Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Suck my kiss!

Vor ca 15 Jahren verbrachte ich einen Grossteil meiner Zeit in Diskotheken. Nicht in feinen, Lasershow-erfüllten SchickiMicki-Tempeln, sondern in dunklen, bösen, verufenen kleinen Hinterhofläden und ehemaligen Pornokinos. Den Läden mit dem schlechten Ruf.
Donnerstags gings los mit dem besagten ehemaligen Pornokino, das hatte Donnerstags den allgemein anerkannt besten Musikmix. Hiess: laut, alternativ, schräg. Rock, Punk, später Grunge, aber auch das erste Mal hier in der Gegend Techno.
Die Disko war verschrieen, die Menschen, die man dort traf, sah man tagsüber auf der Strasse nicht. Gestalten der Nacht eben.
Ich fands geil, war immer da und wenn ich kam machten mir die Menschen, die auf „meinem Platz“ saßen Platz.

Freitags ging es dann in den bösen Laden. An der fehlenden Lichtanlage und den dreckigsten Toiletten Nordirlands Unnas musste ich mich aber meist alleine erfreuen.
Selbst schuld, denn dort schrie mir das erste Mal jemand „What I got you got to give it to your mama! What I got you got to give it to your papa!“ ins Ohr.

Ich war fassungslos. Bis dahin kannte ich entweder hart oder funky; beides geil, keine Frage.
Gerappt und „HipHop, Alter!“ oder aber gesungen und Rockmusik.
Hartes Zeug mit stupidem Achtel-Bass oder aber hibbelige Funkriffs mit fröhlicher Akkorden drüber.

Die Chilli Peppers brachen das alles problemlos auf. Funk. Hart und böse. Gerappt, gescattet, gesungen, geschrieen. Alles gut. Unglaubliche Grooves, einer der ungewöhnlichsten Bassisten, die ich je gehört habe. Eine der seltsamsten Gitarren darüber. Zwischendurch so unbeschreiblich schön, wie es Herr Bohlen auf seiner ewigen Suche nach der perfekten Ballade niemals hinbekommen wird.

Kurz darauf das Video auf MTV. Bemalte, halbnackte, tätowierte Freaks mit Iros und Hörnern auf dem Kopf, die lässig moshend mit allen esotherischen Handbewegungen der letzten 30 Jahre spielten.

Under the bridge“ wurde dann der Hit, danach war irgendwie – wie nach vielen Jahrhundertplatten – Ruhe. Drogen, neue Gitarristen am laufenden Band, noch mehr Drogen, gelegentlich Alben.

Viele Jahre später tauchten Scar Tissue, Californication und By the Way in meinem Radio auf. John Frusciante war wieder dabei. Die Chemie stimmte offensichtlich wieder.

Eine meiner Lieblingserinnerungen aus dieser Zeit ist ein MTV-Interview mit John Frusciante, Flea und Anthony Kiedis. John wird gefragt, warum er denn auf einmal wieder dabei ist, er hätte doch recht abfällig über diese Freaks gesprochen in der Zwischenzeit.
Ja, die sind ja auch ruhiger geworden …„, setz Frusciante an, als sich Flea und Kiedis erschrocken hinter ihm anschauen. „Ruhiger“ können sie nicht auf sich sitzen lassen, sie beginnen gleichzeitig, sich die Kleider vom Leib zu reissen und das Interview endet in wildem nacktem Rumgehopse auf dem Sofa.

Vor ein paar Wochen rief ein Freund an und fragte, ob wir mitwollten, er würde jetzt ChilliPeppers-Karten bestellen. Jajajajajajaja!
S. – die mit mir ja – was ich ihr unbeschreiblich hoch anrechne – auf jedes Konzert geht, egal ob sie die Leute kennt oder nicht – kannte die vier wesentlich weniger als ich. Quasi ausserhalb von „Under the bridge“ gar nicht. Klar kommt sie mit.

Als die ChilliPeppers jetzt zum Promoauftritt bei Herrn Raab waren hatte ich recht viel Spass: Wenn gleichzeitig vier Berufsfreaks zeigen müssen, wie crazy sie noch sind – oder aber sich einfach geben, wie sie sind – wer weiss das schon? und jemand in 10 Minuten Auftritt die 20-jährige Geschichte einer Gruppe von verrückten kennenlernt, bleibt ein paar mal der Mund kurz offen.

Und heute kam endlich Stadium Arcadium hier an.
Ich finde, sie haben recht; es ist ihr bestes Album seit BloodSugarSexMagik.
Ich freu mich so. Ich muss noch dringend irgendwie die Kondition zusammenkriegen, zwei Stunden springen zu können, aber ich freu mich so.

Falls jemand Interesse an den Wurzeln der vier hat: Defunkt und Hendrix, dann hat man es im groben. Aber das habe ich auch erst Jahre später begriffen.

3 Antworten zu “Suck my kiss!”

  1. liljan98 sagt:

    Ich kenn die RedHotChilliPeppers vermutlich ähnlich gut wie S. :-) Ist auch egal. Diesen Text finde ich klasse, weil so viel Begeisterung rüber kommt. Irgendwie freut es mich einfach immer so was zu lesen, in Zeiten, in denen ich den Eindruck hab, dass sich so viele Leute für gar nichts mehr groß begeistern können, sondern dumpf vor BILD, RTLII und Neun Live dahinvegetieren. Viel Spaß beim Konzert!

  2. TheMM sagt:

    ich sag nur „Hump de Bump…“

  3. Christian sagt:

    :-) frickeliger Kram…
    Ich liiiebe „Hey“.
    Naja, und die anderen 27…

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