Realness, Authentizität, Ruhm und Dings

Aus der Kategorie »just people«

Herr Böhmermann arbeitet sich ja schon seit geraumer Zeit am Phänomen „YouTuber” ab. Phänomen „YouTuber”? Ok, wenn Du a) die letzten Wochen hinter dem Mond gelebt hast oder b) einfach gelegentlich noch was anderes zu tun hast als jedem Blubb im Web hinterher zu laufen hier kurz die Fakten:
(Meist) junge Menschen machen auf YouTube kleine Clips über ihr Leben, über Computerspiele, über nichts oder einfach: Egal über was und sammeln damit Abonnenten im hohen sechsstelligen bis in den Millionen-Bereich dafür.
Manche von ihnen sind in sogenannten Netzwerken organisiert, man mag auch sagen: bei Netzwerken angestellt. Nachdem alle Eltern, Spon-Leser und Social-Media-Experten noch von Jahresfrist fassungslos darauf geschaut haben, was sich dort unbeobachtet bei YouTube für eine Subkultur entwickelt hat, gerät YouTube heute in aller Munde. Also genauer: Die hippe Internetblase hat es als alten Hut abgehakt während es im Bewusstsein der Normalos langsam ankommt.
Im Bereich der sogenannten „alten Medien” hat Jan Böhmermann, der ja jetzt im ZDF und damit im Establishment angekommen ist, die Rolle des Aufklärers übernommen.

Schauen wir also erst dieses kleine Filmchen:

Alles klar? Ich lerne: YouTuber doof, Netzwerke und Manager Abzocker.

Aber wir wären hier ja nicht im jawl, dem Fachmagazin für differenzierte Betrachtungsweisen, wenn mir mit diesen einfachen Wahrheiten wohl wäre.

Ich mache mal, denn da kenne ich mich besser aus, einen Ausflug in die Welt der Popmusik:

1962 hatten 5 Jungs ihren ersten Auftritt, die einfach nur Musik machen wollten. Sie wurden ganz passabel erfolgreich und spielten ein paar recht bekannte Alben ein und tourten fröhlich durch die Welt. 1970 trennten sie sich von ihrem Manager und prozessierten danach noch jahrelang gegen ihn, denn irgendwie waren ihre Verträge nicht so richtig gut gewesen. Vielleicht kennt ihr die fünf, sie sind heute noch gelegentlich unterwegs, Rolling Stones, hatten sie sich genannt.

Mehr Beispiele?
1973: Die Beatles verklagen ihren Manager wegen ausstehender Tantiemenzahlungen..
1989: Die Vollblut Funk-Frau Nikka Costa, die als Kind mit Sly Stone spielte nimmt ein Schnulzen-Duett mit Pierre Cosso auf.
2002: Der spätere dänische Superstar Tina Dico wird von ihrer Plattenfirma gedrängt, radiotauglichere Musik zu schreiben. Sie schreibt Singles, die sie später als „zu poppig” nicht mal mehr live spielen mag.
2014: Die Google-Suche nach „Band Streit Manager” ergibt vier Komma sieben Millionen Treffer.

Oder anders: Es scheint eine hohe Korrelation zwischen künstlerischen Können und Attraktivität für abgezockte Managements und Label zu geben. Ist ja auch logisch: Die wenigsten von uns haben das Können oder die Ausstrahlung, um in einer Öffentlichkeit außerhalb der städtischen Musikschule / der örtlichen VHS-Bühnen zu bestehen. Deutlich mehr von uns fänden es aber heimlich ganz geil, auch mal ein bisschen im Rampenlicht zu stehen und noch deutlich mehr von uns geifern die, die im Rampenlicht stehen an.

Um wirklichen künstlerischen Erfolg zu haben, hat es sich über die Jahre aber ganz offensichtlich bewährt, etwas anders zu machen als der Mainstream. Nirvana brach das Herz von Millionen Teenagern, Nickleback sind allseits als Lachnummer bekannt. Die erste HipHop-Single auf einem DiscoBeat ist der Durchbruch für drei sympathische Hamburger, die zweite bringt drei nicht minder sympathische Mendener nicht mal in die HeavyRotation.
Und bevor Ihr jetzt verzweifelt fragt, ob ich die Stones und YouTube-Schminkmädchen künstlerisch auf eine Stufe stelle, erinnert Euch bitte kurz im Tonfall Eurer Eltern an die Frage, ob Ihr denn wirklich [Euren bevorzugten Star als 13-jährige] mit dem wirklichen Talent von [dem bevorzugten Künstler Eurer Eltern] vergleichen wolltet. Danke.

Diese Energie zu neuem, um darauf zurückzukommen, ist mit Anfang zwanzig noch deutlich leichter zu leben als mit Mitte vierzig. Und wenn wir uns ans Ende unserer Schulzeit erinnern – wen fanden wir sympathisch? Die Kofferträger, die uns schon auf dem Schulhof über ihre erste geplante Consulting-Stelle mit 23 erzählten oder die leicht verstrahlten, die lieber fünf Minuten später zu Mathe kamen, weil die Sonne gerade so schön schien und der Eiswagen ja auch gerade vor dem Tor gestanden hatte?
Und welche Bands mögen wir? Die frühen Oasis oder die frühen Mr President?

Fassen wir zusammen: Unbekümmertheit und Regelbruch sind offensichtlich kein ganz unwichtiger Faktor für eine gewisse künstlerische Ausstrahlung.
Das aber sind zwei Faktoren, die sich auch mit dem besten Coaching eher zerstören als „machen” lassen und so haben die BWLer ein wirkliches Problem: Sie können im künstlerischen Bereich nichts selber erschaffen, obwohl sie die dort fließenden Millionen natürlich gerne hätten.

Aber sie können es manchmal erkennen und sie können versuchen, es zu kontrollieren. Und ebenso natürlich ist es logisch, dass ein bekiffter Trupp Rockmusiker weniger intensiv das zweihundert-seitige Vertragswerk lesen wird als ein Trupp Anwälte einer gegnerischen Firma. Ich habe das mal für Euch beobachtet: Zum Musikmachen ist bekifft sein oft ganz prima, zum Vertrag-Verstehen eher nicht so.

Und ist es einem zwanzig-jährigen Musiker, der auf einmal mit seinem Riff den Nerv einer Zeit getroffen hat zu verübeln, dass ihn das überrollt?
Ist es einem Mädchen zu verübeln, die eigentlich nur aus ihrem Leben erzählt und sich gerne schminkt? Ist es ihr zu verübeln, dass sie denjenigen glaubt, die ihr einen einfachen Weg zeigen? Die ihr erklären, dass es schon ok ist, wenn der Hinweis auf die Produktunterstützung nur ein paar Sekunden aufblitzt – wenn sie gerade noch davon geflashed ist, dass ihr zig-tausende zugejubelt haben?
Kann jemand ohne Kofferträger-Hintergrund mit Anfang zwanzig schon so abgezockt sein, dass er niemandem mehr vertraut? Dass er jedem Manager der ihm erzählt wie super er ist erst einmal unterstellt, dass der ihn natürlich kommentarlos fallen lassen wird, wenn seine Gamer-Tipps nur noch zehntausend mal angeschaut werden? Darf jemand in diesem Alter überhaupt schon so misstrauisch sein?

Ich finde nein. Ich finde, weder Mick oder Keith, Nikka oder Tina, John, Paul oder Ringo noch Dagi oder Unge sind Schuld daran, wenn andere sie benutzen möchten. (Eine Einsicht, die sich ja übrigens im sexuellen Bereich schon eher durchgesetzt hat, aber das nur nebenbei)

Was bleibt am Ende? Ich beobachte dieses YouTube-Dings mit großer Faszination. Beobachte die verzweifelte Suche nach etwas authentischem der Kids und was das vielleicht auch über unsere Gesellschaft sagt. Beobachte auch ihre gnadenlose Loyalität, wenn ihre Stars angegriffen werden und ihre Blindheit dafür, wenn sie verarscht werden. Aber das tat ich auch schon bei Take That und Helene Fischer. Eigentlich wiederholen sich die Dinge nur. Wüsste man das in seiner Konsequenz mit 18 schon, man könnte mal was anders machen.

Und ich hoffe, DagiUngeGronkhMelina haben wenigstens einen Menschen in ihrem Umfeld, die die Kohle fest anlegen und für die Jahre danach vorsorgen. Und schon mal einen guten Therapeuten buchen.


Ähnliche Artikel lesen?

Außerdem schrieb ich zum gleichen oder ähnlichen Themen auch noch …

Ich finde den Artikel super!

Das freut mich natürlich sehr.

Du kannst den Artikel weiter verbreiten
Du meinst, der Artikel könnte auch anderen gefallen? Dann findest Du etwas weiter oben auf dieser Seite, direkt rechts unten am Artikel ein paar Buttons. Damit kannst Du den Artikel per eMail, Twitter, facebook oder google+ weiter verteilen. Ich würde mich darüber freuen.

Mir ein Geschenk machen? Uiuiuiui.
Gefallen Dir meine Artikel immer wieder, schöder Mammon ist Dir aber zu doof? Dann mach mir doch eine Überraschung: Hier findet Du meine amazon-Wishlist mit ausgesuchten und garantiert Freude spendenden Präsenten zwischen fünf und zweitausenfünfhundert Euro – da ist bestimmt was passendes dabei.

Geld? Wow.
Ist Dir mein Artikel darüber hinaus sogar noch etwas wert, dann findest Du bei den Icons zum Verbreiten des Artikels einen flattr-Button. Jeder Euro, der darüber reinkommt geht direkt weiter an netzpolitik.org.

Wer? Was? Warum?

Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

10 Reaktionen

Auch kommentieren? Zum Formular

Am 20.02.2015 um 9:26 Uhr schriebAnonym:

Leider Thema verfehlt. Das Thema ist ja nicht „Skandal, da machen Promis Werbung und versuchen Geld mit ihrer Arbeit zu verdienen“, sondern „Skandal! Die bauen eine emotionale Nähe zu ihrer Klientel auf und schwatzen denen dann Konsumgüter mit der Argumentation auf, dass es ihnen damit besser ginge, ohne das ausreichend als Werbung zu markieren“. Wenn Bibi in einem „redaktionellen Inhalt“ von ihrer Michael Kors-Uhr erzählt, als wäre sie unter Freunden, dann ist das manipulativ und es wichtig, dass das jemand anspricht. Die Gesetzgebung zu Werbung in YouTube-Channeln ist zum Beispiel in England schon deutlich weiter.


Am 20.02.2015 um 10:07 Uhr wusste Christian:

Ja, gerne muss exakt das angesprochen werden.
Nur sind die meisten Diskussionen die ich so lese auf dem Level von „Was ist denn das für’n Scheiß da”
Und „die YouTuber” werden ausgelacht. (S.a. D. Addams Definition von „Scheiß, den kein Mensch braucht”)

Ich wollte mal einen Blick darauf werfen, dass die „Kids” die das machen vielleicht wirklich harmlos sind, keine Ahnung haben, real, credible, authentisch, whatever sind. Oder wenigstens so gestartet sind – so wie es heute anerkannte Rockbands zum Beispiel auch einmal taten.
Ich glaube einfach nicht, dass sich jemand (vor allem ein jugendlicher jemand) , der sich in irgendeiner Form ausdrücken möchte, sei es in einem Bild, einer Statue, einem Blog, einem Rocksong oder in dem er vor laufender Kamera aus seinem Alltag erzählt von vorneherein wissen kann oder muss, dass es jemanden geben wird, der ihn benutzt und am Ende ausspuckt.
Das wäre in meinen Augen das Ende vieler Kunst.

Geregelt werden müssen BWLer, die dem Jugendlichen mit den Geldscheinen winken, die sich selber zur Seite legen, die ihm meterdicke Verträge vorlegen, die sie selbst ohne ihre Rechtsabteilung nicht vrstehen, die ihm sagen, es wäre schon ok, mit der Uhr zu winken und so zu tun, als wäre man unter Freunden und die ihn, wenn die Klage kommt mit einem Fingerzeig auf Seite 45 des Vetragswerkes alleine lassen.


Am 20.02.2015 um 10:39 Uhr kommentierte Anonym:

Deshalb zielt der Beitrag ja auch zunächst mal auf das Management, denn das sind eben nicht jugendliche Hipster, die es real keepen und total authentisch ihren Alltag filmen, sondern eben ganz normale „alte Medien“-Leute und DIE wissen es garantiert besser. Und der Vergleich mit Rockbands hinkt total, schon allein deshalb, weil die Ansprache „nur“ durch Musik und Interviews erfolgte, hier ist die Ansprache direkt und unmittelbar. Es wird keine gesichtslose Masse angesprochen, wie in „normalem“ Fantum, sondern der Rezipient vor dem Bildschirm ist direkt eingebunden. Das verändert in meinen Augen vieles und vor allem sollte es auch den Umgang damit ändern.


Am 20.02.2015 um 10:45 Uhr sprach Christian:

Frag mal die, die sich heute trauen, ehrlich zu antworten, wie persönlich sie von Take That angesprochen waren. Und guck Dir mal den Helene Fischer-Shop / ihre Butter-Werbung an, wie direkt da die Ansprache an den eizelnen Fan ist.
Mir reicht das an Parallelen, vor allem, um den Umgang der Strippenzieher dahinter zu verstehen.


Dein Kommentar:

Du möchtest auch so ein hübsches Bild am Kommentar haben? Die Bilder gibts bei gravatar.com
Die Bedingungen für das Buchen eines kommerziellen Kommentars findest Du hier.


Auch anderswo wird darüber gesprochen …

Looka

RT @jawl: Für Euch gebloggt: Realness, Authentizität, Ruhm und Dings
(Über YouTubeund Take That und so)
http://t.co/6nAbFB51Zw

notenblog

RT @jawl: Für Euch gebloggt: Realness, Authentizität, Ruhm und Dings
(Über YouTubeund Take That und so)
http://t.co/6nAbFB51Zw

Bei facebook gabs den „Daumen hoch” von: