Sowas passiert heute doch nicht mehr

Aus der Kategorie »just politics«

(Anmerkung: Dieser Artikel lag schon ein paar Tage in der Pipeline, bevor ich ihn fertigstellte und veröffentlichte. Sascha Lobo hat inzwischen eine teils nahezu wortgleiche Kolumne veröffentlicht. Ich wollte das trotzdem hier sagen.
Da wo er sie nicht fast wortgleich schrieb, da schrieb er wie immer deutlich wohlformulierter, weitergedachter und lesenswerter. Gehense ruhig mal rüber. )

Ich denke, es ist ca. vier Jahre her, dass ich mit ein paar Freunden zusammensaß und wir auf das immer wieder wichtige, immer wieder leidige Thema datenschutz kamen.

Sie fragten mich, was ich denn jetzt zB gegen die Vorratsdatenspeicherung habe, wenn ich doch nichts zu verbergen habe.
Unter anderem versuchte ich zu erinnern, dass der Maßstab, was denn „etwas zu verbergen“ sei, sich laufend ändere: Kann man frei erzählen, dass man homosexuell ist? Mit 20 an der Uni bestimmt, mit 30 beim Eintritt in den Rat der Stadt vielleicht nicht.
Ach naja, da übertreibe ich doch bestimmt.

Also suchte ich nach drastischere Beispielen und erinnerte daran, wie sich zB die Bewertung jüdischer Vorfahren in den wenigen Jahren zwischen 1930 und 1935 in Deutschland geändert habe.
Ach, ich Unke, „sowas“ würde doch in der heutigen Zeit nun wirklich nicht mehr passieren. Und wenn es doch dem Kampf gegen den Terror helfe?

Wir glitten weiter in den ebenso unerfreulichen Themenkomplex „aber es hilft doch gar nicht“ sowie den Nebenschauplatz „wenn man Statistik kann, dann weiß man, wie viele Falschverdächtigungen es gibt, wenn so ein Überwachungsverfahren zu 99% genau ist“

Letzten Sonntag ist unser Nachbarland Österreich haarscharf daran vorbei geschlittert, einen Mann als Bndespräsident zu haben, der mit dieser Macht die aktuelle Regierung hätte entlassen können und das Land vor den Neuwahlen mit Notverordnungen hätte überziehen können.

Aber sowas passiert ja nun wirklich heute nicht mehr.

In Amerika sieht es arg so aus, als sei das Land dumm genug, einen rückwärtsgewandten Menschenhasser allererster Güte zum Präsidenten zu wählen. Der bekommt dann den gesamten Überwachungsaparat in die Hand, den die NSA seit 2001 aufgebaut hat, um Feinde von außen zu finden. Aber, ach Gott, wenns schon mal da ist, kann man damit bestimmt auch prima Moslems, Mexikaner, Schwule, Liberale, Scharze, Frauen und anderes Pack im Inland verfolgen.

Aber sowas passiert ja nun wirklich heute nicht mehr.

In Deutschland werden der AFD bei nahezu allen Wahlen zweistellige Wahlergebnisse prognostiziert. In Dortmund sitzt seit ein paar Jahren die NPD und die Rechte im Rat der Stadt; vor nicht allzu langer Zeit haben sie beantragt, eine Liste mit den Adressen aller in Dortmund lebenden Juden zu bekommen. Und die der in der Stadt lebenden Aids-Kranken, möglichst mit exueller Orientierung.

Nee, sowas passiert ja nun wirklich heute nicht mehr.


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1 Reaktion

Am 26.05.2016 um 23:11 Uhr ergänzte dot tilde dot:

wie lange es gedauert hat, dieses uralte argument öffentlich führen zu können, ohne die furcht, von eben noch respektablen mitmenschen verlacht zu werden.

danke für den artikel. schön, dass er anderer stelle auch entstanden ist. es liegt halt in der luft.

.~.


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