Systemkritik?

Aus der Kategorie »just people«

Nachdem ich geschrieben hatte, dass dieser Amoklauf und seine Folgen in Presse, Öffentlichkeit und aktionistischem Gesetzgebungswille irgendwie eher an mir vorbei gegangen sind begann es dann doch zu rumoren.
Auslöser war unter anderem eine kleine Unterhaltung mit dem Berliner Blognachbarn bei twitter, während der der folgende schöne Satz fiel:

Davon war ich eigentlich schon ausgegangen (dass das System hinterfragt werden müsste)

Ich auch. Ich fürchte aber, ich weiss, dass es nicht geht. Dass dieses System sich nicht selbst hinterfragen kann.

Ich muss vieleicht vorausschicken: Mich überrascht ein (weiterer) Amoklauf an irgendeiner Schule oder auch anderen Orten nicht. Mich überrascht eher, dass es nicht viel mehr davon gibt.
Mich überrascht, dass nicht viel mehr Menschen ihre Wut, ihre Verzeiflung, ihren Druck oder ihre Ängste nach außen gegen andere richten.

Allerdings überrascht mich auch nicht, dass kaum jemand darüber nachdenken kann, dass es so sein könnte.

Wenn wir jetzt mal mit „die Gesellschaft“ durchaus bewusst falsch aber der Einfachheit halber die meinen, die den Ansprüchen von schöner, glatter, reicher, schneller genügen. Die, die es schaffen, reicher zu werden, die auf der Karriereleiter nach oben streben, die eine schön-operierte Frau und wohlerzogene Gymnasiastenkinder haben und samstags den BMW waschen lassen. (Ja, ich nehme mal die Klischees, aber Ihr wisst, was ich meine.)

Dann ist es nun einmal so, dass nicht alle so leben können. Um in unserem schönen Beispiel zu bleiben: Wenn ich ein Gymnasium habe, auf dem mehr gelernt wird, dann muss es eine Hauptschule geben, auf der weniger gelernt wird. Wenn ich mir samstags den Wagen waschen lasse, dann muss das jemand tun. Und wenn meine Frau schöner ist als andere, dann muss es welche geben, die hässlicher sind als meine Frau.
Denn das ganze Konstrukt beruht ja auf Kontrasten. Auf Abgrenzung nach oben und unten – denn reich und schön kann es nur geben, wenn es auch arm und hässlich gibt.

Wundert es irgendwen, dass arm und hässlich das nicht so dolle findet?

So lange ich aber drin bin in unserer wunderbaren Gesellschaft, so lange mir die Sonne aus dem Arsch scheint und ich mir mit gefühlt harter Arbeit meine Boni verdiene – so lange muss ich ja auch nicht darüber nachdenken. Kann ich vielleicht auch gar nicht mehr.
Und so können die, die es geschafft haben eben nicht mehr von außen auf das Gesamtsystem gucken. Können vielleicht auch gar nicht sehen, auf wessen Kosten sie es geschafft haben, weil ihnen vermutlich sonst vor Scham der Kopf platzen müsste. Und brauchen ein Geflecht aus Ausreden und Rechtfertigungen, dass ausgerechnet sie es aber auch verdient haben. Um die Scham nicht zuzulassen. Und natürlich, um nichts abgeben zu müssen.
Und es gibt ja genug Wege, sich das schön zu reden. Ein Satz, der in solchen Zusammenhängen ja gerne fällt lautet: „Es kann doch jeder schaffen. Das sieht man doch an mir“.

Aber so ist es eben nicht. Es kann nicht jeder schaffen. Es kann nicht jeder nach oben, denn dann wäre es kein oben mehr. Es kann nicht jeder viel Geld haben, denn „viel“ gibt es nur, wenn es auch „wenig“ gibt.

Und so bekommt ein Teil unserer Gesellschaft ständig vor Augen geführt, dass sie es nicht geschafft haben und dass sie eben nicht dazu gehören.

Da gucke ich mir im Fernsehen in den Nachrichten an, wie jemand ganz oben für die fette Steuerhinterziehung nicht bestraft wird – und danach begleite ich die eifrige Frau vom Sozialamt, wie sie mit Hartz4-Empfängern über sieben Euro fünfzig streitet. Und hinterher stolz verkündet, sie habe jetzt für „Gerechtigkeit“ gesorgt.

Da werden in ein und der selben Ratssitzung fünftausend Euro Zuschuss für einen Jugendtreff gestrichen und ein paar Millionen für die Umwandlung eines Ackers in eine Industriefläche genehmigt.

Da … hier fällt der geneigten Leserin bestimmt was ein.

Da wundert es wen, wenn es hin und wieder jemand nicht mehr aushält? Mich nicht.


Ähnliche Artikel lesen?

Außerdem schrieb ich zum gleichen oder ähnlichen Themen auch noch …

Ich finde den Artikel super!

Das freut mich natürlich sehr.

Du kannst den Artikel weiter verbreiten
Du meinst, der Artikel könnte auch anderen gefallen? Dann findest Du etwas weiter oben auf dieser Seite, direkt rechts unten am Artikel ein paar Buttons. Damit kannst Du den Artikel per eMail, Twitter, facebook oder google+ weiter verteilen. Ich würde mich darüber freuen.

Mir ein Geschenk machen? Uiuiuiui.
Gefallen Dir meine Artikel immer wieder, schöder Mammon ist Dir aber zu doof? Dann mach mir doch eine Überraschung: Hier findet Du meine amazon-Wishlist mit ausgesuchten und garantiert Freude spendenden Präsenten zwischen fünf und zweitausenfünfhundert Euro – da ist bestimmt was passendes dabei.

Geld? Wow.
Ist Dir mein Artikel darüber hinaus sogar noch etwas wert, dann findest Du bei den Icons zum Verbreiten des Artikels einen flattr-Button. Jeder Euro, der darüber reinkommt geht direkt weiter an netzpolitik.org.

Wer? Was? Warum?

Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

8 Reaktionen

Auch kommentieren? Zum Formular

Am 15.03.2009 um 11:58 Uhr antwortete CountZero:

die kids, die postal gehen, haben sich deine gedanken mit sicherheit nicht gemacht, denn dafür sind sie überwiegend noch nicht reif genug.

diese kids haben viel mehr ernste psychische probleme, die ihrem jeweiligen sozialen umfeld erschreckenderweise vollkommen verborgen geblieben sind.

diese durchknallenden zeitbomben kommen erschreckenderweise vielmehr im regelfall aus genau jener feinen, reichen gesellschaft, die du so schön skizziert hast.

diese berserker führen somit die zweite, dunklere seite der medaille „reich und schön“ deutlich vor augen – diese zweite seite heißt in vielen fällen automatisch nämlich auch elterliche ignoranz und vernachlässigkung – erziehung wird durch immer mehr in den arsch geblasene konsumartikel substituiert, was wiederum von einer grandiosen hilflosigkeit dieser ach so reichen und schönen eltern zeugt.

deine kritik an der doppelzüngigkeit der deutschen gesellschaft in allen ehren. aber DAS geht solchen kids DEFINITIV NICHT durch den kopf, bevor ihnen das selbst verschossene blei durch denselben geht. diese sorte kids scheint es vielmehr „cool“ zu finden, mal auszutesten, „wie sich das anfühlt, jemanden zu killen“ – und suchen sich dafür in schönster regelmäßigkeit symbolträchtige daten aus wie adolfs oder himmlers geburtstag, oder das des columbine-massakers etc. SOLCHE DINGE gehen solchen kids durch den kopf.

und es rechtfertigt DEFINITIV NICHT, dutzende unschuldige klassenkameraden und lehrer übern haufen zu schießen (gerade die lehrer können im regelfall das wenigste dafür).

ps: habe dich am dienstag in dortmund vermisst ;)


Am 15.03.2009 um 13:07 Uhr sagte Stiffler:

Kontraste sind die Basis des Individualismus!!!


Am 15.03.2009 um 13:15 Uhr sagte Johannes:

Schöner Artikel, spricht mir aus der Seele. Danke! :-)


Am 16.03.2009 um 8:08 Uhr sprach Christian:

@CountZero:
Nö, dass „die“ sich die Gedanken gemacht haben, das denke ich auch nicht. Ich denke, „die“ werden eher die Folgen einer solchen Stimmung gespürt haben und damit nicht klar gekommen sein.
Und abgesehen davon, dass ich eine „die sind so und so“-Verallgemeinerung eher problematisch finde passt Deine Theorie meiner Meinung nach ganz gut zu dem von mir geschriebenen: Denn natürlich wird die Gesellschaft nicht nur am „unteren Ende“ immer unmenschlicher, sondern auch oben, da wo man die oberflächlichen Ziele erreicht hat fehlt etwas. Da herrscht dann ja nun zum einen der Druck das Erreichte zu halten, aber zum anderen gähnende Leere auf der emotionale Ebene – weil es eben nur ums Status-Halten geht.

Dass „die“ Kids dann genug Bildung haben, um sich prestigträchtige Daten auszusuchen ist imho das tragische i-Tüpfelchen


Am 16.03.2009 um 8:13 Uhr wusste Christian:

@Stiffler:
Klar sind sie das. Aber kommt es nicht – wie eigentlich meist – auf das Maß an?
Berufsbedingt kennst Du doch bestimmt die schöne Weisheit, dass alles entweder Heilmittel oder aber Gift sein kann – es kommt nur auf die Dosis an ;)

Ich seh das hier ähnlich. Ich bin garantiert nicht dafür, irgendwie alle gleich zu bügeln (da muss mir erst mal wer ein funktionierendes Konzept zeigen ;) ) aber wenn der Individualismus als Begründung dafür herhalten muss, dass ich zugucken darf, wie andere direkt nebenan verrecken – da stimmt dann auch was nicht mehr.
Wobei da dann was mit der Seele desjenigen nicht stimmt, der das zulässt und das „System“ ihm nur die Rechtfertigungsmöglichkeit liefert.

Vielleicht reicht es ja schon, da anzusetzen und mal wieder Werte in dieser Gesellschaft zu etablieren. Und damit meine ich nicht die deutschen Werte für einen Einbürgerungstest.
(Boah, ist das Thema komplex)


Am 16.03.2009 um 8:14 Uhr wusste Christian:

Ach ja, wo ich gerade oben über das Wort stolpere: Rechtfertigen will ich gar nix und niemand.


Am 16.03.2009 um 8:15 Uhr ergänzte Christian:

ach ja, und @Count:
Da hatte ich einen ungeschickt gelegten Termin. Das nächste Mal ist reserviert.


Am 25.03.2009 um 8:15 Uhr antwortete Lyza:

.


Dein Kommentar:

Du möchtest auch so ein hübsches Bild am Kommentar haben? Die Bilder gibts bei gravatar.com
Die Bedingungen für das Buchen eines kommerziellen Kommentars findest Du hier.