Musik in den Zeiten des Internets

Aus der Kategorie »just music«

Als ich damals™ noch aktiv Musik machte (also so mit Band und dem Traum, mal einen Plattenvertrag zu bekommen), da war die Welt noch einfach: Man fand sich zusammen, versuchte, einen Probenraum zu finanzieren, schrieb ein paar Stücke, stellte einen Ghettoblaster in die Mitte des Probenraums und nahm die Songs damit auf. Mit dieser Cassette versuchte man, Auftritte zu bekommen, die man dann aufnahm, um ein besser klingendes Demo zu bekommen um bessere Auftritte zu bekommen, um sich irgendwann ein Wochenende in einem kleinen Tonstudio leisten zu können. Die dort entstandene Cassette schickte man zusammen mit einem zusammengeklebten und fotokopierten Bandinfo an Plattenfirmen, die das Päckchen dann ungeöffnet in den Müll warf.

Trotzdem gab es vor 20 Jahren bei Plattenfirmen noch sogenannte A&R-Leute, die dafür da waren, neue Künstler und Bands zu finden, zu betreuen und aufzubauen und so gab es wenigstens den Hauch einer Chance, dass die Cassette vor dem Gang in den Müll kurz gehört wurde.

Heute ist das alles schwerer. Die Plattenfirmen jammern, Bands werden nach Meinung der Excel-Ritter in den Labels und auch nach Meinung vieler Zuschauer in Castingshows zusammengestellt und haben eine Halbwertszeit von 13 Monaten.
Dazu kommt, dass der Wert von Musik immer weiter gesunken ist. Glaubt man dem Fernsehen, entsteht ein Album in den zehn Tagen nach der Finalshow; glaubt man dem durchschnittlichen Teenie, kommt Musik genau so aus YouTube wie der Strom aus der Steckdose. Dass man für beides zahlen muss, hat schon manchen überrascht.

Musik zu machen ist aber teuer. Instrumente kosten Geld, Verstärker kosten Geld, Probenräume kosten Geld. Als Bassist kann ich, wenn ich einigermaßen professionell taugliches Equipment haben möchte, ganz schnell mal die ersten tausend Euro ausgeben, ohne auch nur den ersten Ton gespielt zu haben. Dann noch einen Kombi, um den Kram zum Probenraum und zum Auftritt zu fahren und die Probenraummiete. Außerdem anteilig noch ein bisschen was zur P.A. und schon ist man als hoffnungsvoller 18-jähriger Hobbymusiker echt pleite. Ihr habt gemerkt, dass der Begriff „langjähriger Unterricht” in der Liste nicht aufgetaucht war?
Möchte man dann noch eine CD aufnehmen wirds richtig teuer, denn dann kommen noch Studiomiete sowie die Kosten für einen Produzenten (ja, den braucht man in der Regel) und die Vervielfältigung dazu. Alles in allem ist das Projekt „ich werde jetzt Musiker mit einer Band und mache eine CD” eher ein fünfstelliges.

Exkurs: Vor ein paar Jahren saß ich einmal in einer Diskussionsrunde, in der Plattenfirmen, Politiker, Musiker und ähnliche aufeinander stießen, um über Urheberrecht, Musikszene und ähnliches zu sprechen. Da durfte ich erleben, wie die anwesenden Piraten ernsthaft meinten, Musik entstände doch heute nur am Rechner und wenn man die Ergebnisse dann in YouTube stelle, werde man doch bekannt und könne dann davon leben. Anwesenden Musikern machten sie sich in dem Moment unwählbar. Und den Lachanfall des klassisch ausgebildeten, von Gebrauchsmusik lebenden Komponisten werde ich nie vergessen. Exkurs Ende.

Exkurs hin, Exkurs her – das Modell mit den Plattenfirmen funktioniert für Musiker heute auch nicht mehr so. Erst Recht nicht, wenn man sich dann auch noch so etwas wie einen eigenen Stil, womöglich auch noch abseits des Mainstreams erlaubt. Liest man zB die Biographie der heute erfolgreichen Tina Dico (jaja, schon wieder, ich weiß …), dann sieht man, dass auch sie echt den harten Weg genommen hat und nicht umsonst heute ihr eigenes Label besitzt.

Was also tun? Crowdfunden zum Beispiel. Eine ganz wunderbare neue Möglichkeit für Musiker, zum Beispiel bei Pledgemusic. Pledgemusic …

hilft Künstlern und Bands, eine maßgeschneiderte Finanzierungskampagne zu entwerfen, um Geld für ihre nächste Veröffentlichung zu sammeln. […]
[Wer ein Projekt finanziert] trägt kein Risiko, denn das Geld wird nur angenommen, wenn die Zielsumme des Künstlers erreicht wurde […]
Pledgemusic: Über uns

Die Bands können also Geld sammeln, um damit zB ihr (nächstes) Album zu finanzieren. Sie tragen kein Risiko, denn sie starten natürlich erst, wenn die von ihnen angepeilte Summe erreicht ist.
Die Fans können ihre Bands unterstützen, spenden aber nicht nur einfach ins Blaue hinein, sondern erkaufen sich mit ihrem Beitrag einen reellen Gegenwert – im Beispiel mindestens eine CD (die sie ja später eh gekauft hätten), oder bei größeren Summen nette Goodies, die es auf dem freien Markt nicht gäbe. Auch sie tragen kein Risiko, denn sie zahlen erst, wenn das Projekt auch wirklich zu Stande kommt.
Eigentlich ist die Plattform also nur der Ort, an dem Fans verbindlich erklären, dass sie die Platte kaufen werden – und so den Bands eine sehr angenehme Planungssicherheit geben. Großartig.

Es finden sich dort genauso absolute Newcomer wie bekannte Namen (wie zB Die Happy, die wohl keinen Major-Vertrag mehr haben) – es lohnt also, mal zu stöbern. Für den Fan richtig spannend ist, wie sich die Bands dort präsentieren und was für Möglichkeiten man als Musikliebhaber bekommt, einer Band näher zu sein, als es der alten Rhythmus aus Platte – Promo – Tour zuließ.

Abschließend noch eine kleine Empfehlung: Sven Scholz und seine Singvøgel finanzieren dort gerade eine Albumproduktion. Das Ziel ist zwar seit zwei Tagen errreicht, aber die Band hat nur sehr knapp kalkuliert – und wenn mehr Geld zusammen kommt, dann ist vielleicht auch noch ein Video oder eine nette Champagnerpyramide (hhi) auf einer Release-Party drin.
Und nicht nur wegen dem, was Sven schon so alles ins Internet reingegeben hat, gönne ich das den Singvøgeln doch auf jeden Fall.


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