Selbst schuld.

Aus der Kategorie »just people«

Schon etwas länger ist es her, dass ich an einer kleinen Hilfs-Website beteiligt war, die – zum Glück – einer Bloggerin, die durch einen Brand ihre Wohnung verloren hatte, ein wenig helfen konnte.
Neben vielen anderen Erfahrungen blieben mir vor allem die Kommentare und Mails im Gedächtnis, die betonten, sie sei doch selber schuld, wenn Sie nicht richtig versichert sei.

Auch im Rahmen der #aufschrei-Debatte stieß ich wieder gehäuft auf das »Selbst schuld«-Argument. Dieses Mal in dem Sinne, dass Frauen, die belästigt würden ja selber schuld wären, wenn sie sich nicht wehrten / aufreizende Kleidung trügen / sich als Opfer benähmen / (nach Belieben ergänzen).
Außerdem trieb ich mich irgendwann in der Zeit ein wenig in den Abgründen des Geblubbers eines – meiner Meinung nach – sehr verwirrten Mannes herum, der eine Frau über Jahre ganz massiv belästigte. Auch er argumentierte in seinen seltenen reflektierend angehauchten Phasen damit, sie trage selber die Schuld an seinem Verhalten.

Und ich frage mich seit einiger Zeit: Was soll das überhaupt bedeuten?

Bewege ich mich gedanklich von den komplizierten Mechanismen des Alltagssexismus mal zu einfacheren Situationen. Stelle ich mir also jemanden vor, der auf der Straße stolpert weil sein Schnürsenkel nicht richtig gebunden war. Er stolpert, er fällt hin, und sitzt mit einer blutenden Ratsche an der Hand im Dreck.
Vielleicht ist er also selber Schuld, vielleicht war er nachlässig beim Anziehen? Aber was bedeutet das dann? Ist sein Schmerz, sein Ärger, seine Demütigung dann dadurch weniger wert? Darf ich dann lachend mit dem Finger auf ihn zeigen und »Selber schuld!« rufen?

Dann stelle ich mir ein Kind vor, das – vielleicht auch gegen die Anweisung der Mutter – nach dem Messer greift und sich schneidet. Dann einen Mann, der nachts hinter dem Hauptbahnhof ausgeraubt wird. Eine Autofahrerin, die es aus der Kurve getragen hat. Einen Manager, der einen Herzinfarkt bekommt.
Und immer komme ich sofort zu der Frage: Ist ihr Schmerz, ihr Leid, ihre Demütigung, der Einschnitt in ihr Leben weniger wert, weil sie nicht auf Mama gehört oder in der falschen Gegend gewohnt haben, weil sie zu schnell gefahren sind oder zu viel gearbeitet haben?

Wo ist denn da bitte die Grenze – bei fast allen Dingen kann ich doch sagen »Hättest Du dies oder das anders gemacht, dann wäre Dir das nicht passiert.« Hätte, hätte.
Weiter gedacht: Vielleicht sind gerade noch Babys frei von Mitschuld an dem, was ihnen geschieht. Aber spätestens wenn sie selbst mobil werden und ein »Nein« der Mutter verstehen können war‘s das dann auch.
Also: Jeder kann immer an allem selbst schuld sein; so komme ich nicht weiter.

Bleibt für mich nur: Der Vorwurf »Selbst schuld« sagt nur etwas über den, der ihn ausspricht. Ob er sagt: »Du, ich bin ein schadenfrohes Arschloch, das Dir zusätzlich zu Deinem Leid auch noch ein weiteres schlechtes Gefühl zuschieben will« oder ob es sagt »Du, ich hab die Empathie kaputt«, ob es sagt »Du, mein Geschlechtsteil ist etwas klein geraten, deswegen muss ich mich wann immer und so billig es geht auf Kosten anderer selbst emporheben« oder »Du, ich seh‘ Dich zwar leiden, aber Dir zu helfen hieße, einen Millimeter von meinem Weg abzurücken« – das mag im Einzelfall variieren.
Aber irgendwie ist es mir auch egal.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

21 Reaktionen

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Am 20.02.2013 um 14:42 Uhr ergänzte Kiki:

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Am 20.02.2013 um 15:00 Uhr sagte stadtnarr:

„Ich habe Recht und du bist schuldig, so wird der Krieg geführt,“ hab ich mal in HH geschrieben.
Das Problem ist nicht das „in Schuld sein.“ Das sind wir alle. Unser kleines, gemeines Ich aber reibt sich die Hände, wenn es die offensichtliche Schuld einer anderen Person entdeckt oder vermutet. Alle Ablenkung vom eigenen Selbst ist stets willkommen. Ob die Häme gewachsen ist, keine Ahnung, es kommt mir oft so vor. „Selbst in Schuld“ bedeutet ja auch: ich wasche meine Hände in Unschuld. Für viele arme Geister ist schon das ein Triumph.


Am 20.02.2013 um 15:31 Uhr schriebJohannes:

Was Stadtnarr schreibt. Solange jemand selbst Schuld an etwas hat, solange kann ich mit meinem Finger von mir weg zeigen und muss mir nicht überlegen, welchen Anteil ich selbst an der Situation habe. Es ist ein Selbstschutz, ein sehr billiger, in der Masse ausgesprochen jedoch sehr wirksamer.

(Toller Beitrag, BTW.)


Am 20.02.2013 um 16:39 Uhr kommentierte Frau Meike:

Hier, Momentchen mal, ich wieder.

Sehe ich anders. Nicht vollkommen, aber ein bisschen.
Das „Selbst Schuld“ kommt natürlich oft hämisch und schadenfroh herüber und ist dann völlig fehl am Platz, aber in der Grundaussage finde ich es nicht falsch, Menschen immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass sie an nahezu allen Situationen ihres Lebens einen Eigenanteil haben.

Menschen neigen nämlich dazu, immer alle Verantwortung von sich zu weisen.
Der Partner hat mich betrogen? Ganz klar ein Arsch.
Der Job macht mich unglücklich? Der Chef ist ein Wichser, das ist eindeutig.
Leute nehmen meine Hilfsbereitschaft endlos in Anspruch, bis ich nicht mehr kann? Das müssen wohl egoistische Pimmel sein.
An all diesen Situationen hat man aber einen mal mehr, mal weniger großen Eigenanteil und ich finde das grundsätzlich erstmal gut, den Menschen das zu vermitteln.
Dabei kommt es natürlich sehr auf den Ton an, darauf, bestehendes Leid nicht durch Grobheiten noch zu vergrößern, sondern konstruktiv Wege aufzuzeigen.

Wenn jemand in einer dunklen Gegend überfallen wird, ist ein „Selbst Schuld“ natürlich überflüssig wie ein Kropf, er wird selber wissen, was beim nächsten Mal zu vermeiden ist.
In weniger eindeutigen Situationen kann er einen Schubs in Richtung Selbstreflektion dagegen vielleicht ganz gut gebrauchen, um das eigene Verhalten zu hinterfragen und künftige Schmerzen zu vermeiden.
Nein?

Knicks.


Am 20.02.2013 um 16:45 Uhr kommentierte Christian:

Ist vielleicht auch eine Frage des Timings.
Wer stehen bleibt und zuguckt wie der andere – metaphorisch oder nicht – auf dem Boden liegt und dabei einen „Selbst Schuld“-Vortrag hält, darf von mir aus gerne beim nächsten Pullern gegen den Wind stehen.
Dass man – nachdem man dem anderen aufgeholfen hat – auch mal drüber reden kann, wie es zu der blöden Situation kam, darüber müssen wir nicht reden. Das ist dann ja durchaus auch Teil der Hilfe (‚Hilf mir, es selbst zu tun‘, hihi) und war auch gar nicht so gemeint, da oben in dem Text.


Am 20.02.2013 um 16:50 Uhr sprach Frau Meike:

Ah, ich verstehe. Ja, die Ersthilfe oder das Ersttaschentuchreichen hatte ich jetzt als selbstverständlich vorausgesetzt.


Am 20.02.2013 um 16:52 Uhr kommentierte Christian:

Das spricht ja sehr für Sie, Teuerste.
Aber, leider: Ich kenne da andere Realitäten. Zu viele davon.


Am 20.02.2013 um 17:05 Uhr schriebgiardino:

Einem Unglücksopfer mit Empathie und ohne Schuldzuweisung zu begegnen hieße ja, sich einzugestehen, dass es Dinge gibt, die wir nicht beeinflussen können. Und was tun wir nicht alles, um Unglück aus unserem Leben und dem unserer Kinder quasi kategorisch auszuschließen, das wäre dann ja womöglich alles vergeblich! Ein herzhaftes „Selbst schuld!“ ist Rechtfertigung und schafft wieder angenehme Distanz zum beunruhigenden Gedanken, unser Schicksal vielleicht doch nicht bis ins Letzte kontrollieren zu können.


Am 28.02.2013 um 0:10 Uhr ergänzte un_terzo:

Ich vermute, es gibt noch einen anderen Grund. Unser aller moralischer Kompass ist normalerweise so ausgerichtet, dass man mit einem Überfallopfer (Sturzopfer, Herzinfarktopfer, XY-Opfer) Mitleid zu haben hat. Das haben die meisten von uns so gelernt (und die, die es nicht gelernt haben, sind in vielen Fällen psychisch zumindest auffällig).

Was also sagt der moralische Kompass? Geh dahin, hilf demjenigen, unterstütze das Opfer. Ja nun, es ist aber vielleicht kalt, oder kostet Geld, oder zumindest Zeit, und außerdem läuft gleich die Sportschau. Da meldet sich wieder der blöde Kompass? Aber was willst Du, Kompass? Mensch, der oder die ist doch selbst schuld. Das muss man doch auch mal sehen. Wenn die nicht mit dem kurzen Rock rumgelaufen…/ der besser auf seine Gesundheit geachtet…/ der nicht immer alles besser gewusst… usw. wäre, dann wäre das alles doch nicht passiert. Ahh, na bitte. Mitleid schon viel geringer, reicht noch zum bedauernden Nicken, aber man muss ja schon verstehen, dass ich da jetzt nicht eingreifen muss.

Ich denke, dass die ganzen „Selbst Schuld!“-Aufrufe zeigen, dass bei den meisten Leuten der moralische Kompass eigentlich funktioniert und deshalb „manipuliert“ werden muss, damit es nicht so unangenehm wird. Wer sich keine Gedanken um seine Mitmenschen macht oder wirklich kalt gegenüber jeglichem Leid ist, wird sich mit Rechtfertigungen gar nicht erst aufhalten.


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Auch anderswo wird darüber gesprochen …

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"Ich habe Recht und du bist schuldig, so wird der Krieg geführt," hab ich mal in HH geschrieben.Das Problem ist nicht das "in Schuld sein." Das sind wir alle. Unser kleines, gemeines Ich aber reibt sich die Hände, wenn es die offensichtliche Schuld einer anderen Person entdeckt oder vermutet. Alle Ablenkung vom eigenen Selbst ist stets willkommen. Ob die Häme gewachsen ist, keine Ahnung, es kommt mir oft so vor. "Selbst in Schuld" bedeutet ja auch: ich wasche meine Hände in Unschuld. Für viele arme Geister ist schon das ein Triumph.
Was Stadtnarr schreibt. Solange jemand selbst Schuld an etwas hat, solange kann ich mit meinem Finger von mir weg zeigen und muss mir nicht überlegen, welchen Anteil ich selbst an der Situation habe. Es ist ein Selbstschutz, ein sehr billiger, in der Masse ausgesprochen jedoch sehr wirksamer.(Toller Beitrag, BTW.)
Hier, Momentchen mal, ich wieder.Sehe ich anders. Nicht vollkommen, aber ein bisschen.Das "Selbst Schuld" kommt natürlich oft hämisch und schadenfroh herüber und ist dann völlig fehl am Platz, aber in der Grundaussage finde ich es nicht falsch, Menschen immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass sie an nahezu allen Situationen ihres Lebens einen Eigenanteil haben.Menschen neigen nämlich dazu, immer alle Verantwortung von sich zu weisen.Der Partner hat mich betrogen? Ganz klar ein Arsch.Der Job macht mich unglücklich? Der Chef ist ein Wichser, das ist eindeutig.Leute nehmen meine Hilfsbereitschaft endlos in Anspruch, bis ich nicht mehr kann? Das müssen wohl egoistische Pimmel sein.An all diesen Situationen hat man aber einen mal mehr, mal weniger großen Eigenanteil und ich finde das grundsätzlich erstmal gut, den Menschen das zu vermitteln.Dabei kommt es natürlich sehr auf den Ton an, darauf, bestehendes Leid nicht durch Grobheiten noch zu vergrößern, sondern konstruktiv Wege aufzuzeigen.Wenn jemand in einer dunklen Gegend überfallen wird, ist ein "Selbst Schuld" natürlich überflüssig wie ein Kropf, er wird selber wissen, was beim nächsten Mal zu vermeiden ist.In weniger eindeutigen Situationen kann er einen Schubs in Richtung Selbstreflektion dagegen vielleicht ganz gut gebrauchen, um das eigene Verhalten zu hinterfragen und künftige Schmerzen zu vermeiden.Nein?Knicks.
Ist vielleicht auch eine Frage des Timings.Wer stehen bleibt und zuguckt wie der andere - metaphorisch oder nicht - auf dem Boden liegt und dabei einen "Selbst Schuld"-Vortrag hält, darf von mir aus gerne beim nächsten Pullern gegen den Wind stehen.Dass man - nachdem man dem anderen aufgeholfen hat - auch mal drüber reden kann, wie es zu der blöden Situation kam, darüber müssen wir nicht reden. Das ist dann ja durchaus auch Teil der Hilfe ('Hilf mir, es selbst zu tun', hihi) und war auch gar nicht so gemeint, da oben in dem Text.
Ah, ich verstehe. Ja, die Ersthilfe oder das Ersttaschentuchreichen hatte ich jetzt als selbstverständlich vorausgesetzt.
Das spricht ja sehr für Sie, Teuerste.Aber, leider: Ich kenne da andere Realitäten. Zu viele davon.
Einem Unglücksopfer mit Empathie und ohne Schuldzuweisung zu begegnen hieße ja, sich einzugestehen, dass es Dinge gibt, die wir nicht beeinflussen können. Und was tun wir nicht alles, um Unglück aus unserem Leben und dem unserer Kinder quasi kategorisch auszuschließen, das wäre dann ja womöglich alles vergeblich! Ein herzhaftes "Selbst schuld!" ist Rechtfertigung und schafft wieder angenehme Distanz zum beunruhigenden Gedanken, unser Schicksal vielleicht doch nicht bis ins Letzte kontrollieren zu können.
Ich vermute, es gibt noch einen anderen Grund. Unser aller moralischer Kompass ist normalerweise so ausgerichtet, dass man mit einem Überfallopfer (Sturzopfer, Herzinfarktopfer, XY-Opfer) Mitleid zu haben hat. Das haben die meisten von uns so gelernt (und die, die es nicht gelernt haben, sind in vielen Fällen psychisch zumindest auffällig).Was also sagt der moralische Kompass? Geh dahin, hilf demjenigen, unterstütze das Opfer. Ja nun, es ist aber vielleicht kalt, oder kostet Geld, oder zumindest Zeit, und außerdem läuft gleich die Sportschau. Da meldet sich wieder der blöde Kompass? Aber was willst Du, Kompass? Mensch, der oder die ist doch selbst schuld. Das muss man doch auch mal sehen. Wenn die nicht mit dem kurzen Rock rumgelaufen.../ der besser auf seine Gesundheit geachtet.../ der nicht immer alles besser gewusst... usw. wäre, dann wäre das alles doch nicht passiert. Ahh, na bitte. Mitleid schon viel geringer, reicht noch zum bedauernden Nicken, aber man muss ja schon verstehen, dass ich da jetzt nicht eingreifen muss.Ich denke, dass die ganzen "Selbst Schuld!"-Aufrufe zeigen, dass bei den meisten Leuten der moralische Kompass eigentlich funktioniert und deshalb "manipuliert" werden muss, damit es nicht so unangenehm wird. Wer sich keine Gedanken um seine Mitmenschen macht oder wirklich kalt gegenüber jeglichem Leid ist, wird sich mit Rechtfertigungen gar nicht erst aufhalten.

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  • • "Ich habe Recht und du bist schuldig, so wird der Krieg geführt," hab ich mal in HH geschrieben.Das Problem ist nicht das "in Schuld sein." Das sind wir alle. Unser kleines, gemeines Ich aber reibt sich die Hände, wenn es die offensichtliche Schuld einer anderen Person entdeckt oder vermutet. Alle Ablenkung vom eigenen Selbst ist stets willkommen. Ob die Häme gewachsen ist, keine Ahnung, es kommt mir oft so vor. "Selbst in Schuld" bedeutet ja auch: ich wasche meine Hände in Unschuld. Für viele arme Geister ist schon das ein Triumph.
  • • Was Stadtnarr schreibt. Solange jemand selbst Schuld an etwas hat, solange kann ich mit meinem Finger von mir weg zeigen und muss mir nicht überlegen, welchen Anteil ich selbst an der Situation habe. Es ist ein Selbstschutz, ein sehr billiger, in der Masse ausgesprochen jedoch sehr wirksamer.(Toller Beitrag, BTW.)
  • • Hier, Momentchen mal, ich wieder.Sehe ich anders. Nicht vollkommen, aber ein bisschen.Das "Selbst Schuld" kommt natürlich oft hämisch und schadenfroh herüber und ist dann völlig fehl am Platz, aber in der Grundaussage finde ich es nicht falsch, Menschen immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass sie an nahezu allen Situationen ihres Lebens einen Eigenanteil haben.Menschen neigen nämlich dazu, immer alle Verantwortung von sich zu weisen.Der Partner hat mich betrogen? Ganz klar ein Arsch.Der Job macht mich unglücklich? Der Chef ist ein Wichser, das ist eindeutig.Leute nehmen meine Hilfsbereitschaft endlos in Anspruch, bis ich nicht mehr kann? Das müssen wohl egoistische Pimmel sein.An all diesen Situationen hat man aber einen mal mehr, mal weniger großen Eigenanteil und ich finde das grundsätzlich erstmal gut, den Menschen das zu vermitteln.Dabei kommt es natürlich sehr auf den Ton an, darauf, bestehendes Leid nicht durch Grobheiten noch zu vergrößern, sondern konstruktiv Wege aufzuzeigen.Wenn jemand in einer dunklen Gegend überfallen wird, ist ein "Selbst Schuld" natürlich überflüssig wie ein Kropf, er wird selber wissen, was beim nächsten Mal zu vermeiden ist.In weniger eindeutigen Situationen kann er einen Schubs in Richtung Selbstreflektion dagegen vielleicht ganz gut gebrauchen, um das eigene Verhalten zu hinterfragen und künftige Schmerzen zu vermeiden.Nein?Knicks.
  • • Ist vielleicht auch eine Frage des Timings.Wer stehen bleibt und zuguckt wie der andere - metaphorisch oder nicht - auf dem Boden liegt und dabei einen "Selbst Schuld"-Vortrag hält, darf von mir aus gerne beim nächsten Pullern gegen den Wind stehen.Dass man - nachdem man dem anderen aufgeholfen hat - auch mal drüber reden kann, wie es zu der blöden Situation kam, darüber müssen wir nicht reden. Das ist dann ja durchaus auch Teil der Hilfe ('Hilf mir, es selbst zu tun', hihi) und war auch gar nicht so gemeint, da oben in dem Text.
  • • Ah, ich verstehe. Ja, die Ersthilfe oder das Ersttaschentuchreichen hatte ich jetzt als selbstverständlich vorausgesetzt.
  • • Das spricht ja sehr für Sie, Teuerste.Aber, leider: Ich kenne da andere Realitäten. Zu viele davon.
  • • Einem Unglücksopfer mit Empathie und ohne Schuldzuweisung zu begegnen hieße ja, sich einzugestehen, dass es Dinge gibt, die wir nicht beeinflussen können. Und was tun wir nicht alles, um Unglück aus unserem Leben und dem unserer Kinder quasi kategorisch auszuschließen, das wäre dann ja womöglich alles vergeblich! Ein herzhaftes "Selbst schuld!" ist Rechtfertigung und schafft wieder angenehme Distanz zum beunruhigenden Gedanken, unser Schicksal vielleicht doch nicht bis ins Letzte kontrollieren zu können.
  • • Ich vermute, es gibt noch einen anderen Grund. Unser aller moralischer Kompass ist normalerweise so ausgerichtet, dass man mit einem Überfallopfer (Sturzopfer, Herzinfarktopfer, XY-Opfer) Mitleid zu haben hat. Das haben die meisten von uns so gelernt (und die, die es nicht gelernt haben, sind in vielen Fällen psychisch zumindest auffällig).Was also sagt der moralische Kompass? Geh dahin, hilf demjenigen, unterstütze das Opfer. Ja nun, es ist aber vielleicht kalt, oder kostet Geld, oder zumindest Zeit, und außerdem läuft gleich die Sportschau. Da meldet sich wieder der blöde Kompass? Aber was willst Du, Kompass? Mensch, der oder die ist doch selbst schuld. Das muss man doch auch mal sehen. Wenn die nicht mit dem kurzen Rock rumgelaufen.../ der besser auf seine Gesundheit geachtet.../ der nicht immer alles besser gewusst... usw. wäre, dann wäre das alles doch nicht passiert. Ahh, na bitte. Mitleid schon viel geringer, reicht noch zum bedauernden Nicken, aber man muss ja schon verstehen, dass ich da jetzt nicht eingreifen muss.Ich denke, dass die ganzen "Selbst Schuld!"-Aufrufe zeigen, dass bei den meisten Leuten der moralische Kompass eigentlich funktioniert und deshalb "manipuliert" werden muss, damit es nicht so unangenehm wird. Wer sich keine Gedanken um seine Mitmenschen macht oder wirklich kalt gegenüber jeglichem Leid ist, wird sich mit Rechtfertigungen gar nicht erst aufhalten.