Nudeldicke Deern

Aus der Kategorie »just people«

(Einer von den Einträgen, die schon länger im Hinterkopf rumliegen)

In meiner Grundschulklasse hätte man wahrscheinlich prima irgendwelche sozialkritischen spät-70er-Jahre Kinderprogramme über Randgruppen und den korrekten Umgang mit ihnen drehen können; wir hatten alle. Den dummen, der auch bald zur Sonderschule verschwand, die Rotzgöre, die schon beim Übergang zur zweiten sitzengeblieben war, den Quotenitaliener und eine „Zigeunerin“, die 5 Bauernjungs vom Dorf, den Sohn vom Tankwart, der nur da war, um genug zu lernen, um auch Tankwart zu werden, aber auch den arroganten Sohn des örtlichen Großindustriellen. Und den Dicken.
Von den meisten erfuhr ich erst im Laufe der Zeit, welche Besonderheit oder welchen vermeintlichen Makel sie mit sich rumschleppten und warum man also mit ihnen nicht spielen durfte – aber dass Hartmut jetzt vier Jahre lang der dicke Hartmut sein würde, dass wusste ich vom ersten Moment an.

Ich frage mich, warum.
Woher wusste ich, dass man mit dem Dicken nicht spielt? Meine Eltern haben mich – soweit ich mich erinnere – nie so erzogen. Mein Vater war dick, meine Mutter nicht. So war das eben. Ich war dürr und musste mehr essen und Multi Sanostol nehmen. Auch das war eben so.
Aber in dieser Grundschulklasse 1978 in der kleinen Stadt im Sauerland war das eben so. Man hinterfragte es auch besser nicht.

Irgendwann in der nächsten Schule war ich nicht mehr dürr, aß aber immer noch viel und als wir dann ein halbes Jahr Schulschwimmen hatten war ich der dicke Christian. Zu meinem Glück hatten wir nur ein halbes Jahr Schulschwimmen und ebenfalls zu meinem Glück war ich nur in Badehose der dicke Christian. In Jeans Und T-Shirt gings.
(Rückblickend läßt sich also vermuten, dass ich gar nicht dick war, sondern nur nicht so dürr wie die anderen)
Und Max war eh noch etwas dicker als ich.

Unsere Lehrer waren korrekte 70er-Jahre-Pädagogen, unsere Eltern auch vermutlich dem Zeitgeist entsprechend eher korrekt, wir hatten Verfügungsstunden und Kummerkasten aber über Dicke wurde trotzdem gelacht, das war klar.

Und ähnlich wie Anke schreibt …

Wenn ich mich kurz vorstellen darf? Ich bin Anke Gröner, Jahrgang 1969, Werbetexterin, in Hamburg lebend, Mac-Userin, Serienjunkie, Vielleserin, Bahnfahrerin, dunkelblond, vergeben, Internet-süchtig und dick. Und wegen dieses letzten, kleinen, unschuldigen Adjektivs, das nur einen winzigen Teil von mir beschreibt, habe ich mich geschätzt 25 Jahre lang so richtig mies gefühlt.

… war in den beschämenden Momenten in der Schwimmhalle klar: Ich war nicht mehr der größte in der Klasse, ich war nicht der mit den tollen Aufsätzen und nicht der, der alleine aus dem seltsamen Dorf kam. Ich war nicht mehr der Gewinner im Vorlesewettbewerb und nicht mehr der gemochte Tischnachbar. Ich war dick.

(Vor der Deern)
Inzwischen ist das alles lange her und ich esse immer noch viel. Und gerne. Und oft. Ich fühle mich zu dick, habe keine wirkliche Ahnung, wieviel ich wiege (weiß aber: Es liegt über Ideal- oder Normalgewicht und auch über dem hochheiligen guten BMI). Meine geliebte Lederhose passt so überhaupt nicht mehr, dass ich zum Glück gar nicht darüber nachdenken muss, ob ich überhaupt noch Lederhosen tragen möchte. Aber den für Männer klassische Vergleichspunkt, den Hochzeitsanzug, den bekomme ich auch nicht mehr so richtig gut zu.
Mir ist vollkommen klar, dass ich es als Mann da noch relativ leicht habe und möchte mir überhaupt nicht vorstellen, wie sich der Druck, den ich schon zwischen Markus Schenkenberg und Men’s Health empfinde anfühlt, wenn er durch die restlichen 10m Zeitschriftenregal potenziert wird.
Ich wöge gerne weniger. Also so irgendwie, ich habe aber keine Energie für eine Diät und glaube auch eigentlich gar nicht daran. Ich mag auch nicht wirklich weniger essen, ich mag keine Energie für Einkaufen, Zubereiten, Kochen aufbringen.
Ehrlich gesagt hasse ich sogar die ganzen tollen Rezepte in den ganzen Blogs, sie machen mir ein schlechtes Gewissen, ich kann nicht mitreden, ich habe nicht die Energie, nicht die Lust, es ist alles zu groß, sofort zu viel Anspruch.

Ich lese immer gerne Ankes Blog, weiss natürlich früh von ihrem Buch und sitze irgendwann im Sommer 2011 an ihrem Esstisch, esse phantastischen und sicher überhaupt nicht im geringsten kalorienbewussten oder gesunden Kuchen und spreche über das Buch. Ich baue die Website zum Buch und freue mich wie blöde, als ich endlich mein Exemplar im Briefkasten habe.

(Nach der Deern)
Seit ein paar Monaten kochen wir hier zusammen. Wir haben uns das nicht vorgenommen, es ist einfach so passiert. Es ist auch nicht so ganz wirklich nur das Lesen des Buchs, es liegt eher daran, dass sich in meiner Peergroup (das seid Ihr da in diesem Web, ja genau) auf einmal alle irgendwie über Essen unterhalten. Aber eben so wenig sophisticated, eher so nachdenklich. Und wir dann damit auch.

Wir teilen uns ein Evernote-Notzibuch und sammeln dort Rezepte, und es wächst schneller als wir kochen können. Ich lese Koch-Blog-Einträge, in denen sich jemand freut, wenn er oder sie etwas entdeckt hat und ich lese sie nicht mehr so, dass derjenige mir erzählen will, was er alles tolles kann.

Ich habe immer Lebensmittel gehasst, die nicht in einer Folie, Dose oder sonstwie verpackt dahergekommen sind, es hat mich immer an den Dreck erinnert, den mein Vater mir ungefragt ins Gesicht hielt, wenn er stolz seine verfickten drei Kartoffeln in seinem Pseudogarten erntete. Letztens waren wir zusammen im türkischen Supermarkt hier im Städtchen – dort gibt es viel mehr und viel geileres Gemüse als im Allkauf. Auch ohne künstlich warmes Licht.
Letztens stand ich im Netto und konnte nichts mehr kaufen, wirklich gar nichts. Es hat mich in seiner zur Schau gestellten Billigkeit alles angeekelt.
Ganz offensichtlich lerne ich gerade, zu kochen.

Bis auf zwei Menschen können jetzt ab hier mal alle weglesen, denn der nächste Satz, so kurz er ist geht eigentlich nur an Anke und über Umwege auch irgendwie an Lu:
Danke.
Ich habe keine Ahnung, wie lange das anhält. Aber weil wir ja keinen Anspruch haben, sondern nur Spaß daran, wie es ist, ist das auch total egal. Und im Moment ist es geil wie nichts.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

6 Reaktionen

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Am 01.11.2011 um 12:14 Uhr schriebKiki:

Hach.


Am 01.11.2011 um 13:23 Uhr antwortete Jamie:

Schön.


Am 03.11.2011 um 14:34 Uhr kommentierte Anke:

.


Am 10.11.2011 um 9:48 Uhr sagte serotonic:

Was Jamie sagt.


Am 31.03.2012 um 8:39 Uhr schriebRené Fischer:

Ich hätte auch gern so ein geshartes Evernote-Notizbuch voll mit Rezepten. Share auch meins, wenns auch nicht zum Abnehmen geeignet ist ;)


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Auch anderswo wird darüber gesprochen …

[...] mir ja auch schon etwas nerdifizieret, daher besitzt sie einen Evernote-Account, in dem sie bzw. wir Rezepte sammeln. Aus dem Browser heraus kann man prima Notizen in Richtung Evernote schieben: Man klickt das [...]