Tokio Hotel in Köln

Aus der Kategorie »just music«

Als mich Pia vor ein paar Monaten fragte, ob ich mit ihr zum Tokio Hotel Konzert gehen würde, habe ich spontan zugesagt. „Was ein großer Spaß„, habe ich gedacht, „auf der Elterntribüne sitzen, mit Ohrstöpseln das Kreischen dämpfen und mal gucken, ob die Jungs wirklich was draufhaben.“

Ich muss gestehen, dieser Spaßfaktor hatte über die Monate (das Konzert wurde zwischendurch ja auch noch mal fix ein paar Wochen verschoben) etwas nachgelassen und als ich nachmittags aufbrach, hatte ich hauptsächlich blanke Panik. Die sich ein wenig legte, als ich erfuhr, dass die Halle nicht ausverkauft war. Dann konnte ich wieder gespannt sein.

Aber der Reihe nach – zuerst haben wir (Pia, Matthias und ich) uns nett im Starbucks getroffen bevor wir ganz entspannt zur Kölnarena rüber gefahren sind. Natürlich haben wir uns vorher noch auf einen Sprachcode geeinigt, falls uns jemand angesprochen hätte: „Ja, unsere Nichten sind da vorne in der Gruppe bei ihren Freundinnen
Und dann sind wir zur Halle geschlendert und rein gegangen. Völlig unspektakulär. Kaum Teenies, kaum Kreischen. Und erst als wir drin waren, sahen wir, dass draussen noch eine lange Schlange vor dem Einlass zum Innenraum stand. Naja, sollten sie.

Lustiges Detail: Bei meinem letzten Konzert tastete mich ein grimmiger Security-Schrank nach Waffen, Drogen und Alkohol ab. Die nette Dame gestern suchte lässig nach „Aber keine Wunderkerzen dabei?“ Süß.
Und ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass mein Survival-Pack (Anti-Allergie-Tablette, Schmerztablette & Kreislaufmittel im Etui mit den Ohrstöpseln) Erklärungsbedarf erzeugen würde.

Die Kölnarena ist übrigens ziemlich groß, wenn man an der falschen Seite reinkommt und einmal außen rum laufen muss. Aber damit nicht genug – als nächstes überraschte uns ein gelbes Männchen mit der Nachricht, „unser“ Block sei gesperrt und die Karten wären wohl versehentlich in den Verkauf gegangen. Ich persönlich glaube das nicht – ich denke eher, dass sie nachträglich den gesamten hinteren Rang gesperrt haben, als nicht genug Karten rausgingen.
Wir konnten uns dann aber problemlos einfach einen Platz aussuchen – vor uns in der Reihe nur zwei Teenies, neben uns Vater und Tochter (stehend so groß wie wir im Sitzen) und hinter uns niemand mehr. Freier Blick auf die Bühne und in den höchstens halb gefüllten Innenraum.

Trotzdem – die Kölnarena ist groß und auch die halbe Halle abzüglich anwesender Eltern dürften noch 6000 Teenies sein. Die kreischen, sobald sich auf der Bühne ein Roadie, oder auf der Leinwand ein Kaulitz zeigte. Oder überhaupt etwas. Oder sobald jemand anders kreischte.

Ziemlich pünktlich fingen Luttenberger Klug mit dem Vorprogramm an. Wir verbrachten die Zeit damit, zu raten, wer die beiden Mädels und die wild posenden Jungs denn wohl sein könnten, denn die Single, die ich vom Klingeltonsender kannte kam erst zum Schluß. Und verstanden hat man eh wenig. Ich glaube, sie freuten sich, hier in Köln zu sein. Und wir waren die geilsten. Und springen sollten wir. Glaube ich.
Sonst: Belanglos nett.

Kleine Umbaupause und dann der offzielle Weltrekordversuch, 6000 Teenies dazu zu bewegen, möglichst gleichzeitig die gleiche Nummer in ihre Handy tippen zu lassen. Hat geklappt – man muss nur vor Beginn eines Konzertes eine Werbung einblenden, die sagt: „Du bekommst einen exklusiven iTunes-Download von Tokio Hotel, wenn Du JETZT! eine SMS an 0179-1156259 (oder so ähnlich) schickst.
Einen kleinen Moment wars ruhig, die mussten ja alle tippen.
Nur neben mir fiel Matthias deutlich hörbar der Unterkiefer runter, ob der Unverfrorenheit dieser Abzocke innovativen Werbeform.

Dann Licht aus, hektisch die Stöpsel wieder in die Ohren, Kreischen an – Tokio Hotel waren da.
Tja.
Vier Jungs auf einer Bühne, die vermutlich 1989 noch den Scorpions in Rio gereicht hätte, viel Windmaschine, bemühte Rockstarposen von der Ha… vom Bassisten, dessen Name ich immer vergesse, das üblich introvertierte Nicht-Posing von Tom und ein wild herumrennender Bill.

Die Jungs klingen live so, wie auf den Alben, die ich mir auf der Fahrt noch schnell angehört hatte. Auch Bill. Da ist man doch von deutschen Gruppen, ach, was sag ich (habt Ihr mal Madonna live gehört?) anderes gewohnt.

Die Fans kreischen bedingungslos alles an, was auf der Bühne ist und singen troy jede Zeile mit.

Die Musik ist handwerklich ganz solide gemacht, aber meiner Meinung nach auf Dauer etwas einfallslos; alles doch recht ähnlicher Heavy-Rock mit ein paar besseren Songs.
Und für die Texte bin ich glaube ich einfach zu alt. Aber die sind ja auch nicht für mich geschrieben.

Was mich berührt ehrlich hat: Bills Freude, seine leuchtenden Augen, wenn er in die Menge guckte. Gut, da ist auch eine Menge Kajal im Spiel, aber der Abend war der letzte der Tour und abgesehen davon, dass ich das besondere Gefühl an so einem letzten Abend ein wenig kenne habe ich ihm das geglaubt.

Zum Schluß kamen alle vier noch einmal auf der kleinen Vorbühne zusammen und spielten zwei Songs akustisch – meiner Meinung nach der schönste Moment der Show.
Aber: Scheiße auch, hätte ich die Chance, auf so einer Bühne zu spielen mit 18 nicht mitgenommen, auch wenn Halle und Bühne vielleicht eine Numer zu groß gewesen wäre? Klar hätte ich.

Fazit: Interesant wars. Lustig wars. Unerwartet gut wars. Wenn ich drüber nachdenke, wars teuer (Karte plus Sprit plus Qualitätsohrstöpsel plus Starbucks-Qualitäts-Muffin) – aber ich denk mal nicht nach.

Verstanden hab ich vieles nicht. Auch mit 14 wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mir mit Edding „Sandra“ oder „Nena“ ins Gesicht zu schreiben. Aber nur weil ich es nicht verstehe, ist es ja nicht schlecht.

Aber ehrlich gesagt: Ich freu mich schon auf das nächste „echte“ Konzert. (Vier! Vier! Vier! Vier!)

Und hier schreibt Pia über den Abend.
Und Fotos hat sie auch gemacht.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

3 Reaktionen

Am 15.05.2007 um 11:47 Uhr antwortete Ebola:

Ihr wart wirklich …
Ich dachte bis zuletzt, es sei irgendein Test von euch – wofür auch immer.

Im ernst: Passt scho – und Spaß hattet ihr ja auch dabei :-)


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Ihr wart wirklich ... Ich dachte bis zuletzt, es sei irgendein Test von euch - wofür auch immer.Im ernst: Passt scho - und Spaß hattet ihr ja auch dabei :-)