Smells like teen spirit

Aus der Kategorie »just music«

Silenttiffy schreibt über ihre erste Begegnung mit »Smells like teen spirit« und ruft auf, mitzumachen. Da kann ich doch nicht nein sagen.

Anfang 1991 hatte ich Abitur gemacht, das knappste Abitur seit langen und für lange an dieser Schule. Egal. Mein Jahrgang hatte sich in alle Winde zerstreut und nur ich wartete noch auf meine Zivildienst-Stelle – die Arbeit dort sollte erst im Dezember beginnen. Im Sommer hatte ich ein paar Monate im nächsten Supermarkt Regale eingeräumt und Handtücher verkauft, Ende des Sommers war meine Freundin, meine erste so-richtig-feste Freundin, zum Studieren weggezogen und wir versuchten das Konstrukt »Fernbeziehung« aus. Ging so mittelgut.
Die freie Zeit – und ich hatte viel davon – saß ich auf dem Dorf fest, hasste mich mit meinen Eltern an und wurde so langsam richtig wütend. Auf die Welt, auf das Leben, auf dieses verfickte Drecksdorf, auf alles. Mein Haare waren endlich lang, das machte das Ding mit meinen Eltern aber auch nicht besser.

Ebenfalls im Spätsommer hatte ich ein paar Menschen aus dem Jahrgang unter mir – die Menschen, mit denen man sonst nicht so viel zu tun hat – kennen gelernt, eine von ihnen hatte einen älteren Freund und der ging ins Rockpoint.

Bei uns in der Umgebung gab es zwei akzeptable Diskos, eine schlimm, eine ganz schlimm.
Das Point und das Rockpoint.
Die eine war in einem ehemaligen Pornokino beheimatet, und von meinen Eltern hatte ich gelernt, dass dort nur Drogensüchtige verkehrten. Und dass man quasi sicher sein konnte, dort über eine in die Cola geschüttete Dosis Heroin auch als Junkie wieder heraus zu kriechen – sollte man den Fehler begehen, sich dort hineinzuwagen.
Das war die schlimme Disko, das war das Point. Über die andere hörte man gar nichts, man erntete nur finstere Blicke, wenn man den Namen aussprach.

Im Point war ich schon länger hin und wieder zu Gast, drogensüchtig war ich noch nicht, aber Wave-Musik war nicht so meins.
Nun also jemand, der ins Rockpoint ging. Ich ging mit.

Ein vergammeltes Bistro, ein düsterer Vor- und dann ein Hauptraum. Klein, niedrig. Erleuchtet nur von den Lampen hinter der Theke und einem einzelnen armseeligen Spot, der müde eine kleine Spiegelkugel beschien. Und von den zuckenden Aussteuerungsanzeigen von vielen Endstufenverstärkern hinter einem Stahlgitter. Wirklich vielen Endstufen, und es war der lauteste Ort, an dem ich je war.

Viele Punks, viele Metaller und die friedlichste Stimmung, die ich je erlebt hatte.

Die Musik war so wütend wie ich und ich fühlte mich das erste Mal seit vielen Wochen zu Hause.
Und dann hörte ich das erste Mal im Leben die vier Powerchords. Here we are, now entertain us.
Vier Minuten dreißig später war ich sehr nassgeschwitzt und sehr glücklich. Und über Jahre jeden Freitag und jeden Samstag im Rockpoint.

An meinen zweiundzwanzigsten Geburtstag steckte sich Kurt Cobain eine Schrotflinte in den Mund und drückte ab.

With the lights out it’s less dangerous.


Ähnliche Artikel lesen?

Außerdem schrieb ich zum gleichen oder ähnlichen Themen auch noch …

Ich finde den Artikel super!

Das freut mich natürlich sehr.

Du kannst den Artikel weiter verbreiten
Du meinst, der Artikel könnte auch anderen gefallen? Dann findest Du etwas weiter oben auf dieser Seite, direkt rechts unten am Artikel ein paar Buttons. Damit kannst Du den Artikel per eMail, Twitter, facebook oder google+ weiter verteilen. Ich würde mich darüber freuen.

Mir ein Geschenk machen? Uiuiuiui.
Gefallen Dir meine Artikel immer wieder, schöder Mammon ist Dir aber zu doof? Dann mach mir doch eine Überraschung: Hier findet Du meine amazon-Wishlist mit ausgesuchten und garantiert Freude spendenden Präsenten zwischen fünf und zweitausenfünfhundert Euro – da ist bestimmt was passendes dabei.

Geld? Wow.
Ist Dir mein Artikel darüber hinaus sogar noch etwas wert, dann findest Du bei den Icons zum Verbreiten des Artikels einen flattr-Button. Jeder Euro, der darüber reinkommt geht direkt weiter an netzpolitik.org.

Wer? Was? Warum?

Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

5 Reaktionen

Am 08.06.2012 um 21:32 Uhr sagte Kiki:

Puh.


Am 08.06.2012 um 22:10 Uhr schriebS. aka "Schatz":

*schwelgtinErinnerung*
Mir war das RockPoint ja zu laut.
Ich habe es einmal probiert.
Das Wummern im Bauch machte mir Übelkeit.
Für mich war das Point „schlimm genug“, da wurde man auch beim Pogen nur so mittelschwer geschubst.
„Smells like Teen Spirit“ gehört für mich eher in die Live Station.
Jede Mittwoch Nacht begann es da so ab 11 und dauerte mindestens bis 2, sonst lohnte sich die Fahrt aus der Provinz ja nicht.
Wer hart war, ging dann weiter ins Spirit.
Das war mir aber wieder zu laut.

Scheinbar war ich damals schon eine Memme.
Aber damals konnte ich immerhin noch lange wach sein.
Mitten in der Woche!


Am 09.06.2012 um 5:05 Uhr antwortete Christian:

Im Rockpoint wurde beim Pogo niemand geschubst.
Nur einmal war so eine Arschloch-Truppe da, sehr deutlich eine Gruppe 16-jähriger Prolls, die sich was trauen wollten, die standen den ganzen Abend rum und lachten über die Punks.
Und irgendwann pogte dann einer von ihnen, sehr arschig, sehr brutal, sehr gemein.
Und dann hörte man plötzlich über die Musik ein tierische Brüllen, ein Punk (2m hoch, 1m breit, halber Meter Iro) kam von der Theke aus an, rannte einmal über den Typen drüber, machte an der Musik kehrt, rannte nochmal drüber und ging zurück zu seinem Bier. Frieden schaffen nach Rockpoint-Art.
Der Rest des Rockpoints applaudierte, die Blagen gingen raus, es war wieder friedlich.

Das war das gewattätigste, was ich mehreren Jahren da erlebt habe, im Point oder woanders musste man ja immer die Schlägerei-Sensoren anhaben …


Dein Kommentar:

Du möchtest auch so ein hübsches Bild am Kommentar haben? Die Bilder gibts bei gravatar.com
Die Bedingungen für das Buchen eines kommerziellen Kommentars findest Du hier.


Auch anderswo wird darüber gesprochen …

[...] Christian stieß ich auf silenttiffys Aufruf, die erste eigene Begegnung mit Nirvanas Smells like Teen Spirit [...]
[…] hole aus gegebenem Anlass mal was älteres wieder hervor. Gehen Sie doch kurz nach da, es hätte heute auch frisch geschrieben sein […]