postet, erreicht mich gar nicht.

Wovon ich allerdings rasch wieder abgekommen bin, ist das automatisierte Einstellen bzw. Querverlinken via ifttt und Konsorten. Das finde ich einfach lieb- und seelenlos.


Am 25.09.2012 um 12:53 Uhr ergänzte Matthias Mees:

Was ich immer sage: Was *wirklich* fehlt, sind global greifende Filtermechanismen und ein global wirkender „Gelesen“-Status, evenuelle (aber das ist jetzt echt geträumt) noch ein (vielleicht auch globaler) Filter für doppelt( geteilt)e Inhalte.

Einfach mal vorstellen: Ich filtere auf Twitter Foursquare-Tweets und bekomme automagisch auch auf Facebook keine Foursquare-Meldungen mehr angezeigt. Ich markiere einen Blogartikel im Feedreader meines Vertrauens als gelesen und dieser wird auch auf FB, Twitter etc. aus meiner Timeline entfernt (weil ich ihn ja schon kenne).

Wer das baut, soll bitte reich und berühmt werden. Es ist natürlich mit den ganzen walled gardens komplett utopisch. Leider.

Vermutlich fänden sich aber selbst mit so einem mächtigen Filterwerkzeug noch Leute, denen dass dann zu kompliziert ist …


Am 25.09.2012 um 12:54 Uhr sprach Matthias Mees:

„evenuelle“. Interessant. Wo kann man Wörter patentieren lassen?


Am 25.09.2012 um 13:56 Uhr antwortete Christian:

@Kiki:
lieb- und seelenlos hin, praktisch her: Auch das soll doch jeder so machen, wie er oder sie will …

@Matthias:
Ich hab gestern den Social Fixer kenne gelernt – noch nicht installiert, aber die Beschreibung klingt interessant:

is a free browser extension that improves the Facebook site by eliminating annoyances and adding lots of great enhancements and functionality.

http://socialfixer.com/
Vielleicht ein Anfang.


Am 25.09.2012 um 14:28 Uhr sagte S.:

@Matthias:
automagisch ist mein Lieblings. Das würde ich gleich mit patentieren lassen.


Am 25.09.2012 um 14:39 Uhr schriebMatthias Mees:

„automagisch“ kann ich nicht patentieren lassen, das habe ich mal im Usenet aufgeschnappt (das war übrigens kein Fipptehler).

@Christian: Das halte ich eher für eine weitere Hürde für nicht wenige Benutzer. (Wir erinnern uns an die Schwierigkeiten bestimmter Benutzergruppen in grauer Vorzeit, ein Flash-Plugin zu installieren.)

Außerdem ist das ganz schön für den Desktop-Browser, aber (scheinbar) nicht für andere Endgeräte.


Am 25.09.2012 um 20:26 Uhr wusste Christian:

Stimmt – je nach Benutzergruppe macht das alles schwerer. ich bin die Benutzergruppe, die sich das mal ansehen wird :)


Am 26.09.2012 um 19:58 Uhr schriebTina:

Ich hab grad leider keine Zeit für nen ausführlicheren Diskurs, gern später mehr, aber ich muss doch mal spontan eins anmerken:

„Zweitens geriet ich letztens eher zufällig in eine kleine Diskussion in der es darum ging, dass jemand in der letzten Zeit ein bisschen viel bei facebook posten würde.“

Das kann eigentlich nicht sein, weil die Diskussion in einem geschlosenen Benutzerkreis stattfand. Und DAS geht für mich wirklich nicht, sowas aus einer geschlossenen Gruppe rauszutragen und schön hoch in die Blogosphäre zu schießen – ohne selbst dialogbereit zu sein. Das baut dann wirklich mal Fronten auf, die ekeiner braucht. Hier fehlt mir zum ersten Mal in dem Fall wirklich die Medienkompetenz.

Die eigentliche Sache war ein ziemlich klares Ding von doof gelaufen, von gut und gut gemeint, im Kern gar nicht so arg spannend.


Am 26.09.2012 um 22:19 Uhr meinte Christian:

Der Vorwurf, dass jemand zu viel postet (oder nur Blödsinn, oder …) ist ja nun wirklich nicht neu. Der Artikel war dreiviertel fertig (und bezieht sich ja auch eh auf einen ein-Jahr-alten), bevor in dieser geschlossenen Gruppe (von der ich auch nur weiß, dass es sie gibt) irgendjemand was gesagt hat.
Keine Sorge.


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