ÖPNV außerhalb der Großstadt

Aus der Kategorie »just people«

Drüben bei Frau Dingens einen Artikel zu eigentlich etwas vollkommen anderem gelesen, dabei aber auf diesen Absatz gestossen

Wer in der Stadt lebt und Ubahnstationen in Laufweite hat, vergisst schnell, wie es ist, auf dem Land zu leben, wo der Bus abends nur noch zwei Mal pro Stunde fährt.

Und sehr gelacht.

Mal im Ernst, Ihr Lieben: Ich erzähl mal, wie das ist mit dem öffentlichen Personen-Nahverkehr auf dem Land.

Mit drei wurde ich das erste Mal in einen Bus gesetzt. Der fuhr direkt von unserer kleinen Stichstraße bis vor den Kindergarten, ich hatte einen festen Platz zwischen den beiden Nachbarmädels und ich war zwar vermutlich zuerst nicht begeistert, aber das war schon ok. Denke ich. Aber das war alles von der elterlichen Arbeitsstelle organisiert und damit quasi das Paradies.

Mit sechs wurde ich dann auf das Dorf gezogen. Im Sommer begann die Schule und ich lernte den Linienbus kennen, der vom Dorf zum Kaff fuhr. Im Kaff waren nämlich die Grund-, die Haupt- und die Realschule und so fuhr der Linienbus dankenswerterweise exakt zur ersten und zweiten Stunde hin und nach der dritten, vierten, fünften und sechsten zurück. Nachmittags dann noch einmal so gegen vier; das nutzten die wenigen Erwachsenen, die sich morgens in den Schulbus – wie wir ihn empfanden – hineintrauten.
Es gab keine festen Plätze mehr – statt dessen eine strikte, natürlich auch mit Gewalt durchgesetzte Rangordnung. Und einen daran sehr desinteressierten Busfahrer.

Dummerweise war ich damals schon ein schlaues Kerlchen und wer aufmerksam gelesen hat, hat bemerkt, dass in der Aufzählung oben das Gymnasium fehlte. Außerdem hat er bemerkt, dass ich das Wort „Stadt” oder auch nur „Städtchen” bisher vermied.

Ab der fünften Klasse nahm ich also den Bus vom Dorf ins andere Kaff – der fuhr morgens um sieben Minuten vor sieben. Um fünf nach sieben fuhr dann der Anschluss-Bus im Kaff ab und um achtzehn nach sieben war ich dann im Städtchen. Und um zwei vor halb acht in der Schule. Manchmal, wenn die Nonnen viel zu beten hatten, dann hatte die noch nicht mal auf und ich durfte in der Kälte warten.

Hatte ich fünf Stunden, hatte ich Glück: Dann fuhr ein Bus zurück ins Dorf. Gut, ich hatte dann vierzig Minuten Zeit in der mittagspausenden Stadt rumzuhängen, weil der Bus ins Dorf erst so spät fuhr, aber immerhin. Wollte ichs warm und/oder trocken haben konnte ich mich auch verbotenerweise in die 24 statt in die 22 setzen, die gondelte nämlich noch über alle Vororte. Aber immerhin warm. Naja, so buswarm halt, Ihr kennt das: bullenheiss auf dem Vierer wo die Heizung ist und immer wieder sehr erfrischend auf allen Plätzen im Umkreis von 5m um die Türen.

Hatte ich dummerweise sechs Stunden, musste ich abgeholt werden. „Aber – vierzig Minuten sind doch fast eine Schulstunde? Konnte der Bus dann nicht fünf Minuten später fahren?” höre ich jemanden fragen. Nein, konnte er nicht, wir haben gefragt. Ich war ja auch der einzige.
Erst nach fünf Jahren auf dem Gymnasium waren noch ein paar leider-zu-kluge Kinder nachgewachsen (in Worten: fünf), auch im nächsten Dorf gab es Bedarf und so ließ sich die Busgesellschaft immerhin auf den Einsatz eines sogenannten Einsatzwagens ein.
Der fuhr – bei Bedarf – zwölf Minuten nach Schulschluß vom Bahnhof los. Wer oben aufgepasst hat weiß, dass der Fußweg zehn Minuten dauerte.

Oder anders: Es war eher zeitlich eng. Kam der Lehrer der sechsten Stunde auf die lustige Idee mit „Die Stunde ist zu Ende, wenn ICH es sage”, dann wurde auch sehr eng.

Der nächste Bus danach fuhr übrigens abends um viertel vor sechs.

Hatte ich unverschämterweise nur drei oder vier Stunden, fuhr der Bus nur bis ins Dorf vor unserem Dorf und ich konnte die letzten fünfzehn Minuten und 80 Höhenmeter laufen.

Für jede Form von außerschulischem Sozialleben aka. „mal Freunde treffen” musste ich meine Eltern bitten, mich zu fahren.

Jahrelang wurde der Einsatzwagen von einem militanten Kinderhasser gefahren, der seine Bustüren gerne mal schloss, wenn man noch drinsteckte, gerne haarscharf zu früh losfuhr, uns gerne aus dem Dorf wieder mit rausnahm und im Wald im Gebüsch aussteigen ließ, weil wir „nicht rechtzeitig geklingelt” hatten (an der Endstation!) und auch sonst jede Gelegenheit mitnahm, uns zu schikanieren.

Das ist natürlich alles lange her, aber heute hat sich das nicht großartig geändert.
Als ich mich das letzte Mal gekümmert habe war abends nach zehn Schicht mit allem, was kein Taxi-Schild auf dem Dach hat. Zu Schulzeiten konnte man sich deswegen (falls man hier in der Stadt wohnte) entscheiden, ob man Freitagsabends um kurz vor zehn die Kneipe verließ oder bis zum nächsten Morgen und zum Physik-LK in der ersten durchmachen wollte.

Der Bahnhof in Menden war von den siebzehn Jahren die ich jetzt hier lebe, vierzehn Jahre geschlossen und mit Brettern vernagelt und wurde von den einsLive-Hörern mit großer Mehrheit zum hässlichsten Bahnhof des Sektors gewählt. Wir haben in drei verschiedenen Straßen im Umkreis von 100m drei Bushaltestellen namens „Bahnhof” und da das Busunternehmen selbst das total logisch findet ist es ihnen egal, wenn das Reisende verwirrt.

Vor zwei Jahren bestanden zwei Freundinnen aus dem Nachbarstädtchen darauf, mit dem Bus zu uns zu kommen – weil es zu viele Umstände gewesen wären, wenn ich sie abhole. Ich fuhr dann quasi die gleiche Entfernung in die andere Richtung, weil der Busfahrer keinen Bock hatte, vernünftig mit ihnen zu sprechen und sämtliche Ausschilderungen auch für Menschen, die sich virtuos weltweit in Bussen und Zügen bewegen vollkommen für die Tonne sind. Wenn es überhaupt welche gibt, die nicht angekokelt oder mit Tags geschmückt sind.

Alles in allem: Deswegen fahre ich Auto. Nicht, weil hier die Busse nur noch zweimal pro Stunde fahren.
Das ist auch Realität, wenn wir uns über Individual- und öffentlichen Personen-Nahverkehr unterhalten.

Und das nächste Mal erzähle ich Euch die Geschichte, dass man in kleinen und mittelständischen Betrieben im Sauerland vom Geschäftsführer beim ersten Kennenlernen selbstverständlich auf das Auto angesprochen wird, mit dem man als selbstständiger Dienstleister gerade auf den Hof gefahren ist. Ist der eigene Audi gerade in der Werkstatt und hat man den Fiat 500 der Liebsten, muss man auch schonmal erklären, dass es der Firma aber gut geht und man den Job wirklich hinbekommt. Aber wie gesagt, das soll eine andere Geschichte sein.


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13 Reaktionen

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Am 29.06.2014 um 23:23 Uhr meinte loosy:

Word. Nur fuhr der Bus noch seltener zurück und bis nach Hause waren es von der Bushaltestelle 20 Minuten. Hab bei Minas Artikel auch an der Stelle losgeprustet.


Am 30.06.2014 um 9:53 Uhr sagte Dentaku:

Ich musste an der Stelle auch lachen: von 15 bis zur Uni lebte ich nämlich in einem Dorf ohne ÖPNV.
(ok, es gab einen Schulbus zur Grund- und Hauptschule, aber die war schon in einer anderen „Stadt“ als das Gymnasium, und der nützte deshalb gar nichts)


Am 30.06.2014 um 10:30 Uhr meinte Die liebe Nessy:

Wer in Menden selbst wohnte bzw. einem der Stadtteile (ich), lief halt meistens. Klar – es gibt den Bus 24 ins Lahrfeld, aber meist war ich schneller da, wenn ich zu Fuß ging, als wenn ich auf den Bus wartete, der mich irgendwann nach Hause gondelte. Das Fahrrad war natürlich auch eine Möglichkeit, wenn man (noch) keinen Führerschein hatte. Ich weiß noch: In meiner Jugend kam ich auf 70-100 km pro Woche – nicht mit Spazierenfahren, sondern mit dem zielgerichteten Fahren von A nach B, zur Schule, zum Training, zu Freunden, zum Nachhilfegeben. Blöd ist natürlich (bzw. gut für Herz-Kreislauf), dass Menden relativ bergig ist. Irgendwo geht’s immer bergauf.


Am 30.06.2014 um 10:45 Uhr sprach Christian:

@dentaku Wow, da ist ja auch wirklich gar nichts. Noch weniger als im beschriebenen Dorf.

@Nessy: „Irgendwo gehts immer bergauf” – das ist mein Satz des Tages!

Und: Ja sicher bin ich später auch mit dem Rad zur Schule gefahren. Nie war ich so fit wie damals …


Am 30.06.2014 um 17:45 Uhr ergänzte Hammwanich:

Blöd ist es auch, wenn man 21 km von dem besagten Städtchen wegwohnt, zwischen Sauerland und Ruhrgebiet aber unüberbrückbare (und anscheinend auch undurchfahrbare) Differenzen liegen, weshalb der letzte Zug am Abend um 21 Uhr fährt. Gut wenn man dann jemanden wie dich hat, der einen dann flugs mit dem Auto nach Hause bringt, weil der Abend einfach zu nett ist. :)


Am 30.06.2014 um 20:12 Uhr sagte Christian:

Ach ja, die Grenzen der Verkehrsgebiete. Heilger Gral des Kirchturmdenkens und letztes Überbleibsel der deutschen Vielstaaterei.


Am 15.07.2014 um 10:45 Uhr meinte Curima:

Oh ja. Ich erinnere mich noch gut. Immerhin fuhr tagsüber so grob alle 60 bis 90 Minuten ein Bus. Die letzte Möglichkeit, direkt vom Gymnasiumskaff ins Heimatkaff zu kommen, war um 16.40 Uhr. Danach kam man nur noch in die Nähe (30 Minuten zu Fuß bzw. halt abholen lassen). Ab 19 Uhr fuhr dann gar nix mehr. Am Wochenende auch nicht.
Was haben mich meine Eltern all die Jahre mit „Wenn du nicht xyz tust, dann fahre ich dich nicht nach …“ erpressen können…


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Auch anderswo wird darüber gesprochen …

Word. Nur fuhr der Bus noch seltener zurück und bis nach Hause waren es von der Bushaltestelle 20 Minuten. Hab bei Minas Artikel auch an der Stelle losgeprustet.
Ich musste an der Stelle auch lachen: von 15 bis zur Uni lebte ich nämlich in einem Dorf ohne ÖPNV.(ok, es gab einen Schulbus zur Grund- und Hauptschule, aber die war schon in einer anderen "Stadt" als das Gymnasium, und der nützte deshalb gar nichts)
Wer in Menden selbst wohnte bzw. einem der Stadtteile (ich), lief halt meistens. Klar - es gibt den Bus 24 ins Lahrfeld, aber meist war ich schneller da, wenn ich zu Fuß ging, als wenn ich auf den Bus wartete, der mich irgendwann nach Hause gondelte. Das Fahrrad war natürlich auch eine Möglichkeit, wenn man (noch) keinen Führerschein hatte. Ich weiß noch: In meiner Jugend kam ich auf 70-100 km pro Woche - nicht mit Spazierenfahren, sondern mit dem zielgerichteten Fahren von A nach B, zur Schule, zum Training, zu Freunden, zum Nachhilfegeben. Blöd ist natürlich (bzw. gut für Herz-Kreislauf), dass Menden relativ bergig ist. Irgendwo geht's immer bergauf.
@dentaku Wow, da ist ja auch wirklich gar nichts. Noch weniger als im beschriebenen Dorf.@Nessy: „Irgendwo gehts immer bergauf” - das ist mein Satz des Tages!Und: Ja sicher bin ich später auch mit dem Rad zur Schule gefahren. Nie war ich so fit wie damals …
Blöd ist es auch, wenn man 21 km von dem besagten Städtchen wegwohnt, zwischen Sauerland und Ruhrgebiet aber unüberbrückbare (und anscheinend auch undurchfahrbare) Differenzen liegen, weshalb der letzte Zug am Abend um 21 Uhr fährt. Gut wenn man dann jemanden wie dich hat, der einen dann flugs mit dem Auto nach Hause bringt, weil der Abend einfach zu nett ist. :)
Ach ja, die Grenzen der Verkehrsgebiete. Heilger Gral des Kirchturmdenkens und letztes Überbleibsel der deutschen Vielstaaterei.
Oh ja. Ich erinnere mich noch gut. Immerhin fuhr tagsüber so grob alle 60 bis 90 Minuten ein Bus. Die letzte Möglichkeit, direkt vom Gymnasiumskaff ins Heimatkaff zu kommen, war um 16.40 Uhr. Danach kam man nur noch in die Nähe (30 Minuten zu Fuß bzw. halt abholen lassen). Ab 19 Uhr fuhr dann gar nix mehr. Am Wochenende auch nicht.Was haben mich meine Eltern all die Jahre mit "Wenn du nicht xyz tust, dann fahre ich dich nicht nach ..." erpressen können...

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  • • Word. Nur fuhr der Bus noch seltener zurück und bis nach Hause waren es von der Bushaltestelle 20 Minuten. Hab bei Minas Artikel auch an der Stelle losgeprustet.
  • • Ich musste an der Stelle auch lachen: von 15 bis zur Uni lebte ich nämlich in einem Dorf ohne ÖPNV.(ok, es gab einen Schulbus zur Grund- und Hauptschule, aber die war schon in einer anderen "Stadt" als das Gymnasium, und der nützte deshalb gar nichts)
  • • Wer in Menden selbst wohnte bzw. einem der Stadtteile (ich), lief halt meistens. Klar - es gibt den Bus 24 ins Lahrfeld, aber meist war ich schneller da, wenn ich zu Fuß ging, als wenn ich auf den Bus wartete, der mich irgendwann nach Hause gondelte. Das Fahrrad war natürlich auch eine Möglichkeit, wenn man (noch) keinen Führerschein hatte. Ich weiß noch: In meiner Jugend kam ich auf 70-100 km pro Woche - nicht mit Spazierenfahren, sondern mit dem zielgerichteten Fahren von A nach B, zur Schule, zum Training, zu Freunden, zum Nachhilfegeben. Blöd ist natürlich (bzw. gut für Herz-Kreislauf), dass Menden relativ bergig ist. Irgendwo geht's immer bergauf.
  • • @dentaku Wow, da ist ja auch wirklich gar nichts. Noch weniger als im beschriebenen Dorf.@Nessy: „Irgendwo gehts immer bergauf” - das ist mein Satz des Tages!Und: Ja sicher bin ich später auch mit dem Rad zur Schule gefahren. Nie war ich so fit wie damals …
  • • Blöd ist es auch, wenn man 21 km von dem besagten Städtchen wegwohnt, zwischen Sauerland und Ruhrgebiet aber unüberbrückbare (und anscheinend auch undurchfahrbare) Differenzen liegen, weshalb der letzte Zug am Abend um 21 Uhr fährt. Gut wenn man dann jemanden wie dich hat, der einen dann flugs mit dem Auto nach Hause bringt, weil der Abend einfach zu nett ist. :)
  • • Ach ja, die Grenzen der Verkehrsgebiete. Heilger Gral des Kirchturmdenkens und letztes Überbleibsel der deutschen Vielstaaterei.
  • • Oh ja. Ich erinnere mich noch gut. Immerhin fuhr tagsüber so grob alle 60 bis 90 Minuten ein Bus. Die letzte Möglichkeit, direkt vom Gymnasiumskaff ins Heimatkaff zu kommen, war um 16.40 Uhr. Danach kam man nur noch in die Nähe (30 Minuten zu Fuß bzw. halt abholen lassen). Ab 19 Uhr fuhr dann gar nix mehr. Am Wochenende auch nicht.Was haben mich meine Eltern all die Jahre mit "Wenn du nicht xyz tust, dann fahre ich dich nicht nach ..." erpressen können...