Reibungspunkte II

Aus der Kategorie »just people«

Gestern geschah folgendes: Ich las einen Artikel von Frau Brüllen, der in 69 launigen Punkten ein paar Details aus ihrem Leben aufführte. Als regelmäßiger Leser überraschte mich keiner davon. Aber auch ich bemerkte, dass es sich dabei um Themen handelte, die man bei entsprechender Laune durchaus kontrovers oder auch bis zur Weißglut diskutieren kann.

Ich lachte.

Dann dachte ich darüber nach, wie denn wohl so eine Liste bei mir aussehen könnte. Jetzt bin ich ja aus diversen Gründen keine Mutter, eben darum ist dieses hier auch kein Mama- oder Familienblog. Aber es mussten sich doch Dinge finden lassen, auf die die Menschen abgehen?
Ja, klar, war leicht.

Ich lachte wieder.

Dann dachte ich darüber nach, dass vielleicht exakt diese gedachte Liste dazu geführt hat, dass ich Zeit meines Lebens in keiner Gruppe so richtig anerkannt und eingeschlossen war. Da war die Grüne die mir vorwarf, dass ich FastFood aß und einen Neuwagen kaufte.
Da waren die HipHopper, die mich seltsam fanden, dass ich Ihre Musik UND Grunge liebte.
Da waren die Rocker, die mich seltsam ansahen, weil ich keine Drogen und keinen Alkohol zu mir nahm.
Und so weiter.

Ich dachte darüber nach, dass ich das oft etwas traurig gefunden hatte, wenn eine Gruppe mich so ausschloss und lachte nicht mehr so sehr.

Ich glaube – und ich glaube auch gelesen zu haben – dass Menschen sich Gruppen anschließen, um sich geborgen fühlen. Und um eine Gruppe zu bilden, braucht man Gemeinsamkeiten: Club der Rothaarigen, Frauenstammtisch, Mac-Nutzer, Grüne, Eisenbahnfreunde, Wanderverein, Jutebeutelträger – jede Gruppe hat Gemeinsamkeiten, hat ihre Erkennungszeichen. Und so wie ich letztens schrieb, dass es sich wie coming home anfühlt, wenn ich in Bonn im Friedrichs zur #mimimimi-Lesung ankomme, so ist das sicher auch bei anderen Menschen und Gruppen.

Gerade in Zeiten wo man – ich picke mal das Beispiel vom Anfang wieder heraus – als Mutter schon während der Schwangerschaft von ca 75.356 verschiedenen guten Ratschlägen bombadiert wird, wie man sein frisch geschlüpftes Kind denn nun halten, legen, füttern, schlafen, baden, puscheln, tragen und erziehen soll, da kann ich mir bestens vorstellen, wie gut es tut, sich zu einer Gruppe zugehörig zu fühlen, die einem sagt, wie es geht.
Da es aber auch offensichtlich zum Wesen einer Gruppe gehört, sich über die selbstdefinierten Erkennungsmerkmale von anderen abzugrenzen hören wir im Hintergrund schon, wie die Waffen in Stellung gebracht werden.

Aber ich versteh’s. Wir alle möchten doch gerne die Dinge richtig machen, nicht ständig in Unsicherheit leben. Um aber beim Mütterdings zu bleiben – und ich erinnere nochmal: ich bin keine Mutter und ich muss das jetzt imaginieren – gerade dort, gerade wenn ich zum ersten Mal mein Baby im Arm halte, dann möchte ich doch spätestens dort mal endlich! alles! richtig machen!
Wir haben also schon zwei gute Gründe, uns eine Gruppe zu suchen – also zB auch die Gruppe „natürlich stille ich mein Kind und trage es bis zum dritten Lebensjahr nur im roten Wickeltuch“.
Oder auch die Gruppe: Ein Mac ist immer besser als ein PC.
Und ich fürchte, wir haben auch wirklich zwei gute Gründe, um diese Gruppe mit Klauen und Zähnen als einzig wahre zu verteidigen: die eigene Geborgenheit und sich endlich mal richtig fühlen.

Ich schaute auf soviel Unsicherheit und Gedankenmurks und lachte gar nicht mehr.

Aber warum schreibe ich darüber? Ich bin doch – wie schon ein paar mal erwähnt – gar keine Mutter und mir könnte es vollkommen egal sein, wie man mit den eigenen Kindern umgeht und was jetzt in den Adventskalender kommt?
Ist es mir auch.

Aber zum einen interessieren mich gesellschaftliche Zusammenhänge eh immer und zweitens vor allem dann, wenn ich glaube, Muster zu erkennen, die sich auch auf andere Situationen übertragen lassen.

Schauen wir doch mal, ob es vielleicht ein anderes Thema gibt, bei dem sich momentan Menschen gegenseitig an die Gurgel gehen und das Diskussionsniveau sogar dann teilweise die berühmte Gürtellinie unterschreitet, wenn sich eigentlich gegenseitig wohlesonnene, interneterfahrene, schriftsprachlich begabte Menschen darüber austauschen. Ach, wenn mir doch nur eins einfiele …

(Ich lache kurz bitter)

Trump also. Oder Trump und die AFD. Oder Trump und die AFD und die Flüchtlings- und Sozialpolitik allgemein.

Vieles habe ich in den letzten Tagen gelesen, viel kluges auch. Viel nachgedacht ich habe und auch versucht, selbst etwas zu schreiben ich habe, liebe Padawane.
Mir und meinen Gedanken blieb es erspart (Zufall? Fehlende Reichweite? Wer weiß?) aber unter so manchem klugem Artikel fand ich Worte, die selbst mich überraschten – und ich bin schon ’ne ganze Weile hier.
Da fand wer, es seien die sog. Linken selbst schuld. Große Empörung weil: Den kann man eh nich lesen.
Da fand wer, Herr Trump sei psychisch krank. Große Empörung, weil man damit die wirklich psychisch Kranken verunglimpft.
Da fand wer, es sei die städtische Elite. Große Empörung, weil man ja schließlich in der Stadt lebt.
Und so weiter und so weiter.

Ich war traurig.

Und überlegte: Herrgott, wir wissen doch alle, dass die Welt komplex ist. Gut, wir als digitale Oberchecker erwähnen das hauptsächlich, wenn wir über andere reden. Aber wie wärs, wir nähmen mal als Arbeitshypothese:
Vielleicht übersehen auch wir den Grad der Komplexität.
Vielleicht: Alle diese Ideen, alle diese Artikel decken ein Stückchen der Wahrheit ab. Und nur weil wir selbst gerade in der Gruppe „Hillary ist Schuld und in Deutschland ist das was ganz anderes“ angekommen sind muss die Gruppe „Trump hat es hat raus Menschen etwas vorzugaukeln und das kann ein halbwegs geschickter Demagoge in Deutschland vollkommen problemlos auch schaffen“ nicht gleich ein Haufen unfähiger Idioten sein.
Vielleicht ist die Welt so komplex, dass das alles etwas richtiges hat.

Vielleicht wäre es klüger, sich nicht trotz eigentlich fast identischer Meinung gegenseitig so lange niederzumachen, bis sich alle vor Frust ins Private zurückgezogen haben. Ich sehe es nämlich kommen: Dann sind am Ende wieder alle überrascht, wenn wirklich viele die AFD wählen.

Vielleicht sind wir auch einfach unfassbar privilegiert, dass wir uns jahrelang mit wohlgeschliffenen ironischen Worten über das richtige Betriebssystem für unseren Computer streiten konnten, und da jetzt, wo es größere Konflikte zu bestehen gäbe dem andere nicht mehr zuhören können, weil er seine Gedanken auf einem Windows-PC tippt?

Es wäre doch hübsch, wir sähen auch in den dringend nötigen politischen Diskursen von außen betrachte nicht so albern aus wie der viel belästerte Haufen Menschen beim Elternabend, die sich über die richtige Biokost-Marke beim Mittagessen an die Gurgel gehen, oder?


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

5 Reaktionen

Am 18.11.2016 um 10:28 Uhr sagte rt:

an mein herz.

(passt irgendwie zu dem was ich gerade schrieb.)

(diese adventskalender diskussionen machen mich so unglaublich traurig und wütend, das gabs schon lange nicht mehr. so ein quatsch, so ein rundum bescheuerter quatsch. und zwar von allen beteiligten.)


Am 18.11.2016 um 11:18 Uhr sprach Sven:

Ich denke, das Stichwort ist „Identität“. Wenn ich mich mit etwas identifiziere und dazu meine Person mit einer Sache verknüpfe ist Kritik an einer Sache schnell ein Angriff auf meine Person. Wodurch eine Verschiebung in der Kommunikationsebene passiert, von der Sachebene zur Personenebene.


Am 18.11.2016 um 11:19 Uhr wusste Christian:

@rt: so ein trauriger quastsch. ich verstehe jedes bedürfnis nach selbstpositionierung. aber dass da immer gleich grabenkämpfe entstehen. und dass keiner mehr humor versteht …


Am 18.11.2016 um 11:20 Uhr schriebChristian:

@sven: ja, so isses wohl. und was macht man damit? vorschläge, nummer eins?


Am 18.11.2016 um 16:46 Uhr ergänzte Frau bruellen:

Was ich an der adventskalenderdiskussion besonders albern finde: ich habe nirgends eine stimme gelesen, die sagte: mütter, die nicht basteln, sind schlechte. Es gab „kann doch jeder machen wie er will“ und „ihr sollt nicht basteln, damit ich mich nicht schlecht fühle“. Und das finde ich besonders skurril an der situation. Und noch irrer als die klassischen mommywars. Über den rest muss ich nochmal nachdenken


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