Oh Captain my captain.

Aus der Kategorie »just people«

Robin Williams ist tot. Vermutlich hat er sich umgebracht. Vermutlich war er depressiv. So weit momentan das, was man so weiß.

mycaptainViele Menschen finden das traurig und dieses öffentliche Trauern im Web nimmt manchmal Formen an, die uns noch seltsam vorkommen, wir üben ja alle noch.
Manche Menschen – auch wir – haben sich auf einen Tisch gestellt und das fotografiert. Sie beziehen sich auf eine Szene aus dem „Club der toten Dichter” in der die Schüler protestieren, dass ihr Lehrer, gespielt von Robin Williams gehen soll.

Manche andere Menschen nehmen das zum Anlass, über Depressionen zu sprechen: Er hatte doch alles, war erfolgreich, hatte einen Oskar und wir alle liebten ihn.

Sorry, was für ein Bullshit; das nehme ich jetzt mal zum Anlass, auch über Depressionen zu schreiben.
Ich werde nicht darüber schreiben, was man erlebt und wie es einem geht, wenn man an Depressionen erkrankt ist. Das wäre vermessen, denn ich bin sicher, das schwarze Loch erlebt jede und jeder anders.

Aber ich möchte mir wünschen, dass wir alle einmal versuchen, Depressionen als das wahrzunehmen, was sie sind: Eine Krankheit. Wie Schnupfen. Wie ein Bänderriss. Wie eine Bindehautentzündung. Wie eine Querschnittslähmung. Wie kreisrunder Haarausfall.

Und natürlich auch überhaupt nicht so, wie alle diese Krankheiten – genau so wie alle meine Beispiele auch alle ganz unterschiedlich sind. Aber nehmen wir mal diesen einen Aspekt: Jede dieser Krankheiten beeinflusst uns, mit jeder können wir manches tun wie immer und manches nicht. Jede schränkt uns in irgendetwas ein und lässt andere Teile von uns unangetastet.

Hast Du einen heftigen Schnupfen, überrascht es Dich, wenn auf einmal stehen, sitzen, liegen anstrengend ist. Dann kannst Du auf einmal nicht mehr den ganzen Tag am Rechner sitzen, weil sich Dein Hirn zusetzt und die Knochen schmerzen.
Hast Du einen Schnupfen mit Fieber und allem was dazugehört, wird niemand von Dir verlangen, Dich nicht so anzustellen.
Hast Du einen Bänderriss wird niemand von Dir verlangen, den Treppenlauf im EmpireStateBuilding mitzulaufen.
Hast Du eine Bindehautentzündung, wird niemand von Dir verlangen, den ganzen Tag durch ein Fernglas die Sonne zu beobachten.

Hast Du Schnupfen, bist Du kein anderer Mensch. Hast Du Schnupfen, bist Du nur dann ein anderer Mensch, wenn man Dich auf Deine Fähigkeit zu denken, wach und fit zu sein beschränkt. Du bist der gleiche, nur langsamer und vielleicht etwas genervt. Und ob Du Dich „anstellst” oder nicht – manches geht eben nicht. Dein Imunsystem ist eben gerade krank.

Hast Du einen Bänderriss, dann bist Du kein anderer Mensch. Hast Du einen Bänderriss, bist Du nur ein anderer Mensch, wenn man Dich auf Deine Fähigkeit, schnell zu laufen beschränkt. Du bist der gleiche, nur langsamer und vielleicht etwas genervt. Und ob Du Dich „anstellst” oder nicht – manches geht eben nicht. Dein Fuß ist eben gerade krank.

Hast Du eine Depression, eine depressive Phase, whatever you may call it, dann bist Du der gleiche. Nur manches geht eben nicht. Oder langsamer. Nicht wie gewohnt. Du stellst Dich nicht an, sondern Dein Gehirn tut Dinge anders als sonst. Dinge, die Dich sonst froh gemacht haben, lassen Dich vielleicht gleichgültig. Manches geht eben nicht. Dein Gehirn ist eben gerade krank.
Dinge die Dir wichtig waren, sind vielleicht egal. Dein Gehirn ist nämlich gerade krank.

Und vielleicht bist Du müder, wahrscheinlich trauriger und es besteht eine große Chance, dass Du jede Menge Deiner verbliebenen Energie dafür aufbringst, nach außen möglichst gesund zu erscheinen, weil auch alle anderen sich genau diese Gedanken hier noch nie gemacht haben und Dich komisch behandeln.

Wenn ein Schnupfen vorbei ist, dann kannst Du Dich nicht mehr erinnern, wie sich das anfühlte, dann kannst Du es Dir nicht mehr vorstellen. So wie man sich im Sommer keinen Schnee, zu Weihnachten keine Sonne vorstellen kann.
Sei also bitte nicht so vermessen, jemandem zu sagen, er soll sich nicht so anstellen, nur weil Du auch schon einmal ein paar Tage mies drauf warst. Depression ist eine Krankheit und nicht eine Laune.
Hast Du diese Krankheit nicht kannst Du sie Dir nicht vorstellen. Das kann nicht mal ein Depressiver, wenn er gerade keinen akuten Schub hat. Du kannst Dir ja auch keine Grippe vorstellen, wenn Du gerade keine hast.
Aber wenn Du einen depressiven Schub hast, dann kannst Du Dir keine Sonne vorstellen.

 

Ja, ich weiß: Natürlich ist das auch alles etwas vereinfacht, weil ein gebrochener Fuß das Wesen eines Menschen nicht verändert, eine Depression augenscheinlich aber schon.

Aber irgendwo dahinter ist es so. Unter der Krankheit, da ist der gleiche Mensch. Er oder sie stellt sich nicht an, er oder sie ist nicht undankbar – er oder sie ist gerade krank. Lassen wir ihn oder sie dann nicht zusätzlich auch noch alleine. Bestrafen wir sie nicht auch noch dafür, dass es ihnen nicht gut geht.


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30 Reaktionen

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Am 14.08.2014 um 8:33 Uhr meinte Silke:

Tja, genau da liegt der Hund im Pfeffer begraben. Einen Schnupfen oder einen Bänderriss kann man sehen. Alles was aber mit der Seele zu tun hat, ist den Menschen sehr suspekt…..weil man es nicht sehen kann…..das wird sich wohl auch niemals ändern. Schade eigentlich.

Viele Grüße
Silke ….die leider weiß wie sich das anfühlt :o(


Am 14.08.2014 um 9:15 Uhr schriebSue:

Und wenn die Depression vorbei ist, also eventuell nach Jahren… dann versteht der Mensch selber nicht mehr so ganz, wie er in der Zeit der Depression getickt hat,.. weil manches einfach so unverständlich ist. Weil man den Wald nicht sehen kann vor lauter Bäumen und einem niemand den Wald zeigen kann – man sieht ihn nicht. Weil es nicht zu verstehen ist, dass man auf dem Weg ins Bad (10 Meter) vor Erschöpfung zusammenbricht… denn eigentlich liegt man doch den ganzen Tag rum und tut nichts. Weil die Sonne blendet und die Lieblingsblumen grau und stinkig sind. Weil Nichtstun und Nichtstunkönnen schon zu viel ist…
Man will nur noch, dass DAS aufhört. Dann sieht man manchmal nur noch diesen einen Weg. Ich habe mich 6 Jahre mit Medikamenten und Therapien mehr schlecht als recht über die Zeit gerettet.

Meine Freundin ist vor vielen Jahren an der Depression verstorben.
Das klingt ‚freundlicher‘ als Suizid, ist weniger abwertend.


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