Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Mein Deutscher Herbst

Rund um die Begnadigung von Brigitte Mohnhaupt erinnerte ich mich neulich an diese Geschichte aus meiner Kindheit:

Der deutsche Herbst war bei uns ein kombiniert belgisch-deutscher – wir lebten damals seit 1975 im flämischen Nachbarland.
Aber das Ende unseres kleinen Auslandsaufenthaltes war absehbar – April 1978 sollten wir aufs Dorf ziehen und so pendelten wir häufig zwischen Out Turnhout und Sauerland hin und her. So ein Neubau will ja schließlich beim Wachsen beobachtet werden.

Für das weitere Verständnis meiner kleinen Geschichte ist es noch wichtig zu wissen, dass wir in Belgien keine regulären, sondern nur Zollkennzeichen bekommen hatten. Außerdem – Bewohner der grenznahen Gebiete werden es bestätigen können – die Flamen im allgemeinen nehmen es ja mit einigen nicht so genau. Und so bekamen wir jeweils zu Beginn eines Jahres ein Kennzeichen – und das andere musste man sich selbst malenanfertigen.

Sauerländer Polizisten – vor allem welche, die äußerst nervös nach den Jungs und Mädels auf den Fahndungsplakaten Ausschau hielten wussten von all dem natürlich nichts.

Die sahen eines Freitags nachmittags erstmal ein komisches selbstgemaltes Nummernschild am roten BMW. Keines das sie kannten noch dazu – recht logisch, wer kennt schon Zollkennzeichen?
Auch der zweite Wagen, der auf einmal vor uns auftauchte konnte offensichtlich nichts mit gemalten weißen Ziffern auf rotem Grund anfangen und so waren es auf einmal vier Wagen um uns herum.

Sie geleiteten uns deutlichst zum nächsten Rastplatz und dort saß ich dann zum ersten und hoffentlich letzten Mal in meinem Leben vor dem falschen Ende einer Maschinenpistole.

Wir konnten das dann alles einigermassen schnell erklären und durften weiterfahren – aber die geneigte Leserin kann sich vielleicht vorstellen, dass unser aller Adrenalinspiegel erst einmal oben war.

Darunter leiden musten dann die Insassen des nächsten Streifenwagens, der uns eine halbe Stunde später anhielt. Dass wir alle nur hysterisch kicherten, als sie mit einem mehr oder weniger freundlichen „Guten Tag, Ihre Papiere bitte“ ans Fenster traten fanden sie nicht gut. Dass wir kein deutsches Geld bei uns hatten erst recht nicht
Meine Eltern konnten sie dann nur mit Mühe davon abhalten, uns den Wagen auf der Stelle stillzulegen und uns mitzunehmen. Immerhin war mein Vater 60 in der Ortschaft gefahren.
Fanden sie nicht so lustig wie wir.

Eine Antwort zu “Mein Deutscher Herbst”

  1. […] Ich muss dazu sagen, dass ich sowohl das Buch von Stefan Aust als auch sonst eine lange Zeit lang vermutlich die meisten Artikel rund um die RAF gelesen habe. Meine erste bewusste Begegnung mit dem deutschen Staat war eine, die sich am falschen Ende einer Maschinenpistole abspielte und auch wenn das eine Geschichte ist, über die ich heute launige Artikel schreiben kann war das damals schon sehr verschreckend. Später, als die Haare länger wurden und mir die Unterhaltungen über Anarchie im Philosophiekurs neue Ideen in den Kopf pflanzten tauchte natürlich auch die RAF wieder auf dem Horizont auf und ich musste abgleichen, was die Unterschiede zwischen ihrem Systemhass und den frisch gelernten Utopien waren. […]

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