Sehr geehrte Bundesregierung,

Aus der Kategorie »just politics«

ich weiß, das ist jetzt – euphemistisch formuliert – alles so richtig blöd gelaufen.

Ich kann mir auch gut vorstellen, wie anstrengend der Job ist und wie schwer man es hat, sich zwischen irgendeinem Gefühl, das einen irgendwann einmal bewogen hat, Politik zu machen und all den Anforderungen die in der Zwischenzeit dazu gekommen sind, sich dazwischen noch selbst zu finden.

Ich kann mir auch vorstellen, dass wortgewandte Lobbyisten mit Gutachten und PowerPoint überzeugender wirken als Bürger mit bemalten Bettlaken auf der Straße; Bürger die aufgebracht ist und vieleicht nicht so gut reden können.
Und es geht uns allen so, dass wir am ehesten das glauben und verstehen, was uns nahe ist und uns oft und einleuchtend erklärt wird. Das ist simple Psychologie.

Und nicht dass wir uns falsch verstehen – ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Lobbyisten, auch ich habe schon im Jacket die Runde durch die örtlichen Fraktionszimmer gedreht und für eine Sache gekämpft, die mir nahe war.
Ich hoffe nur, dass Sie noch wach genug sind, solche Mechanismen zu sehen, die Einfluss auf Ihre Meinungsbildung haben können.

Dass darüber hinaus auch eine Fraktionsmeinung, die sich ja oft über viele Jahre aufgebaut hat ein mächtiges Ding ist, das ist mir völlig klar.

Aber mal nachgefragt: Wissen Sie eigentlich, was ein GAU ist? Wissen Sie, dass es sich bei einem GAU zu allererst um ein Rechenmodell handelt? Ein theoretisches Konstrukt also, das Menschen in mathematische Formeln gegossen haben, weil sie ja natürlich nicht testen konnten, wie sich so ein Reaktor in Grenzsituation verhält? Und wie sich dann die Menschen drumherum verhalten? Ja, auch das Verhalten der Menschen steckt in diesen Formeln.

Menschen übrigens, die nicht so wie Sie einen Eid geschworen haben, der die Worte »dem Wohle des deutschen Volkes« enthielt sondern die sich eigentlich nur sich und ihrer eigenen Altersvorsorge verpflichtet fühlen müssen.

Was passiert, wenn Menschen in solchen mathematisch kalkulierten Prozessen denken und handeln, das haben wir immer wieder gesehen, nicht nur in Tschernobyl: Wir haben die Challenger und die Columbia verglühen sehen. Wir hatten letztens noch eine weltweite Wirtschaftskrise. Wir hatten bis vor kurzem jeden Sommer eine Loveparade.

Das sind alles sehr unterschiedliche Beispiele dafür, was passiert, wenn sich einerseits Menschen auf Formeln und berechnete Prozesse verlassen und andererseits mächtige wirtschaftliche Interessen von wenigen eine Rolle spielen. Mehr Beispiele lassen sich übrigens leicht finden, aber wem sage ich das. Heimlich wissen Sie das ja auch.

Ist Ihnen bewusst, dass die Technik, die als sicher zu bezeichnen Sie immer noch nicht müde werden, dass diese Technik aus einem anderen Jahrhundert stammt? Aus einem naiv technikgläubigen Jahrhundert, in dem alles möglich schien und die Erde noch nicht so sichtbar darunter litt wie wir es heute wissen? Aus einem Jahrhundert wo wir stolz darauf sind so viele der dort gedachten Dummheiten überwunden zu haben?

Sehr geehrte Bunderegierung, wissen Sie was jetzt wahre Größe wäre?
Wenn Sie sich mal wieder an Ihren Eid erinnern würden und dieses Land so schnell wie möglich von dieser Technologie befreien würden. Einer muss immer anfangen – warum nicht Sie?
Und jetzt erzählen Sie bitte nicht, dass wir dann keinen Strom mehr hätten – das ist eine ähnliche dumme Lüge wie die des Stadtwerkemitabeiters, der uns den Umstieg auf einen anderen Stromanbieter verwehren wollte und erklärte, der andere Anbieter habe ja gar keine Kabel zu uns gelegt.

Jetzt also mal etwas tun. Unbelastet von Lobbyismus und parteipolitischem Machtgerangel und nur dem Gewissen folgend, dem Sie ja auch nur verpflichtet sind.
Das wäre richtig groß. Alles was ich sonst im Moment so sehe und höre ist – verzeihen Sie mir das große Wort: Einfach nur zutiefst erbärmlich.


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