WordPress: Nichts für „schnell mal eben“

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Letztens ließ ich mich auf Twitter dazu hinreissen, einen Artikel über WordPress anzukündigen, bzw genauer:

Den Gedanken hatte ich schon länger, unter anderem, weil ich einen Großteil des bisherigen Jahres damit verbracht habe, gehackte WordPress-Installationen zu reparieren. Einmal war ich sogar gleichzeitig mit dem Hacker auf dem FTP-Server unterwegs, das war schon eine ganz eigene Erfahrung.

Vorwort
Dieser Artikel ist nicht für Entwickler / Programmiererinnen geschrieben. Ich hoffe eher, dass er von Bloggern oder Bloggerinnen oder welchen, die es werden wollen, gelesen wird. Und von Menschen, denen jemand gesagt hat, man können mit WordPress „mal eben“ eine Website aufsetzen. Auch wenn das Fazit vielleicht lautet: „Alles nicht ganz so einfach wie gedacht“. Oder gerade deswegen.
 Ach ja, das Thema ist komplex und ich habe mich bemüht, nicht zu technisch zu schreiben. Dafür dauert das Lesen etwa zehn Minuten. Aber mach ruhig mal.

Rückblick
Ich fang ja gerne vorne an, daher erst mal ein kurzer Rückblick. WordPress erschien vor ca. 13 Jahren als Blogsystem und hat sich in meiner Erinnerung so ca. ab 2006 in der damals noch überschaubaren deutschen Blogosphäre als quasi-Standard durchgesetzt.
Da es aber bereits sehr früh neben Blog-Postings auch statische Seiten verwalten konnte, haben Webdesigner das System auch schon recht fix als CMS für Websites benutzt, die kaum oder gar keinen Blog-Charakter hatten. Klar, ich auch.
Zu Beginn gab es da noch eine Menge zu basteln, aber nach und nach gab es Erweiterungen, die diese Nutzung einfacher machen und heute ist WordPress das meist genutzte CMS der Welt. Auch wenn man immer noch sehr merkt, dass es eigentlich ein Blog-System ist.

Technik
Ich will jetzt technisch nicht zu tief einsteigen, aber ein paar Basics brauchen wir, damit später verständlich ist, warum und was ich hier schreibe.

WordPress
WordPress besteht erst einmal aus dem sogenannten „Core“, also dem, was man sich bei worpress.org herunterladen kann. Das kann man sich – wenn man die Zugangsdaten für seine Datenbank zur Hand hat – in den beworbenen 5 Minuten installieren. Dann hat man ein stabiles, solides, jahrelang erprobtes Blog-System und man kann loslegen. Das System kümmert sich z.B. darum, dass neue Artikel vorne stehen, in Kategorien sortierbar sind, dass alles in den Archiven oder über die interne Suche auffindbar ist und dass es einen RSS-Feed gibt.

Themes
Als nächstes kommen meist die sogenannten „Themes“ ins Spiel. Oberflächlich betrachtet geben sie dem frisch installierten Blog sein Aussehen. In Wirklichkeit können sie meist noch mehr, aber darauf kommen wir später zurück.

PlugIns
Hat man sein frisch installiertes und herausgeputztes Blog vor sich, sieht man meist in einem anderen Blog irgendeine Funktion, die man selbst nicht hat aber haben möchte. Nehmen wir als Beispiel mal die letzten Tweets des Autors in der Seitenleiste oder die hübschen Buttons zum Teilen des Artikels unter jedem Beitrag. Man erkundigt sich und erfährt: Das sind meist die sogenannten Erweiterungen oder „PlugIns“; die heißen Erweiterungen, weil sie die Funktionspalette eines Blogs erweitern. Es gibt sie wie Sand am Meer und was auf den ersten Blick ja sehr schön klingt, das behalten wir auch für später im Kopf.
Manchmal bringen aber auch die Themes Funktionen mit, die WordPress selbst nicht hat.

Manche PlugIns sind auf genau eine Funktion spezialisiert, manche bringen ein ganzes Bündel an Funktionserweiterungen mit. Ebenso gibt es Themes, die den Administrationsbereich um eine ganze Reihe von Funktionen erweitern.

Wir fassen zusammen: Wir haben die Dreieinigkeit aus Core, Theme und PlugIns vor uns, wenn wir auf ein Blog schauen. Den Core gibt es genau einmal in der jeweils aktuellsten Version, Themes gibt es nahezu unendlich viele und PlugIns unendlich viele. Oft auch sehr, sehr ähnliche Themes oder viele PlugIns, die eigentlich genau das gleiche tun.

Sowohl der Core als auch Themes und PlugIns bestehen prinzipiell aus einer gewissen Menge von Dateien – wobei die Menge natürlich schwankt. WordPress selbst besteht aus ca 1.400 Dateien, Themes sind meist recht überschaubar und bei PlugIns ist zwischen einer einzelnen Datei und sehr, sehr vielen alles möglich.

(Fast) unendlich viele Themes und PlugIns? Wo kommen die denn alle her?
Aus dem Netz. Und das ist großartig. Wer mag, kann sich an WordPress beteiligen, in dem er selbst Themes oder PlugIns schreibt und auf seiner eigenen Website zum Download anbietet. Oder sich darum bemüht, dass das frisch Programmierte in die offiziellen Verzeichnisse aufgenommen wird.
Äh … stop:
Aus dem Netz. Und exakt das ist das Problem. Wer mag, kann sich an WordPress beteiligen, in dem er selbst Themes oder PlugIns schreibt und auf seiner eigenen Website zum Download anbietet. Oder sich darum bemüht, dass das frisch Programmierte in die offiziellen Verzeichnisse aufgenommen wird.

Moment mal, habe ich gerade den gleichen Sachverhalt einmal positiv und einmal negativ bewertet? Jup.

So großartig ich es finde, wenn Menschen Software – egal ob CMS oder Betriebssystem oder was auch immer – zusammen entwickeln und weiter schreiben, so kann das doch auch zum Problem werden.

Als Beispiel mal eine erdachte neue Kundin:
Nehmen wir also an, mich ruft jemand an und möchte gern ein Blog haben. Mach ich ja gerne. Wir sprechen und Neukunde X erzählt seine oder ihre Vorstellungen, sowohl was die Optik als auch was die Funktionen angeht. Zweiteres ist meist schon etwas schwieriger, weil man ja bei anderen Blogs nicht sieht, was automatisch dabei ist und was per PlugIn nachträglich dran geschraubt wurde. Und Sharing-Buttons z.B. hat doch nun wirklich jeder, oder?
Aber zum Glück mach ich den Job ja schon länger und kann gezielt fragen.

Außerdem hat meine neue Kundin sich schon ein wenig umgesehen, kennt den Slogan der berühmten „5-Minuten-Installation“ und weiß, dass quasi alle und sogar sogar ihr technisch vollkommen unbegabter Nachbar ein WordPress-Blog haben. Das kann also nicht so schwer sein.

Schlage ich dem neuen dann Kunden vor, sein Blog-Theme von Grund auf neu zu programmieren, dann staunt er, wie viel Geld das kostet. Ob sie sich denn nicht ein vorhandenes Theme aussuchen könne? Klar, kann er gern tun.
Ich installiere also WordPress – es dauert wirklich nicht lange – und lade das gewählte Theme hoch.

Nur noch ein paar Kleinigkeiten
Kundin oder Kunde schaut drauf und freut sich: Oh wie schön. Das ging ja wirklich schnell. Hmm … Können wir die Kommentare bitte noch etwas einrücken? Und die Anzahl der Kommentare hätte ich gern nach dem Artikel und nicht drüber. Mein Logo ist auch etwas klein und auf dem Handy ist recht und links so viel Platz neben den Artikeln. Geht vielleicht auch eine andere Schrift, auf meinen Visitenkarten hab ich ja die Dingsbums Sans? Und diese ganzen Infos da im Footer, die brauche ich wirklich nicht. Wieso steht da oben „just another wordpress blog“? Hm, wenn das weg ist, dann ist da oben aber wirklich viel Platz. Kann des schmaler? Und die Schatten unter den Artikeln weg? Irgendwie kann das alles noch etwas schlichter.

Das sind erstens nicht viele und zweitens alles auch vollkommen verständliche Wünsche. Aber, dann beginnen die Probleme. Nicht die Probleme, dass ich etwas davon nicht könnte; ich kann WordPress-Themes from the scratch aufbauen und spreche verhandlungssicher Html und CSS und PHP. Eher die Probleme, dass meine Neukundin nicht versteht, warum es doch jetzt plötzlich kompliziert wird.

Denn ich, ich habe jetzt folgendes zu tun: Ich muss erst schauen, was das Theme selbst für Funktionen mitbringt, mit denen man Anpassungen am Theme vornehmen kann. Es gibt Themes, die bringen quasi einen kompletten Baukasten mit und es gibt welche, da kann man gerade mal sein eigenes Logo hochladen. Ich hangele mich also erst durch n Menupunkte auf der Suche nach Einstellungen. n kann dabei zwischen „1“ und „sehr viele“ liegen. Ist es ein mir unbekanntes Theme muss ich sie auch alle lesen, sind sie schlecht benannt (es gibt da keine Standards) manchmal auch per try & error rumprobieren.
Bringt das Theme nichts mit um einen speziellen Kundenwunsch zu erfüllen, dann bleibt mir noch, ein sogenanntes Child-Theme zu schreiben. Nicht schwer und eine feine Sache, denn damit kann ich ein bestehendes Theme nutzen und nur sehr gezielt die eine Datei ändern, in der zB die Infos im Footer stehen. Und die andere, in der die Anzahl der Kommentare vor den Artikel geklebt werden.
Um die eine Datei zu finden muss ich – das habt Ihr Euch schon gedacht – natürlich erst einmal in alle reinschauen, wo die Funktion sich versteckt. Dabei kann ich darauf hoffen, dass es fix geht weil die Dateien vernünftig benannt sind – aber bereits hier fangen verschiedene Entwickler an, jeweils ihr eigenes Süppchen zu kochen.*

Manche Wünsche unseres neuen Kunden beziehen sich aber vielleicht gar nicht auf etwas, was das Theme tut, sondern auf etwas, was ein PlugIn tut. Habe ich Glück, dann gibt es Optionen und Einstellungsmöglichkeiten im PlugIn. Habe ich Pech, suche ich ein anderes PlugIn.
Habe ich ganz großes Pech, dann beginnt jetzt der ganz große Spaß und ich schreibe auch die gewünschten Funktionen ins Child-Theme. Oder (noch) ein eigenes PlugIn.

Nochmal kurz Technik: Abhängigkeiten wohin man schaut
Wie gesagt, es gibt sehr viele Themes und sehr viele PlugIns, die jeweils von sehr vielen Entwicklern geschrieben werden.
Hinter manchen stecken große Agenturen, die etwas, was sie mal benötigten der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, hinter manchen der viel beschworene Nerd im Keller, der Langeweile hatte.
Manche halten sich an gewisse Standards, manche nur an ihre eigenen. Manche schreiben ihre PlugIns eigentlich nur für die von Ihnen favorisierten Themes und verlassen sich auf Funktionen und auf Code, der dort vorzufinden ist. Oder auf andere PlugIns, die ihrer Meinung nach ja nun wirklich jeder braucht.

Oder anders:

  • Themes und PlugIns sind vom Core abhängig; das ist kein Problem, der Core ist ja auf jeden Fall da. Manchmal wird er nur aktualisiert.
  • Manche PlugIns sind von bestimmten Themes abhängig. Das kann schnell ein Problem werden.
  • Manche PlugIns sind von anderen PlugIns abhängig. Na gut, Zähne zusammen und halt nochmal auf „Installieren“ klicken.
  • Manche Themes sind von PlugIns abhängig.
  • Manche Themes und/oder PlugIns sind abhängig von Scripts, die auf den ersten Blick gar nichts mit WordPress zu tun haben.

Na? Wer mag ausrechnen, wie viele Kombinationsmöglichkeiten es gibt?
Ach ja: Manche PlugIns funktionieren nicht, wenn andere installiert sind. (Z.B. können der quasi-Standard für Kommentar-Abos und der deutsche quasi-Standard für Spam-Schutz nicht gut miteinander)
Und nochmal ach ja: Wenn WordPress aktualisiert wird, dann müssen oft auch PlugIns und Themes auf Änderungen abgestimmt werden. Noch eine Fehlerquelle.

Ich habe eine Zeit lang wirklich viel mit WordPress gearbeitet aber ich unterstelle, dass selbst die Cracks in reinen WordPress-Agenturen da unmöglich einen vollständigen Überblick haben können. Und vermutlich wurde bei den meisten laufenden WordPress-Installationen nicht jedes PlugIn und jede Theme-Datei geprüft, sondern es läuft nach dem Prinzip: Wenn’s einmal lüppt, fassen wir’s nicht mehr an, dann wird’s schon gut gehen.

Nochmal: Auch ich kann das alles schon (fast) immer (mindestens irgendwie) hinbiegen. Aber dass vorfreudige Blog-Autoren, die eigentlich schon an der Tastatur kratzen und ja „wissen“, dass WordPress in 5 Minuten installiert ist da komisch gucken, finde ich arg verständlich. Die ganzen Probleme muss niemand wissen, der eigentlich los bloggen oder schnell eine Website für sein StartUp haben möchte, aber Ruf und Wirklichkeit können da – je nach eigenen Ansprüchen – blitzschnell weit auseinander gehen.
Zwischenfazit: Den Ruf, dass WordPress die ideale Lösung für „mal eben“ ist finde ich schon bis jetzt etwas problematisch.

Und dann noch: Der Datenschutz
Ja, das Thema nervt viele einfach, deswegen möchte ich nur kurz sagen, dass manche PlugIns spätestens im geschäftlichen Bereich in Deutschland nicht benutzt werden dürfen. Ob man’s trotzdem tut und ob man evtl. irgendwann abgemahnt wird … – tja.

Und dann noch: Die Sicherheit
Das nächste Problem: Wie gesagt habe ich dieses Jahr schon einige Zeit damit verbracht, gehackte Blogs wiederherzustellen.
Warum wird WordPress gern gehackt?
Naja, zum einen ist WordPress’ Beliebtheit das erste Problem. Nehmen wir mal Hacker Y und den worst case (für uns) bzw. super-Glücksfall (für ihn) an und es gibt eine Sicherheitslücke in WordPress selbst. Bei ein paar Millionen Installationen gibt es also gleich ein paar Millionen möglicher Angriffssziele. Eine viel lohnendere Geschichte, als sich um ein Nischen-CMS zu kümmern, was vielleicht ein paar zehntausend Installationen hat.
WordPress selbst ist allerdings ziemlich hinterher, bekannte Lecks so schnell wie möglich zu schließen. Ob allerdings jeder PlugIn- oder Theme-Entwickler da ähnlich aufmerksam ist, weiß man einfach nicht, man kann nur hoffen.
Ein beliebtes Einfalltor für Hacker war z.B. lange Zeit das quasi-Standard-PlugIn für Bildergalerien, denn das war abhängig von einem Script, das Bilder verkleinern kann und das eben nicht sicher war. Muss man drauf kommen.

Exkurs: Was macht denn so ein Hacker dann?
Machen wir – dieser Text ist eh schon viel zu lang, da kommts auch nicht mehr drauf an – doch einen kleinen Exkurs.
Dieses Jahr habe ich erlebt:

  • Das Blog sah aus wie immer und liess sich bedienen wie immer. Nur im Hintergrund lief auf dem Server auch noch eine Seite, die verdächtig wie PayPal aussah und unbedingt PayPal-Nutzername und -passwort haben wollte.
 Das macht jetzt meinem Blog wenig, aber wenn Google das rausfindet, fliegt man schnell aus dem Index und ist somit für Kunden unsichtbar. Und wenn der Webhoster das rausfindet, schmeisst er einen im Zweifelsfall auch mal fristlos raus. Darf er. Steht im Vertrag.
  • Das Blog sah so aus wie immer, nur das erste Posting beschimpfte in wüsten Worten den IS. Bei aller Antipathie für den IS, man möchte das nicht auf seiner (Business?-)Startseite
  • Das Blog sah nicht so aus wie immer und war einfach weg. Man möchte das nicht.
  • Das Blog sah so aus wie immer. Jedenfalls für menschliche Besucher mit Firefox oder Safari oder so. Google hingegen sah fleißig Werbung für Online-Poker und so fliegt man auch ganz fix aus dem Google-Index.

Fassen wir zusammen
Von WordPress wird sehr oft behauptet, es sei ein ideales CMS, um mal eben eine Website aufzusetzen.
Gibt man sich mit einem Standardblog im Standardlayout mit den Standard-Funktionen zufrieden, dann ist das auch so.
Möchte man aber etwas individuelleres, dann potenzieren sich mit jeder neuen Funktion sowohl der Arbeitsaufwand beim Anlegen als auch bei der Pflege.
Wenn Dein Business von der Website abhängt, dann vergiss bitte das „mal eben“. Und am besten zeig Dich auch etwas flexibel bei der pixelgenauen Ausgabe aller Funktionen, die Dein Grafiker sich vielleicht so wünscht, die aber vielleicht das (gute, sichere) PlugIn einfach nicht kann.

Alternativen
Und überhaupt: Wenn es darum geht, eine kleine Website aufzusetzen, die eine Startseite, ein paar statische Seiten und vielleicht ein Portfolio haben soll, dann gibts auch andere Möglichkeiten. Sogar wenn Deine Site auch ein kleines Blog dabei haben soll. Ich z.B. arbeite sehr, sehr gern mit ProcessWire. Das hat den schöneren, einfacheren Administrationsbereich** und kann lustige Fanpages, Foto-Portfolios mit Blog, klassische Firmenseiten und noch vieles, vieles mehr.
Es gibt keine fertigen Themes, aber weil die Programmierung so unendlich genial einfach ist, ist es nicht viel teurer, sich dort etwas vollkommen individuelles programmieren zu lassen. Aber das ist nur meine persönliche Vorliebe. Aber vielleicht ja auch ein Anstoß, mal über den Tellerrand hinauszublicken, auch wenn Millionen von diesem Tellerchen essen.

 

Nachtrag:
Das allerschönste beim Veröffentlichen dieses kleinen Artikels war, dass (vermutlich) das Autoupdate von WordPress das vor ein paar Tagen lief exakt so ein Problem erschaffen hatte, vor dem ich in diesem Artikel warnte. Man konnte leider nicht mehr kommentieren. Tja, schade, vor allem weil das ja ein Fehler ist, den man selbst nur mitbekommt, wenn ein aufmerksamer Besucher sich zurückmeldet.
AntispamBee war der Übeltäter. Läuft scheinbar mit dem Update (vorerst?) nicht mehr.
Das Drama spielte sich auf Twitter ab und wer mag, kann es hier nachlesen.


*) Nur der Vollständigkeit halber: Ich könnte natürlich auch direkt am Theme etwas ändern, aber da Themes gelegentlich Updates bekommen, wären meine Änderungen bei jedem Update weg. Also lässt man das.
**) Übrigens: Das WordPress-Backend ist nicht einfach oder übersichtlich. Das glaubt man nur, wenn man schon lange damit arbeitet und die meisten Optionen einfach gedanklich oder mit einem weiteren(!) PlugIn ausblendet.


Erst asynchron dann sprachlos?

Aus der Kategorie »just people«

„Telefonieren will ja sonst nur noch meine Mutter“, sagt er halb belustigt und halb empört als ich vorschlage, mal wieder ein paar Worte zu schnacken – weil wir uns ja schon ewig schon nur über facebook und twitter „gesehen“ haben.

„Da guck ich eine Woche auf meinen Homescreen und hab irgendwie das Gefühl, da fehlt ’ne App. Dann gemerkt: Es ist das Telefon“, twittert sie und sammelt Fav-Herzchen und Retweets.

„Warum ich kein Telefon mehr habe“, bloggt der Business-Blogger und erklärt, er nähme keine dieser unfassbar unhöflichen Kunden mehr an, die sich nicht mit Mail und Messenger begnügen.

Und ich? Ich finds schade. Schon Telefonieren ist für mich nur ein Ersatz fürs Gespräch von Angesicht zu Angesicht – aber immerhin eins, wo man die Stimme des anderen hört. Aber ein Ersatz. Und einer, der selbst immer mehr ersetzt wird.
Wir kommunizieren mit mehr als unseren Worten. Tonfall, Betonungen, Pausen und dann Mimik, Gestik und der ganze Körper sprechen mit – ich glaube kaum, dass das jemand anzweifelt.
Aber wenn ich mir meine Filterbubble anschaue, dann stehe ich auf verlorenem Posten. Synchrone Kommunikation abseits von echtem Aufeinandertreffen ist out, asynchron ist in. Wer das nicht findet, ist ein Anachronismus.

Warum ich da jetzt drüber schreibe? In den letzten Wochen und Monaten kam zum persönlichen Bedauern darüber noch eine weitere Überlegung:

Seit vielen Monaten, bald auch schon seit wenigen Jahren beobachten „wir“ Menschen auf facebook, bei twitter, aber auf der Straße und seit neustem auch in präsidialen Ehren, die nicht (mehr?) kommunizieren können. Also: Sie können zwar (meist) Buchstaben aneinander reihen und auch sprechen, benutzen das aber hauptsächlich, um lauthals in Textfelder, Mikrofone oder die frische Luft zu brüllen. Wirklich kommunizieren, sich austauschen, können sie nicht mehr.
Erst vor ein paar Tagen sah z.B. ich den Dresdner Bürgermeister vor einer wütenden Bürgerin stehen, die ihn anbrüllte, sie wolle diese Busse da nicht stehen haben, aber er höre ihr ja nicht zu. Und als er ihr zuhörte, drehte sie sich weg. Kam zurück, brüllte ihn an, er und die anderen „da oben“ machten ja eh, was sie wollten und hörten nicht zu und würden ohne Rücksicht auf Verluste einfach machen. Was der Scheiss den solle? Und als er da dann den Mund zur Antwort öffnete, brüllte sie, sie wolle jetzt gar nichts von ihm hören, er höre ihr ja eh nicht zu. Und ging endgültig.
Ja. Irgendwie vollkommen absurd.

Man könnte aber auch sagen: Einfach nur konsequent asynchron kommuniziert.

Jetzt war und ist diese asynchrone Kommunikation ja an einigen Stellen ein wahrer Segen. Bei der Arbeit wird man vom Klingeln des Telefons oder der Haustür nicht aus dem aktuellen Gedankengang gerissen. Man kann antworten, wenn man Zeit und Ruhe hat.
Man muss einem Streit oder einer Diskussion nicht dem spontanen, vielleicht verletzten Gefühl folgen, sondern kann eine Antwort auch mal eine Nacht liegen lassen. Und wenn es Konflikte geben sollte, kann man sogar mit STRG-F nachschauen, was der oder die andere gesagt hat.
Das bedeutet, negativ formuliert aber auch: Man man übt seine Impulskontrolle nicht mehr und verliert allmählich die Übung, sich auf jemand anderen einzulassen. Der Respekt gegenüber dem Gegenüber ist im Gespräch nicht mehr grundsätzlich vorhanden, sondern schleicht sich im besten Fall noch einmal ein, während das Geschriebene über Nacht „reift“, wie wir es so schön nennen.
Im Vordergrund steht dabei das Ich und das aktuelle Handeln. Mitmenschen werden zu (Stör?)-Faktoren und beliebig plan- und terminlich schiebbaren Ressourcen.

Hat man gerade keine Zeit zu antworten oder benötigt im Positiven oder Negativen die berühmte Nacht zum drüber-Schlafen, bricht die Kommunikation auch einfach mal mitten drin ab.
Und so wird leicht aus jedem Posting, aus jedem Tweet und aus jedem Chat-Fetzen ein geschlossener Beitrag, einer der für sich auch als letztes Wort stehen kann, einer, der so angelegt ist, dass er eben vielleicht keine Antwort bekommt. Eine Form zu formulieren, die man sonst nur aus Einbahnstraßen-Medien wie Zeitung oder Fernsehen; im persönlichen Aufeinandertreffen nur aus einer Rede oder einem Vortrag kannte.

Kaum etwas bringt das so schön auf den Punkt wie der in Marketingkreise so oft gehörte Satz „Wie kommunizieren wir das denn unseren Kunden?“

Man kann das natürlich benutzen und ich müsste lügen, wenn ich nicht schon eMails oder Kommentare geschrieben hätte, die so formuliert waren, dass sie nur den einzigen Grund gehabt hätten: Das Gespräch zu beenden – oder erst gar keins aufkommen zu lassen. Man kann das zum Beispiel durch die schiere Masse an Text tun; so viel Argumente präsentieren, dass der andere sich darin verheddert. (Funktioniert leider meist nicht mehr, weil wir ja alle noch die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs haben und uns dann an irgendeinem willkürlichen Nebensatz aufhängen und antworten.)

Den gleichen Zweck kann man aber auch erreichen, in dem man die Kommunikation institutionalisiert: Vorstandsvorsitzende und Politiker nutzen nicht ohne Grund so gerne Pressekonferenzen. Dort haben Sie die Kontrolle über das Geschehen und im Zweifelsfall springt ein Scherge ein und sagt: Herr X beantwortet jetzt keine Fragen mehr.
Für Methode zwei braucht man erst einmal einen Machtposten oder mindestens einen Statusunterschied, für die erste zumindest eine gewisse Übung in schriftlicher Kommunikation.

Die dritte Möglichkeit hingegen ist simpel: Lautstärke. Egal ob über Großbuchstaben mit vielen Satzzeichen oder wirkliches Gebrüll – auch so hindere ich den anderen an der Kommunikation. Vielleicht ein durchaus verständlicher Weg, wenn man vorher zu lange durch die anderen Methoden mundtot gemacht worden ist.

Und nun weiß ich auch nicht.


#WMDEDGT Februar 2017

Aus der Kategorie »just people«

#WMDEDGT ist eine Idee von Frau Brüllen zur Förderung der Kultur des Tagebuchbloggens.

Eigentlich begann der Sonntag schon um 0:00,
…da schauten wir gerade „Quantico“.
Das fing ja nett an, aber im Moment weiß ich nicht mehr so genau. Ein bischen nervt mich momentan das in jeder Folge gleiche Muster …
– Wir lernen in der Ausbildung was
– Wir brauchen es zuufälig auch privat im Umgang mit den anderen Trainees
– Wir brauchen es zufällig in der anderen Zeitschiene nach den Anschlägen
– Jemand neues hat ein neues dunkles Geheimnis

Aber mal sehen, andererseits bin ich noch neugierig, wie sich das alles auflöst.

 

Zehn Uhr
Lange geschlafen. Der Tag gestern hatte Migräne im Gepäck gehabt, die hab ich offensichtlich weggeschlafen.
Mal sehen, was Katz und Liebste machen. Der Plan ist, heute ein bisschen zu heimwerken.

Viertel vor eins
Ein bisschen geheimwerkt. Die lampe über meinem Schreibtisch, wisst Ihr, eine von diesen wunderbaren Ikea-Lampen, die man durch Berührung der Lampe an und aus-schalten und dimmen konnte, hatte das Zeitliche gesegnet. Sie dimmte von alleine und zwar in ca 5 Sekunden auf voll und in den nächsten 5 wieder runter und das im Kreis und ich sag Euch: So kann man nicht arbeiten. Ja, ich hatte sie schon gründlich geputzt :)

Es sollten also die neuen Lampen an die Decke. Ich hatte mir zwei Ranarp gekauft, deren altmodischen Keller-Charme stellte ich mir schön vor, hier überm Schreibtisch.
War klar, dass man, wenn man Sonntags heimwerkeln will, exakt ein Teil zu wenig aus dem Baumarkt mitgebracht hat, oder?
Nun denn.

 

halb neun
Tja. Erwähnte ich die Migräne gestern. Wer selbst Spaß mit dem bösen M. hat kennt das vielleicht: Auch ohne direkte Schmerzen noch (oder auch vorher schon) Begleiterscheinungen wie Schwindel, Übelkeit, Sehfeldbeeinträchtigungen und so.
Und dann wisst Ihr, wie ich meinen Nachmittag verbracht habe. Und was ich jetzt auch noch so machen werde. Vielleicht hätt’ ich doch vorher nicht auf der Leiter rumklettern sollen.

To be nicht mehr continued.


Was schön war in den letzten Tagen

Aus der Kategorie »just jawl«

Das war die fuckin’ hartnäckgste Bronchitis ever. Ever, ever. Aber schon seit ein paar Tagen mehr kehrt Kraft wieder und vor allem auch die Lust mal etwas anderes zu tun als nur einfach irgendwie den Tag zu überstehen.

Das Firmen-Jahr fängt gut an. So als Selbstständiger ist man ja auch immer auch die eigene Firma und das ist hübsch. Ich hab ok viel zu tun, es sind nette Jobs und ein paar Anfragen aus dem Blogumfeld, die ich auch immer sehr gerne mache.
Und es gibt ein bisschen Zeit, um am Projekt W zu arbeiten. Keine Sorge, ich hab von Projekt W noch nie etwas erzählt, werde das aber zu gegebener Zeit tun.

Zweieinhalb Monate, bevor er zurück zum Händler geht, wollte das aktuelle Auto nochmal zur Inspektion. Worst timing ever. Aber der Verkäufer, der mit mir den Nachfolger zusammengestellt hatte, hatte mich an der Terminvergabe stehen sehen, teilte meine Meinung über das schechte Timing und linderte meine Schmerzen mit „Brauchen Sie ’nen Leihwagen an dem Tag? Den übernehm ich, ich such Ihnen was Schönes aus“. Und das hatte er getan. Kinder, Ihr habt natürlich Recht wenn Ihr sagt, dass Automatik was für alte Männer ist. Aber eine S-Tronic ist halt auch keine Automatik und ich hab den halben Tag im Kreis gegrinst..

In einer Mailingliste, die ich nur deswegen abonniert habe, weil alle Jubeljahre mal eine interessante Veranstaltungsankündigung reinschneit, schneite eine interessante Veranstaltungsankündigung herein. Professor Harald Lesch, Ihr wisst schon: Der, der im ZDF die tollen Wissenschaftssendungen macht und der der AFD wisschenschaftlich Paroli bietet. Er war in Dortmund und sprach dort über Wissenschaftsvermittlung. Was natürlich sehr spannend war, weil er a) im Alltag ganz klassisch seiner Professur nachkommt, b) für seine Fernseh- oder YouTube-Sendungen all das komplett anders aufbereiten muss und c) eine relativ coole Sau ist.
Wir fuhren hin, waren zum exakt spätestmöglichen Zeitpunkt da, bevor der Hörsaal richtig, richtig voll wurde und waren hinterher einfach sehr glücklich. Gut rübergebrachter Input ist so eine geile Sache.
Spannend: Erbetonte, wie wichtig räumliche Nähe für das Gelingen wie nicht-gelingen seiner Arbeit sei. Ich werde da noch einmal drüber nachdenken.
Aber mal am Rand: Sich im Erwachsenenalter mal einen Hörsaal anzusehen lässt einen auch kurz darüber schaudern, wie Deutschland mit seinem Bildungshungrigen Nachwuchs umgeht.

Ein bisschen Regelmäßigkeit in mein morgendliches Qi Gong gebracht. Hach.

Besuch zum Videogucken gehabt. War voll schön.
Habt Ihr das auch ewig nicht mehr gemacht? Videoabende? Mit Nüsschen und Paprika- und Kohlrabischnitzen und Dip? Auch so ein Dings, was ausstirbt, weil jeder sein eigenes Netflix auf dem Schoss hat.

Gerade, als ich aufstand, gemerkt wie schön wir es hier haben und wie gern ich hier, genau so wie wir es tun, mit der Liebsten zusammen lebe. Could it be better?


Videos oder Filme im Internet zu gucken kann teuer werden

Aus der Kategorie »just TV«

… sagte mir jedenfalls letztens eine Sendung im WDR.

Weil es nämlich verschiedene Anbieter gibt und die einen sind legal und die anderen nicht. Auch wenn man etwas zahlt, ist man nicht automatisch sicher.
Da gibt es nämlich welche, da lädt man automatisch auch selbst was hoch und das ist verboten.
So weit der Bericht im Fernsehen.

Was die Sendung leider nicht tat – ich vermute weil es ja als Werbung hätte ausgelegt werden können, sogar noch als Werbung für die Konkurenz:
Namen nennen.
Den Zuschauern erklären, was Netflix, amazon Prime oder maxdome von Peer2Peer-Anbietern oder KinoxTo oder ähnlichem unterscheidet. Technisch und rechtlich.

Das ist natürlich unglaublich unnütz für den Zuschauer, sehr dumm und irgendwie auch unglaublich schade.
Aber natürlich ist es besser den Zuschauer im Ungewissen zu lassen – am besten erzählt man gar nichts über die Konkurenz und lässt dieses Internet weiter als einen seltsamen gefährlichen Raum dastehen.
Wie 2005. So schön. Nicht.


Habt Ihr gesehen?

Aus der Kategorie »just people«

Die Herzdame backt wieder.


ein richtig guter Mensch

Aus der Kategorie »just people«

Die G.
Ich möchte Euch jemanden vorstellen: Das ist die G.
G. ist in einem Vorort aufgewachsen, aber es gibt G.s bestimmt in jedem Ort, ob online oder offline, egal wie groß oder klein.
G. kommt aus einem sogenannten ziemlich guten Elternhaus, vor allem ihr Vater hat immer sehr gut auf sie geachtet. Als Nachkriegspatriarch alter Schule sagte er ihr, wie‘s geht und wie nicht und im Zweifel auch mal, was man worüber dachte. Vielleicht sogar ein bisschen viel, denn als sie erwachsen wurde, war G. arg unselbstständig und naiv und viele nutzten das fröhlich aus. Und beinahe alle amüsierten sich königlich über das kleine Purzelchen.

G. findet neue Freunde
Aber G. fand zum Glück neue Freunde, als sie zum Studieren loszog. Gute Freunde, gute Menschen. Die waren aufmerksam für ihre Mitmenschen, die lachten andere nicht aus. Die waren selbstbewusst und tolerant, die machten keine Unterschiede zwischen Frau und Mann, die waren auch mal offen für Alternatives und die engagierten sich für Minderheiten – und G. lernte das alles mit großen Augen kennen. Ihre neuen Freunde lachten auch nicht über sie, sie rieten G. vielmehr, auch mal ihre eigene Meinung zu finden und zu vertreten.

Es war erst schmerzhaft, all das zu sehen, aber sie merkte nach und nach, wie sehr ihr Vater und auch alte Bekannte immer ausgenutzt hatten, dass sie so brav war. Sie lernte auch, wie sexistisch vieles von dem war, was sie erlebt hatte und begriff, dass ihr Vater wohl das beste Beispiel für Mansplaining war, das man hätte finden können. Es war nicht nur schön, das alles zu durchschauen.
Sie überlegte, wie sie mehr Selbstbewusstsein erlangen könnte; sie begriff, wie andere sie ausnutzten und über sie lachten.

Und eines Tages beschloss sie: Heute ist der Nullpunkt und ich achte ab jetzt jeden Tag ein wenig mehr auf mich und weniger auf andere, denn ich will mich nicht immer so leicht beeinflussen lassen.

Außerdem – ich muss es kurz erwähnen – nahm sie von ihren neuen Freunden auch Kleidungs- und Frisur-Stil an, richtete ihr WG-Zimmer neu ein und warf ihr Studium über den Haufen um Diplompädagogin zu werden – auch wenn es ihrem Vater so gar nicht gefiel. Und so unwichtig Kleidung und Frisur und auch so ein Job eigentlich sind, die werden noch wichtig.

Ein paar Jahre später
Schon wenige Jahre später war G. auf den ersten Blick nicht von ihren neuen Freunden zu unterscheiden. Nur wenn man mehr mit ihr zu tun hatte merkte man: Sie war ihrem Vorsatz treu geblieben und achtete jeden Tag etwas mehr auf sich. Und etwas weniger auf andere.
Wer etwas bewandert in Mathe oder Logik ist kann jetzt messerscharf schließen: Wer seit Jahren jeden Tag etwas – sagen wir ein viertel Prozent, das ist ja wirklich nicht viel – egoistischer wird, der denkt nach Eins-Komma-Eins Jahren zu einhundert Prozent nur noch an sich selbst. Und so geschah es auch.

G. war weder in Mathe noch in Logik besonders gut. Und so hatte sie übersehen, dass ihr Vorsatz nur so lange ein guter gewesen war, so lange er sich auf ihren damaligen Nullpunkt bezog. Dass sie sich inzwischen schon ein gutes Stück weiter entwickelt hatte, das übersah sie und so sagte mancher, sie sei inzwischen ein ziemlich egoistisches Miststück, das außerhalb ihres kleinen Kosmos nichts anderes gelten lasse als sich selbst. Und eigentlich würde sie sogar jeden Tag schlimmer. Naja, logisch, das war ja auch irgendwie genau ihr Plan gewesen.

Etwas problematisch, auch für ihre eigentlich diskussionsgewandten Freunde, war, dass man mit ihr über kaum noch irgendetwas und erst Recht nicht speziell darüber sprechen konnte. Denn sie hatte sich ja vorgenommen, sich nicht immer reinreden zu lassen, so wie es ihr auch alle empfohlen hatten (die Ironie darin war eh niemand aufgegangen und soll hier auch nicht Thema sein).

Und so sehr G. nach außen immer noch die gemeinsamen Werte vertrat, so sehr sie für Minderheiten und gegen Bullies, für Gleichberechtigung, Offenheit, Toleranz und Empathie eintrat, so wenig verknüpfte sie Außen und Innen – und wenn man sie auf ihr Verhalten ansprach dann sagte sie sinngemäß: „Schau, ich bin doch feministische Pädagogin, ich bin vegane Yogalehrerin, ich trage Henna im Haar und Batik am Leib, ich gehe auf Demos gegen die Bonzen und für Flüchtlinge – ergo geht Deine Kritik ins Leere, denn ich kann gar kein schlechter Mensch sein.“

Noch schwieriger: G. verwechselte auch das was sie tat mit dem, wie sie war. Selbst wenn man gar nicht über ihren maßlosen Egoismus sprechen wollte sondern über irgendetwas vollkommen anderes was sie tat: Egal, ob es eine Nachfrage (von Kritik wollen wir erst gar nicht reden) zu etwas im Job, oder eine Frage an den von ihr favorisierten Yoga-Stil war: Sie fühlte sich an ihren immer alles steuernden Vater erinnert und schoss entsprechend heftig zurück. Denn sie! musste sich ja nichts mehr sagen lassen. Hatten ja alle gesagt.

Wieso erzähl ich das?
G. habe ich lange nicht mehr gesehen und vielleicht ist sie auch eigentlich ausgedacht.
Aber warum spreche ich über sie, was lernt uns das für heute?
Mich lernt das folgendes: Ich beobachte immer wieder G.s in meiner Umgebung und ich fürchte Dank der originalen G. verstehe ich, was ihnen geschehen ist.

Die eine G., die ist dick und deswegen immer gemobbt worden. Der andere G. trug schon als Kind eine Brille und wurde immer gehänselt. Die dritten G.s sind vielleicht einfach nur nicht normsexuell, norm-familiär, normschön, norm-erziehend, normdeutsch, norm-irgendwas und mussten oder müssen an dieser Front immer kämpfen. Ihr versteht schon.

Zum Glück gibt es seit ein paar Jahren das Internet und das ist immer gut dafür, wenn man andere finden möchte, denen es genau so geht wie einem selbst. Menschen, mit denen man sich austauschen kann, mit denen man zusammen eine Stimme haben kann; mit denen man den ewigen Kampf auch mal zusammen führen kann. Das ist richtig, richtig, richtig gut, versteht mich nicht falsch.

Nur schlechte G.s sind echte G.s
Aber die G.s die ich meine, die sind nur dann echte G.s, wenn sie nicht alle vergessen würden, wann denn der Tag Null war und wie weit der Weg ist, den sie seit da gemacht haben. Wie viele kleine Schritte für sich sie schon gemacht haben in den vielen Tagen seit Tag Null.
Und so benehmen sich viele G.s heute genau so wie die, vor denen sie damals Angst hatten. Egoistisch, rücksichtslos, laut und unangenehm, intolerant und engstirnig. Nur eben nicht „konservativ“ engstirnig, sondern „liberal“ oder „links“ engstirnig. Ja ja, das geht.

Spricht man sie aber z.B. darauf an, wenn man von ihnen mal schlecht behandelt wird oder aber übt man an dem was und wie sie es tun Kritik, dann rufen sie: Aber wir sind doch die Nerds, die Alternativen, die Unterbezahlten, die Alleinerziehenden, kurz: die Anderen, wir sind doch die Opfer! Wir sind doch die, die immer leiden mussten! Wir können doch gar nicht unfreundlich sein, wir können per Definition kein Hatespeech sprechen, unsere Tweets sind immer gut und richtig, unsere Taten immer strahlend gut. Und dabei ist es egal, ob man sie auf ihre neue Brille oder ihr StartUp, ihre Haarfarbe oder ihre Partei anspricht: Sie fühlen nicht die Frage oder Kritik von heute sondern den Angriff von damals und schießen entsprechend heftig zurück.

Meist – was die Sache noch unangenehmer macht – schießen alle ihre neuen Freunde gleich mit, für so was ist dieses Internet ja auch ganz gut geeignet.

Also nochmal: Was lernt uns das?
Mich, dass es klug ist, sich selbst nicht nur einmal im Leben, sondern immer wieder mal zu hinterfragen. Ist selten spaßig und tut manchmal richtig weh, aber meist lohnt’s.
Außerdem: Manche Diskussionen im Netz führe ich nicht mehr. Wenn ich merke, ich rede gerade nicht mit einem Menschen, sondern mit seinen Dämonen von früher, dann schweige ich still.

Und was Dir das lernt? Ach .com.

Kleine Anmerkung, weil ich verschiedentlich darauf angesprochen wurde: „Was lernt mich das“ ist schreckliches Deutsch, hier in der Gegend aber durchaus geläufig. Bitte verzeiht diesen kleinen Seitenhieb auf mein geliebtes (…) Sauerland.


… der Vorhang geht auf …

Aus der Kategorie »just people«

Wie die treue Leserin weiß, war ich auch dieses Weihnachten wieder im kleinen Theater und habe Musik und Fotos gemacht. Passend zu diesen Worten hier gibts drüben im Fotoblog auch die Fotos.

Am Anfang steht eine Idee, stehen ein paar Worte.
Da ist es fast egal, ob ein Engländer vor vierhundert Jahren Elfen und anderes Waldvolk eine Hochzeit feiern lässt oder wie in diesem Fall der wunderbare Stadtnarr im Cafe sitzt und die Menschen beobachtet: Am Anfang ist das Wort und das Wort ist irgendeinem Kopf entsprungen und das ist gut so.
Sind es der Worte genug, haben sich zu den Worten auch Bilder gesellt, dann trifft man sich. Sitzt im Kreis, liest sich die geschriebenen Worte vor und im ein oder anderen Hirn merkt man, dass dort eine Idee entsteht. Hier eine Betonung, dort eine Pause oder Stimmlage; man merkt, die Phantasie beginnt von einem zum nächsten rüber zu springen.
Und neben den Frontallappen tun auch die Stammhirne ihren Job. Man beschnuppert sich. Denkt erst „Jippie“ und ist dann enttäuscht, wenn der andere von damals in der echten Kneipe zu kellnern hat und deswegen nicht im Cafe auf der Bühne spielen kann. Oder wundert sich, was denn DER oder DIE ausgerechnet hier wollen.

Irgendwann wird es organisatorisch und – das sei vorweg genommen: Künstler können das selten gut. Deswegen wird es auch irgendwann anstrengend und chaotisch. Das gehört dazu und wird doch jedes Mal schlimmer. Vollkommen logischerweise wird das also am eigenen Alter liegen, denn wenn von den alten Griechen bis heute beim Theaterspiel alles immer schlimmer geworden wäre, dann würde niemand mehr niemals Stücke auf die Bühne bringen.

Mein persönlicher Lieblingsmoment: Die erste Probe, in der die erste Person das erste Wort auf der Bühne spricht. Vielleicht unsicher, vielleicht schon sehr bestimmt, vielleicht mutig ausprobierend; im besten Falle erlebt man sogar, wie man sich eine Viertelstunde über zwei Buchstaben unterhalten kann. Aber vollkommen egal, wie groß oder klein der Moment auch scheint: Jetzt geht es los.

Immer wenn Menschen zusammen etwas tun wollen, egal ob es Arbeit, ein Marmorkuchen oder ein Theaterstück ist: Alle haben verschiedene Vorstellungen davon. Davon wie es sein soll, davon wie es gerade ist und davon, was man selbst und alle anderen dazu tun müssen, damit es so wird, wie man selbst glaubt, dass es sein soll – in der festen Überzeugung, dass alle über Wie und Was und Warum exakt das gleiche meinen wie man selbst.
Das muss schief gehen und das geht auch schief. Wer wie ich gerne gruppendynamische Prozesse beobachtet, die oder der wird lieben, was dann passiert: Wie der versucht Allianzen zu schmieden und die einfach nur noch schmollt. Wer auf einmal vollkommen überraschend vom Mauerblümchen zur leisen Chefin wird und welcher Silberrücken auf einmal alleine da sitzt und sich anbiedernd das Fell andern Leuten unters Kinn schubbert.

Die Krise kommt, manchmal lautstark und so, dass man es eigentlich hinterher kaum noch in einem Raum aushält, manchmal so leise und bei allen einzeln, dass es die anderen kaum mitbekommen.
Und plötzlich hat man noch zwei oder besser auch drei Wochen zu proben aber dass die Premiere trotzdem schon in einer Woche statt findet, das steht auf allen Plakatwänden der Stadt. Dann fällt irgendwem auf, dass ja dies und das noch geregelt sein muss, überraschenderweise finden sich Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun haben zu einer Nachtschicht und morgens um vier ist sowohl dies als auch das geregelt und außerdem verbindet diese drei Menschen jetzt eine dieser magischen Nachtschichten, die durch nichts auf der Welt zu ersetzen sind und ewige Liebe mit sich bringen – oder wenigstens bis nach der letzten Aufführung.

Die Generalprobe. Sie muss schiefgehen, sagt das abergläubische Theatervolk, aber auch nicht so richtig, damit die Motivation für den nächsten Abend nicht ganz verpufft.
Zur Generalprobe sitzen das erste Mal alle stundenlang zusammen in der Garderobe.
Zur Generalprobe haben sich alle so richtig lieb.

Wenn die Premiere geschafft ist, dann ist aus dem Liebhaben tiefe, reine ewige Liebe geworden. Man muss sich gegenseitig lieben, denn niemand anders auf der Welt versteht den wilden Walzer, den die Gefühle nach dem Schlussapplaus spielen. Es mag – gerade nach gelungenen Premieren – auch manchmal gemeinsamer Alkohol im Spiel sein.
Dementsprechend fehlt am zweiten Abend etwas Energie, dann erschrecken sich alle und ab dann wirds richtig gut. Hat man Glück, versteht auch die Lokalpresse den Sinn der Worte, die – gereift von der ersten Idee zum richtigen Theaterstück – dargeboten werden. Hat man Glück sagt die angereiste Verwandtschaft mehr als „Du hast Deinen Text aber gut gekonnt“

Zu schnell sind die wenigen Aufführungen vorbei. Das Theater lässt sich erschreckend schnell aufräumen, das Licht wird abgehängt, die Kostüme die Treppe hoch getragen und aus dem Cafe wird innerhalb von Minuten wieder eine leere Bühne und ein paar zusammengeklappte Wände.
Noch einmal trifft man sich um zusammen essen zu gehen und wenn man sich zwei Monate später in der Stadt begegnet, dann fühlt es sich an wie damals in der Kneipe zu Weihnachten nach dem Schulabschluss, als man nicht mehr genau wusste, warum man die anderen so lieb hatte; auch wenn man es wirklich feste wieder versuchen möchte.
Gut dran ist, wer weiß, dass das immer so ist, immer so sein wird und nie persönlich gemeint ist, wenn man sich plötzlich nichts mehr zu sagen hat.

Oder erst nächstes Jahr wieder, wenn jemand eine Idee hatte und die gerne auf der Bühne sähe.