Neger, Neger, Schornsteinfeger

Aus der Kategorie »just people«

Als ich so ca. 16 Jahre alt war, da begann ich – durch Pubertät, Philosophieunterricht, Freunde, wasweissich angeregt – mich mit den »großen Werten« des Lebens auseinander zusetzen. Toleranz gehörte dazu – und natürlich wollte ich ein Guter und somit eben auch ein Toleranter sein.
Tolerant gegenüber andersdenkenden Mitmenschen eh, aber natürlich erst recht gegenüber allem, was man damals auf meinem Dorf noch so als Randgruppen definierte (evangelisch, behindert, abstinent, schwul, Ausländer, Neger, zugezogen). Das war auf dem Dorf eh und auch auf meiner strikt katholischen Privatschule recht einfach, denn man konnte ja ständig friedlich über diesen ach so hehren Wert reden, während einen gleichzeitig quasi garantiert niemals Ausländer, Schwule oder Behinderte begegnen konnten. Ein paar evangelische gabs. Aber wenige.

Kurz nach dem Abi – ich trug inzwischen lange, rotgefärbte Haare und gebatikte Klamotten, war also quasi die personifizierte Toleranz und Gutmenschigkeit, Komma Du – lernte ich ein paar schwule Männer kennen. Schwul war irgendwie hip in der Clique in der ich da gerade so ankam und so kam ich nicht drumherum, mich jetzt nicht nur in der Theorie, sondern auch beim täglichen Aufeinandertreffen auseinanderzuetzen.
Und stellte fest: Das war mir erst einmal komisch. Sehr sogar. Dummerweise konnte ich mit niemand rüber reden, weil drüber-reden schon intolerant war und abgebügelt wurde.
Ich hab mich dann halt alleine eingewöhnt und Menschen, die mich länger kennen, wissen, dass ich nicht lange später auch gerne mal zu BO.YS oder zum CSD fuhr und einer dieser Männer noch heute mein bester Freund ist. Und über sexuelle Präferenzen schon lange nicht mehr nachdenke, wenn ich jemanden kennen lerne.

Was ich viel wichtiger fand, war: Selbst zu erleben, dass es einen wichtigen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen Lippenbekenntnis und Erleben gibt.

Nun lebe ich ja in einem Land, das sich – durch seine etwas unglückselige Vorgeschichte – nicht leisten kann, auch nur in irgendeiner Form intolerant gegenüber auch nur irgendwem zu scheinen. Was – meiner unmaßgeblichen Meinung nach – dazu führt, dass es in Deutschland den mantramäßig wiederholten Anspruch gibt, quasi die toleranteste, menschenfreundlichste Nation der Welt zu sein, gleichzeitig aber absolut keinen echten Umgang mit jedweder Form der Andersartigkeit.
Oder anderes: Es gibt viele Lippenbekenntnisse und wie es dem einzelnen wirklich damit geht ist ein Tabuthema und wird – abseits der berühmten »Stammtische« totgeschwiegen. Und von diesen Stammtischen kann man sich dann ja auch prima distanzieren und schon ist alles wieder in bester Ordnung.

Jetzt ist ja gerade – und so komme ich endlich zum Thema – Fußballweltmeisterschaft in Südafrika; der ein oder andere mag es mitbekommen haben. Südafrika hat zwar auch eine sehr unglückselige Geschichte hinter sich, ist aber, weil diese Geschichte glücklicherweise nicht vom Erfolg gekrönt war zu großen Teilen von Ausländern bewohnt (also von uns aus gesehen). Und von Schwarzen. Und ob die alle katholisch sind …?

Und genau wie ich damals feststellen musste, dass zwischen einem Vorsatz, Schwule genau so zu behandeln, wie alle anderen auch und meinen verwirrten Gefühl beim Anblick eines groß an die Wand projezierten rasierten Schwanzes in einem Männerarsch bei BO.YS Welten lagen (und ich mich so mal wirklich mit dem Thema auseinandersetzen konnte), so erlebe ich jetzt seit zwei Tagen, wie weit es mit der Toleranz gegenüber den Weltmeisterschaftsgastgebern wirklich ist.

Durchgängiger Tenor: Natürlich sollen die da mal alle so sein, wie sie halt sind, aber
Und wenn ich zuhören muss …
… wie jemand gönnerhaft bemerkt, dass die Afrikaner ja zu feiern verstehen, aber dass diese Vuvuzelas ja doch nerven …
… dass es ja hier eine reichhaltige Essenskultur gibt, aber man doch sehr schauen muss, was man zu sich nimmt …
… wenn ich Videos wie dieses hier sehen muss, …

… dann möchte ich eigentlich hier und jetzt eine Wette anbieten:
Bis zum Ende der WM wird irgendwer in Radio oder Fernsehen »diese Neger« sagen.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

11 Reaktionen

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Am 13.06.2010 um 17:48 Uhr ergänzte Johannes:

Jetzt aber mal ehrlich: Ich meine, die Afrikaner verstehen es ja zu feiern, aber die Vuvuzelas nerven.

Ich darf das jetzt schreiben, hab deinen Beitrag geflattert.

(Muss da jetzt noch irgendwo so ein -Tag hin?)


Am 14.06.2010 um 11:22 Uhr antwortete Guido:

Fussball ist doof, monotoner Lärm (so Bohr-Baulärm und so) ist doof, Vuvuzelas sind monotoner Lärm an Fussballmatches und damit wohl doof im Quadrat. Ob die jetzt von Südafrikanern oder Deutschen oder Schweizern geblasen werden, ist mir herzlich egal…


Am 14.06.2010 um 11:41 Uhr schriebChristian:

das ist ja das Schöne an einem misanthropischen Weltbild: Man muss sich viel weniger Gedanken machen ;)


Am 14.06.2010 um 11:50 Uhr ergänzte Guido:

Na ja, sonst bin ich ja gar nicht Misantrop, kann einfach mit der taktischen langatmigen Kickerei weniger anfangen als z.B. mit Eishockey.

Mein Punkt war mehr der: Ob Vuvuzelas von Weissen oder Gelben oder Schwarzen oder Grünen geblasen werden, sie machen einen Heidenlärm, der mich nervt egal wer die Ursache dafür ist. Der Lärm nervt mich auch recht viel mehr, wenn Vuvuzelas in meiner Umgebung geblasen werden, dann sehr selten von Schwarzen und noch seltener von Südafrikanern – beim Fernsehen kann man einfach wegzappen.

Ehrlich gesagt habe ich auch eigentlich immer noch die Illusion dass wohl die Touris, die zumindest nach der Idee der FIFA die Mehrzahl der Besucher stellen sollten da sie mehr bezahlen, wohl mindestens genau so häufig Vuvuzelas tröten wie die Einheimischen, entsprechend wäre es sowieso verkehrt, den Lärm den Südafrikanern anzuhängen.

Mich dünkt einfach die Verknüpfung „Vuvuzela-Hass ist immer gelebter versteckter Rassissmus“ seltsam, um nicht zu sagen falsch. Und als Ehemann einer afghanischen Schönheit (Muslimin, lebt seit 20+ Jahren in der Schweiz, habe auch im näheren persönlichen Umfeld was ich als unterschwelligen Rassissmus interpretierte erlebt) bin ich m.E. dem Thema gegenüber auch recht sensibilisiert.


Am 14.06.2010 um 12:14 Uhr antwortete Christian:

Ich habe die Verknüpfung “Vuvuzela-Hass ist immer gelebter versteckter Rassissmus” nicht aufgemacht.
Ich mache die Verknüpfung „Wer »diese XY können ja yz, ABER …« sagt, hat sich noch nicht mit seinen Vorurteilen beschäftigt sondern bisher nur von Toleranz geblubbert“ auf.

Tolerant zu sein, wenn man mir nichts konfrontiert wird, was einem fremd oder auch unangenehm ist ist ja nun simpel…

Und vieles, was ich im Moment im Fernsehen hören muss, das hat genau diesen Unterton „natürlich hab ich nichts gegen die, aber…“
Und das kotzt mich an.


Am 14.06.2010 um 12:33 Uhr sagte Guido:

Stimmt, damit bin ich auch ganz einverstanden: Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Lippenbekenntnissen und gelebter Toleranz.

Den T-Online-Artikel (blendendes Beispiel dafür, warum „Qualitätsjournalismus“ eine nicht ganz treffende Bezeichnung für traditionelle Publishing-Strukturen ist) habe ich auch erst jetzt gelesen.

Vuvuzelas sind trotzdem doof :p


Am 20.06.2010 um 12:00 Uhr schriebrebhuhn:

*

[kurz meine meinung zu den vuvus: ich bin generell nicht so für fußball und gucke eigentlich nur ‚mit‘, wenn freunde/bekannte von mir gucken, so als sozialer event :). die vuvuzelas habe ich noch nicht live erlebt, kann mir aber bei ’ner möglichen lautstärke von ~120 dB vorstellen, daß ich das auch nicht unbedingt möchte. ABER: es ist doch toll, wenn sich die WM in südafrika mal von denen in den vorigen ländern unterscheidet! es ist doch echt super, wenn es da etwas ländertypisches gibt, was ein wenig einfluß auf den doch irgendwie immer ähnlichen fußball ausübt :D. klar, ab jetzt haben wir die dinger wohl immer am hals. aber auch das finde ich irgendwo cool, identitätsstiftend ;).


Am 20.06.2010 um 12:00 Uhr kommentierte rebhuhn:

‚eckige klammer zu‘ ^^.


Am 07.07.2010 um 11:26 Uhr schriebDentaku:

Und? Hat’s schon jemand gesagt? Ich beobachte das nicht genug…


Am 07.07.2010 um 11:40 Uhr wusste Christian:

Es gab bis jetzt zumindest keinen öffentlichen Skandal. Und die taz* hat das bestimmt ironisch gemeint …

*) und ohne Isa hätte ich selbst das verpasst …


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[...] bleibe bei meiner Wette: Einer sagt noch »diese Neger«. var flattr_wp_ver = '0.9.11'; var flattr_uid = '12273'; var [...]