Nur weil ich paranoid bin heisst es ja nicht, dass ich nicht Recht habe.

Aus der Kategorie »just people«

Theorie des Tages: Das Wort »Verschwörungstheoretiker« ist der Tod des Vorhabens, Wissen über Mißstände weiter zu verbreiten.

Wieso?
Oft, wenn man sich mit jemand unterhält, der tiefere Einblicke in ein bestimmtes Fachgebiet hat, erfährt man, dass »dort« eigentlich gar nichts mehr wirklich läuft.

Spricht man zum Beispiel mit einem Arzt oder einem anderen Beschäftigen im Gesundheitssystem kann man nur noch beten, nie wirklich krank zu werden. Überall muss Geld gespart werden und Kranke sind keine Menschen sondern nur noch Fälle, die nach X Tagen weg sein müssen; wobei X in einer Excel-Tabelle bei der Muttergesellschaft, die im Rahmen der Privatisierung das Krankenhaus gekauft hat, gespeichert ist.

Erkundigt man sich bei jemandem, der nicht auf Bild-Zeitungs-Niveau sondern aus Erfahrung über unser Sozialsystem spricht kann man nur beten, nie den Job zu verlieren und länger als ein halbes Jahr arbeitslos zu werden. Menschen werden zu Fällen, die innerhalb eines festgelegten Zeitraums wieder irgendwo untergebracht werden müssen, weil man positive Zahlen sehen will; Einzelschicksale haben keinen Platz mehr.

Redet man mit einem Lehrer bekommt man schnell Einblicke in unser Bildungssystem, die einen glücklich machen, wenn man keine eigenen Kinder hat. Entgegen aller Forschung sitzen Kinder nur auf Grund des gleichen Alters in Klassen fest in denen sie den gleichen Stoff zur gleichen Zeit lernen müssen. Nur wer sehr extrem auffällt erhält die Chance, das System zu verlassen – meist aber nach unten.

Und wenn wir ehrlich sind, dann könnte ich jetzt hier weiter machen. Alle diese Systeme funktionieren nur deswegen, weil sich einzelne Menschen irgendwie dagegen auflehnen. Weil es die Pfleger, Schwestern, Ärzte gibt, die über ihre Leistungsgrenze hinaus versuchen, statt der erlaubten 2,4 Minuten noch länger mit den Patienten zu sprechen. Weil es Verwaltungsmenschen gibt, die sich weigern, nur Zahlen und Fälle vor sich zu sehen und zuhören. Weil sich Lehrer gegen Kollegen und Schulämter und an allen Vorschriften vorbei engagieren.

Oder anders: Weil die Systeme zwar nicht mehr funktionieren, sich aber einzelne weigern, sich den Vorgaben entsprechend zu verhalten.

Aber zurück zu meiner Theorie: Nehmen wir einmal an, ich hätte die drei Beispiele nicht zufällig gewählt, sondern weil ich solche Gespräche wirklich geführt hätte.
Erstaunlich finde ich, dass keiner der drei Beispiel-Gesprächspartner es zulassen konnte, auch von den anderen beiden zu hören. Erwähnt man, dass man selbst daran glaubt, dass es nicht Einzelfälle sind, von denen man gerade noch gemeinsam sprach, sondern dass es Symptome für einen viel weiter gehenden Zusammenbruch sind, schaut einen der Gesprächspartner an wie Julia Roberts Mel Gibson in »Fletchers Visionen«.

Anscheinend braucht der Mensch seinen kleinen Glauben daran, dass zwar bei ihm selbst im Moment alles ein bisschen Scheisse läuft, aber das prinzipiell alles in Ordnung ist.
Oder anderes: Was nicht sein kann, das nicht sein darf.

Und für alle, die generell »das System« – und es ist ja schon spannend, dass ich hier diese Anführungszeichen benutze, oder? – anzweifeln haben wir das schöne Wort »Verschwörungstheoretiker« und das löst das Problem dann auch ganz famos.
Und Protest ist nur schön, wenn er von einer Akustikgitarre und einer Mundharmonika begleitet wird.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

8 Reaktionen

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Am 29.04.2011 um 21:46 Uhr wusste wowo:

Und leider sind es genau diese Menschen, die sich „auflehnen“ und eben mehr arbeiten, als es die Vorgaben (Muttergesellschaft) eigentlich erlauben, die dieses System aufrechthalten. Der Überstundenberg der MitarbeiterInnen in sozialen Bereichen belegt es.
Bis auf Siam, (dieses Land hat das Streben nach Glück in der Verfassung) gibt es kaum ein Land auf dieser Welt, dass den Schwachen mehr als nur die Brotkrumen gönnt.


Am 29.04.2011 um 22:15 Uhr antwortete Claudia:

Ich finde, es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Verschwörungstheoretikern und Systemkritikern – man kann und soll das nicht in einen Topf werfen.

Verschwörungstheoretiker sind für mich Menschen, die davon ausgehen, es gäbe bezüglich irgend einem Fakt eine absichtsvolle Verschwörung vieler, die darin erfolgreich sind, den Fakt FALSCH darzustellen. Beispiel: die Bezweiflung der Mondlandung.
Hätten die Verschwörungstheoretiker recht, müssten dermaßen viele Menschen in die Verschwörung verstrickt sein, dass die Idee einer erfolgreichen Verschwörung ABSURD erscheint. Das sagt einem der gesunde Menschenverstand und ein bisschen Lebenserfahrung und Menschenkenntnis: je mehr es braucht, um etwas geheim zu halten, desto sicherer kommt es raus…

Anders der Systemkritiker: die Defizite eines Systems an Beispielen aufzuzeigen oder durch Analyse zu begründen, benötigt keinerlei „Verschwörung“. Es ist ja gerade typisch für ein „System“, dass es eben nicht auf das Verhalten Einzelner oder Gruppen ankommt, sondern das System eine charakteristische Eigendynamik entwickelt – eine, die den Beteiligten dann als „alternativlos“ vorkommt.


Am 29.04.2011 um 22:26 Uhr ergänzte Sven:

Nenee, „Verschwörung“ wäre es, wenn du nun noch behauptetest, dass da „jemand dahinter steckte“, mit einer Agenda und ganz absichtlich. Was du beschreibst ist aber das System selbst, da geht es um „nicht verantwortlich“ (im Sinne von „nicht schuldig“ -> nicht in die Hölle kommen) sein wollen, ums verdrängen und um Egoismus als Lebensprinzip. Und damit die Auswirkungen der uns umgebenden Lebensrealität. Keine Verschwörung. Aber (dennoch) der ganz normale Wahnsinn. Manchmal wünschte ich mir, dass – wie die Verschwörungstheoretiker glauben – da wirklich jemand „seine Hand im Spiel“ hat. Denn dann wäre es einfacher, etwas zu ändern: indem man diese Hand entfernt. So aber bleiben einem nur die eigenen Hände, denen man sagen kann, dass sie Dinge doch einfach ein klein wenig anders anpacken sollen. Und die Hoffnung, dass es ein paar Leute mehr gibt, die das selbe tun.


Am 30.04.2011 um 6:56 Uhr wusste Christian:

@wowo:
Stimmt wohl; leider. Diejenigen befinden sich dann ja in dem Dilemma, dass sie entweder alles noch mehr den Bach runtergehen lassen können (in der Hoffnung, dass dann alles zusammenbricht) oder weitermachen können. Aber da der Zusammenbruch auf den Schultern derer, die eh Hilfe brauchen passieren würde ist das natürlich eine extrem schwere Entscheidung.

@Claudia, @Jens
Ich persönlich glaube ja nicht, dass es dahinter jemanden gibt, dass es einen Plan gibt. (Ich glaube, dass es verflixt viele Menschen „dahinter“ gibt, denen das alles total egal ist, solange ihre PorscheSchäfchen im Trockenen sind, aber das ist ja etwas anderes …)
Was mir nur immer wieder auffällt ist: Sobald ich beginne mit jemand darüber zu sprechen, dass nicht nur sein kleines System (sein Krankenhaus, sein Amtsleiter, sein …) „nicht funktioniert“, sondern das es überall so ist, dann bekomme ich den „Verschwörungstheoretikerblick“. Oder auch -spruch.


Am 30.04.2011 um 12:31 Uhr kommentierte Claudia:

Wundert mich nicht, denn was du aufzeigst, eröffnet nichts als eine Perspektive der Machtlosigkeit. Und sowas mag niemand gern als Realität anerkennen („alternativlos“ ist zum Unwort des Jahres erklärt worden, zu Recht!).

Wenn „das System“ an allem Übel schuld ist, gibt es niemanden mehr, der daran etwas ändern könnte – denn egal, wie wir uns verhalten, wir können nur mittun oder persönlich scheitern. Auch „eine Nische finden“, in der es noch etwas gemütlicher zugeht, ist nie nachhaltig, denn das System wächst in jede Nische hinein, irgendwann…

Es sind eben auch nicht allein die Porschefahrer, denen alles egal ist. Systemkritiker, die noch „Schuldige“ kennen, sind nicht wirklich Systemkritiker.

Es ist jeder beteiligt, der nach dem „Billigeren“ greift – egal auf welcher Ebene. Nur dass wir das halt „den Armen“ nicht so übel nehmen wie „den Reichen“, die aus der Sicht vieler ja anders könnten.


Am 30.04.2011 um 23:38 Uhr sprach Christian:

Vielleicht ist auch das ein Grund, bestimmte Dinge nich hören zu wollen: Über das von mir selbst erlebte Überl schimpfen ist einfach, das gesamte Übel sehen und vielleicht noch erkennen, dass ich selbst einen kleinen teil ändern könnte oder sogar müsste ist schwerer.
Gegen AKWs sein ist zum Beispiel ja sehr einfach, so lange ich keinen Strom sparen muss…


Am 01.05.2011 um 18:02 Uhr antwortete CountZero:

Sikscht, das fasst recht gut einige Dinge zusammen, die zu unserer Entscheidung geführt haben auszuwandern und die Nummer auch durchzuziehen, als sich die Chance in der Schweiz geboten hat.

Klar, auch Switzerland ist nicht das Land wo Milch und Honig fliesst, ich höre von meinen neuen Arbeitskollegen schon eine Menge Dinge darüber, wo überall es auch im Schweizer Gesundheits- und Rentensystem im Gebälk kracht, jedoch wird dies von vielen anderen Dingen aufgewogen, die hier wirklich noch funktionieren, ohne dabei gleich Vorschriften zuwiderzulaufen oder dergleichen.

Kurzum: ich bin zwar erst einige Wochen weg, und meine Herzallerliebste muss noch weitere drei Wochen in Ol’germany ausharren, aber das seither Erlebte bestärkt unheimlich darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und zur Abwechslung damit mal richtig abgebogen zu sein ;)


Am 25.06.2012 um 14:42 Uhr sprach wow:

Das System ist denke ich gar nicht so schlecht.
Es geht uns verhältnismässig gut in Deutschland. Und das was nicht gut ist kann in anderen Teilen dieser Welt noch 100 mal schlimmer sein.
Die Gesellschaft wendet das System an und formt es.Und 80 % der Menschen sind nun mal Arschlöcher.

Und das Führungspositionen interessen vertreten ist doch nichts mysteriöses oder erstaunliches. Wenn ihr wollt nennt es Verschwörung.

Es gibt nichts was es nicht gibt.


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