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Aus der Kategorie »just people«

„Sag mal, Du spielst doch Bass?”, fragt sie mich.

Ich bin 22, spiele Bass in einer sehr crediblen Funk-Rock-Crossover-Band und sie und ich arbeiten zusammen in einem Jugendtreff.

„Ja, wieso?”

„Ich mache da bei so einem Musik-Projekt mit. Und wir haben in zwei Wochen einen Auftritt und unser Bassist ist abgesprungen. Da ist viel, was der Keyboarder ausgleichen kann, aber ein Stück, da brauchen wir wirklich einen Bass …”

„Was denn??”, frage ich.

„Sag ich Dir erst, wenn Du mir versprichst, dass Du mitmachst und auch dabei bleibst, wenn ichs Dir sage”

Ja, ich weiß. Das hätte mich misstrauisch machen sollen. Aber wir wissen im Kino auch immer alle, dass das Mädchen nicht alleine den düsteren Waldweg lang gehen sollte und sie tut es trotzdem.

Außerdem trat ich einfach gerne auf und bei einem Projekt einzuspringen, das hatte sogar irgendwie einen Hauch von professionellem Muckertum. Also: „Ja ok.”

„Es ist »Brüder« von Pur; und ich muss jetzt auch los. Bist’n Schatz!”

Fuck.

„Äh warte, Du hast gesagt in zwei Wochen? Wann proben wir denn?” rief ich ihr nach. „Ich sag Dir Bescheid”

Wir probten nicht. Ich besorgte mir die Akkorde (wie ich das vor dem Internet gemacht habe ist mir in der Erinnerung vollkommen schleierhaft) und hörte mir die Basslinie raus. Nicht dolle schwer, sollte klappen.

Samstags sollte das Konzert sein. In der Aula der Realschule im Vorort. Um fünf. Wow, wie cool. Nicht.

Um eins sollte ich da sein. In der Aula waren die größte Licht- und die größte Ton-Anlage, über die ich je spielen würde aufgebaut. Ein spasseliger 16-jähriger bediente die Regler und war sehr wichtig.
Ich stellte meinen Amp und meinen Bass auf die Bühne und überzeugte ihn von einem kurzen Soundcheck. Auf der anderen Seite der Bühne standen ein paar Teenies und meine Arbeitskollegin zusammen und waren „der Chor”. Aha, ein Chor? Ach guck. Hatte mir auch keiner gesagt.
Ich stellte mich dem Drummer vor, der guckte erfreut, doch einen Bassisten auf der Bühne zu haben und wir spielten kurz das Stück an. Sollte wohl klappen, der Junge war ganz ok.

Der Chor hingegen guckte irritiert, das kannten sie nicht und das war ihnen zu hoch. Mein Argument, das wäre halt die Tonart des Stücks galt nicht viel, damit hatten sie nicht geprobt. Vielleicht hatten sie auch gar nicht geprobt. Ich überzeugte sie von einem gemeinsamen Durchlauf und wir einigten uns auf eine Tonart.

Oh Fuck.

Ich wurde von der Bühne gescheucht, der Chor müsse jetzt noch die anderen Stücke proben. Naja, einmal ist besser als keinmal, oder wie sagt man?

Unten erfuhr ich, dass ich bei einer Veranstaltung von „Ten Sing” war. „Ten Sing” ist eine Form musikalisch-kulturell-kreativer christlicher Jugendarbeit innerhalb des christlichen Vereins junger Menschen und ich guckte blöd und meine Freundin fiel vor Lachen vom Stuhl.

Ich weiß weder, wie es heute ist noch wie es außerhalb des Sauerlandes war, aber 1995 kam es bei Ten Sing nicht darauf an, wie die Musik klang, sondern nur darauf, dass irgendein Ortsverband ein Konzert ausrichtete, auf dem halbwegs bekannte Stücke in halbwegs erkennbarer Art und Weise zum Besten gegeben wurden. Diese Konzerte wurden – die Kirche hats ja – unfassbar gut mit Equipment ausgestattet und von allen Ortsverbänden drumherum besucht. Alle in der festen Absicht, jeden Ton von oben frenetisch zu bejubeln, mit Ten Sing-eigenen Tanz- und Klatsch-Choreografien zu befeiern und überhaupt in keinem Verhältnis zu irgendeiner Qualität abzugehen. Ich kann mit den gängigen Gottesbildern nicht viel anfangen, aber wenn er sowas aushält, ist er wirklich sehr gütig.

Ich beschloss, das alles unfassbar albern zu finden und niemals jemand davon zu erzählen.

Gegen fünf war die Halle brechend voll mit beseelt strahlenden Jugendlichen und es begann. Ich beobachtete von unten aus den Horror auf der Bühne sowie den Horror im Zuschauerraum und suchte dringend nach Möglichkeiten, unsichtbar zu werden, meinen Kram von der Bühne zu holen und einfach zu verschwinden, aber …: „Und für das nächste Stück haben wir einen besonderen Gast: Christian Fischer am Bass!”

Das war dann wohl ich. Ich marschierte hoch, wurde beklatscht und bejubelt wie nie vor- oder nachher, griff mir meinen Bass und …

Ich muss an dieser Stelle unterbrechen. Normalerweise bekomme ich so ein oder zwei Stunden vor einem Auftritt irgendeiner Art Lampenfieber. Als ich zB in Bonn bei der Bloglesung war, bekam ich auf der Autobahn kurz hinter Köln das dringende Bedürfnis zu wenden. Das ist gut und richtig so, das gehört dazu, Lampenfieber macht wach und aufmerksam und das muss so sein.

An diesem Nachmittag hatte ich alles so unfassbar albern gefunden, dass ich nicht nervös war. Jedenfalls bis zu dem Moment, wo ich mir den Bass umhängte. Da erinnerte sich mein Körper und schüttete das gesammelte und gesparte Adrenalin einfach auf einmal aus.
Ich schaffte es mit Hilfe der rechten Hand, die linke Hand am Basshals anzudocken, so sehr zitterte ich.

Ich nehme an, wir haben das Stück zusammen gespielt, man hat mir vermutlich aplaudiert und ich bin wahrscheinlich wieder von der Bühne gegangen. Aber wissen tue ich das alles nicht.

Ja, das war die Geschichte, wie ich einmal mit Ten Sing Purs „Brüder” gespielt habe.

Also vermutlich.


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