Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

[*.txt] – Gratwanderung

Was ist denn bitte *.txt? Ganz einfach: *.txt ist ein Blogprojekt von Dominik Leitner, an dem ich teilnehme.
Mehr dazu bei Dominik. Alle meine Artikel finest Du hier.

gratwanderung

Mit zehn lief ich mit meinen Eltern durch eine Klamm im Allgäu. Ich fand das spannend und turnte lustig am Geländer herum. Meine vorsichtigen Eltern verstand ich nicht; später erfuhr ich, wie gefährlich die Strecke von den Einheimischen eingestuft wurde.

Mit sechzehn besuchte ich einen Freund und wir machten eine Radtour im nahen Steinbruch. An einer steilen Stelle rutschte ich mit dem fremden Fahrrad weg und kippelte ein paar Sekunden am Abgrund rum. Als ich wieder stabil fuhr, sah ich, wie blass er geworden war. Ich hatte nichts gemerkt.

Mit achtzehn brach ich von heute auf Morgen meine Zelte im Dorf ab und zog meiner Freundin hinterher, die zum Studieren in die ferne Stadt zog. Ich hatte wenig Ahnung, wie es dort weiter gehen sollte, aber als ich da war und mich gerade für eineinhalb Jahre gebunden hatte, machte sie Schluss und ich saß alleine in der Stadt. Ich hatte erst vier der beschissensten und dann siebzig der besten Wochen meines Lebens.

Mit zwanzig hatte ich eine Band, eine richtige Rockband. Wir probten in einer alten Fabrik, in der es bestimmt zwanzig Proberäume und dementsprechend viel langhaariges Rockmusiker-Pack gab. Wenn man sich abends nach der Probe noch in einem der Räume traf, reichte ich kreisende Tüten oder hochprozentige Flaschen einfach weiter. Als einige meiner Bandkollegen auf härteren Stoff um- und sich dabei beinahe umbrachten, wunderte ich mich.
Meine Freunde erzählten mir später, wie groß ihre Sorgen zu der Zeit gewesen wären.

Mit fünfundzwanzig warf ich eine langjährige Beziehung und ein ebenso langjähriges Studium über Bord und verließ die Stadt um mit ihr zu leben. Alle Freunde fanden das vollkommen wahnsinnig und ließen mich alleine, weil sie mich nicht verstehen konnten.
Wir sind jetzt seit siebzehn Jahren zusammen.

Mit fünfunddreißig verließ ich meine kleine Agentur, um wieder alleine selbstständig zu sein. Ich hatte jahrelang schon gekämpft, ich wusste, es würde hart werden. Ich machte mir Sorgen, lag nachts oft wach und überlegte, ob das alles richtig war.
Es wurde so hart, dass es mich krank machte.

Mit zweiundvierzig umwarb mich jemand, um mit ihm ein StartUp zu gründen.
Ich zweifle und grüble und weiß nicht, ob ich mich traue.

Vermutlich bin ich am besten, wenn ich nicht weiß, wie nahe an der Abrisskante ich mich bewege.

Dieser Text gehört zum Projekt *.txt und entstand zum ersten gemeinsamen Begriff „Gratwanderung”

10 Antworten zu “[*.txt] – Gratwanderung”

  1. mea sagt:

    Beim Lesen dachte ich an die Hummel, die eigentlich viel zu schwer ist und zu kleine Flügel zum Fliegen hat, es aber trotzdem tut. Ich komme über das Projekt *.txt auf Deinen Blog und hab mich schon etwas umgeschaut. Hat mir Spaß gemacht. Auch Deine Sehnsucht nach Meer teile ich.
    Oder ähm… falls das hier so üblich ist, schließe ich mich einfach mal den anderen an:
    <3

    Lieben Gruß aus Hamburg
    Mea

  2. Christian sagt:

    Hallo Mea, danke für die netten Worte und: Herzlich willkommen :)

    Und Herzchen nehm ich immer :)

  3. Lakritze sagt:

    Jawoll. (Wünsche weiterhin so wenig Umkippen.)

  4. Dominik sagt:

    Spät, aber doch komm ich auch hierher und muss sagen: Großartiger Text. :)

  5. Christian sagt:

    Hallo Dominik,
    Dein Kommentar war im Spam gelandet und da schau ich zu selten rein.
    Was ich sagen wollte: danke! …)

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