ÖPNV auf dem Land

Aus der Kategorie »just people«

Seien wir realistisch: Die meisten Blogs werden von anderen Bloggern (Twitterati, crazy Internet-People) gelesen und die leben zu einem Großteil in der (Groß-)Stadt.
Liest man also in Blogs etwas über Autos und den öffentlichen Personennahverkehr, dann liest man „versteh ich nich, wozu man ein Auto braucht“, „man kann doch alles mit dem Bus oder Zug machen“ oder ähnliches.

Wenn ich erwähne, dass wir zu zweit zwei Autos haben, dann hat auch schon mancher mal ein bisschen die Augenbraue hochgezogen.

Ich erzähl Euch mal ein bisschen was.

Als ich mit drei in den Kindergarten kam, musste ich zum Kindergarten den Bus nehmen. Der Bus war ein Schulbus, wir hatten feste Plätze und der Fahrer kannte uns. Das war super.

Mit sechs war ich umgezogen und wohnte auf DEM Dorf.

Zum nächsten Ort und damit zur Grundschule fuhr sechsmal am Tag ein Bus, netterweise exakt passend jeweils im 45-Minuten Abstand. Und dann nochmal einer nachmittags gegen vier.

Mit zehn wollte ich aufs Gymnasium; das Gymnasium lag in der anderen nächsten Stadt.
Der Bus dorthin verließ das Dorf morgens um 6.55 Uhr, um 3 Minuten nach 7 stieg ich im Nachbarörtchen in die nächste Linie um, um 7:18 Uhr war ich in Menden. Selbst wenn ich schlenderte (wozu man je nach Wetter ja auch nicht immer Lust hat) war ich um 7:40 in der Schule. Ging ich normal um 7:33Uhr, da war die Schule meist noch nicht auf. Machte mindestens zwanzig, später 25 Minuten Warten auf den Unterrichtsbeginn.
Begann mein Unterricht erst zur zweiten oder dritten Stunde hatte ich Pech.

Die fünfte Stunde endete um 12:25 Uhr, der Weg zur Bushaltestelle dauerte 15 Minuten. Die Anschlusslinie ins Dorf fuhr um 13:30 Uhr im Nachbarörtchen ab. Bedeutete, dass ich 30 Minuten in der Stadt rumhängen musste. Oder im Nachbarörtchen. Beide hatten ab 12:30 Uhr die Läden zur Mittagspause geschlossen.

Die sechste Stunde endete um 13:15 Uhr. Wer aufmerksam mitgerechnet hat, der weiß: Unerreichbar. Der nächste Bus ins Dorf fuhr um 17:45 Uhr. Also hat mich bis zur achten Klasse meine Mutter mittags abgeholt.

Hatte ich nur drei oder vier Stunden, dan kam ich mit dem Bus wenigstens bis ins Nachbardorf, von dort konnte man zu Fuß in guten 20 Minuten (weils so fuckin’ steil den Berg raufging) ins Dorf kommen. Wenn man Glück hatte, kam wer vorbei und nahm einen mit.

Als ich in die fünfte Klasse kam, war die nächst-ältere Gymnasiums-Schülerin in der elf und ging dann ab.
Als ich in die sieben kam, kam der nächst-jüngere nach, im Jahr danach dann sogar nochmal drei.
Eine der drei hatte einen energischen Vater, der der örtlichen Verkehrsgesellschaft erklärte, dass man die Kinder nach der sechsten nicht immer abholen könne und ab der neun gab es dann einen Einsatzwagen. Der fuhr um 13:28 ab. (Wir erinnern uns: Schul-Ende 13:15, 15 Minuten reguläre Wegzeit. Ich war also ganz gut zu Fuß damals, trotzdem konnte einen so ein lehrertypisches „ich bestimme, wann die Stunde zu Ende ist und nicht die Klingel“ schon ganz schön ins Rennen bringen.

Wollte ich nachmittags Schulfreunde besuchen, musste ich direkt zum Mittagessen mitfahren. Will auch nicht jeder. So etwas wie ein spontanes Treffen nachmittags in der Eisdiele gab es für mich nicht.
Und auch wenn Eltern einen prinzipiell immer fahren würden, so möchte ein Teenager vielleicht manchmal auch nicht fragen oder diskutieren müssen, ob „Da treffen sich alle. Ja, alle halt.“ ein valider Grund für einen Erwachsenen ist, den Wagen zu starten.

Das Dorf war sicher sehr, sehr krass, aber als wir älter wurden und auch einmal abends etwas unternehmen wollten, da war ich zum einen wieder außen vor, denn der dritte Bus am Tag, der zum Dorf fuhr war dann auch der letzte. Aber auch die Freunde aus den andren Städtchen drumherum mussten sich abends um zehn vor zehn überlegen, ob sie jetzt die letzte ÖPNV-Möglichkeit in Anspruch nahmen oder ob der Abend so gut war, dass man durchmachen würde.

Ich kannte Mitschüler, die hatten es schlechter. Die mussten zur Haltestelle erst noch zwanzig Minuten laufen.

Ich will auch nicht über meine Jugend jammern, jedenfalls nicht hier. Was ich möchte ist: Einmal schildern, was für Dinge auch Realität sind. Man übersieht das Leben auf dem Land gern, wenn man in einer Stadt lebt, ich verstehe das. Aber ein Drittel aller Deutschen, sogar mehr als ein Drittel der Deutschen mit Kindern möchte gerne auf dem Land leben.
Und das bedeutet neben vielem anderen eben auch eine Entscheidung für schlecht ausgebauten ÖPNV und eine klare Entscheidung für ein Auto für jedes Familienmitglied über 17.

Und für alle andern bedeutet das: Ups, da gibts mehr Einschränkungen als dass die 315 ab acht nur noch alle zehn Minuten fährt.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

4 Reaktionen

Am 25.03.2016 um 0:22 Uhr antworteteMagnus aka MJKW :

Und zur Lebensrettung und Erhalt der psychischen Gesundheit gab es gottseidank Das Refugium. Vulgo auch Stadtbücherei genannt. Wiie wundervoll es sein konnte, länger Schule zu haben.


Am 25.03.2016 um 10:14 Uhr sagteChristian :

Das Lesecafe? Du bist jünger als ich, oder? Wenn ich mich recht erinnere machte das Lesecafe auf, als ich schon in der elf war. Hm, ob man das in diesem Internet recherchieren könnte?

(Pause)

Ja, kann man: hier steht, dass der Umzug der Bücherei ins alte Rathaus 1989 beschlossen und dann organisiert wurde. Also als ich in der elf oder in der zwölf war. Ab Anfang 1990 fuhr ich dann schon mit dem Auto in die Schule …

(Was immer noch kein Rumjammern sein soll.)


Am 11.04.2016 um 22:11 Uhr kommentierteAlltagsheldin :

Ach, wie schön zusammengefasst :D So kenne ich das aus meiner Kindheit auch noch…

Wir leben auch „auf dem Dorf“, aber eigentlich recht zentral. Dennoch ist ein Auto nötig. Wenn wir mal nicht mehr studieren auch zwei. Auf dem Land ist das halt so.
Vor 5 Jahren, als ich noch in der Großstadt wohnte, hätte ein Auto nur überteuerte, unnötige Parkplatzgebühren bedeutet. So kann sich das ändern.

Liebe Grüße,
die Alltagsheldin


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