Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Sache gemacht

Die meisten werden es mitbekommen haben, dass die wunderbare Isabel Bogdan ein Buch geschrieben hat (wer nicht, der klickt jetzt mal kurz hier und kann sich da gleich ein signiertes Exemplar bestellen. Und zur Buße auch ein paar Lesezeichen in seinem örtlichen Buchhandel auslegen gehen).

Auf jeden Fall ruft sie in diesem Buch – und das auch ganz zu Recht – dazu auf, einfach mal die Sachen zu machen, die man schon immer mal – und man kommt ja nie dazu – und ich würde ja schon gerne – und warum eigentlich nicht. Muss ja nichts großes sein, aber jeder hat ja sowas.

Ich hab gestern den Führerschein nochmal gemacht. Also quasi.

Hintergrund ist zum einen – die geneigte Leserin mag es mitbekommen haben – dass ich ja nun sehr gerne und aus der Sicht der meisten Menschen auch eher viel Auto fahre.
Zweitens denke ich, dass ich nicht nur viel, sondern auch sehr gut fahre – aber: Klug wie ich bin weiß ich auch, dass das alle Menschen von sich denken. Kann also sein, muss aber nicht.
Drittens war genau das alles letztens Thema bei EinsLive und dort schickten sie dann eine kleine Redaktionsmitarbeiterein noch einmal zur Fahrschule. Die war übrigens eine der wenigen Menschen, die von ihren Fahrkünsten eher wenig hielt, sie erzählte fröhlich lachend von Gerichtsverfahren während der Probezeit und rote-Ampel-Fotos mit Handy am Ohr. Und dass das ja alles eh nicht so wichtig sei. Nun ja.

Am Montag hatte ich geschaut, wann denn meine alte Fahrschule wohl geöffnet hätte und gestern Nachmittag, auf dem Rückweg von der besten Eisdiele der Welt, beschloss ich sehr spontan: „Jetzt mal hinfahren“. Setzte die Liebste zu Hause ab und fuhr hin.

Sah aus wie damals. Ein eher mittelschöner Raum, an den Wänden Ampeln und Vorfahrtschilder und dieses Stück Stoßstange mit Scheinwerfern, das schon 1991 antiquiert wirkte. Ein paar gelangweilte Teenies und vorne die Frau meines alten Fahrlehrers.
Ich erklärte mein Anliegen und fragte, ob ich einen Termin machen könne.

»Papperlapapp Termin, Herbert kommt eh gleich – und bis dahin machen Sie hier schon mal einen Bogen. Wir sind uns ja eh beide einig, dass Sie durchfallen, oder?«

Tief durchatmen, an Isa und den mach-doch-Muskel denken, grinsen, »aber klar falle ich durch« sagen und den Bogen nehmen.

Ok, dass ich bei dem Verkehrsschild auf dem Foto nur dann beschleunigen muss, wenn ich einen Jeep fahre das war mir noch klar – aber zum Beispiel diese dämliche Warnblinkerregel an Bushaltestellen? Die hab ich damals kurz gelesen, als sie eingeführt wurde und dann in der Praxis nie begriffen. Vielleicht habe ich sie auch begriffen, aber niemand hält sich dran und das ist in dem Moment ja auch vollkommen egal, denn jetzt musss ich hier etwas ankreuzen und die Teenies finden mich eh schon alle deutlich komisch. Nun denn.
Und dann sind da auch noch nicht-multiple-choice-Fragen, ich muss eintragen wie viele Meter eine Last nach hier über das Fahrzeug hinausragen und viele Meter entfernt von welcher Linie ich dort anhalten darf und das ist natürlich alles endgültig vollkommen absurd. Und ich muss laut lachen und die Teenies gucken wieder komisch.

Trotzdem bin ich natürlich irgendwann durch, ich habe auch noch Glück: Die Bremsweg-Formel steht an einem Whiteboard an der Wand und beim Auswerten sieht’s erst gar nicht so schlecht aus. Das Prinzip »Parkuhr« habe ich offensichtlich nicht verstanden, jedenfalls nicht so, dass es Fahrschulbogen-Sprech entspricht. Ich protestiere, dass es doch eh keine Parkuhren mehr gibt, sondern nur Parkautomaten und die könne ich bedien… aber dann fällt mir die Knöllchensammlung im Auto ein und ich schweige liebe still.
12 Fehlerpunkte. Durchgefallen. War klar. Aber: Bis zu 10 Punkte hätte ich haben dürfen – wäre mir also klar gewesen, dass ich einkaufen gehen darf, wenn die Parkuhr läuft, dann hätte ich’s tatsächlich geschafft. Wow. Wahnsinn. Und wie gesagt: Vorschriftsmäßig Parken kann ich eh nicht so gut.

Während wir noch darüber witzeln, dass Männer ja auch nicht so gerne Einkaufen kommt Herbert rein.
Guckt, behauptet nach kurzem Zögern sich zu erinnern, hört sich an was ich will. Guckt duch den Raum, fragt »Jemand Fragen?«, keiner bewegt sich und er sagt: »Ok, dann jetzt sofort, ich hab gerade Zeit. Wir nehmen Deinen«, und stellt sich an mein Auto.

Tief durchatmen, an Isa und den mach-doch-Muskel denken, grinsen, »Ok, super!« sagen und den Schlüssel aus der Tasche ziehen.

Wir fahren also durch die Stadt. Nein: Wir kreisen in engen Zirkeln durch die Stadt.
Die Stadt ist ja nicht groß, es gibt exakt eine Möglichkeit, einen Spurwechsel zu zeigen – und ich darf sogar einmal von rechts nach links und einmal von links nach rechts spurwechseln, wie gesagt: Wir fahren recht enge Kreise.
Wir fahren 30, wir fahren 50 (naja35 und 55), wir haben wenig Vorfahrt und viel rechts-vor-links und der Radfahrer, den ich in dieser Situation jetzt nicht überhole weil es natürlich irgendwie schon aber garantiert nicht fahrschulgerecht an ihm vorbei geht fängt auch an, mich wild zu beschimpfen, als ich mehrere hundert Meter hinter ihm hänge.

So geht das etwa eine dreiviertel Stunde und dann stehen wir wieder quer auf dem Bürgersteig vor der Fahrschule. Herbert bescheinigt mir ein permanent leicht erhöhtes Tempo und eine etwas zu lässige Sitzhaltung: In der Prüfung hätte ich wohl schnell wegen meiner einhändigen Ausführung der viertel-vor-neun-Handhaltung anhalten müssen. Aber ich würde die Technik gut beherrschen, hätte eine gute Rundumsicht und das wäre alles sehr ok.
Klaut mir ein besonders buntes Knöllchen aus der Ablage und das wars dann schon.

Mein Dank geht an Herbert Bandow und seine Frau; ich fands sehr nett. Und gar nicht aufregend. Nur die Liebste meinte, ich wär ja total auf Adrenalin, als ich nach Hause kam. Kann aber gar nicht sein.

Und wenn Ihr demnächst an einem Bus vorbei kommt, der warnblinkend in der Bushaltestelle steht: Sowohl in gleicher Fahrtrichtung als auch in Gegenrichtung dürft Ihr nur im Schritt-Tempo dran vorbei. Theoretisch. Praktisch dürfte Euch dann vermutlich jemand hinten drauf fahren.

12 Antworten zu “Sache gemacht”

  1. serotonic sagt:

    Ha! Wundervoll, großer Spaß. Als Aufbaukurs würde ich dann von einer Erste-Hilfe-Auffrischung lesen wollen, da gucken einen die Teenager auch so komisch an.

    (Aber, hier: Ich gehöre ja zu den Kids, die mit der Bus-Warnblink-Geschichte groß geworden sind, und fahre seither immer brav Schritttempo (immer aufgeplatzte Schulkindköpfe vor dem inneren Auge). Reingefahren ist mir bislang niemand, aber hier und da erzeugt man durchaus, äh, leidenschaftliche Emotionen bei seinen werten Straßenverkehrsmitteilnehmern.)

  2. Dentaku sagt:

    §20 Abs. 4 StVO ist nicht so allgemein bekannt (und gilt auch erst seit ein paar Jahren). Der Versuch, mich daran zu halten hat schon viel quietschende Reifen und wütendes Hupen hinter mir erzeugt.

  3. Alexander sagt:

    Ich habe gerade den Motorrad-Führerschein, meine dritte Prüfung nach Auto vor 22 Jahren und LKW vor 20 Jahren. Und ich musste für die Theorie echt nochmal ausführlich den Kopf in die Bücher stecken (gab es damals schon Fragen nach Drogenkonsum am Steuer?) und die etwas lässige Fahrhaltung einer etwas konzentrierteren weichen lassen. So ganz der Selbstläufer war das nicht, aber sowohl Theorie wie Praxis konnte ich im ersten Anlauf bestehen.

  4. Christian sagt:

    @dentaku & serotonic:
    Ich hatte das auch immer so verstanden, das ich in beiden Richtungen in Schrittgeschwindigkeit dran vorbei dürfte, wenn Busse an gefährlichen haltestellen warnblinken.
    Was mich verwirrte war: Außer mir tut es niemand, wenn Du es auch nur ansatzweise tust wirst Du behupt.
    Und: Jeder Bus hier in dieser Stadt steht an jeder Haltestelle inzwischen warnblinkend rum. Auch wenn der Fahrer gerade Zeitung liest oder draußen raucht. Hab ich auzch gestern gelernt, dass sie das nicht dürfen, eben weils auch zur Verwirrung beiträgt.
    Bleibt einem wohl nur wie immer: Vorsichtig nach vorne, hinten, rechts und links zu sein…

  5. Christian sagt:

    @Alexander: ja, ich hatte wohl echt Glück mit dem Bogen. Und mit der Formel an der Wand. Und mit einem kleinen gehusteten Hinweis zwischendurch :))

    Ich glaube, die Drogen-Fragen kamen gerade, als ich 1991 anfing.

  6. serotonic sagt:

    @dentaku: „und gilt auch erst seit ein paar Jahren“ – den Führerschein habe ich 1998 gemacht, dein „paar“ ist imho sehr dehnbar ;)

  7. Dentaku sagt:

    @serotonic: Ääähm, ja, die Versionshistorie im Bundesgit gibt bei der StVO noch nicht so viel her.

    @jawl: Ja, die Busfahrer handhaben das leider sehr fahrlässig; oft müsste man auf einer vierspurigen Straße in 15m Entfernung vom Bus eigentlich in Schrittgeschwindigkeit vorbeifahren.

  8. Christian sagt:

    Vielleicht kann man sich auf ein „Busfahrer sind doof“ einigen? Mir ist heute so nach Einfachheit …

  9. Garvin sagt:

    Erinnert mich daran, dass ich in meinem letzten Urlaub als Zwangsneurosenhandlung alle KVB-Haltestellen per U-/Straßenbahn besucht habe. Solche Sachen machen Spaß. :-)

  10. @amileipzig sagt:

    Der @jawl hat sich getraut und die Fahrprüfung wiederholt: http://t.co/c4E2U12K (direkt zum Eintrag: http://t.co/DERhS8ag)

  11. Christian sagt:

    äääähh – warum?? :)

  12. rebhuhn sagt:

    oh wie cool!! der mach-doch-muskel war tatsächlich bei mir auch vor dem lesen von isas zeug schon recht gut trainiert ;). [ich hatte ja neulich z.b. eine kraulstunde im örtlichen wellness-bade-tempel. das war ähnlich gut.]

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