Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

This ain’t California

Wir schreiben das Jahr 1988 (Sorry, Opa muss kurz bis zum Krieg ausholen).

Es ist also 1988, Christian wohnt auf dem Dorf und sehnt sich in die große weite Welt. Ein paar seiner Freunde wohnen zwar immerhin in der nächsten Kleinstadt, sehnen sich aber genau so irgendwo anders hin.
Eine Möglichkeit, ein Sehnen auszuleben war damals, sich ein Skateboard zu kaufen und nachmittags damit in der Stadt rumzuhängen. Es war cool, es gab gute scheiß-egal-Mode, es gab gute Musik, es gab gute Blicke von den Mädchen und wenn man auf dem Board stand, dann war man für sich alleine auf dem Spielplatz Stadt. Nicht das schlechteste so mit sechzehn.

Da meine Eltern fanden, ich hätte auf dem Dorf doch alles was ich brauchte, verlief meine eigene Skaterkarriere vollkommen im Sande. Aber mein bester Freund in der Schule, der wuchs in den nächsten Jahr auf dem Board fest und kam auch nicht mehr runter. Und auch in unserer Gang*hust* zufällig zusammengewürfelten Gruppe, die sich mittags nach der Sechsten auf der Rücksitzbank im Bus zusammenfand, gab es noch ein paar Skater.

Jetzt haben ja Teenie-Freundschaften oft noch den Wert, dass man den anderen so richtig teilhaben lässt, an dem was so passiert im Leben – und so bekam ich zumindest immer alles erzählt. Vom ersten gestandenen Ollie, vom ersten Mal in der Halfpipe, und auch vom Hodenbruch, als man beim Grind das Geländer dann doch nicht getroffen hatte.
Und natürlich vom ständigen Streit mit den braven Mendener Passanten und der Stadtverwaltung, die plötzlich neue Blumenkübel neben den Stufen aufstellte, wo die ersten Tricks geübt wurden.
Von den Ausflügen nach Münster, wo ein Verrückter namens Titus einen Laden hatte und Boards baute und von den Münster Monster Mastership, die dann zur Skateboard-Weltmeisterschaft wurden. Im friedlichen Münster, jaha.
Ich war zwar nachmittags nicht, aber trotzdem irgendwie quasi live dabei.

Irgendwann nach dem Abi verlief sich das alles so ein bisschen.

Wir schreiben das Jahr 2012.
Christian klickt sich abends gelangwelit durch seinen Feedreader und stößt, keine Ahnung mehr wo, auf einen Filmtrailer. This ain’t California. Es geht um einen Dokufilm übers Skaten in der DDR *gähn* aber weil es gerade langweilig ist klickt er trotzdem auf Play.
Sofort das allererste Bild hat mich dann ziemlich geflasht und so saßen wir letzte Woche im Kino. Guckten uns einen Film, irgendwo zwischen dokumentarisch und Erzählung an – einen Film über eine Gruppe Jugendlicher in der DDR, die sich auch gesehnt hatten. Die die gleichen Auswege gefunden hatten, die sich selber Rollen unter irgendwelche Bretter geschraubt hatten und in heißen Badewannen versucht hatten, einem Stück Holz zu erklären, dass es Nose und Tail brauchte. Die natürlich dann in der DDR irgendawnn kräftig aneckten und trotzdem erstaunlich lange ihren Weg gegangen waren.

Und mitten im Film trafen sie dann ein paar West-Skater. Da saß dann auf einmal Titus auf der Leinwand und neben Titus saß eine »Hexe« und ich begriff sehr ruckartig, dass die Hexe, die ich gelegentlich bei der Verwandtschaft in der Küche treffe in den 80ern bei Titus gearbeitet hat. Und dass sie eine wichtige Rolle zwischen Skatern Ost und Skatern West gespielt hatte.
Und ich hörte die ganzen Namen und bekam einen Erinnerungsflash galore. War alles wieder da. Vielleicht weil die Ostjungs ja genauso von draußen und voller Sehnsucht auf das Treiben im Westen geguckt und irgendwo daneben ihre eigenen Wege gesucht hatten wie ich damals.
Vielleicht weil ich immerhin einen der Menschen dort wirklich und einen weiteren immerhin vom Sehen kannte.
Vielleicht auch nur, weil der Film wirklich, wirklich gut ist. Guckt ihn Euch mal an. Lohnt.

Nicht verschweigen will ich, dass es die Kritik am Film gibt, das sei ja alles gar nicht echt, könne ja gar nicht echt sein, betrüge die Zuschauer bestimmt und überhaupt. Nun denn. Ein toller Film, finde ich.

This ain’t California.

3 Antworten zu “This ain’t California”

  1. […] des Jahres? This ain’t California und Berg Fidel Der eine hat mich zum einen sehr gut unterhalten und mich gleichzeitig sehr weit […]

  2. Sailor sagt:

    sehr cool, hab gesehen den gibt’s jetzt auch online: https://itunes.apple.com/de/movie/this-aint-california/id641904649

»