Schwarm-Macht

Aus der Kategorie »just people«

(Vorsicht, ich benutze Sprache, die mancher als krass, als Gosse oder sonstwie unangemessen empfinden könnte)

Als ich vor ein paar Jahren, also so vor zehn oder so, anfing, Menschen das Web zu erklären, da habe ich oft gesagt: Sie müssen verstehen, wie viel Macht es hat, wenn viele Menschen etwas übers Web verbreiten. „User generated Content” oder „Schwarmintelligenz”, das waren damals beliebte Begriffe.
Damals haben wir natürlich gemeint, dass Menschen eine tolle Idee im Web verbreiten könnten – und damals wollte alle gerne, dass die „User” die tolle Idee einer Firma oder eine Marke übers Web verbreiteten.

Jetzt laufen die Dinge ja manchmal anders als man so denkt und zehn Jahre später sieht man auf der republika Vorträge über Schwarmdummheit statt Schwarmintelligenz und ich nicke beim Gucken eifrig.

Eines aber hat sich nicht geändert. Ich denke immer noch: Wir müssen verstehen, wie viel Macht es hat, wenn viele Menschen etwas übers Web verbreiten. Meist denke ich allerdings ein „Verflixter Mist, …” davor.

Ich nehme mal – wie so oft – mich als Beispiel, dann muss sich niemand persönlich angegangen fühlen.
Ich bin ja, wie die meisten wissen, auf dem Dorf aufgewachsen, in den späten Siebzigern, den frühen Achtzigern. Der Tonfall und die Sitten waren damals vielleicht etwas rauher als heute. Manches war aber auch einfacher: Schimpfworte zum Beispiel übernahm man einfach von den Älteren. Man merkte bei der ersten Begegnung mit einem neuen Exemplar am Tonfall und am höhnischen Gelächter der anderen, dass man soeben von einem erwischt worden war – auch wenn man die Bedeutung in dem Moment noch nicht kannte.
Und dann konnte man es bei Gelegenheit bei Status-niedriger-Stehenden ebenfalls anwenden. Ziemlich simpel eigentlich, vor allem mit Bedeutungen musste man sich eigentlich gar nicht rumschlagen.
Und so lernte ich auch das beliebte Schimpfwort „Du schwule Sau” – oder auch einfacher als abfälliges Adjektiv: „schwul”. Es war meine erste Begegnung mit diesem Begriff.

Als ich – vermutlich ein paar Monate später – die eigentliche Bedeutung des Begriffs lernte, da wieder von den älteren. Und die erklärten mir, das sei ein Schimpfwort, weil: Schwule, das wären die, die nicht wie normale Kerle Frauen ficken sondern andere Kerle in den Arsch und das sei natürlich vollkommen unnormal und pervers. Außerdem müssen man sich vor Schwulen in Acht nehmen, dass die einen nicht antatschen.
Aha.
Mir waren zwar nicht alle Zusammenhänge ganz klar (wo soll man ohne Internet auch „ficken” oder „pervers” nachschlagen??) aber ich merkte mir das eifrig, denn der verächtliche Tonfall, der war eindeutig.

Ich hatte etwas gelernt und ich nutzte es. Die Sitten waren rauher, ich wusste es noch nicht besser und ich tat und sagte Dinge, die mir heute leid tun.

Es dauerte etwas, ab irgendwann später hatte ich dann Glück. Ich lernte nicht nur, dass man Menschen eh eigentlich besser nicht beschimpft, sondern auch, dass schwul zu sein nichts schlimmes und etwas anderes, als die Vorliebe für Analverkehr ist. Dann lernte ich den ersten Schwulen kennen und freundete mich mit ihm an, irgendwann war ich das erste Mal mit ihm bei BO-YS (der nächstgelegenen schwulen Party) und irgendwann mit ihm auf dem CDS weil die da einfach zu feiern verstehen. „Angetatscht” hat mich nie jemand.
Und inzwischen interessiert mich, wenn ich einen Menschen kennen lerne überhaupt nicht mehr, wen und wenn ja wie viele er oder sie wie liebt.
Aber das war ein Prozess. Und zwar einer, der einen denkbar doofen Ausgangspunkt hatte, denn das erste, was ich ja gelernt hatte war: schwul = schlecht.
Ich musste also eine Bedeutungsverschiebung hinbekommen und ich sage heute ganz ehrlich: Wenn man zehn Jahre lang (und Kindheits- und Jugendjahre zählen da ja fast doppelt) Angst hatte, dass einen „ein Schwuler antatscht”, dann ist das bei aller gelernten Vernunft erst mal … komisch. Ungewohnt. Aufregend. Muss man sich dran gewöhnen. Geht aber ganz gut.

Natürlich wäre ich im Rückblick gerne schon immer perfekt open minded gewesen, natürlich wäre ich gerne in einer nicht-homophoben Umgebung aufgewachsen aber so wars eben nicht. Ich hatte Glück, ich hatte die richtigen Leute um mich, ich lernte Menschen kennen, die mir meine Vorurteile langsam und freundlich hinterfragten. I got my time.
Ich halte meine heutige „Einstellung” zu einhundert Prozent für die richtige und ich bin froh, dass ich sie erlernen durfte.
Noch schöner wäre natürlich gewesen, ich wäre von vorne herein anders aufgewachsen, aber die Welt ist eben nicht perfekt; man muss ihr manchmal die Gelegenheit geben, besser zu werden wo sie es noch nicht ist.

Hier an dieser Stelle kann man prima mal kurz ehrlich nachdenken, ob man alle die Einstellungen, die man heute so hat schon immer hatte. Ich warte kurz.

Die aufmerksame Leserin hat garantiert schon eine Idee, wie ich jetzt wieder den Bogen ins Internet zurück bekomme, oder?

Vor ein paar Tagen ging ein Zeitungsausschnitt durchs Web, in dem eine Briefkasten-Psychotante einem besorgten Leser sinngemäß erklärte, er solle seine Kinder besser nicht auf die Verpartnerung seines schwulen Bruders mitnehmen, die würden da desorientiert.

Hätte man genauer hingeschaut, hätte man schnell erfahren können, dass es zwei Versionen des Textes gab, die sich vielleicht sogar in der Bedeutung etwas unterschieden. Man hätte auch die Lektüre von topfvollgold oder überhaupt das Wissen über die heutige Medienlandschaft dazu nutzen können, Psychotipps in Zeitungen als das zu nehmen, was sie sind: Füll-Müll. Man hätte also eh schon kritisch und/oder differenziert damit umgehen können.

Aber es kam, wie es heute offensichtlich kommen musste: Viele Menschen teilten das, die Zeitung geriet in etwas, was man Shit- oder Empörungssturm nennt, sie versuchten sich an einer Antwort, die ebenso genüsslich von allen zerrissen wurde und am Ende des Tages wurde die Briefkastentante entlassen.
Zwischen dem ersten Tweet mit dem Zeitungsausschnitt den ich las und der Entlassung der Frau lagen circa acht Stunden.

Wie sagte ich oben? Manchmal muss man der Welt die Gelegenheit geben, besser zu werden. Acht Stunden finde ich da etwas sportlich.

Und irgendwo mitten in diesen acht Stunden kam mir – also mir!, der ich mit der Kirche ja nun wirklich gar nichts am Hut habe – ein Satz aus der Bibel in den Sinn. Ich dachte nämlich (man möge mir ob meiner Konfessionslosigkeit textliche Ungenauigkeiten verzeihen): „Wer noch nie einen Schwulenwitz gemacht hat, der schreibe den ersten Tweet”.

Ich glaube einfach nicht, dass ich der einzige bin, der erst „gelernt” hat, dass es nicht ok ist, sexuelle oder Liebes-Orientierungen als Schimpfwort zu benutzen; ich glaube nicht, dass ich der einige bin, der mit diesen Vorurteilen groß wurde und dann irgendwann umdenken durfte und umgedacht hat.
Schaue ich auf meinen Lernprozess, dann hat der nahezu ein paar Jahre gedauert – und er war von liebevollen Menschen begleitet, die mir – sinngemäß – immer mal wieder sagten oder zeigten: „Schau mal hier und denk drüber nach”
Und ich weiß nicht, wie ich heute wohl denken würde, wenn mir statt dessen nach einem dummen Spruch hundertausend Menschen entgegen-gebrüllt hätten, dass ich doof bin und mich mein Arbeitgeber auf die Straße gesetzt hätte. Aber ich fürchte, dass mir das Umdenken deutlich schwerer gefallen wäre.

Verflixt nochmal, wir müssen begreifen, wie viel Macht es hat, wenn viele Menschen etwas übers Web verbreiten.


Ähnliche Artikel lesen?

Außerdem schrieb ich zum gleichen oder ähnlichen Themen auch noch …

Ich finde den Artikel super!

Das freut mich natürlich sehr.

Du kannst den Artikel weiter verbreiten
Du meinst, der Artikel könnte auch anderen gefallen? Dann findest Du etwas weiter oben auf dieser Seite, direkt rechts unten am Artikel ein paar Buttons. Damit kannst Du den Artikel per eMail, Twitter, facebook oder google+ weiter verteilen. Ich würde mich darüber freuen.

Mir ein Geschenk machen? Uiuiuiui.
Gefallen Dir meine Artikel immer wieder, schöder Mammon ist Dir aber zu doof? Dann mach mir doch eine Überraschung: Hier findet Du meine amazon-Wishlist mit ausgesuchten und garantiert Freude spendenden Präsenten zwischen fünf und zweitausenfünfhundert Euro – da ist bestimmt was passendes dabei.

Geld? Wow.
Ist Dir mein Artikel darüber hinaus sogar noch etwas wert, dann findest Du bei den Icons zum Verbreiten des Artikels einen flattr-Button. Jeder Euro, der darüber reinkommt geht direkt weiter an netzpolitik.org.

Wer? Was? Warum?

Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

11 Reaktionen

Auch kommentieren? Zum Formular

Dein Kommentar:

Du möchtest auch so ein hübsches Bild am Kommentar haben? Die Bilder gibts bei gravatar.com
Die Bedingungen für das Buchen eines kommerziellen Kommentars findest Du hier.


Auch anderswo wird darüber gesprochen …

rebekka_m

RT @jawl: Für Euch gebloggt: Schwarm-Macht
Über homphobe Lebensratgeber und so.
http://t.co/00re5wDU8A

Bei facebook gabs den „Daumen hoch” von: