Schöne neue Welt? Ein Brief an Herrn Kleber.

Aus der Kategorie »just TV«

(Ich schreibe Sie jetzt mal direkt an, weil ich davon ausgehe, dass Sie eine gewisse Verantwortung für die Sendung tragen, wenn Ihr Name oben drüber steht, Sie die Interviews führen und den Text sprechen. Wenn dem nicht so sein sollte: Sorry, ich kenne mich mit den öffentlich rechtlichen Gepflogenheiten nicht so tief aus. Sie können das dann sicher weiter leiten)

Sehr geehrter Herr Kleber,

Sie haben das Silicon Valley besucht und einen Film darüber gemacht (Interview darüber / Film in der Mediathek). Und ich bin etwas traurig nach dieser Stunde Fernsehen – beziehungsweise genauer: dieser Stunde Mediathek, denn Sie wissen sicher, dass Menschen wie ich eher Mediathek streamen als Fernsehen zu schauen. Es wäre für mich jetzt zwar einfach, aber auch sehr billig, einfach über diese Sendung zu lästern. Aber das möchte ich nicht.

Darf ich mich kurz vorstellen?
Aber lassen Sie mich vielleicht erst ein paar Worte zu meinem Hintergrund erzählen. Sie kennen mich ja gar nicht und eine kleine Vorstellung ist ja nicht nur höflich, sondern hilft Ihnen vielleicht auch, Dinge, die ich sage einzuordnen.
Als ich 1997 das erste Mal online ging ist mir etwas wichtiges passiert. Wäre das in Deutschland seit dem rauchenden Ex-Kanzler nicht so verpönt, würde ich fast sagen: Ich hatte eine Vision. Aber eigentlich erkannte ich nur die Vision, die Tim Berners Lee hatte, als er die Hypertextauszeichnungssprache und damit das heutige WWW erfand. Ich bekam eine schwer erklärbare aber sehr große Ahnung davon, was die Vernetzung jedes Fitzelchens Information bedeuten könnte.
Folgerichtig warf ich mein Studium der Diplom-Pädagogik hin und wurde Webdesigner. Eine Freundin, der ich versuchte, mein Gefühl des Aufbruchs zu beschreiben, beschloss damals die Diskussion mit den Worten „Niemand wird jemals Pizza online bestellen wollen, Christian“ und erklärte meinen Plan für vollkommen verrückt: „Und was machst Du, wenn all die zehn Geschäfte in Menden, die so eine »Homepage« brauchen eine haben? Dann machst Du Deinen Laden wieder zu?
Das ist jetzt 19 Jahre her und ich mache den Beruf immer noch. Oder nein: Ich mache immer noch das, was aus dem damaligen Beruf geworden ist; das hat sich nämlich geändert. Immer und immer und immer wieder und ich habe seit 1997 nicht mehr aufgehört zu lernen.-
Die Freundin bestellt übrigens inzwischen nicht nur ihre Pizza online, sondern wartet auch sehnlichst darauf, dass der örtliche Supermarkt endlich online-Bestellungen und Lieferservice anbietet. Denn die Dinge ändern sich.

Und so klasse ich das finde, so werbe ich auch für eine meiner Leistungen inzwischen unter anderem damit, dass ich nicht auf jeden online-Zug blind aufspringe. Und hier in meinem Blog-Entwürfe-Ordner liegt ein Text darüber, wie sehr ich es bedaure, dass all die Messenger das persönliche(re) Telefonieren getötet haben. Was ich mit diesen zwei Beispielen sagen will: Trotz – oder gerade wegen? – der letzten 19 Jahre bin ich nicht blind technikgläubig.

Aber zu Ihrem Film
Sie waren also im Silicon Valley und haben sich angehört, woran dort gerade gearbeitet wird. Genauer natürlich: woran dort gearbeitet wurde, denn eigentlich haben wir ja nur Dinge gesehen, die bereits weit verbreitet sind oder kurz vor der Serienreife stehen. Die aktuellen Forschungen dürften vermutlich also bereits ein gutes Stück weiter sein; aber ebenso vermutlich zu geheim für Journalisten.
Das könnte – gerade in einem Land wie unserem gemeinsamen Heimatland Deutschland ein schöner, guter und auch wichtiger Beitrag werden; in einem Land, in dem unsere Kanzlerin das Web noch dreiundzwanzig Jahre nach seiner Erfindung „Neuland“ nennen konnte, ohne dass sich außerhalb der Netzkreise wesentlicher Widerspruch regte. (Die „5 neuen Länder“ sind quasi genau so alt und haben es deutlich schneller geschafft, das „neu“ abzulegen, um mal ein Beispiel aus der nicht-digitalen Welt dagegen zu halten.)

Und auch ich, der ich recht technikbegeistert bin, habe noch ein paar neue Dinge in Ihrem Bericht gehört oder zumindest das erste Mal in Aktion gesehen.

Was also hat mich traurig gemacht?
Erst war es nur ein unbestimmtes Gefühl, das aber im Lauf der letzten Stunde immer deutlicher wurde; erst war ich nur irritiert und verstimmt über die kleinen Spitzen. Über kleine Nebensätze, die vermutlich Kritik ausdrücken sollten. Über die dazwischen geschnitten Geschichte des Uber-Fahrers ebenso wie die Andeutungen über das Hippietum der dortigen Menschen. Die nehme ich übel, weil ich weiß, wie der bundesdeutsche Durchschnitt bei Erwähnung von Hippietum reagiert und mich schwer tue, da keine Absicht zu unterstellen.
Sollte das alles Kritik sein? Es schuf eher ein unwohles Gefühl.
Wie gesagt: Für Kritik am Digitalen bin ich sehr offen. Aber bitte sachlich und am liebsten konstruktiv. Das aber habe ich vermisst. Ich hörte statt dessen: Sie machen sich Sorgen, also machen wir uns doch alle mal Sorgen!. Ihnen ist die Denke der Valley-Leute unheimlich. Wo bleibt bei denen die Moral? Da bleiben viele auf der Strecke.

Und am Schluss, und das tat mir besonders weh: Aber wir sind ja Europäer, wir sind je bedächtiger.

Genau: Und wir sind nicht nur Europäer, wir beide sind auch Deutsche. Das heisst auch: Wir beide leben in einem Land, das sich dem digitalen Fortschritt verweigert wie kaum ein zweites. In einem Land, in dem es also offensichtlich viele Ängste und Unsicherheiten über diesen ganzen digitalen Fortschritt gibt.

Und nu?
Und da frage ich mich: Wo bleibt der Umgang mit dem Ganzen? Wo bleibt die Perspektive? Reicht es wirklich in einer Art neumodischen Schreckenskabinett die bärtige Frau mit den beiden Köpfen … Verzeihung: Die technikgläubigen Visionäre aus der Bay Area zu zeigen, damit wir uns alle mal wohlig gruseln können?
Oder wäre es nicht schön, auch zu überlegen, was wir tun können, wenn uns all diese Erfindungen erreichen? Ich persönlich halte es nämlich nach dem Siegeszug von Computer, Smartphone, Cloud, oder Amazon/Google/Apple/Facebook/Uber/ und so weiter für arg unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die nächste Erfindung nicht global erfolgreich wird. Und auch Sie klingen in 60 Minuten nicht wirklich so als glaubten Sie daran, dass man diese Innovationskraft und Energie stoppen kann.
Denn, wie oben schon erwähnt: Die Zeiten ändern sich. Immer. Korbflechter, Schmiede, Kutscher und viele andere Berufe sind schließlich auch vom Fortschritt gefressen worden.

Reicht es dann also wirklich, trotzig zu sagen: „Wir sind Europäer, wir wissen es besser“, um dann ein paar Monate später mit dem Smartphone in der Hand auf facebook zu verkünden, dass man gerade gekündigt worden ist?
Reicht es dann, sich darauf zu verlassen, dass man seit 100 Jahren die besseren Autos baut – auch wenn man zuletzt ein bisschen schummeln musste, um diesen Ruf zu halten – um mal ein aktuelles Beispiel aus der Industrie heraus zu picken?
Oder wäre es nicht gut, zu reagieren und dabei mehr Möglichkeiten zu sehen als „stoppen“ und „bremsen“?
Gebietet nicht sogar der Bildungsauftrag eines öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms, weiter zu denken?

Letztens las ich (sinngemäß) den schönen Satz „Wir arbeiten jetzt seit 150 Jahren daran, dass uns Maschinen die Arbeit abnehmen. Sollten wir nicht langsam mal versuchen daran zu denken, was wir tun, wenn wir es geschafft haben?“ Ja, vielleicht wird sich unsere gesammte Gesellschaft ändern. Wahrscheinlich sogar mal wieder. Vielleicht müssen wir dann nicht mehr in Firmen arbeiten, in der die Anwesenheitskultur Menschen dazu zwingt, schlechte Eltern zu sein. Vielleicht können wir uns ein bedingungsloses Grundeinkommen leisten, so dass wir nicht nur nichts mehr zu arbeiten haben, sondern auch nicht mehr arbeiten müssen, um zu überleben. Vielleicht ist das sogar super, den Wert eines Menschen nicht mehr an seiner mehr oder minder zufälligen Arbeitsstelle festmachen zu können. Vielleicht, nein: bestimmt passiert noch viel mehr, als ich es mir hier gerade vorstellen kann – ich bin kein Fachmann für so etwas. Aber die gibt es ja. Wo waren die? Warum haben Sie nicht auch mit denen gesprochen? Wo haben die Ihren Zuschauern gezeigt, dass diese Zukunft wirklich prima werden kann, wenn wir uns ihr stellen – statt den Kopf in den Sand zu stecken, weil das bestimmt alles ganz furchtbar wird?

Das habe ich vermisst, lieber Herr Kleber und deswegen bin ich traurig. Und weil ich gelernt habe, dass man Zuschauerbriefe schreiben soll, damit das Fernsehen mitbekommt, was man von Fernsehen hält, habe ich das hier geschrieben.

Mit freundlichen Grüßen und voll der Hoffnung, dass Sie bei ihrem nächsten Besuch im Valley mit großen Kinderaugen einfach mal staunen können,

Christian Fischer


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