Über Wölfe. Und kollektives Erleben im Internet.

Aus der Kategorie »just people«

»Wisst Ihr noch? Der Winter, als der Fluss zugefroren war und die Wölfe bis ins Dorf kamen?« So begannen früher Geschichten, die an kalten Abenden am Kaminfeuer erzählt wurden. Und dann nickten die älteren; die, die damals dabei gewesen waren und die mit Fackeln in den Händen mitgeholfen hatten, die Wölfe wieder zu vertreiben. Und sie rieben ihre Narben. Den jüngeren lief derweil ein Schauer den Rücken hinunter, sie drückten sich näher an die Eltern und lauschten und lernten ganz nebenbei etwas über die Geschichte ihres Dorfes. Und es wurde auch ihre Geschichte.
Denn Ihr Dorf, das war ihre Welt. Sicher, gelegentlich kam ein Reisender oder ein Händler vorbei und im Herbst gab es das große Fest in der Stadt – aber normalerweise hörte ihr Leben an der Dorfgrenze, oder spätestens hinter den eigenen Äckern auf.
Und alle zusammen hatten eine gemeinsame Geschichte; zusammen mit dem gemeinsamen Alltag bildeten die Erzählungen, die an solchen Abenden erneuert wurden ihre gemeinsame Geschichte. Und jeder wusste sofort, was gemeint war, wenn von den Wölfen die Rede war, jeder fühlte das gleiche.

Und obwohl wir schon lange großteils nicht mehr in Dorfstrukturen leben, denken wir immer noch gerne in den gleichen Mustern.
Wenn wir eine Geschichte hören, dann ordnen wir sie sofort in unseren eigenen Erfahrungshorizont ein, dann vergleichen wir sie mit dem was wir kennen und passen sie in diese Erlebnisse ein.
Und oft funktioniert das auch sehr gut. Es gibt genug kollektive Erfahrungen, die wir – wenn wir in einem Land aufgewachsen sind – so ähnlich erlebt haben, dass sie als Gemeingut, als kollektives Erlebnis zählen können.
Sitzen zum Beispiel einige Männer einer Altersgruppe zusammen, dann kann man sicher sein, dass man mit dem Wort »Wehrdienst« oder »Zivildienst« eine Menge an Erinnerungen und Gefühlen hervorrufen kann, die bei allen sehr ähnlich sind. Der erste Auszug vom Zuhause der Eltern, das Eintauchen in eine streng hierarchische Welt – diese Erfahrungen sind ähnlich genug, um auch hier eine Art kollektives Wissen zu schaffen.
Ähnlich kann man mit Begriffen wie »Kindergarten«, »Einschulung«, »Klassenfahrt« oder aber auch großen politischen oder gesellschaftlichen Ereignissen gemeinsame Erinnerungen anstoßen.

Das alles ist erstens ganz normal und zweitens natürlich auch sehr praktisch. Wer sich – vielleicht als Austauschschüler – schon einmal ohne Regenschirm-wedelnden Guide in einen vollkommen fremden Kulturkreis bewähren musste, der wird das Gefühl kennen, sich auf nichts verlassen zu können. Je weiter weg, desto weniger. Jede Handlung, jedes Wort kann von den Umstehenden im Extremfall vollkommen falsch bewertet werden und so fehlt uns schnell das Grundvertrauen darüber, wie man sich verhält, bewegt, spricht.
Alles also sehr praktisch, wenn nicht sogar nahezu überlebenswichtig.

Aber – so praktisch dieses Verlassen auf ein kollektives Bewusstsein auch ist – wenn wir auf einen Lebensbereich stoßen, in dem es faktisch keine gemeinsame Geschichte gibt, drohen Probleme. Keine unlösbaren Probleme eigentlich erst einmal; die kluge Evolution hat da mal was vorbereitet: Setzt man eine Gruppe Menschen auf der berühmten einsamen Insel aus, dann wird diese Gruppe schnellstmöglich beginnen, eigene Regeln, eigene Rituale und somit ihre eigene kleine gemeinsame Geschichte – und sei sie noch so kurz – zu schaffen. Im kleinen Rahmen nennt man das auch »erst mal einleben« und es bedarf nicht mal einer einsamen Insel dazu – eine neue Wohnung, eine neue Stadt oder ein neuer Job reichen vollkommen aus, um das zu erleben.
Auf der einsamen Insel werden sich so schnell die Pfade zur Wasserstelle austreten, es wird jemanden geben, der besser die Palme hochkommt und jemanden, der die Kokosnüsse dann besser öffnen kann. Und alle werden sich schnell dran gewöhnen und bald gibt es eine Geschichte, die mit den Worten beginnt: »Weißt Du noch, als der Klettermann von der Palme gefallen ist?«
Und im neuen Wohnviertel kennt man schnell das gute Café, den freundlichen Laden und den freien Parkplatz. Und so bilden sich Gewohnheiten, so bildet sich schnell das fehlende Stück kollektives Wissen.

Richtig schwierig wird es, wenn wir aber alle gemeinsam einen Lebensbereich nutzen und nicht wissen, dass die Geschichte, die wir dort erleben keine gemeinsame ist. Wir benutzen zwar vielleicht alle zusammen die gleichen Worte, die gleichen Wege, die gleichen Werkzeuge und leben trotzdem vollkommen aneinander vorbei.

Nehmen wir das Internet (Ihr hattet Euch doch eh schon gewundert, was der Mist mit den Wölfen soll, wo ich doch sonst nur über das Web schreibe, oder?).
Unterschiede im Web also. Zum einen gibt es keine gemeinsame Geschichte zwischen early-adoptors und denen, die die vorbereiteten Pfade dann genutzt haben. Keine gemeinsame Geschichte zwischen Nerds und Noobs, um es mal fix arg zu vereinfachen.
Setze ich mich zum Beispiel an einen Computer, dann sitzt meine gesamte Erfahrung seit 1995 mit mir auf dem Stuhl. Ich habe ungezählte Benutzeroberflächen kommen und gehen sehen und ich entwickle selber welche – und wenn ich ein neues Programm oder eine unbekannte Website (oder eine Mischung aus beidem, das verschwimmt ja heute alles) vor mir habe, dann helfen mir beinahe zwanzig Jahre Erfahrung, mich zu orientieren. Bewerte ich dieses Programm dann als »ganz einfach zu bedienen«, dann muss das gar nicht für alle stimmen.
Ich bin seit vielen Jahren aktiv im Web – mache ich einen Witz über »finnische Clubs« oder über die großen »‚target=_blank‘-Kriege«, dann verstehen ihn alle, die damals auch schon aktiv waren aber vermutlich heute nur noch wenige – vor sieben oder acht Jahren hätte jede Leserin gewusst, worauf ich anspiele.

Jetzt ist das bei Witzen noch nicht wirklich schlimm, wenn ein anderer sie nicht versteht. Spreche ich aber mit einer 16-jährigen darüber, dass wir beide »Bloggen«, dann reden wir vermutlich schon von komplett unterschiedlichen Dingen, die beide gerade noch gemeinsam haben, dass man sie im Web abrufen kann. Aber ob es mehr Gemeinsamkeiten zwischen meinem selbstgehosteten Blog mit langweiligen Texten über das Leben und ihrer re-gebloggten Bildersammlung auf beautifulsundowners.tumblr.com gibt mag zu bezweifeln sein. (Fall Sie den letzten Satz nur so halb begriffen haben, bestätigt das hauptsächlich meine These – er bestand zur einen Hälfte aus Fachbegriffen und zur anderen Hälfte aus Anspielungen und Selbstironie. Beides vollkommen normal in meiner Internetwelt. (Und zur dritten Hälfte natürlich aus ein paar Füllwörtern. Mist, schon wieder selbstironisch.)
Die rechtlichen Folgen aber, die ihr »bloggen« haben kann, kommen in meinem Erleben von »bloggen« kaum vor; eine Unterhaltung über »die rechtlichen Aspekte des Bloggens« könnte also ohne eine genauere Definition schon echt verwirrend werden.
Worte werden also ohne so eine gemeinsame Geschichte, die den Kontext füllt sehr ungenau.

Trotzdem benutzen wir alle die gleichen Worte, um das zu beschreiben, was wir tun; egal ob wir jetzt seit 15 Jahren oder seit 15 Minuten online sind. Und egal, ob wir 15 Minuten am Tag online sind oder uns selber zur »Generation ‚always on‘« zählen.
Wir »sind bei facebook«, wir »schreiben und lesen eMails«, wir »kaufen online mal was«, wir »informieren uns im Internet«

Aber ob das bedeutet, dass facebook den ganzen Tag via Tweetdeck und Handy präsent ist oder ob wir jeden dritten Abend mal kurz gucken, ob da etwas neues von unseren fünf Freunden steht, das wissen wir nicht.
Ob das bedeutet, dass wir alle drei Tage mal schauen, ob eine eMail gekommen ist oder die Organisation der täglichen 300 Mails eine eigene Aufgabe im Tagesablauf geworden ist, das wissen wir auch nicht.
Ob es bedeutet, dass wir zu Weihnachten die Bücher für die Nichten und Neffen bei amazon bestellt haben oder ob wir außer für Bier und Pizza das Haus nicht mehr verlassen müssen – keine Ahnung.
Und ob es bedeutet, das wir – vielleicht sogar täglich – die Website unserer Lokalzeitung besuchen oder wir uns darauf verlassen, dass uns alles wichtige durch eine sorgsam zusammengestellte Twitter- und facebook-Gemeinde automatisch schneller erreicht, als die Printpresse auch nur einen Redakteur darauf ansetzen kann?
All das sagt uns keiner.

Wem diese Unterschiede zwischen Nerd und Noob jetzt zu plakativ erscheinen, der kann sich auch einmal kurz überlegen, wie unterschiedlich schon der sehr kurze Satz »Ich twittere« verstanden werden kann. Als kleinen Gedankenimpuls werfe ich mal die Begriffe »Celebrity«, »SEO-Spammer«, »Kurzgeschichten-Erzähler«, »Linkschleuder« »ist kein Chat!« und »Sprechdurchfall« in den Raum: Und natürlich Dich, ja genau, Dich twitternden Leser selbst, der Du Twitter natürlich als einzigster richtig benutzt. Einself. (Sorry, wieder ein Internet-Insider-Witz.)
Means: Schon in so einer kleinen Gruppe wie der der deutschen Twitter-User gibt es kaum Gemeinsamkeiten. Aber alle tun das gleiche, glauben sie.

Trotz all dieser Unterschiede glauben wir also tapfer, über die gleichen Dinge zu reden.
Warum? Ich denke, wir können erst einmal gar nicht anders; gegen viele hundert Jahre erfolgreiche Konditionierung mit Wölfen und Flüssen im Dorf kommen die paar Jahre Twitter einfach nicht an. Nicht einmal die lächerlichen zwanzig Jahre World Wide Web.
Wenn also Christopher Lauer auflacht, wenn Bärbel Höhn sagt, sie würde doch auch ins Internet schauen – dann ist das ein kleiner Moment, wo jemand versucht, diese Unterschiede in Worte zu fassen. Und man sollte sich dabei weder über Bärbel noch über Chistopher lustig machen – der Moment war wichtig (aber wie viele wichtige Moment zu schnell und zu unbeachtet vorbei).

Dumm ist, dass die direkte Schwester des hier beschriebenen Mechanismus ist, alles, was nicht in das eigene, pseudo-kollektive Erleben passt als falsch zu bezeichnen. So lange wir noch in Dörfern lebten, mag das einen gewissen Sinn gehabt haben – vielleicht war die Chance, dass ein Fremder der abends durchs Dorf strich morgens drei Hühner und die Tochter des Wirtes mitgenommen hatte groß. Vielleicht war es also klug, einem Fremden erst einmal mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen – und einem Fremden, der alles komplett anders machte als man selbst noch mehr.
Aber times are-a-changing und zumindest unser westlich orientierter Teil der Menschheit hat irgendwann beschlossen, nicht mehr dörflich zu leben. (Deswegen ist es auch kompletter Unsinn, einen Menschen anderer Hautfarbe oder Sprache oder Kleidung erst einmal misstrauisch zu beäugen, aber das ist ein anderes Thema)

Und – um endgültig den Bogen zum Thema zurückzufinden: Wenn es kein »wir« mehr gibt hier in diesem Netz, dann gibt es auch kein »richtig«. Wir (haha) wünschen uns zwar alle, es gäbe ein »wir«. Und vermutlich wünschen wir uns noch mehr, es gäbe auch ein »richtig« und man könnte alle SEO-Spammer und Link-Schleuderer zum Planeten Tatooine schicken – aber so ist es nicht.
Ich bin der festen Überzeugung, dass in jeder SEO-Klitsche der Welt herzhaft über diese Spinner gelacht wird, die für ein paar hundert Follower ihre kleinen »Kunstwerke« twittern. Und das mit dem gleichen Recht, wie ich hier nur schlecht einen durchaus unfreundlichen Unterton über die SEO-Klitschen im Text verstecke.

Und wenn die ebenso berühmte wie nicht-existente Netzgemeinde der Meinung ist, dass das Web in der freisten aller Formen den größtmöglichen Nutzen bringt und das abendliche Smartphone-Aufladen selbstverständlich ein Zeichen für einen guten Tag und keines für eine Abhängigkeit ist – dann mag es auch da andere Wahrheiten geben.
Nicht schön, ich weiß.

So, jetzt kommt langsam der Punkt, wo eine Lösung stehen sollte, oder?
Ich habe keine. Aber wir könnten ja gelegentlich mal dran denken.
Wenn zumindest das Wissen darüber, dass es im Web kein kollektives Wissen und Erleben gibt zum kollektiven Wissen im Web werden könnte, dann wären wir schon mal ein Schrittchen weiter.
Negieren wir doch mal das andere Erleben, die anderen Wahrheiten nicht – vielleicht fällt es dann den anderen Wahrheiten auch nicht mehr so schwer, unsere zu sehen und zu glauben.
Ach guck, doch ein irgendwie positiver Schlusssatz.


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13 Reaktionen

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Am 15.10.2012 um 13:10 Uhr kommentierte Anne:

.

(Ich wollte zu einem ähnlichen Thema auch mal etwas schreiben. Vielleicht tu ich das demnächst. Aber es ist ähnlich diffus, deswegen bleibt diese Ankündigung etwas kryptisch. Der Auslöser ist vermutlich ein ganz anderer, aber es passt ganz schön in die gleiche Kiste.)


Am 15.10.2012 um 13:51 Uhr sprach Sven Scholz:

Hehe, der Jawl erzählt vom Kriech :-)

Ich gehe mal auf deinen Nebenaspekt ein, den ich persönlich eigentlich als den interessantesten Teil des Artikels empfinde, weil mich das auch schon einige Jahre beschäftigt:

Es war Augustinus, der „Kirchenvater“, der die Idee der „einen Wahrheit“ und des damit automatischen Ausschlusses aller Alternativen als „falsch“ aufbrachte. Bzw. das Konzil von Nicea (glaub ich), das dieses Prinzip zur Basis seines Prinzips des Kirchendogmas erhob. Inzwischen ist es leider als internalisierte Norm fest in die Denk-Kultur verdrahtet, entweder-oder-Konstruktionen werden an allen noch so unmöglichen Stellen zwanghaft genutzt, obwohl in vielen, wenn nicht den meisten Fällen ein „sowohl – als auch“ hifreicher und auch realistischer wäre. Und so werden heute Ehen geschieden, weil man sich nicht darüber einig wird, wie eine Spülmaschine „richtig“ eingeräumt werden „muss“, weil „anders“ natürlich „falsch“ heißt. Würde mans als „richtig“ erachten wäre ja sonst die eigene Methode falsch. Somit bleibt nur die kriegerische Lösung. Ohne Sieger und Verlierer lassen sich heute kaum mehr unterschiedliche Sichtweisen „lösen“, weil ein „stimmt beides/alles“ schlicht nicht vorgesehen ist.
Und weil es nichts neues unter der Sonne gibt habe ich in einem völlig anderen Zusammenhang über dieses Phänomen auch schon mal gebloggt. Als nicht übers Internet und seine Nutzer, sondern über die Entweder-Oder-Logik und was sie mit „uns“ macht. Sie ist nämlich ein prima (Selbst(Manipulationsinstrument… http://www.svenscholz.de/index.php/wahrheit-vs-universum/


Am 15.10.2012 um 13:58 Uhr sagte Sven Scholz:

HAHA, und grad seh ich wer dort als erster kommentiert hatte, damals :-D


Am 15.10.2012 um 14:17 Uhr ergänzte Luca:

Kollektives Erleben in der Dorfgemeinschaft habe ich nicht erlebt obwohl ich im Dorf aufgewachsen bin. Ich habe aber andere Erfahrungen des kollektiven Erlebens.

Kindergarten. Volksschule. Gymnasium. Unität. Online Kurs. Ich wurde mit anderen Menschen zusammengewürfelt und habe über einen längeren Zeitraum die gleichen Dinge erlebt.

In Wien habe ich die Anonymität der Großstadt erlebt. Ein kollektives wahrnehmen, das für jeden anders sein kann. Wenn ich mich mit Menschen, die in anderen großen Städten unterhalte, kommt es vor, dass man ähnliche Eindrücke feststellt.

Vielleicht vermische ich gemeinsames Wahrnehmen mit ähnlichen Erfahrungen. Doch dann müsste man Zivil- und Wehrdienst auch als Beispiel entfernen.

Entsteht die gemeinsame Erfahrung durch die Auseinandersetzung mit derselbigen? Indem die Individuen ihre Gefühle miteinander abgleichen und irgendwann zu gemeinsamen Gefühlserinnerungen kommen?

Das Internet als ständige Begegnung mit dem Fremden? Wenn ich einen Blog und den Großteil der Blogroll (hihi) lese, mich mit anderen in den Kommentaren darüber austausche, erleben wir die Blogs gemeinsam?

Shitstorms und Memes. Gemeinsames aufregen und gemeinsames kreativ sein.

Wie im Dorf gibt es auch im Web immer wieder Kerngruppen, die einen großen gemeinsamen Erfahrungsschatz haben. Aktivität ist ein wichtiger Faktor. Die, die ständig lesen und schreiben sind näher als die, die nur manchmal reinschauen. Als ich bei der Jungbürgerfeier wieder mit der Dorfjugend in Berührung kam war es für mich schwierig. Wäre ich jede Woche mit ihnen trinken gegangen, wäre es mir vermutlich nicht schwer gefallen mich mit ihnen zu unterhalten. In Facebook Gruppen, liebe Blog Generation, das ist sowas wie Foren, baue ich gemeinsame Erfahrungen auf und kann anders kommunizieren. Immer wieder kommen Menschen neu dazu und sind verwirrt. Oder fühlen sich sogar abgestoßen, weil es neu ist. Und wir verstehen sie nicht. Mit der Zeit ändert sich das.

Offenheit ist entscheidend, wie im Schlusssatz angedeutet wird. Dass es im Web kein kollektives Wissen gibt, möchte ich widersprechen. Es ist nicht immer klar, ob mein Gegenüber das gleiche kollektive Wissen hat. Das kann ich aber auch ohne Internet nicht immer wissen Es gibt uns dafür die Möglichkeit uns gewisse Erfahrungen anzulesen. So wie der Fremde die Alten fragen kann, wie das damals mit den Wölfen war. Wenn diese ihm alles erzählen wird er vielleicht Teil der Gemeinschaft, wenn sie lachen und ihn wegschicken, eher nicht. Erinnert mich schon wieder an Foren.


Am 15.10.2012 um 16:34 Uhr schriebChristian:

Hihi, also erstmal meinte ich natürlich nicht Dein Dorf oder mein Dorf, sondern viel, viel früher. Prä-Industrialisierung oder so. Obwohl sogar heute noch Reste von tiefligendem kollektiven Wissen anzutreffen sind, über die man nur staunen kann. Hier in der Kleinstadt gibts die alte Regel „heirate nicht jenseits der Ruhr“ was manchmal noch als Vorurteil gegenüber der Nachbarstadt durchkommt.

Die von Dir beschriebenen Mechanismen: Klar, kenne ich alle.
Zum einen glaube ich aber, dass auch das gemeinsame Erleben eines Memes oder eines Shitstorms von den einzelnen extrem unterschiedlich wahrgenommen wird – und es auch dabei bleibt, da es ja außerhalb des Memes zB keinen Kanal gibt, der weitere Rückschlüsse über das Erlebte zulässt.

Und noch greifbarer wird es, wenn man etwas aus dem Netz hinausgeht. Journalisten erleben das Web als Mehrarbeit und Bedrohung – und das ist ihre Wahrheit. Celebs als Klatsch-Universum, wo jeder alles sagen darf. Auch wahr. Trotzdem behaupten alle Journalisten immr wieder, sie wären ja im Web und auch die meisten Celebs wirst Du finden.


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Auch anderswo wird darüber gesprochen …

[...] Über Wölfe. Und kollektives Erleben im Internet. | just another weblog :: Christian Fischer „Ich bin der festen Überzeugung, dass in jeder SEO-Klitsche der Welt herzhaft über diese Spinner gelacht wird, die für ein paar hundert Follower ihre kleinen »Kunstwerke« twittern. Und das mit dem gleichen Recht, wie ich hier nur schlecht einen durchaus unfreundlichen Unterton über die SEO-Klitschen im Text verstecke.“ [...]
[...] jetzt doch – oder vielmehr jetzt schon –  schreibe, ist vor allem Christian vom jawl und Patschbella zu verdanken, die sich in den letzten Tagen auch über dieses und jenes Gedanken [...]
anneschuessler

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