Strategie, um einen Abend mit einem Vegetarier zu überleben

Aus der Kategorie »just people«

Sie kennen das: Sie sitzen mit einem Bekannten im Restaurant und freuen sich gerade auf ihr 500g-Steak, liebevoll dem Mozart-beschallten, täglich mit frischem Bier massierten Rind aus der Keule geschnitten – und dann bestellt dieser Typ einen vorwurfsvoll guckenden Salat. Und erklärt: „Sabine und ich essen ja kein Fleisch mehr”.

Sie ahnen: Diese dämlichen roten Zwiebelringe die immer oben liegen, die werden Sie jetzt Ihr gesamtes Steak lang nicht aus dem Augen lassen. Sie werden jeden Bissen beobachten, während es irgendwo unter der Joghurtsauce leise „Mörder” flüstert, „Mörder!”

Oder, in anderen Worten: Wenn Ihnen jetzt nicht ganz schnell etwas einfällt, dann war’s das mit dem ungestörten Essgenuss.
Jetzt heißt es: Ruhe bewahren.

Beginnen Sie am besten mit einer harmlosen Frage, wiegen Sie Ihren Gegner erst einmal in Sicherheit: „Auch kein’ Fisch?”
Die Frage ist deswegen der ideale Einstieg, weil beide möglichen Antworten ein beherztes Abbiegen auf den wichtigsten Platz der Welt ermöglichen – den Nebenschauplatz.

  1. „Nein, auch kein’ Fisch”
    => „Das ist aber nicht gesund, Du bekommst ja gar kein Eisen!”
  2. „Doch, Fisch schon noch”
    => „Das ist aber nicht konsequent, das sind auch Lebewesen!”

Das war’s eigentlich schon. Schon sind Sie abgebogen.
Aber stoppen Sie jetzt nicht ab, treten Sie nach, der Gegner ist nur angezählt.
Und wie? Einfach: Vorwürfe! Vegetarier sind ein unsicheres Völkchen. Die angeborene Charakterschwäche, die dazu geführt hat, dass sie „keine Tiere mehr töten” wollen, sorgt auch dafür, dass diese dummen kleinen Menschen sich leicht selbst in Frage stellen. Nutzen Sie das, zeigen Sie der kleinen Wurst, dass ein echter Mann so etwas nicht tut, gehen Sie in die Offensive!
Den ersten Schritt haben sie ja mit der Einleitungsfrage schon gemacht. Zögern Sie jetzt nicht, stoßen Sie beherzt rein in die offene Flanke!

Sie sagen also im Falle …:

  1. („Nein, auch kein’ Fisch”)
    Das ist nicht gesund! Du bekommst nicht genug Eisen! Kriegen Eure Kinder etwa auch kein Fleisch? Die sind doch noch im Wachstum! Und, kannst Du überhaupt noch arbeiten bei dem Mineralienmangel? Denkst Du mal an die Volkswirtschaft?
  2. („Doch, Fisch schon noch”)
    Aber Fische sind doch auch Lebewesen! Wo ist denn da für Dich der Unterschied? Und die Käfer, die in Deinen Gräsern leben? Die Kaninchen auf dem Feld? Hamster? Hast Du mal überlegt, wie viele Tiere in so einem Kornfeld leben – die sterben ja auch, wenn Dein Gras gemäht wird!

Soweit so gut, haben Sie den Rohkostfresser hier, sind Sie schon quasi auf der Zielgeraden. Aber hören Sie jetzt nicht auf. Um endgültig zu siegen brauchen Sie noch weitere Nebenschauplätze damit dieser Freak sich endgültig verläuft und verheddert.
Auch hierfür wieder einige Tipps:

  • Der Mensch ist ein Allesfresser. Das ist biologisch. Guck Dir doch Deine Zähne mal an.
  • Du isst unserem Essen das Essen weg, denk mal an den Hunger in der dritten Welt.
  • Die Tiere sind doch eh schon tot, da kann ich sie auch essen. Wo sollen die ganzen Tiere denn sonst hin?
  • Gras empfindet auch Schmerz.
  • Und jetzt sollen alle immer Rücksicht auf Euch nehmen? Findest Du dann auch gut, dass die Grünen ganz Deutschland vorschreiben will, was wir essen? Bist Du etwa auch fürs Rauchverbot?
  • Peta geht aber auch schlecht mit seinen Mitarbeitern um, hab ich mal gehört.
  • Für Eure Monokulturen stirbt der Urwald! Und die Metzger werden dann alle arbeitslos!
  • Hitler war ja übrigens auch Vegetarier.

Hat Ihr Gegenüber auf einen Punkt eine Antwort, wechseln Sie das Thema. Denken Sie an Muhamed Ali, bleiben Sie beweglich. Sie wollen doch jetzt nicht wirklich diskutieren.

Ist Ihr Gegenüber aber schließlich verwirrt, kommt er nicht mehr hinterher, dann können Sie etwas auf ihn zu gehen. Reichen Sie ihm großmütig die Hand, schließlich wollen Sie ja irgendwie auch noch das gemeinsame Essen genießen.
Werfen Sie ihm also ein paar Brosamen zu: „Sooo viel Fleisch essen Sie ja nun auch nicht mehr. Und am liebsten ja Bio, das schmeckt auch wirklich besser.”

Und dann zeigen Sie ihm, wie „der Fleischsaft aus ihrem Steak auf den Teller läuft, wenn Sie mit der Gabel drauf drücken”. Das ist aber auch lecker.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

25 Reaktionen

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Am 04.02.2014 um 20:19 Uhr sagte Matthias Mees:

Ich mach da irgendwas falsch. Ich würde auf den eingehenden Hinweis nie „Auch keinen Fisch?“ fragen, sondern eher „Oh, okay.“ sagen und losfuttern.

Muss daran liegen, dass ich rote Zwiebelringe gar nicht dämlich finde.


Am 04.02.2014 um 20:37 Uhr schriebJohannes:

„Auch kein Fisch?“ wurde ich schon so oft in meinem Leben gefragt, dass ich es mittlerweile schon automatisch dazusage, um diese unfreudvolle Konversation abzukürzen. (Siehe auch: http://1ppm.de/ueber/)


Am 04.02.2014 um 21:10 Uhr antwortete Kiki:

Ich mache da wohl auch was falsch, dass ich diese Art Konversation nicht habe. Ich esse einfach seit Monaten kein Fleisch mehr, aber sag’s halt keinem, frei nach dem Motto: „Kühe sind auch Vegetarier, aber sie reden nicht dauernd darüber“. — Bislang ist es niemandem aufgefallen oder aber meine Freunde finden das schlicht nicht interessant genug um es anzusprechen . Was meine Freunde wiederum bestellen und essen ist ihre Sache; ich bin nicht auf Mission. ;-)


Am 04.02.2014 um 21:16 Uhr sagte Christian:

Nein, Du machst da ganz sicher nichts falsch; die wichtigen Unterschiede sind „seit Monaten” und „Freunde”.
Aber ich wünsche Dir natürlich Glück, dass es so bleibt.


Am 04.02.2014 um 21:54 Uhr wusste Kiki:

Danke, und ja, ich habe gute Freunde. Aber ich würde mich mit Fremden gar nicht auf Unterhaltungen dieser Art einlassen sondern freundlich antworten, daß ich diese Diskussion nicht führen möchte und fertig.

Was ist denn der Unterschied zwischen „seit Monaten“ und „seit immer“? Wenn überhaupt, dann würde ich neugierige Fragen doch eher bei Konvertiten erwarten als bei jahrzentelangen Vegetariern?


Am 04.02.2014 um 22:13 Uhr meinte Christian:

Der Unterschied ist ein rein statistischer: Je länger die Zeit, desto größer die Chance, unerfreuliche Begegnungen zu erleben. Und auch auf Freunde / Bekannte, die auf einmal unerwartete Seiten zeigen. Im Geschäftsessen auf einmal einen Vortrag gehalten zu bekommen. Weihnachtsfeiern, Kollegen des Partners, Naja und so weiter …
Mich überrascht es immer wieder, von wem ich so etwas unerwartet und ungefragt erzählt bekomme.
Und auf die Gefahr mich zu wiederholen: Ich erlebe so etwas wirklich nur mit dem Auslöser, wenn ich etwas fleischloses bestelle und die Eingangsfrage „kein Fleisch?” mit „Nein, kein Fleisch” beantworte.


Am 04.02.2014 um 22:28 Uhr kommentierte Kiki:

Nun, ich lasse mich überraschen. Aber wahrscheinlich ist es wie früher, wenn die Joints herumgereicht wurden. Mein „nein danke“ hat eigentlich immer gereicht. Und wenn wirklich einer nach dem Grund gefragt hat, hat ein „es bekommt mir nicht“ das Thema beendet. Falls danach jemand ein schlechtes Gewissen beim Kiffen hatte, habe ich es nicht mitbekommen.


Am 05.02.2014 um 7:51 Uhr meinte Christian:

Klischeekiste auf: Kiffen macht gleichtgültig, Fleischessen aggro. Klischeekiste zu ;)
Nein, ich denke (auch aus exakt der gleichen Erfahrung mit den kreisenden Tüten), da hatte niemand je ein schlechtes Gewissen.

(Ich weiß auch nicht, ob es schlechtes Gewissen ist, was nicht-Vegetarier zu ihren Hass-Attacken führt, ich würde es irgendwann wirklich gerne mal verstehen)


Am 05.02.2014 um 9:32 Uhr antwortete Anke:

Hm,
Ich bin seit über 20 Jahren Vegetarierin und irgendwie erlebe ich erst in den letzten Jahren so eine inbrünstige Diskussion darüber. Ich weiß nicht, wie es wäre, würde diese Entscheidung jetzt NEU sein für meinen Bekanntenkreis, aber ich denke nicht, dass sich solche Gespräche ergeben würden.
Dennoch kenne ich es aus anderen Situationen (Keine Noten in der Schule zum Beispiel).

– Von daher, tausche die Situation aus, so lange die Parameter „ich habe eine (neue) Meinung und du eine ganz andere“ bleiben und das Gegenüber sich in der Position fühlt, sich für sein Denken zu rechtfertigen (weil er/sie merkt, dass ich meine Meinung auf Gründe baue), dann bekommst du so ein Gespräch. Hat was Natürliches. Wie Osmose.


Am 05.02.2014 um 9:38 Uhr kommentierte Christian:

Ich bin auch seit über 20 Jahren ohne Fleisch und ich erlebe das schon immer.
Hm …
Welche unserer beiden individuellen Erlebensdingse jetzt repräsentativ ist, kann ich Dir nicht sagen :)

Wo ich Dir aber zustimme: Es wird immer mehr. Meine Theorie dazu ist, dass es
a) immer mehr Vegetarier gibt und so eine Art kritische Masse erreicht ist, um andere „zu bedrohen“ oder dass
b) der Lifestyle-Zug angesprungen ist (Veggie-Ecken in Supermärkten, Attila H. usw) und das Thema deswegen präsenter wird.
Oder a) und b). Oder a) weil b). Oder b) weil … ;)


Am 05.02.2014 um 9:43 Uhr kommentierte Anke:

Ja, ich stimme dir zu, der MARKT und damit die finanzielle Leistungsfähigkeit der Bevölkerungsgruppe kann mittlerweile sehr präsent und wirksam angesprochen werden. Vorbei die Zeiten, wo man als vegetarischer Gast das gleiche Essen nur statt Schnitzel ein Rührei bekommen hat.
Ein kulinarisches Umdenken und Geldverdienen hat begonnen, und so lange so heiss diskutiert wird, bringt es Geld in die Kassen. Mehr noch bei den veganen Alternativen.

Ob das jetzt schlecht oder gut ist, da halte ich mich raus (keine Meinung und so)

– aber dadurch wird es eben immer präsenter.


Am 05.02.2014 um 23:26 Uhr sprach Minette:

Meine Erfahrung:
Früher folgten auf „kein Fleisch“ häufig Belehrungen:
Dann darfst Du aber auch … keine Lederschuhe tragen/ keine Mikrowelle benutzen etc.
Heute sind es oft Rechtfertigungen:
…selbst auch nur ganz selten/ kein Schwein/ nur Bio etc.


Am 07.02.2014 um 9:58 Uhr schriebSonja:

Da geht aber ein ganz schöner Film ab in diesem Artikel – und auch wenn es satirisch gemeint ist, finde ich dieses Feiern von Derailing befremdlich. Warum muss man die Entscheidung anderer Leute, kein Fleisch zu essen, überhaupt als vorwurfsvolle Herausforderung betrachten? Wenn dein Essen dir bedeutungsvoll „Mörder“ zuflüstert und du dein Fleisch nach so einer harmlosen, nicht mal im Ansatz missionarischen Ansage nicht mehr genießen kannst, ist das nicht das Problem des Vegetariers, sondern deins. Es gibt gar keinen Grund, den Vegetarier da hineinzuziehen und ihm das Essen auch noch zu verderben – wenn du mit Fleisch-oder-nicht-Fleisch so ein tierisches (höhö) Problem hast, wäre vielleicht der sinnvollste Schritt, das mal grundsätzlich mit sich selbst auszumachen und eine Position zu entwickeln die nicht darauf angewiesen ist, anderen ihre persönlichen Entscheidungen ohne Grund zum Vorwurf zu machen. Den Vegetarier sollte man damit aber verschonen.


Am 18.07.2014 um 11:34 Uhr ergänzte Heilwig:

Vegetarier sind ein unsicheres Völkchen. Die angeborene Charakterschwäche, die dazu geführt hat, dass sie „keine Tiere mehr töten” wollen, sorgt auch dafür, dass diese dummen kleinen Menschen sich leicht selbst in Frage stellen. Nutzen Sie das, zeigen Sie der kleinen Wurst, dass ein echter Mann so etwas nicht tut, gehen Sie in die Offensive!

Sach mal hier was ist denn das für eine respektlose und dazu noch primitive Aussage? Nur weil sie ihr schlechtes Gewissen nicht verkraften können und sich selbst mies fühlen brauchen sie nicht andere Menschen die eben etwas bewusster und rücksichtsvoller Leben runter zumachen. Das ist ja wohl das Allerletzte. Sie gehören für ein paar in ein Schlachthaus gesteckt danach können wir weiter reden wenn sie dann nicht vor Angst und Schrecken verreckt sind (ja, jetzt klinge ich auch mal respektlos).


Am 18.07.2014 um 14:02 Uhr wusste Christian:

Lieber Heilwig (und auch andere, die sich gerne aufregen möchten), bitte werfen Sie doch einmal einen Blick nach hier und einen nach hier. Danke.


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