Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Politikverdrossen

Vorbemerkung: Ich bin Mitglied der Grünen hier in Menden, es geht also im Folgenden auch um »meinen« Kandidaten

Facebook-Friends (haha, was für ein Wort!) wissen es schon – ich war gestern Abend bei einer Podiumsdikussion, die die VHS und die Lokalzeitung hier in der Stadt organisiert hatten. Auf dem Podium saßen die Landtagskandidaten unseres Wahlkreises: Inge Blask (SPD), Wolfgang Exler (CDU), Peter Köhler (Grüne), Sebastian Kraatz (FDP), Marc Schieferdecker (Piraten) & Thomas Thiesmann (Die Linke).
Moderiert wurde das ganze vom Leiter der VHS, Achim Puhl (der mir gut gut gefiel) und Michael Koch von der Westfalenpost.

Der Ratssaal war so mittelgut gefüllt, ich habe ihn bei manchen Ratssitzungen schon deutlich voller erlebt.

Und sonst? Tja. Irgendwann mittendrin flüsterten wir uns zu, dass alle sechs Kandidaten fast schon klischeehaft prototypisch für ihre jeweiligen Parteien waren. Sie alle antworteten perfekt auf die gestellten Fragen, sie alle repräsentierten brav die jeweilige Parteimeinung, sie alle konnten gut reden.
Das alles ist – mit Verlaub – auch ihr Job. Will sagen: Das alles respektiere ich sehr, wenn ein Mensch das kann – aber für die Position, die die sechs gestern Abend repräsentierten setze ich das halbwegs voraus.

Inhaltlich kam wenig neues herüber. Inge Blask und Peter Köhler stellten die Erfolge der Landesregierung heraus, Wolfgang Exler und Sebastian Kraatz ihre Mängel und Thomas Thiesmann bemängelte, dass ja niemand auf die Linken hört und das Rot-Grün ja nicht mit ihnen koalieren wollte.
Auch viele Zahlen, ob Millionen oder Milliarden, ob Prozente plus oder minus fielen – je nach Absicht wirkten sie beängstigend oder bestätigend – inhaltlich bringt das ja nun auch nichts.
Ganz interesant war für mich – als jemand, der das Wahlprogramm (noch) nicht gelesen hatte – an manchen Stellen die Position von Marc Schieferdecker.
Eine richtige Diskussion kam selten auf – das war vielleicht auch der an dieser Stelle vielleicht zu perfekten Moderation zu verdanken, die immer wieder eingriff und offene Punkte gleich mit der nächsten Frage zusammen packte – und so eher zum nächsten Statement als zu einem wirklichen Meinungsaustausch führte. (Der Hellweger Anzeiger sieht das übrigens ähnlich: Eine lange Diskussion, die keine war)

Im Saal kannte ich eh die meisten Verdächtigen, so dass man – was das ganze noch viel ritualisierter und langweiliger erscheinen ließ – exakt vorhersagen konnte, aus welcher Ecke es tuscheln und zischen und aus welcher Ecke man es klopfen oder klatschen hören würde, wenn vorne jemand sprach.
Auch ganz raurig finde ich immer Leute, die dann bis zur Fragerunde für das Publikum warten, Ihr mühsam in Frageform gewickeltes Statement abschießen und dann sofort gehen; die waren natürlich auch da.

Ganz traurig fand ich, an welchen Stellen Statements des Piraten belächelt wurden – als er zum Bespiel einmal zwei URLs nannte, unter denen sich jeder sehr bequem selber über weitere Details informieren konnte ging ein allgemeines Grinsen duch den Saal und ich hörte förmlich alle denken »Ach süß, jetzt kommt er mit diesem Internet«. Und ich wette: Hätte er gesagt, dass sich weitere Infos in Spiegel und Süddeutscher finden hätte keiner gegrinst.
Und es fiel sogar – natürlich in der obligatorischen Piratenkritik – fast der Satz »Ich gucke auch gelegentlich ins Internet« – ganz, ganz knapp hat die Fragestellerin da noch die Kurve gekriegt.

Fazit des Abends:
Erstens: Langweilig. Alles war ein eingefahrenes Ritual in dem auch das kurze Beklagen der allgemeinen Politikverdrossenheit nicht fehlte.
Zweitens: Schade, so interesant ich das ganze Konstrukt der Piratenpartei finde, so sehr mir die Piraten in ihren Urspungs- und Kernthemen aus der Seele sprechen, so unwählbar sind sie duch viele andere Themen.
Trotzdem finde ihren Ansatz, themenbasiert zusammen statt fraktionsbasiert gegeneinander arbeiten richtig und wichtig – auch darin hat mich der gestrige Abend bestärkt. Ich bin mir nämlich gar nicht mal sicher, ob irgendwer der anderen fünf an einer wirklichen Diskussion überhaupt interessiert gewesen wäre.

Marc Schieferdecker hat übrigens auch was geschrieben.

3 Antworten zu “Politikverdrossen”

  1. Ich hätte mir übrigens auch manchmal mehr Diskussionsmöglichkeiten gewünscht. Die Moderation war doch recht straff. Aber insgesamt hat’s mir doch gefallen.

  2. Christian sagt:

    Ah, meci für die weitere Rückmeldung, wie Du den Abend erlebt hast – Dein (Blog)-Artikel war ja eher inhaltlich …

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